Mein abendlicher Stuhlkreis: Gruppentraining sozialer Kompetenzen.

Als meine Therapeutin kurz vor Weihnachten mit dem Flyer wendelte, dachte ich erst, sie wolle mich auf den Arm nehmen. Oder kannte sie mich nach fast neun Monaten Therapie wirklich so schlecht? „Eine Kollegin von mir veranstaltet ab Januar wieder ein GSK, ein Gruppentraining sozialer Kompetenzen. Vielleicht wäre das ja was für Sie?”

Gruppentraining? Ich? Das passt ungefähr so gut zusammen, wie Bielefeld und Karneval. Da sträubt sich jede Faser meines Körpers gegen. Das klingt nach Gruppenarbeit (fürchterlich), Rollenspielen (noch fürchterlicher) und fremden Menschen in großer Runde von seiner bedauerlichen Existenz zu erzählen (am allerfürchterlichsten). „Hallo, mein Name ist Anna und ich bin sozial nicht so richtig dolle kompetent.“ Eigentlich wie bei den anonymen Alkoholikern. Wären da nicht diese lustigen bunten Kärtchen auf die man mit bunten Filzstiften schreibt, wann man zwischenmenschlich bei sich so richtig schwarz sieht.

Ich saß also in der Adventszeit in meiner kleinen, gemütlichen Singlewohnung und starrte diesen Flyer an. Ziemlich gemein von denen, so etwas vor Weihnachten zu verteilen, wenn sich der soziale Krüppel gerade besonders sozialkrüppelig und einsam fühlt. Was hatte ich schon zu verlieren? Und so drückte ich in den nächsten Woche einer ziemlich verdutzten Therapeutin meine Anmeldung in die Hand. Scheinbar hatten wir beide nicht geglaubt, dass ich das auch nur kurz in Erwägung ziehen würde.

„Hallo! Ich freue mich darauf, Sie auf 23.1. in der Gruppe für soziale Kompetenzen kennenzulernen.“ Oh Graus, da war sie, die Zusage für den Platz in der Gruppe. Per SMS, wie man das heutzutage halt so macht. Insgesamt acht Sitzungen am Montagabend warteten nun also auf mich. Ich würde sogar noch 20 Euro dafür zahlen, dass sie mich dort quälten. Aber kneifen wollte ich jetzt auch nicht mehr.

Ich werde der Versuchung widerstehen, auf die rund 10 Mitglieder meines kleinen, allwöchentlichen Stuhlkreises allzu ausführlich einzugehen. Schweigepflicht und so. So viel kann ich verraten: Für einen Haufen Menschen mit ähnlichen Problemen hatten wir aber mal so überhaupt gar nicht gemeinsam. 

Unterschiedlich hübsch oder hässlich, still oder laut, mit Familie zuhause oder im Stillen ziemlich einsam. Das eine Mädel so schüchtern und leise, dass man sie die ersten Wochen kaum verstand. Der Andere sehr laut und rüpelhaft mit wenig Einfühlungsvermögen. Nach dem wird bestimmt mal der Abstand zwischen zwei Fettnäpfchen benannt. Und dann natürlich noch ich, die immer wieder aufs Neue davon überrascht wird, wenn Menschen sie mögen.

Ja, wir haben die Ergebnisse unserer Gruppenarbeiten auf lustige, bunte Kärtchen geschrieben. Wir haben sehr viele Rollenspiele gemacht und auch ein klein wenig aus unserem Leben erzählt. Aber es war nicht schlimm. Denn ausnahmslos jeder fand diese Sachen doof und hat sich auch getraut, das offen zu zeigen.

Sicherlich hat uns allen geholfen, dass wir eine sehr junge, lustige und offene Therapeutin hatten. Mir hat sie alleine dadurch schon einige Hemmungen genommen. Obwohl es mir generell wenig Angst macht, vor anderen etwas aufzuführen und das Wort zu ergreifen. Ich mag es nur einfach nicht. Aber da ich betretenes Schweigen noch viel weniger mag, wurde ich gleich in der ersten Woche zu einer Art Alphaweibchen. Wenn sich keiner traut, dann fängt halt Anna an. Irgendeine Dumme findet man halt immer.

Doch so ungerne ich das alles gemacht habe, so viel hat es mir am Schluss gebracht. Alleine schon in einer Gruppe zu sein, in der ich von allen die meiste Redezeit hatte, war für mich eine ganz neue Situation. Fast hätte ich geschrieben, dass ich ausnahmsweise mal die Lauteste war, aber das stimmt nicht. Stattdessen wurde mir beigebracht, ruhig mal lauter zu sprechen, ich wäre doch sehr leise. Liebe Leute außerhalb des Internets: Warum sagt ihr mir das denn nicht?

Zurück zum Thema. Laut GSK gibt es – abgesehen von der Kraft meiner Stimme – drei Baustellen im Sozialleben:

  • sein Recht durchsetzen
  • selbstsicheres Verhalten in Beziehungen zeigen
  • Sympathie gewinnen

Herzstück der Gruppentherapie war eine Liste verschiedener Situationen aus den unterschiedlichen Themenblöcken, aus der sich jeder mal eine Geschichte aussuchen durfte. Aufgeteilt in zwei Gruppe gab es leider keine Chance, sich zu drücken und so durfte auch ich gleich vier Geschichten mit der Therapeutin vorturnen:

  • den zu nachtschlafender Zeit lärmenden Nachbarn zum Schweigen bringen
  • den Partner wegen einer unangenehmen Stichelei zur Rede stellen
  • nach dem Umzug in eine fremde Stadt jemanden im Café ansprechen
  • einen Freund auf eine störende Unart hinweisen

Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sage, aber ich fand diese Trockenübungen echt total hilfreich. Wann hat man sonst die Chance, Lob und Kritik für sein Verhalten zu bekommen und es danach einfach noch einmal auszuprobieren? Wenn ich mich mit jemandem streite, dann sagt der am Schluss schließlich nicht: „So, und jetzt versuchen wir die ganze Diskussion noch einmal von vorne. Achte etwas besser auf deine Körperhaltung und sag mir ruhig schon zwei oder drei Sätze früher, was du von mir erwartest. Der Rest war sehr souverän.“

Auch der Umstand, dass wir so völlig verschiedene Charaktere waren, hat mir persönlich sehr geholfen. Denn so konnte immer derjenige wirklich gute Tipps geben, dem die jeweilige Situation nicht ganz so schwer fällt. Im Gegenzug machte es mich auch ziemlich stolz, wenn ich jemandem einen Tipp gegeben habe und der- oder diejenige hinterher meinte, dass die Situation plötzlich viel einfacher war. Voll gut.

Daher kann ich jedem nur empfehlen, ein solches GSK auch einmal auszuprobieren, wenn sich die Gelegenheit bietet. Diese Übungen und das Feedback der anderen im Stuhlkreis geben einem tatsächlich eine Sicherheit, die zumindest ich in der Einzeltherapie nicht gefunden habe. Man merkt plötzlich, dass man mit seinen Problemen wirklich nicht alleine ist und bekommt die Chance, Fremd- und Selbstwahrnehmung neu auszubalancieren.

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