Ich bin nicht schuld.

Mit 28 arbeite ich meine Kindheit auf. Ich habe vor etwas über einem Jahr schon einmal einen Versuch gestartet, aber so etwas geht leider nicht von heute auf morgen. Es geht lange gut und dann kommt plötzlich wieder Weihnachten. Weihnachten ist immer furchtbar, weil es für mich fast zwei jahrzehntelang Streit bedeutete. Streit, weil der Baum schief war. Streit, weil falsch eingekauft worden war. Streit, weil jemand Heiligabend ein Fleck auf dem Hemd hatte. Streit, weil es wieder Streit gab.

Ich will niemandem die Schuld zuweisen. Wir alle sind falsch mit der Depression meiner Mutter umgegangen worden. Wir wussten es ja alle nicht besser. Heute sieht das anders aus. Zumindest dann, wenn man sich ernsthaft damit beschäftigen möchte. Vielleicht wird manchmal zu schnell eine Depression unterstellt, aber das Thema ist endlich präsent, genauso wie Studien und Leitfäden für Angehörige und Betroffene. Im Fernsehen, in Büchern, im Internet. Mal als Hype und manchmal ganz still vor sich hin.

Mich persönlich hat in den letzten Tagen ein bestimmter Artikel ziemlich getroffen. Hätten meine Eltern ihn damals gehabt, wäre das alles vielleicht ein bisschen einfacher für uns gewesen: 6 Things Every Kid Should Know About a Parent’s Depression.

 

1. Deine Mutter ist krank.

Ich muss es ehrlich zugeben, ich habe lange gedacht, dass die Aussage „Sie ist bei ihrer Ärztin“ nur eine Coverstory für Bekannte und Verwandte war. Am Ende kriegte man ein Rezept für Pillen, also wird das schon irgendwie als Arztbesuch durchgehen. Denn was ist ein Arzt ohne Spritzen und Stethoskop? Jemand, der jahrelang an einem Menschen „herumdoktert“, ohne ihn zu heilen? Ein Quacksalber.

Einzusehen, dass es man auch krank im Kopf sein kann, schaffen viele Erwachsene ja nicht einmal, wie soll das dann ein Kind verstehen?

2. Du bist nicht schuld.

Mein Bruder und ich hatten sehr lange ein schwieriges Verhältnis. Mit der Zeit wird es immer leichter, objektiv einen Blick darauf zu werfen. Wir haben uns gegenseitig die Schuld zugeschoben, wenn schon wieder Ausflug mit einer weinenden, zickigen Mutter endete. Manchmal haben wir sogar gedacht, dass der andere das mit Absicht macht. Sie zu verletzten. Und was macht ein Kind mit einem Menschen, der der eigenen Mutter weh tut? Es mag ihn nicht.

Und wenn gerade niemand anders schuld sein konnte, muss man es wohl selber gewesen sein. Dann ist man selber eben jener Mensch, der die eigene Mutter verletzt hat und man mag sich irgendwann auch selber nicht mehr.

3. Nimm es nicht persönlich.

Aber du schreist mich doch an! Es ist sonst niemand hier! Wie sollte ich es nicht persönlich nehmen, wenn du mich aus dem Nichts anfährst? Oder mir die kalte Schulter zeigst?

Ein Kind versteht es nicht, dass seine Mutter sich da gerade von der ganzen Welt abschottet. Es sieht nur sich und seine Familie.

4. Du bist noch immer geliebt.

Kuschelstunden. Küsse. Umarmungen. Ein „Ich liebe dich“. So etwas gab es bei uns fast nie. Jedenfalls nicht, solange ich zurückdenken kann. Wenn ich heute Mütter und Väter mit ihren kleinen Kindern sehe, die zum Abschied einen Kuss auf den Mund bekommen, frage ich mich: „Habe ich das auch früher einmal gemacht?“

Meine Eltern lieben mich und haben mich immer geliebt. Sogar während der Pubertät, Respekt dafür. Aber diese körperliche und verbale Distanz hat es doch geschafft, dass ich jahrelang immer irgendwie daran gezweifelt habe.

5. Depression ist behandelbar

Echt jetzt? Und wieso kriegt die Ärztin es dann nicht weg? Wieso muss meine Mutter dann jeden Tag Tabletten nehmen? Wieso zieht sich das über Jahre hin und irgendwie wird es nicht besser? Kaum sind die Tabletten weg oder anders dosiert, schon ist die Krankheit wieder da.

Dass behandelbar und heilbar zwei ganz verschiedene Paar Schuhe sind, dass ist unendlich schwer zu verstehen. Man möchte es als Kind auch gar nicht verstehen. Weil es bedeutet, dass die eigene Mutter niemals „normal“ sein wird, sondern immer irgendwie anders.

6. Bitte um Hilfe.

Wen denn? Da waren keine Verwandten, die ich hätte fragen können. Heute wünschte ich mir, meine Mutter hätte uns damals als Familie in die Therapie mit einbezogen. Dann hätten wir vielleicht gesehen, dass es eine richtige Ärztin war, zu der sie da regelmäßig fuhr. Dann hätten wir vielleicht verstanden, dass das wirklich eine Krankheit ist und wir nicht schuld an ihrem Verhalten sind. Eine objektive Sicht, die uns Kindern damit geholfen hätte, die Depression nicht zu persönlich zu nehmen.

 

Eine kleine Fußnote: Ich würde mir niemals anmaßen, ich hätte irgendeine Ahnung davon, was während einer Depression wirklich in einem Menschen vorgeht. Ich kann nur sagen, wie es mir als Tochter damit erging.

3 Gedanken zu „Ich bin nicht schuld.

  1. Ein sehr ehrlicher und mutiger Beitrag. Respekt!

    Ich hoffe ich darf das ein oder andere schreiben/nachfragen, wenn nicht, lösch es einfach. Schließlich ist der Beitrag sehr persönlich und ich könnte es verstehen, wenn man da keine blöden Einwürfe fremder hören will.

    1. Ich weiß nicht unter welcher Art von Depression deine Mutter leidet (depressive Episoden, PTBS, bipolare Störung,…..), aber hat sie schon mal eine ambulante oder stationäre Psychotherapie gemacht? Diese im Zusammenhang mit Medikamenten (die man dann natürlich einstellt und nicht absetzt oder hoch-und runter dosiert), haben wirklich guten Erfolg. Wobei man vielleicht auch den Psychotherapeuten mal wechseln muss, wenn es nicht ‚funkt‘. Zuvor sollte man natürlich alle physischen Ursachen ausgeschlossen haben.

    2. Auch wenn ich nicht weiß unter welcher Art von Depressionen deine Mutter leidet, nicht alle depressiv-erkrankten Mütter küssen und umarmen ihre Kinder nicht. Ebenso gibt es genug nicht-depressive, die einen distanzierten Umgang mit den Kindern pflegen. Ich schreibe das deshalb, weil Depressionen und Ängste oft Hand-in-Hand gehen und viele Eltern mit psychischen Erkrankungen fürchten nichts mehr als das ihre Kinder drunter leiden könnten. Mit den Erfahrungen, die du leider gemacht hast, werden diese Ängste getriggert, ich wollte anderen Eltern nur sagen: Muss nicht immer so sein!

    3. Viel Kraft und gutes Gelingen beim Aufarbeiten und deiner Mutter viel Erfolg beim Kampf!

    1. Natürlich sind Nachfragen gestattet, das ist so ein breites Feld, da finde ich es gut, wenn ich mit meinem beschränkten Horizont hier nicht alleine bleibe. Ein schöner Kommentar!

      1. Welche Form der Depression es ist, wurde bei uns nie thematisiert, aber von Krankheitsbild müsste es eine dysthymischen Depression sein. Meine Mutter hat nach einem Burnout vor ein paar Jahren den Therapeuten gewechselt, war vor zwei(?) Jahren in Kur und hat jetzt seit etwa einem Jahr endlich ein neues Medikament, das bei ihr deutlich besser wirkt und sie zeitgleich nicht mehr so müde macht. Die Kur war bei uns der Auslöser, das Thema nicht mehr totzuschweigen, sondern doch mal aufzuarbeiten. Das, was ich oben beschreibe, ist zum Glück schon ein paar Jahre her 😉

      2. Es ist ganz klar mein persönliches Einzelschicksal. Vielleicht wollten meine Eltern mich damit zum Teil auch nur von der Krankheit abschirmen? Ich weiß es nicht. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis sind depressive Eltern, die das alles sehr gut meistern. Naja, ich bin dennoch relativ gut gelungen, denke ich. Und das Verhältnis zu meinen Eltern ist heute auch viel besser.

      3. Danke!

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