Carpe diem oder so.

Freitagnachmittag, kurz nach halb 5, der Sommer gibt sich endlich mal wieder etwas Mühe und das Wochenende steht schon laut hupend vor der Tür. Die letzten Witze mit den Kollegen werden gerissen, jeder bekommt einen schönen Fußball-Sonntag gewünscht und es könnte eigentlich nur noch besser sein, wenn es bereits eine halbe Stunde später und damit Feierabend wäre.

Und dann leuchtet das Handy auf. Mit der Festnetznummer der Eltern. Die eigentlich gerade auf Kaffeefahrt durch Baden-Württemberg gondeln. Der Bruder ist dran, mit dem man nie telefoniert. Wirklich nie. Das letzte Mal war das wohl 2010 der Fall, als unsere Eltern auf Fehmarn eingeschneit waren. Also sprangen direkt alle Alarmglocken im Kopf an. Unsere Großtante hätte sich gerade bei ihm gemeldet. Der Bruder meiner Mutter, unser Onkel, wäre bei einem Motorradunfall in der Schweiz tödlich verunglückt.

Ich schäme mich fast dafür, dass ich im ersten Moment ein wenig erleichtert war. Weil es „nur“ der Onkel war, den ich zuletzt gesehen habe, als ich gerade mein Abi machte. Kein Teil der Verwandtschaft, der mir persönlich etwas bedeutet hat. Aber dann kommt das schlechte Gewissen, wie es meiner Mutter damit geht. Obwohl sie sich fast genauso lange nicht gesehen haben und zerstritten waren, war es doch immer noch ihr Bruder. Und was das für meinen Cousin und meine Cousine bedeuten muss, beide sogar noch ein wenig jünger als ich.

Für mich ist immer noch WM-Wochenende. Ich kann immer noch Spaß haben und die Zeit mit gutem Wetter und Freunden genießen. Aber gerade das vielleicht etwas intensiver. Vielleicht auch für etwas länger als nur dieses Wochenende. Wie man es sich hinterher halt immer irgendwie vornimmt.

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