Der Hochbahnsteig von Schilda.

Die Geschichte von den Schildbürgern
Im Mittelalter lag mitten in Deutschland eine Stadt, die Schilda hieß. Ihre Bewohner nannte man deshalb die Schildbürger. Das waren seltsame Leute. Alles, was sie taten, machten sie falsch. Und alles, was man ihnen sagte, nahmen sie genau so, wie man es ihnen sagte. Wenn zum Beispiel jemand zu ihnen sagte: „Ihr habt ja ein Brett vor dem Kopf!“, dann griffen sie sich schon an die Stirn und wollten das Brett wegnehmen. Und wenn jemand zu ihnen sagte: „Bei euch piept es ja!“, so blieben sie ganz ruhig um genau hinzuhören. Nach einiger Zeit sagten sie dann: „Es tut uns leid, aber wir können nichts piepen hören.“

So viel Dummheit wurde natürlich bald überall bekannt. Und überall lachte man über die Schildbürger. Aber kann man eigentlich so dumm sein? Nein, so dumm kann man nicht sein! Und so dumm waren die Schildbürger eigentlich auch nicht. Aber warum stellten sie sich dann so dumm?

In letzter Zeit erinnert mich ein Thema in der Lokalpresse immer wieder an dieses Buch über die Leute aus Schilda, das ich als Kind geschenkt bekam: Der Protest gegen den Bau des Hochbahnsteigs auf der Brackweder Hauptstraße. Verzeihung, es muss natürlich heißen: Die Initiative für den Erhalt der Brackweder Hauptstraße.

Wer sich mit dem ostwestfälischen Klüngel nicht so gut auskennt, hier eine kleine Einführung: Brackwede ist ein Bielefelder Stadtbezirk „hinterm Berg“. Bis 1972 eigenständig, kochen die rund 39.000 Einwohner auch heute noch gerne ihr eigenes Süppchen. Der Bielefelder Städter hat sich dennoch bereits im Jahre 1900 dazu durchgerungen, die StadtBahn bis Brackwede-Dorf fahren zu lassen. Das tut sie immer noch, heute sogar noch ein Stückchen weiter und üblicherweise im 10-Minuten Takt. Wäre alles schön, wenn da nicht dieses vermaledeite Hochflursystem wäre.

Mit dem Hochflursystem wird nicht nur in Bielefeld gekämpft. Wer in Hannover Straßenbahn fahren möchte, sollte zwingend an die Steigeisen denken. In grauer Vorzeit hielt man dieses System mal für eine gute Idee, weshalb heute überall Rampen in Form von Hochbahnsteigen gebaut werden müssen. Nicht schön, ein wenig sperrig, aber es hilft ja alles nichts. Schließlich sollen Menschen mit Rollator, Kinderwagen, Rentnerporsche oder Rollstuhl auch irgendwie da rein- und rauskommen können. Findet zumindest jeder halbwegs logisch und sozial denkende Mensch.

Und so ist ganz Bielefeld heute von Hochbahnsteigen besetzt. Ganz Bielefeld? Nein! Ein kleines Dörfchen hinterm Berg leistet dieser Neuerung bis heute Widerstand. Wer barrierefrei in Brackwede aussteigen möchte, muss dies bis heute an der Haltestelle Brackwede Bahnhof vor den Toren des Örtchens tun und von da aus einen Kilometer ins „Zentrum“ laufen. Für gesunde Beine kein Problem. Aber ein Mensch mit gesunden Beinen kann auch einfach zwei Stationen weiter aus der StadtBahn klettern.

Ein wütender Mob, angeführt vom dort ansässigen Apotheker, wehrt sich mit aller Kraft gegen einen Hochbahnsteig auf Höhe der Normannenstraße, mitten auf der Shoppingmeile des Viertels. Denn mit dem Bau eines 85 m langen Hochbahnsteigs müsste man dort natürlich ein Teil des Parkstreifens verzichten, um die Straße entsprechend zu verbreitern. Hinzu käme der immense Umweg um dieses Gebilde herum, um auf die andere Straßenseite zu kommen. Hier trügt übrigens der Name Hauptstraße: Anders als an anderen Hauptstraßen stockt hier der Verkehr auf dem Kopfsteinpflaster zu jeder Tageszeit so sehr, dass man keine Ampelanlagen suchen muss und einfach an Ort und stelle über die Straße spurtet. Auch mit 82 Jahren, kaputter Hüfte und Rollator.

Nun wird sich der logisch denkende Mensch vielleicht schon sagen: Moment! Sind es denn nicht genau die älteren Menschen und Frauen mit kleinen Kindern, die zur Hauptkundschaft eines Apothekers gehören? Muss der sich denn nicht darüber freuen, wenn statt der vier Kunden mit PKW, die aktuell am Tag vor seinem Laden einen Parkplatz finden, dutzende Kranke direkt aus der Bahn in seinen Laden stolpern? Und genau hier setzt meine Schilda-Theorie an.

Die Schildbürger waren damals nämlich gar nicht so dumm. Sie wollten einfach nur von Sultan, König & Co in Ruhe gelassen werden. Das klingt an sich schon mal sehr ostwestfälisch. Und so schmiedeten sie fleißig dumme Pläne und scheiterten jedes Mal grandios.

Auch der wütende Mob für den Erhalt der fürchterlich miesen Straßensituation hat bereits die Pläne für den ein oder anderen Schildbürgerstreich offengelegt. So könne man doch die 12.000 Fahrgäste am Tag einfach am Brackweder Bahnhof in Busse umsteigen lassen. Jeder weiß schließlich, wie gerne Fahrgäste umsteigen und dass in einen Bus genauso viele Leute passen, wie in die zwei bis drei Wagen einer StadtBahn. Idealerweise fahren die dann auch einen Bogen um die Geschäfte herum, damit der Autoverkehr besser fließen kann. Das belebt ganz sicher das Geschäft.

Alternativ wäre auch eine komplette Umstellung auf das Niederflursystem denkbar. Sicher, die würde nur innerhalb Brackwedes funktionieren. Aber ist das deren Problem, wenn die Leute an 48 von 62 Haltestellen beim Ausstieg vor die Wand des Hochbahnsteigs laufen? Nein. Sollen die doch einen Umsteigepunkt vor den Stadttoren einrichten, von wo aus man bequem in die Brackweder Verkehrsmittel wechseln kann. Doch bitte nur als echter Brackweder, den Sennestädtern und ähnlichem Gesocks möchte man schließlich nicht einmal den Luxus einer StadtBahn-Anbindung gönnen.

Doch vielleicht haben wir auch Glück und irgendjemand trägt bald ein wenig Licht in Eimern in die dunklen Oberstübchen. Oder packt den Nürnberger Trichter aus. Ich würde es mir wünschen.

Ich bin Wutfußgänger, und schuld sind alle anderen.

Vergangene Woche erschien auf ZEIT ONLINE ein Kommentar mit dem Titel „Radfahren: Ich bin Wutradler, und Sie sind schuld“, den der halbe Bekanntenkreis teilte und fleißig kommentierte. Da ich Hennig Schraders Erfahrungen durchaus nachvollziehen kann, habe ich das Schriftstück für mich kurz abgenickt und kommentarlos wieder geschlossen. Damit war die Sache für mich abgehakt. Bis ich gerade beinahe auf der Gabel eines solchen Wutradlers landete.

Sie trödeln, ich gehe vorbei.

Ich gestehe, ich setze hin und wieder einen Fuß auf den Radweg. Allerdings nur dann, wenn vor mir mal wieder Schönwetterspazierer den Gehweg versperren. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern und sie schlendern mit ihrem Schatzi im Schlepptau durch die romantische Kulisse des Bahnhofsviertels. Dann muss ich zum Überholen ansetzen. Mit Schulterblick und angemessener Steigerung meines Schritttempos wage ich die Benutzung des Radwegs über eine Länge von gut 5,20 Meter.

Doch plötzlich kommt er: Der Wutradler. Es ist sein Radweg und er zieht gekonnt mit 30km/h um die Kurve. Mit etwas Glück kommt er mir entgegen, so dass ich die Chance habe, einen kurzen Schlusssprint einzulegen, um ihm gerade noch rechtzeitig auszuweichen. Gefährlich wird es, wenn er von hinten kommt. Ein Wutradler besitzt vielleicht Fahrvermögen und Voraussicht, aber niemals eine Klingel. Und falls doch, so hat er sie seit seiner Schulzeit nicht mehr benutzt. Denn trotz Kopfhörern nehme ich meine Umwelt sehr gut wahr und hätte ihn mit Sicherheit gehört. So werde ich zum fahrradlosen Störfaktor, der auf den wenigen Metern sein Wohlergehen in Gefahr bringt.

Seine Wut schärft meine Sinne.

Doch Moment, ich laufe gegen die Fahrtrichtung. Wie kann der Wutradler dann in meinem Rücken sein? Ganz einfach: Es ist für ihn bequemer. Schönwetterradler gefährden ihn durch ihre Unsicherheit, doch Wutradler mich durch ihre Eile.

Es ist meistens nur ein kurzes Stück, dass er auf der falschen Straßenseite zurücklegt, bis er wieder auf der richtigen Route ist. Es spart Zeit. Durch geschickt Wechsel vom Radweg auf den Fußgängerübergang, vorbei an der Ampelschlange und zurück in den Straßenverkehr gewinnt er Zeit. Er kennt alle Tricks und Kniffe der Ampelschaltung auf seiner gewohnten Strecke. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich sehe ihn fast jeden Tag. Bei jedem Wetter. Dadurch weiß ich, wie ich ihm ausweichen muss. Und wann ich stehenbleiben muss, weil er den Zebrastreifen noch locker vor mir queren kann. Queren könnte, wäre ich ein Schönwetterspazierer und kein Wutfußgänger.

Er wird durch die Wut zum Panzer.

Ich verstehe den Frust, die Abneigung gegen Schönwetterradler, den Hass gegenüber Autofahrern. Ich bin aus demselben Holz geschnitzt. Nur ohne Räder unter dem Hintern. Wenn der Wutradler durch den Verkehr schwimmt, auf seinem Rad zum Fisch im Wasser wird, dann muss ich hoffen, dass er damit die Straße meint. Und nicht mich dort überrollen möchte, wo unsere Wege sich kreuzen.

Denn ich bremse auch für Wutradler. Wo sein Radweg für 20 Meter plötzlich verschwindet weil der Bürgersteig dafür viel zu schmal ist, bleibe ich kurz stehen und lasse ihn passieren. Nicht aus Angst vor seinem Fahrstil, sondern weil es für mich als Fußgänger einfacher ist stehenzubleiben. Denn als Wutfußgänger kenne auch ich meine Pflichten, finde sogar manchmal Zeit für die Kür.

Wenn der Wutradler das nächste Mal über andere Verkehrsteilnehmer schimpft, dann hoffe ich, dass er dabei auch an seine Leidensgenossen auf zwei Beinen denkt. Dass auch ich manchmal vor Gartentoren und Ausfahrten zum Ausweichen gezwungen werde. Und dass er sich selbst in Gefahr bringt, wenn er um Haaresbreite an mir vorbeizieht. So wie ich keinen Fahrradlenker im Kreuz mag, so hat er bestimmt auch ungerne meine Tasche in seinen Speichen. Denn auch wenn ich ihm nicht so schutzlos ausgeliefert bin, wie er dem Autofahrer, ist es doch ein unfairer Kampf.

Ich bin Wutfußgänger und so lange sicher unterwegs, wie die anderen Verkehrsteilnehmer keine Scheiße bauen.

Werte Wutradler, schauen Sie sich morgen doch auch ruhig einmal nach mir um. Und klingeln Sie notfalls, um mich zu warnen. Doch bitte nicht, um mich dazu zu drängen, mich irgendwie in Luft aufzulösen. Sie wissen ja jetzt, dass ich Sie höre und es selbst eilig habe.

Die Eine aus 96 sein.

Ich war wohl zu erfolgsverwöhnt. Sowohl beim ersten Vorstellungsgespräch nach dem Studium als auch bei meinem Jobwechsel letztes Jahr, hat es direkt mit der neuen Stelle geklappt. In meiner Naivität habe ich gedacht, dass das so bleiben wird. Die Lage auf dem Bielefelder Arbeitsmarkt schien total entspannt. Alle Welt wartete nur auf mich! Wer will denn auch schon als Marketing Manager arbeiten? Ein ewig voller Schreibtisch, drängelnde Kollegen, trödelnde Agenturen und dann ist da auch noch dieser regelmäßige Zwang sich zu verkleiden, wenn man sich mal wieder bei Presse, Kunden oder Königen im guten Zwirn vorstellen darf. Wieso tut man sich das an?

In diesem Jahr wurde ich eines Besseren belehrt. Plötzlich scheint wirklich jeder etwas mit Kommunikation machen zu wollen. Will Marketinglügen verbreiten und sich die Abende mit Pressemitteilungen um die Ohren hauen. Seit Weihnachten habe ich mittlerweile dreißig Bewerbungen verschickt, Tendenz steigend. Denn auch wenn ich aktuell in Lohn und Brot stehe, ist das nur eine Übergangslösung, deren Ende schon nervös im Raum steht. Wie so eine Jack-Wolfskin-Familie zwanzig Minuten vor dem Boarding.

„Schön, dass Sie sich die Zeit nehmen konnten. Dieses Gespräch wird eher eine Art Speeddating sein, da wir aus 60 Bewerbungen zunächst für den ersten Durchlauf zwölf Kandidaten ausgewählt haben. Wir fragen, Sie antworten. Und lassen Sie Ihre Jacke am besten einfach an, es lohnt nicht.“ Schluck. Wir sprechen hier nicht von einer Stelle in einem Großkonzern mit Firmenwagen, 6-stelligem Jahreseinkommen und globaler Relevanz. Es ging um Öffentlichkeitsarbeit mitten im Bielefelder Outback. Fledermausland. Da war nicht mal Edge!

Uni, FH, FHM, FHDW, HS OWL… (THC in OCB is‘ was ich dreh’…) sie alle lassen kleine Marketingmenschen auf die Region los. Und dann sitze ich großer Marketingmensch da und gucke doof. Ich hatte heute beruflich zufällig mit einer der Vorgesetzten zu tun, die mich ablehnen mussten. Festhalten: 96. 96 Bewerbungen sind bei ihr auf eine einfache Stelle als Marketingassistenz eingegangen. Ich gehörte zu der handvoll Menschen, die dort sogar persönlich vorsprechen durften. Das macht dann tatsächlich schon ein bisschen stolz. Ihr wollt mich zwar nicht behalten, aber hey!, wenigstens durfte ich Kaffee bei euch trinken. Bei meinem jetzigen Arbeitgeber soll es nicht anders ausgesehen haben und angeblich hat man die Entscheidung bislang noch nicht bereut. Juhu, ich bin gut!

Apropos gut. Falls jemand jemanden kennt, der jemanden kennt, der über seinen Schwippschwager davon gehört hat, dass im Großraum Bielefeld ein Marketing Manager gesucht wird (Online oder offline, B2B oder B2C, strategisch oder operativ, Unternehmen oder Agentur): Ich bin quasi eine eierlegende Wollmilchsau. Und ich kann Kaffee kochen und halbwegs lesbare Texte verfassen. Finde ich.

Endlich verrückt.

Ich wollte diesen Beitrag erst „Achtung, Kultur!“ nennen, aber wer soll mir das denn bitte schön abkaufen? Mit „Endlich verrückt.“ habe ich sogar eine Kapitelüberschrift aufgegriffen. Man könnte gar von einem Zitat sprechen, welches ich am vorletzten Samstag in der Lesung des wunderbaren Tobi Katze hörte. Feuilleton par excellence. Cover Reich-Ranicki. Tobi Katze las quasi auf meiner Türschwelle aus seinem aktuellen Buch und Bestseller „Morgen ist leider auch noch ein Tag“ und da musste ich natürlich hin. Wer Tobi Katze und das Buch nicht kennt: Ein Mittdreißiger Poetry-Slammer / Künstler plaudert aus dem Nähkästchen eines Menschen mit Depressionen.

In Begleitung einer wunderbaren Ex-Kollegin begrüßte mich ein Publikum, das von sich selbst schon vorab auf Facebook sagte: „Ah, nach Monaten endlich mal wieder ein Grund, das Haus zu verlassen.“ Die Soziologin in mir freute sich und die leicht soziophobische Soziopathin (ebenfalls in mir) nicht weniger. Selten habe ich mich so normal gefühlt. Das ist nicht böse gemeint, denn als während der Lesung die Frage gestellt wurde: „Und? Wer von euch ist alles in psychotherapeutischer Behandlung?“, dachte ich traurig an meinen Platz 187 auf der Warteliste des Seelenklempners meines Vertrauens. Es meldete sich übrigens knapp jeder Fünfte. Bielefeld ist wirklich verrückt.

Ich selbst wurde an dem Abend auch von Minute zu Minute immer verrückter. Denn obwohl Herr Katze sehr wohl wusste, dass in seinem Publikum Menschen mit der ein oder anderen Marotte überrepräsentiert sind, trug er zwei verschiedene Schuhe. Nein, nicht einfach nur einen blauen und einen grünen Chuck (obwohl das schon arg grenzwertig ist, solche armen Irren tragen auch verschiedenfarbige Socken). Er trug zwei komplett unterschiedliche Sneakers! Unterschiedliche Marken, der eine Schuh grün und der andere braun und nicht einmal die Schnürsenkel waren annähernd gleich lang. Mein innerer Monk hätte ihn am liebsten am Ohr zurück in die Garderobe gezogen. Was für ein Schlunz.

Aber ein Schlunz, dem ich sehr gerne zuhörte. Ich habe das Buch letzten Herbst kurz nach Erscheinen in einem Rutsch und innerhalb von fünf Stunden im Bett verschlungen. Ich habe im Wechsel gelacht und geweint und die Zeit vergessen. Für mich war es extrem spannend, diese Dinge zu lesen und plötzlich auch ein wenig zu verstehen. Üblicherweise bekommt man als Angehörige die Tür vor der Nase zugeschlagen und soll dann Tage, Wochen oder Monate geduldig auf dem Flur warten. Oder man fängt an, dem Menschen hinter der Tür lustige Katzenvideos zur Aufmunterung zu schicken. Wer nach dem Buch aber immer noch denkt, dass das irgendwie ein Allheilmittel wäre, der ist selber schuld.

Ich fand das Buch schon großartig und ich fand die Lesung tatsächlich fast noch ein wenig besser. Alles wirkte selbstironisch und dabei unverblümt ehrlich. Leider passten in die 90 Minuten nur vier oder fünf Kapitel und ein paar Slam-Texte. Aber vielleicht war das auch genug Klartext für einen Abend, den Verrückte und Nicht-Verrückte erst einmal irgendwie verdauen müssen. Ja, angeblich waren auch Nicht-Verrückte vor Ort. Pfff. Spießer.

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Gerade stolperte ich über eine aktuelle Schlagzeile in der Bielefelder Lokalpresse: „Bewaffneter Raubüberfall auf dem Alten Markt“. So etwas sollte einen in einer Stadt mit über 300.000 Einwohnern eigentlich nicht übermäßig schockieren, auch wenn Bielefeld zu den sichersten Städten Deutschland zählt. Dennoch macht sich da plötzlich ein leichtes Unbehagen breit, auch weil ich zum genannten Zeitpunkt in unmittelbarer Nähe unterwegs war.

Der Alte Markt gehört zu den hellsten und belebtesten Station auf meinem üblichen Nachhauseweg. Der führt durch Unterführungen, Seitenstraßen und an unbeleuchteten Grünstreifen vorbei. Und eigentlich fühle ich mich dort als Frau in der dunklen Nacht immer sehr sicher. Das mag an der lauten Musik auf den Ohren liegen oder daran, dass ich die Strecke im Schlaf laufen kann und deshalb kaum noch auf die Umgebung achte. Natürlich recke ich instinktiv das Kinn etwas höher und mache den Rücken noch ein wenig gerader, wenn mir jemand entgegen kommt. Ansprechen verboten.

Doch irgendetwas läuft da falsch. Wieso wird im Dunkeln jeder Mann gleich zu einer potentiellen Bedrohung? Wie unterscheide ich mich da noch von dem mit Vorurteilen belasteten, kleingeistigen Abschaum, der aus jedem Asylanten sofort einen Kriminellen macht? Nun könnte ich das damit begründen, dass mir mit 14 alleine im Dunkeln tatsächlich mal beinahe etwas zugestoßen wäre. Aber das war kein Unbekannter mit dunkler Kapuze in einer einsamen Gasse, sondern ein guter Bekannter während drinnen eine Feier auf dem Höhepunkt war. Doch ob Eltern, Freunde oder Medien, ständig wird man als Frau dafür sensibilisiert, dass einem da draußen im Dunklen der schwarze Mann auf einen lauert. „Meld dich, wenn du sicher angekommen bist.“

Bei einem bewaffneten Raubüberfall bliebe mir keine andere Wahl, als meine 8 Euro 50 rauszurücken. In so einer Situation würde mir auch kein männlicher Geleitschutz oder Pfefferspray helfen. Aber wer sich in dieser Gegend auch ausgerechnet bei mir den großen Coup verspricht, dem würde ich fast schon aus Mitleid mein letztes Kleingeld geben. Dennoch suche ich gerade Infos zu einem Selbstverteidigungskurs zusammen. Schaden kann’s ja nicht und wenn es nur das eigene Selbstbewusstsein stärkt.

Erst mal hupen.

Nein, sorry Jungs, es geht nicht um Brüste. Vielleicht ein anderes Mal.

Es geht um die Einrichtung für Schallzeichen, die man an Kraftfahrzeugen über 50ccm findet. Die dafür da ist, in Gefahrensituationen auf sich aufmerksam zu machen. Beispielsweise wenn vor einem plötzlich jemand auf die Idee kommt, seine Picknickdecke mitten auf der Fahrbahn auszubreiten und man mit seinem Auto / Motorrad / LKW / Panzer angerollt kommt. Dann darf man hupen. Und bis zur Erfindung von WhatsApp natürlich auch um seinen Freunden mitzuteilen: „Ey Mädel, ich stehe jetzt vor deinem Haus, mach hinne, ich will los.“

Nun, in Bielefeld scheint es anders gelehrt zu werden. Ich wohne nicht zum ersten Mal an einer dicht befahrenen Kreuzung, aber ich habe außerhalb Italiens noch nie so ein hupfreudiges Volk wie den Ostwestfalen erlebt. (Just in diesem Moment fährt übrigens eine Hochzeitsgesellschaft vorbei. Möp möp möp mööööp.) Die Beweggründe fürs Hupen sind offenbar vielzählig. Vor mir lässt jemand vor dem Abbiegen einen Fußgänger durch? Erst mal hupen. Die Ampel ist bereits seit 2 Sekunden grün und mein Vordermann noch nicht drüber? Erst mal hupen. Da möchte jemand auf den Schienen wenden und dabei nicht von der Straßenbahn überrollt werden? Erst mal hupen. Die Sonne blendet mich? Erst mal hupen.

Zu absolut jeder Tages- und Nachtzeit. Dienstagabend, halb 12, es sind ungefähr drei Autos in ganz Bielefeld-Mitte unterwegs. Und dennoch findet immer irgendeine Nulpe einen Grund, sein Signalhorn ertönen zu lassen. Vielleicht hat ihm ein umherfliegendes Blatt die Vorfahrt genommen. Vielleicht hat auch ein Satellit über ihm geblinkt, ohne danach abzubiegen. Man weiß es nicht. Ich hoffe dann immer für den Fahrer, dass es ein wirklich guter Grund war. Denn „Huch, ein Wohngebiet mitten in der Nacht? Erst mal hupen.“ ist arschig.

Klingelingeling! Klingelingeling! Hier ist die Telekom.

Unser Büro befindet sich in einem Gewerbekomplex am Rande der Innenstadt. Es ist nicht sonderlich schön hier, aber die Firma wollte vor drei Jahren für kleines Geld mehr Platz für mehr Mitarbeiter haben. Geschätzte 60% der Büroeinheiten standen bis Ende letzten Jahres leer. Wenn die FH Ferien hatte, sah man gelegentlich sogar einen Steppenläufer am Fenster vorbeirollen. Damals, als noch große Aufregung herrschte, wenn der Bastelbunker gegenüber mal wieder zum Tag der offenen Tür mit Fabrikverkauf einlud und Hausmütterchen mitsamt ihrer Muttersöhnchen in Scharen aus dem umliegenden Dörfern herbeiströmten.

Doch seit gut drei Monaten ist nichts mehr, wie es einmal war. Wir haben jetzt die Telekom im Haus. Nein, nicht etwas die lustigen Techniker in Latzhose, die bei Terminen ähnlich zuverlässig auftauchen, wie Schrödinger Katze kurz vor Schluss wieder aus ihrem Karton hüpft. Von hier aus werden nun im großen Umfang Leute belästigt. Ich meine angerufen. Also man unterbreitet von diesem Standort aus zahlreichen zufriedenen Kunden in der ganzen Region unschlagbare Angebote für ihre Vertragsverlängerung. So, jetzt hab ich’s.

Per se habe ich nichts gegen Menschen, die in einem Call Center arbeiten. Irgendwer muss es machen. Ich saß schließlich selber auch schon an dem Ende der Strippe, an dem das Headset wie ein mieses Klischee vor sich hin baumelt. Gerade als Nebenverdienst ist das eine ganz feine Sache, auch wenn man natürlich mehrmals täglich angemotzt und beleidigt wird. Kleiner Tipp am Rande: Leute, seid nett zu den Anrufern. Man kann es auch freundlich formulieren, wenn man keinen Bock darauf hat, zu total bescheuerten Uhrzeiten stundenlang völlig idiotische Fragen zu beantworten.

Bis Ende letzten Jahres habe ich geglaubt, bei Vertragsfragen säße da ein relativ cleveres, junges Bürschchen am Apparat. So einer, der eigentlich Physik an der Ruhr-Uni Bochum studiert und dir locker irgendwelche Integrale und Matrizen ausrechnen könnte, um damit den idealen Tarif rauszusuchen. Ällabätsch. Falsch gedacht.

Habt ihr euch nicht auch schon immer mal gefragt, was aus den ganzen Leuten wird, die mal bei „Mitten im Leben“, „Frauentausch“ oder „Extrem schwer“ mitgemacht haben? Kann ich euch sagen: Die landen bei der Telekom im Call Center. Die Einstellungskriterien sind klar: Ein BMI größer 35, Kettenraucher, schlechte Zähne, unverschämtes Auftreten. Alternativ geht auch folgende Kategorie des Schulabbrecher: „Ey, jo, Bro ey, werf misch ma Cola.“ Originalzitat. Isch schwöar.

Von diesem Schlag Mensch laufen hier aktuell bereits um die vierzig Leute pro Schicht durchs Gebäude. Wobei… nein, das ist gelogen. Wer nicht im Erdgeschoss arbeitet, der fährt generell mit dem Fahrstuhl aus dem ersten Stock runter zur Raucherecke. Laufen ist auch Quatsch.

Wo war ich? Ach ja, vierzig Leute in drei Schichten. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Bis zum Sommer sollen hier 340 Mitarbeiter beschäftigt sein. Die Parkplätze sind bereits jetzt überfüllt und der Bäcker hat auch schon mal sicherheitshalber die Preise angezogen. Und hier laufen die ersten Wetten, wann das erste Graffiti im Treppenhaus auftaucht und der erste Dealer morgens an der Ecke wartet.

Bunt und weltoffen.

Gestern war Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. 70 Jahre sind vergangen, seit die Rote Armee die Gefangenen der drei Konzentrationslager in Auschwitz befreite. 6 Millionen Menschen starben durch den Holocaust. So viele Menschen leben in Berlin, Hamburg und Köln zusammen. Eines der größten Verbrechen der Menschheit an der Menschheit.

Wer den Holocaust leugnet, gehört verprügelt und weggesperrt.

Ich bin es der Welt als Deutsche schuldig, dass ich Aufklärungsarbeit leiste. Dass ich meinen Teil dazu beitrage, dass die Verbrechen der Nazizeit nicht vergessen werden. Ganz einfach, weil es ein wichtiger Bestandteil der deutschen Geschichte ist und damit irgendwie auch meiner. Ich gehöre zu denen, die darauf achtgeben müssen, dass so etwas nicht noch einmal passiert. Das kommt nicht daher, dass ich mich schuldig fühle, denn nur weil da unter Staatsangehörigkeit das Wort „DEUTSCH“ in meinem Pass steht, habe ich mir nichts zu Schulden kommen lassen.

Und dennoch habe ich im Moment das Gefühl, dass ich zu oft einfach nur zuschaue. Hätte ich 1938 etwas unternommen oder doch am 9. November einfach nur vom Fenster aus zugeschaut und den Kopf geschüttelt? Hoffentlich nicht. Als Jugendliche mit Punkambitionen war ich wenigstens noch das Feindbild der dusseligen Dorffaschos, Heute kommentiere ich das Geschehen höchstens noch von meinem sicheren Sofa aus. Und das obwohl mir Bewegungen wie PEGIDA oder die Wahlergebnisse der AfD wirklich Angst machen. Ich muss einen Weg für mich finden, wie ich mich dem in den Weg stellen kann, ohne mir selbst untreu zu werden. Antisemitismus, Homophobie, Islamfeindlichkeit, Furcht vor Migranten… ich kann und will das alles nicht nachvollziehen.

Einen ersten Schritt in die richtige Richtung habe ich am 19. Januar gemacht und mit mir 10.000 Bielefelder. Eine beeindruckende Menschenmenge. Darunter viele Freunde, für die es auch nie zur Diskussion stand, ob man dort an einem Montagabend tatsächlich Flagge zeigen müsse. Ich bin stolz auf meine Stadt.

Wahlheimat.

Ich bin nicht freiwillig in Bielefeld gelandet. Nach meinem B.A. Sozialwissenschaften wollte ich unbedingt was mit Medien weiterstudieren. Blöd nur, dass mich niemand wollte. Außer eben Bielefeld. Erst mal googlen, wo diese Stadt überhaupt liegt. Diese Stadt mit der Uni, an der scheinbar jeder was mit Medien machen darf. Interdisziplinär schimpfte sich das. Der Freundeskreis reagierte nicht minder entsetzt. Natürlich war noch niemand von ihnen jemals in dieser Stadt, die es angeblich sowieso nicht gibt. Nach Marburg kam das geradezu einem Absturz gleich. Aus einer der schönste Kleinstädte Deutschland ab ins Niemandsland zwischen Hannover und Dortmund. Naja, sollte ja nur für zwei Jahre sein.

Morgen sind es viereinhalb Jahre. Ich bin nicht freiwillig hier gelandet, aber freiwillig hier geblieben. Weil Bielefeld irgendwie ziemlich toll ist. Weil Bielefeld überraschend grün ist. Weil Bielefeld den Alten Markt hat, auf dem man im Sommer wunderbar ein Weizen trinken kann. Weil Bielefeld eine kleine Großstadt ist, in der man ganz passabel einkaufen gehen kann. Weil Bielefeld in großes Dorf ist, in dem jeder jeden über zwei Ecken zu kennen scheint.

Der Bielefelder/Ostwestfale an sich mag als muffig, stur und eigenbrödlerisch gelten. Das stimmt auch manchmal. Aber das sind wir Sauerländer auch. „Du als typische Ostwestfälin…“ kam dann auch schon mal im Büro von ebenfalls zugezogenen Kollegen. Da kann ich mit leben. Und ob irgendwelche Städte-Rankings Bielefeld nun als „besonders lebenswert“ oder als Stadt mit „beträchtlichen Defiziten“ betiteln, ist mir ehrlich gesagt schnuppe. Ich fühle mich hier sogar schon so heimisch, dass ich mit Arminia Bielefeld mitfiebere. Was nicht immer schön ist, aber man muss ja auch mal was zu meckern haben. Integration geglückt.

Ich will doch nur nach Hause.

Ich werde generell selten von Männern angesprochen, wenn ich unterwegs bin. Das könnte möglicherweise daran liegen, dass ich meistens mit Männern unterwegs bin. Wobei ein flirtwilliger Mann viel mehr Angst vor einem Rudel Frauen haben sollte. Denn wenn bei denen jemand durch’s Raster fällt… eieiei. Junge, geh in Deckung. Dabei beiße ich gar nicht. Ich bin da mehr der Igel-Typ. Entweder fluchtartig unter einem Blätterhaufen verschwinden oder, wenn gerade mal kein Blätterhaufen in der Nähe ist, einrollen und ausharren bis die Gefahr vorbei ist.

Aber so alle 2 bis 3 Monate schaffe ich es tatsächlich, dass mich nachts auf dem Nachhauseweg noch jemand anquatscht. Da kommen tatsächlich Menschen um 5 Uhr nachts aus der Disko und haben nichts besseres zu tun, als mich zu fragen, ob ich noch mitkomme. Ehrlich jetzt? Wer die ganze Nacht in Lokalitäten wie dem Café Europa oder dem Stadtpalais ausgehalten und es dennoch nicht geschafft hat, dass irgend so ein Püppchen mit nach Hause kommt, der soll gefälligst auch akzeptieren, dass er in dieser Nacht eben die Taschentücher mit ans Bett nehmen muss.

Erschreckend ist auch die Vorstellung, dass ich tatsächlich ins Beuteschema eines solchen Vogels passen könnte. 20-jähriger Düsseldorfer Möchtegern-Checker und Clubgänger ist von meinem jedenfalls mindestens genauso weit weg wie ein Olaf Schubert. Mindestens. In so einem Moment hoffe ich dann wirklich, nur eine Notlösung zu sein. Alles andere ließe mein Selbstbild fluchtartig in den nächsten Blätterhaufen abtauchen.