Efendim?

Efendim?! Wie bitte?! So schoss es mir durch den Kopf, als ich morgens auf meinem temporären Arbeitsplatz in Istanbul ankam und damit wieder in der Nähe eines Wlans. Denn wo am Abend zuvor noch Twitter war, war nun gähnende Leere. Erdoğan hat eine Sperre für die komplette Türkei verhängt. Weil das Twittervolk ihn nicht mag. Was ja auch stimmt.

Ich bin niemand, der sich politisch irgendwie großartig engagiert und lasse mich auch sehr ungern auf irgendwelche Diskussionen ein. Alle vier Jahre gucke ich, welche Worthülsen meinen Erwartungen am meisten entsprechen und dann mache ich meine Kreuze und gut ist. Natürlich finde ich Faschos scheiße und habe meine eigene Meinung zu den einzelnen Themen, aber die geht nicht gerne unter Menschen. Das ist vielleicht nicht der ideale Weg, aber wenn man keine Ahnung hat, soll man ja bekanntlich die Fresse halten.

Hier geht es aber nicht um ein Nichtraucherschutzgesetz, beim dem Menschen ja bereits von der Einschränkung ihrer Persönlichkeitsrechte sprechen. Hier geht es um jemanden, der Facebook, Twitter und YouTube verteufelt, weil er sie nicht kontrollieren kann. Für den die Frau an den Herd gehört und der seine Wählerstimmen mit Nudeln und Waschmaschinen erkauft. Der Demonstranten am liebsten erschießen lassen würde. So ein Mensch regiert in einem demokratischen und wirtschaftlich immer wichtiger werdenden Staat bei uns um die Ecke. Das muss man sich mal reinziehen.

Es ist jedenfalls ein ziemlich doofes Gefühl, wenn einem plötzlich die Leitung gekappt wird. Wenn einem bewusst wird, welche Macht dieser Verrückte hat. So etwas sollte Angie mal bei uns versuchen. Aber er kann das hier. Er schafft es ein ganzes Land zu spalten: Entweder man hasst ihn oder man folgt ihm blind und setzt auf völlige Ignoranz gegenüber diesem ganzen Schwachsinn. In einer Woche sind Kommunalwahlen in der Türkei und wenn er da mit seiner Partei nicht mal einen vor den Latz bekommen, wird der Vollspacken zum fleischgewordenen Hitler Vergleich.

„Fun“ Fact: Nirgends sitzen mehr Journalisten im Gefängnis. Nicht in China, nicht in Russland, nicht im Iran.

Nachtrag:

Natürlich gibt es Wege, über die man das Twitterverbot umgehen kann und diese verbreiten sich hier wie ein Lauffeuer. Ich wurde im Bed & Breakfast mehr oder weniger mit „We have free wifi and if you wanna use twitter, ask me for the vpn details“ begrüßt. Aber so etwas sollte nicht sein müssen.

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