Das Zeitalter der Internetrentner.

Früher traf man Rentner vor Ententeichen, an Supermarktkassen und beim Verfassen von Leserbriefen. Heute füttern sie das Internet mit ihrer Meinung, bestellen in Onlineshops via Postkarte und schreiben ihre Beschwerden direkt auf die Pinnwände der Lokalblättchen. Doch auch da mag es unterschiedliche Nutzertypen geben und seitdem meine eigenen Eltern unter die Rentner gegangen sind, eignen diese sich ganz hervorragend als Beobachtungsobjekte.

Mein Vater, Jahrgang ’49, ist durch und durch der pragmatische Nutzertyp. Fünf Kontakte im Handy (einer davon – und dennoch nie auffindbar – die eigene Nummer) und ständig ist das Gerät verbummelt. Früher hatte er sogar eine Textvorlage für seine Antwort-SMS mit einem simplen „OK.“. Ich wüsste nicht, dass er mir jemals etwas anderes geschrieben hätte. Fand ich als Teenie auch äußerst praktisch, schließlich hat er so nie widersprochen. Der PC wird nur im äußersten Notfall eingeschaltet und wenn er dann keine Office-Anwendung öffnet, ist er mit allergrößter Wahrscheinlichkeit auf der Suche nach einem Routenplaner. Dessen Anweisungen er natürlich handschriftlich notiert und prinzipiell anzweifelt.

Meine Mutter, Jahrgang ’57, ist da das komplette Gegenteil. Seitdem sie 1999 ihr erstes Siemens C25 in Händen hielt, wird alles aus den Geräten herausgeholt. Also alles, was Spaß macht, laut ist und möglichst vielen Mitmenschen auf die Nerven fällt. Lustige Klingeltöne, Spiele aller Art und über die schlimmsten TV-Formate der Privatsender tauscht sie sich parallel mit einem ehemaligen Kollegen via SMS aus.

Ihre Internetkarriere begann als sie neugierig meine eBay-Aktivitäten beäugte. Seitdem wird bei jedem Utensil genauestens recherchiert, ob es das dort nicht vielleicht doch noch mal günstiger gibt. Irgendwo muss da ein Schotte in den Genen versteckt sein. Oder ein Schwabe. Jedenfalls habe ich irgendwann nachgegeben und ihr meinen Account aus frühen Teenagertagen vererbt, den ich anlegte, als im Hintergrund „Mr. Sexpistols“ von den Ärzten lief. Seitdem ist die endfünfziger Frührentnerin dort als ladypunk unterwegs. Und das ist ja auch irgendwie Punk.

Den aktuellen Höhepunkt erreichte die Sache mit der Anschaffung des ersten eigenen Smartphones vor einem Jahr. Die Anschaffung wurde natürlich exakt mit meinem Heimaturlaub abgestimmt, damit es mir übers Wochenende bloß nicht langweilig wird. An diesem Tag wurde ich – das Reisegepäck noch in der Hand – mit „Hier ist das Ding und nun installier mir da mal dieses WhatsApp drauf“ begrüßt. Ja, sie liebt mich wohl. Nach anfänglicher Panik kann ich sagen, dass mir so bislang rund 37 Kontrollanrufe erspart geblieben sind. Ein Hoch auf das Smartphone! Und wenn sie mich bei Facebook weiterhin so interessiert verfolgt, bekomme ich vielleicht sogar zu Weihnachten den gewünschten Entzug in der Betty-Ford-Klinik spendiert.

Ich bin gespannt, wie das bei mir in einigen Jahren aussehen wird. Wenn die Bielefelder Twitteria erst einmal einen kompletten Straßenzug im Westen eingenommen hat, um dort von Montag bis Samstag im Schichtbetrieb zu fensterrentnern. Unfälle landen dann live auf dem aktuell hippen Videoportal und jeder witzige Gedanke wird in Echtzeit über unsere Hirnströme gebloggt, getwittert und verfacebookt. Mit Foto, Link und Personenmarkierung. Tinder braucht dann auch kein Mensch mehr, schließlich gibt es ja die alten Besserwisser aus der Stapenhorststraße, die ganz genau wissen, wer zu wem am besten passt. Und das eisgekühlte Bier wird per Drohne direkt bis zum Rollator geliefert. So wärs perfekt.

Ein Gedanke zu „Das Zeitalter der Internetrentner.

  1. Mein Paps ist ’51er und Mama ’55er Jahrgang. Vater schon seit über zwei Jahren WhatsApp-Nutzer, Mutti im April eingestiegen.
    Routenplaner und ebay ebenfalls beliebte Tools.
    Grüße an die Nachbarn aus dem Kreis Lippe! 😉

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