Doctor Who: Der neue Time Lord ist eine Timelady.

Die Bekanntgabe von Jodie Whittaker als Nachfolgerin für Peter Capaldi kam nicht überraschend. Schon vor dem letzten Wechsel vor vier Jahren wurde viel darüber spekuliert, ob es nicht an der Zeit wäre für eine Frau als Doctor. Als Übergangslösung gab man uns Missy, die weibliche Inkarnation des Master. Was wunderbar funktioniert hat.

Missy brachte als Timelady eine ganz neue Dynamik in das Tête-à-Tête mit dem Doctor, auch wenn bei den Time Lords die Geschlechterrollen angeblich nicht so genau genommen werden. Geflirtet wurde auch vorher schon, der „soft spot“ für den Jugendfreund war ebenfalls nicht neu, aber als verschlagene Mary Poppins genoss Missy plötzlich deutlich mehr Narrenfreiheit.

Vote for Miss Saxon? Go Girl, endlich mal eine Frau an der Macht!

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Dennoch war die Figur an sich flach. Als sie den Doctor dazu anstachelte, die im Dalek eingesperrte Clara zu töten? Ganz eindeutig die Rolle der eifersüchtigen Freundin. Der Verrat am Doctor mit Bill als Bauernopfer? Vermutlich einfach nur die Konsequenz einer intriganten, weiblichen Persönlichkeit. Am Ende siegte das Gewissen. Doch so eine Wandlung aus Freundschaft? Liebe? nimmt man im Fernsehen auch nur einer Frau ab.

Missy hat Spaß gemacht. Sie war ein toller Gegenpol zum mürrischen Capaldi, auch wenn wir über ihre tieferen Beweggründe wohl auf Ewig im Dunkeln gehalten werden. Und genau das macht mir Angst.

Doctor-Who-Autoren ist es bislang selten gelungen, eine interessante weibliche Figur zu schaffen. Als Jodie Whittaker die Kapuze abnahm, musste ich sofort an Kate Lethbridge-Stewart denken, eine starke, kluge und logisch denkende Frau. Wissenschaftliche Leiterin von UNIT. Kann man als Mädchen ein besseres Vorbild haben?

Doch dann passiert wieder das, was bei jeder Frau in einer Führungsrolle im Who-Universum passiert: Der Mutterinstinkt schlägt durch. Um die Menschheit zu retten, ist sie bereit London und natürlich sich selbst zu opfern und die Außerirdischen zu töten. Und genau diese Situation gibt es immer und immer wieder. Manchmal kann der Doctor das Unheil im letzten Moment doch noch abwähren (z. B. The Rebel Flesh/The Almost People), doch meistens muss er dabei einfach nur tatenlos zusehen. Rose, Donna, Clara, River… die Liste scheint endlos.

So sehr ich mich auch darüber freue, dass Moffat als Showrunner abgelöst wird, Chris Chibnall schreibt genau diese Geschichten. Wenn eine Episode auf einem Raumschiff in der Zukunft spielt, kann man davon ausgehen, dass hier eine Frau das Sagen hat. So auch in Chibnalls „42“ und natürlich opfert sie sich am Ende wieder selbst, um den Rest der Crew zu retten. Männer zeigen ein derart selbstloses Verhalten in Doctor Who ziemlich selten. Oder kommt nur mir das so vor?

Deshalb mag ich den Jubel über eine Frau als Doctor noch nicht ganz teilen. Und das nicht, weil ich glaube, dass Jodie Whittaker ihre Sache schlecht machen wird, ganz im Gegenteil. Oder weil selbstloses Verhalten generell eine schlechte Charaktereigenschaft wäre. Selbstloses Verhalten ist super, aber damit überlebt man im Whoniverse nur halt nicht besonders lange.

Mir machen die hohen Erwartungen Sorgen. Sie muss ein Vorbild für kleine und große Mädchen sein. Sie muss neuen Wind in die Serie bringen. Sie muss taff sein und klug und die richtigen Entscheidungen treffen, sonst war das wieder mal „typisch Frau“. Bekommt sie ganz klischeehaft einen männlichen Companion an die Seite gestellt, der ihr hilft ihre Emotionen im Griff zu behalten?

Dabei hatten wir mit David „Sandshoes“ Tennant doch schon den Master of PMS and Emotions. Gefolgt von Matt Smith, der nicht ganz zufällig als ersten Menschen die kleine Amelia Pond traf: „You never interfere in the affairs of other peoples or planets, unless there’s children crying.“ So selbstverliebt Moffats elfter Doctor auch war, er hatte definitiv ein großes Herz für Kinder.

Mich hat das als Kind übrigens nie interessiert, ob mein Held ein Mann oder eine Frau war. Meistens fand ich die Jungs einfach cooler und da man mich mit meinem kurzen Haaren eh immer für einen Jungen hielt… warum nicht? Beim Spielen war ich Peter Pan oder der schwarze Power Ranger. Ich wollte so klug sein wie MacGyver und Xander, Spike und Giles fand ich immer tausendmal besser als Buffy.

Gender Swapping ist gerade groß im Trend und hoffentlich versucht Doctor Who nicht nur auf der Welle mitzureiten, sondern nutzt die Chance, um damit eine neue Entwicklung zu schaffen, die an alte Abenteuer anknüpft. Mit einer Timelady, die aus Neugierde und Abenteuerlust durch Raum und Zeit reist, mit Feingefühl und dem Wissen einer mehr als 2000 Jahre alten Zeitreisenden auch die größten Krisen managt. Dann würde ich auch wieder mit Freunden vor dem Fernseher sitzen und den kleinen Mädchen da draußen ihr neues Vorbild von Herzen gönnen.

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