Geht eine Skeptikerin zum Osteopathen.

Was macht ein Heilpraktiker, wenn er ernstlich krank wird?
Er geht zu einem Arzt.

Ich erwähnte wohl schon das ein oder andere Mal, dass ich alles, was mit Naturwissenschaften zu tun hat, ziemlich gut finde. Wenn Newton der Apfel auf den Kopf fällt und der gute Wilhelm Conrad mit Röntgenstrahlung experimentiert, dann finde ich das spannend. Vieles kann man selber nachbauen und aus zahlreichen Selbstversuchen weiß ich, dass die Schwerkraft funktioniert.

Deshalb finde ich auch Schulmedizin ganz vernünftig. Man mag die Pharmabranche nicht so richtig klasse finden, aber wenn deren Sachen in Hals, Vene oder Popo landen, dann wird’s meistens besser. Die schubsen irgendwelche Prozesse an, docken sich irgendwo dran oder blockieren Enzyme und andere Dinge.

So weit, so logisch.

Neben der Schulmedizin gibt es noch die Alternativmedizin. Die hat viele unterschiedliche Facetten, die ich gar nicht alle schlecht reden will. Ich mache selbst aktuell eine Weiterbildung zur Ernährungsberaterin für Hunde und Katzen und muss daher daran glauben, dass außer Medikamenten noch andere Dinge auf den Körper einwirken. Kenne ich ja von mir: Kamillentee beruhigt den Magen, Paprika lässt den Unterarm jucken und Alkohol macht blau. Aber nach wie vor gilt generell: Homöopathie ist Quatsch.

Es war übrigens gar nicht so leicht eine Weiterbildung zu finden, in der die Eingabe von Zuckerkügelchen keine Rolle spielt. Da kann ich mir auch gleich Benjamin Blümchen als Haustier halten. Aber ich schweife ab.

Wären da noch die Leute fürs Grobe, die Chiropraktiker und Osteopathen. Der Chiropraktiker zieht am Fuß, damit es dem Fuß besser geht und der Osteopath zieht am Fuß, damit es dem linken Ellenbogen besser geht. Die Wissenschaft streitet sich darüber, inwieweit das denn nun Scharlatanerie ist oder ob diese Leute tatsächlich was können. Ich finde es zumindest nicht völlig unlogisch, dass so eine Verspannung darauf reagiert, wenn jemand daran herumdrückt.

Nun landete ich vor wenigen Wochen zufällig bei einer Osteopathin. Auf dem Klingelschild stand Kieferorthopädin, mein Zahnarzt meinte auch, das wäre eine Kieferorthopädin, aber die gute Frau macht beides. Schulmedizin und Alternativmedizin. Wie geht das denn zusammen? Das ist ja, als wäre ich Anhänger von Gregor Gysi und Alexander Gauland. Völlig absurd.

Nun lag ich da also mit meinem schiefen Kiefer (craniomandibulären Dysfunktion) auf ihrer Behandlungsliege und sie erklärte mir, dass meine Ohrgeräusche und Kreislaufprobleme mit dem verschobenen Kiefergelenk zusammenhängen würde. Ergibt für mich auch durchaus Sinn, das sind ja quasi Nachbarn. But wait, there’s more!

Wie es denn meinem Nacken ginge? Also, da hätten wir so eine leichte Stauchung in der Halswirbelsäule und öfter mal Verspannungen, aber ich habe auch eine Bürojob und eine ganz fürchterliche Schulterhaltung, wenn ich friere. Besagte Schulterhaltung wäre aber nicht nur im Winter fürchterlich, der eine Arm wäre deutlich nach vorne rotiert und was ich denn mit meinem Schlüsselbein gemacht hätte, dass das so rausguckt.

Das sehe ich jetzt übrigens selbst bei jedem Blick in den Spiegel, vielen Dank für den Hinweis.

Weiter geht’s. Mit einem Fineliner wurde links und rechts ein Strich auf die Innenseite meiner Knöchel gemalt, um zu gucken, ob die Beine gleich lang sind. Natürlich nicht. Für die 5 cm hätte sie den Strich auch nicht gebraucht. Wir notieren uns also: Schiefe Hüfte. Und schiefe Wirbelsäule. Im Grunde bin ich von Kopf bis Fuß sehr schräg.

Ach ja, das Gesicht ist übrigens auch noch asymmetrisch, was erklärt, wieso es mit meiner Karriere als Supermodel nicht geklappt hat. Aber das nur am Rande.

Wie ich oben bereits erklärte, sind Osteopathen die, die einem bei Blasenproblemen in die Nase kneifen. Sie glauben an das große Ganze und das alle Körperteile irgendwie zusammenhängen.

Ergo schob mir Frau Kieferorthopädin/Osteopathin links und rechts Wattebäuschen in den Mund, sagte, ich solle mal mit geradem Kiefer zubeißen und plötzlich waren meine Beine gleich lang. Hä?

Das würde damit zusammenhängen, dass der Kiefer über die Schädelknochen auf die Wirbelsäule wirkt und man die schiefe Wirbelsäule durch eine Schonhaltung zu korrigieren versucht. Aha. Klingt etwas weit hergeholt, aber im Netz gibt es dazu tatsächlich reichlich Fallstudien von Menschen in weißen Kitteln, die recht vertrauenswürdig wirken. Und das tut Frau Kieferorthopädin/Osteopathin schließlich auch. Dennoch erinnert mich ihre Herleitung etwas an die Frühstücksmaschine von Doc Brown.

Jedenfalls bin ich sehr traurig, das die Hip-Hop-Größen heute keine Grills mehr auf den Zähnen tragen, denn ab Herbst werde ich stolze Besitzerin einer Zahnschiene sein und mich wieder wie 14 fühlen. Mit etwas weniger Pickeln. Sollte Frau Kieferorthopädin/Osteopathin recht behalten, habe ich dann zur nächsten Bikinisaison eine Körperhaltung wie Claudia Schiffer.

Es gab allerdings auch ein paar Momente, wo ich mir dachte: „Wasn das fürn Quatsch?“ Die Bestandteile meiner Zahnspange wurden durch Auflegen auf die Zunge bestimmt. Ich sollte dann jeweils mit meinem Bein gegen ihren Arm drücken und beim richtigen Material konnte ich erfolgreich gegenhalten. Die skeptische Furche zwischen meinen Augenbrauen ist heute noch zu sehen. Mir solls egal sein, solange sie dafür keinen Aufpreis verlangt, weil der Draht nun unbedingt vergoldet werden muss und sie sich damit besser fühlt.

Ich bin jedenfalls sehr gespannt und auch recht zuversichtlich, dass trotz vereinzelter merkwürdiger Methoden und Herleitungen am Ende alles besser ist. Mich würde schon ein gerader Kiefer glücklich machen. Und wenn ich dann auch noch gelöst wie ein junges Reh durch die Gegend hüpfe, weil mein Körper wieder im Lot ist, dann nehme ich auch das gerne mit.

4 Gedanken zu „Geht eine Skeptikerin zum Osteopathen.

  1. Ich finde das sehr interessant, weil es mir genauso geht. Bin ein sehr naturwissenschaftlich-denkender Mensch und beim Thema Osteopathie indifferent. War jetzt einmal da und danach, war ich recht spontan-geheilt, das war krass. Zwar kam Stunden später alles wieder, aber es war schon eine Mischung von „Okay, kann ich nachvollziehen“ und Hexerei. Das nächste Mal geht es, für mich nicht sehr überraschend, an den Kiefer. Mal gucken! Außerdem mache ich noch Akupunktur. Wenn da irgendwas von helfen sollte, bin ich froh, egal wie abgefahren es in meinen Ohren klingt. Halt uns auf dem Laufenden! (Während ich an Kamillentee & Co glaube, halte ich Homöopathie für Quatsch, habe aber trotzdem auch schon Kügelchen genommen. )

  2. Hätte ich dafür nicht wissen müssen, was sie mir in den Mund legt? Das hat sie nämlich nicht gesagt.

    Und bislang hat sich noch jeder an meinem bockigen Unterbewusstsein die Zähne ausgebissen…

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