Anna in Wonderland

Der Hochbahnsteig von Schilda.

Feb
07

Die Geschichte von den Schildbürgern
Im Mittelalter lag mitten in Deutschland eine Stadt, die Schilda hieß. Ihre Bewohner nannte man deshalb die Schildbürger. Das waren seltsame Leute. Alles, was sie taten, machten sie falsch. Und alles, was man ihnen sagte, nahmen sie genau so, wie man es ihnen sagte. Wenn zum Beispiel jemand zu ihnen sagte: „Ihr habt ja ein Brett vor dem Kopf!“, dann griffen sie sich schon an die Stirn und wollten das Brett wegnehmen. Und wenn jemand zu ihnen sagte: „Bei euch piept es ja!“, so blieben sie ganz ruhig um genau hinzuhören. Nach einiger Zeit sagten sie dann: „Es tut uns leid, aber wir können nichts piepen hören.“

So viel Dummheit wurde natürlich bald überall bekannt. Und überall lachte man über die Schildbürger. Aber kann man eigentlich so dumm sein? Nein, so dumm kann man nicht sein! Und so dumm waren die Schildbürger eigentlich auch nicht. Aber warum stellten sie sich dann so dumm?

In letzter Zeit erinnert mich ein Thema in der Lokalpresse immer wieder an dieses Buch über die Leute aus Schilda, das ich als Kind geschenkt bekam: Der Protest gegen den Bau des Hochbahnsteigs auf der Brackweder Hauptstraße. Verzeihung, es muss natürlich heißen: Die Initiative für den Erhalt der Brackweder Hauptstraße.

Wer sich mit dem ostwestfälischen Klüngel nicht so gut auskennt, hier eine kleine Einführung: Brackwede ist ein Bielefelder Stadtbezirk „hinterm Berg“. Bis 1972 eigenständig, kochen die rund 39.000 Einwohner auch heute noch gerne ihr eigenes Süppchen. Der Bielefelder Städter hat sich dennoch bereits im Jahre 1900 dazu durchgerungen, die StadtBahn bis Brackwede-Dorf fahren zu lassen. Das tut sie immer noch, heute sogar noch ein Stückchen weiter und üblicherweise im 10-Minuten Takt. Wäre alles schön, wenn da nicht dieses vermaledeite Hochflursystem wäre.

Mit dem Hochflursystem wird nicht nur in Bielefeld gekämpft. Wer in Hannover Straßenbahn fahren möchte, sollte zwingend an die Steigeisen denken. In grauer Vorzeit hielt man dieses System mal für eine gute Idee, weshalb heute überall Rampen in Form von Hochbahnsteigen gebaut werden müssen. Nicht schön, ein wenig sperrig, aber es hilft ja alles nichts. Schließlich sollen Menschen mit Rollator, Kinderwagen, Rentnerporsche oder Rollstuhl auch irgendwie da rein- und rauskommen können. Findet zumindest jeder halbwegs logisch und sozial denkende Mensch.

Und so ist ganz Bielefeld heute von Hochbahnsteigen besetzt. Ganz Bielefeld? Nein! Ein kleines Dörfchen hinterm Berg leistet dieser Neuerung bis heute Widerstand. Wer barrierefrei in Brackwede aussteigen möchte, muss dies bis heute an der Haltestelle Brackwede Bahnhof vor den Toren des Örtchens tun und von da aus einen Kilometer ins „Zentrum“ laufen. Für gesunde Beine kein Problem. Aber ein Mensch mit gesunden Beinen kann auch einfach zwei Stationen weiter aus der StadtBahn klettern.

Ein wütender Mob, angeführt vom dort ansässigen Apotheker, wehrt sich mit aller Kraft gegen einen Hochbahnsteig auf Höhe der Normannenstraße, mitten auf der Shoppingmeile des Viertels. Denn mit dem Bau eines 85 m langen Hochbahnsteigs müsste man dort natürlich ein Teil des Parkstreifens verzichten, um die Straße entsprechend zu verbreitern. Hinzu käme der immense Umweg um dieses Gebilde herum, um auf die andere Straßenseite zu kommen. Hier trügt übrigens der Name Hauptstraße: Anders als an anderen Hauptstraßen stockt hier der Verkehr auf dem Kopfsteinpflaster zu jeder Tageszeit so sehr, dass man keine Ampelanlagen suchen muss und einfach an Ort und stelle über die Straße spurtet. Auch mit 82 Jahren, kaputter Hüfte und Rollator.

Nun wird sich der logisch denkende Mensch vielleicht schon sagen: Moment! Sind es denn nicht genau die älteren Menschen und Frauen mit kleinen Kindern, die zur Hauptkundschaft eines Apothekers gehören? Muss der sich denn nicht darüber freuen, wenn statt der vier Kunden mit PKW, die aktuell am Tag vor seinem Laden einen Parkplatz finden, dutzende Kranke direkt aus der Bahn in seinen Laden stolpern? Und genau hier setzt meine Schilda-Theorie an.

Die Schildbürger waren damals nämlich gar nicht so dumm. Sie wollten einfach nur von Sultan, König & Co in Ruhe gelassen werden. Das klingt an sich schon mal sehr ostwestfälisch. Und so schmiedeten sie fleißig dumme Pläne und scheiterten jedes Mal grandios.

Auch der wütende Mob für den Erhalt der fürchterlich miesen Straßensituation hat bereits die Pläne für den ein oder anderen Schildbürgerstreich offengelegt. So könne man doch die 12.000 Fahrgäste am Tag einfach am Brackweder Bahnhof in Busse umsteigen lassen. Jeder weiß schließlich, wie gerne Fahrgäste umsteigen und dass in einen Bus genauso viele Leute passen, wie in die zwei bis drei Wagen einer StadtBahn. Idealerweise fahren die dann auch einen Bogen um die Geschäfte herum, damit der Autoverkehr besser fließen kann. Das belebt ganz sicher das Geschäft.

Alternativ wäre auch eine komplette Umstellung auf das Niederflursystem denkbar. Sicher, die würde nur innerhalb Brackwedes funktionieren. Aber ist das deren Problem, wenn die Leute an 48 von 62 Haltestellen beim Ausstieg vor die Wand des Hochbahnsteigs laufen? Nein. Sollen die doch einen Umsteigepunkt vor den Stadttoren einrichten, von wo aus man bequem in die Brackweder Verkehrsmittel wechseln kann. Doch bitte nur als echter Brackweder, den Sennestädtern und ähnlichem Gesocks möchte man schließlich nicht einmal den Luxus einer StadtBahn-Anbindung gönnen.

Doch vielleicht haben wir auch Glück und irgendjemand trägt bald ein wenig Licht in Eimern in die dunklen Oberstübchen. Oder packt den Nürnberger Trichter aus. Ich würde es mir wünschen.

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