Anna in Wonderland

Ein Girlie in XL, bitte.

Mai
10

Neulich Nachmittag stand einer meiner jungen Support-Kollegen neben mir und kramte in der Kiste mit den Trikotmustern. Ende Juni tritt nämlich unsere Firmenmannschaft beim Fußballturnier an und wenn die Mannschaft schon nicht viel reißen wird, dann soll sie doch wenigstens gut aussehen. „Da ist XL, das sollte passen. Ach, was solls, XXL nehme ich besser auch noch zum Anprobieren mit, kann ja nicht schaden“, sagte er zu mir.

Besagter Kollege ist kein Riese und die Größenwahl wird vom horizontalen Wachstum diktiert. Doch anstatt heimlich nach den großen Größen zu suchen, wird die Wahl deutlich vernehmbar kommentiert. Schämt der sich denn nicht?

Nicht dass er einen richtigen Grund hätte, sich dafür zu schämen. Jeder zweite Deutsche ist zu dick und ob er oder sie damit leben kann, muss jeder selber wissen. Nicht mein Problem, ich habe meine eigenen Baustellen. Und es ist ja nicht so, als ob man die Trikotgröße nicht auch ganz gut schätzen könnte. Mir drückt schließlich auch niemand ein Leibchen in XS in die Hand.

Aber muss man das denn gleich laut sagen?

Ich habe jahrelang Hosen auf dem Weg zur Umkleidekabine so gehalten, dass man auf keinen Fall das Etikett sehen konnte. Nach der erfolglosen Anprobe trug ich das Kleidungsstück auch grundsätzlich selbst zurück auf die Verkaufsfläche und ließ es mitten im Stapel verschwinden, falls mir jemand hinterherspionieren sollte. Völlig bekloppt. Es konnte doch eh jeder sehen, dass mein Arsch nicht der schmalste ist. Aber dann hätten sie es nicht nur gedacht, sondern auch gewusst.

Mittlerweile sagen diese Etiketten, dass mein Körperbau so mittel ist. Größe M. Nicht mehr dick und noch nicht schmal. Eine Kleidergröße wie Butterkeks. Da macht man nichts mit verkehrt und bei einer Größe von 1,73 ist das völlig vertretbar. In Geschäften für ganz schmale Püppchen muss es hin und wieder noch mal etwas in L sein, aber zumindest passt es jetzt. Und über eine Hose in S freut man sich den Arsch ab.

Doch dann kommt sie, die Begegnung mit der Kleidergrößenhölle. An einem Ort, wo sie niemand jemals erwarten würde: Am Merchandise-Stand.

Während die Vorband schon auf der Bühne grölt, rufe ich dem Roadie hinter dem Klapptisch zu: „Ein Girlie in XL, bitte.“ Denn das ist die einzige Bandshirt-Größe, in die ich ohne letzte Ölung hineinpasse. Sofort fühle ich mich wieder wie ein riesiges Trampeltier, das all seine Hoffnung in das Xtra vor dem Large setzen muss. Gefühlt hat es der halbe Laden gehört und vermutlich nutzt der nette, junge Mann hinter der Theke die Gelegenheit und rollt ausgiebigst die Augen, während er im Pappkarton nach das passenden Größe sucht. Nur um mir dann mit einem breiten Grisen ein Stück Stoff in Briefmarkengröße entgegenzustrecken. Wenigstens verkneift er sich den abschätzigen Blick.

Mit leicht roten Ohren geht es zurück zur männlichen Peer Group, die dort bereits stolz mit der eigenen T-Shirt-Beute wartet. Natürlich in M. Ob klein, groß, dick, dünn, krumm oder gerade: Am Merchandise-Stand kaufen alle Männer M. Frechheit.

I’ve been Cooked!

Apr
14

For is there any practice less selfish, any labor less alienated, any time less wasted, than preparing something delicious and nourishing for people you love?
– Michael Pollan (Cooked)

Andere Menschen werden Punk’d (für die älteren Leser: Das ist „Verstehen Sie Spaß?“ mit Ashton Kutcher als Kurt Felix), ich wurde Cook’d. Was deutlich schöner ist. Cooked ist ein Netflix-Dokumentation rund ums Essen und kommt ganz ohne McDonalds-Verriss und Bilder aus Legebatterien aus. In vier Folgen wird gezeigt, wie Wasser, Feuer, Luft und Erde unsere Ernährung und unser Kochen beeinflussen. Und was ich da gelernt habe, hat mich bis heute nicht losgelassen.

Rezensionen sollte man möglichst zeitnah schreiben, damit man nicht schon wieder alles vergessen hat. Bei mir ist es jetzt schon fünf oder sechs Wochen her und mein Gehirn hat die Informationen mittlerweile schon gut selektiert. Der Grundtenor ist aber hängen geblieben: Wir essen zu viel Junk Food (stark fett-, salz- oder zuckerhaltige Lebensmittel), Fast Food und Processed Food (industriell verarbeitete Lebensmittel). Da kann ich Michael Pollan nicht widersprechen. Wer im Supermarkt in fremde Einkaufswagen guckt oder wie ich eine zeitlang an der Kasse gearbeitet hat, der weiß, welchen Stellenwert Fertigpizzen und Maggi Fix für Spaghetti Bolognese in der deutschen Küche haben.

Auch ich röste meine Chips nicht selber. Ich greife gerne zum TK-Spinat und kaufe mein Bier im handlichen Gerstensaft-Sextett. Dennoch ist es mir wichtig, jeden Abend möglichst frisch zu kochen. Aus Prinzip ganz ohne Tüten, den Blubb mache ich selbst an den Spinat und Fertigfrikadellen aus der Packung riechen nach Pups. Cooked hat mir gezeigt, dass da noch Luft nach Oben ist. Der Durchschnittsamerikaner steht am Tag 27 Minuten in der Küche (den ganz zum Kühlschrank nicht mitgerechnet) und ich würde fast sagen, dass es hierzulande sogar noch weniger ist. Mit einer warmen Mahlzeit am Tag lande auch ich selten bei einer halben Stunde. Aktuell ist es etwas mehr, da ich mir mein Mittagessen / Frühstück jetzt auch selber koche und nicht einfach nur beim Bäcker eintüten lasse. Aber ansonsten sind Nudeln mit Gemüse doch blitzschnell gemacht. Selbst Gulasch muss man nicht drei Stunden lang beobachten, der kann das mit dem Schmoren auch ganz gut alleine.

Doch ich merke, wie sich meine Denke ändert. Seit ein paar Wochen backe ich einmal in der Woche mein Brot selber. Dafür hege und pflege ich täglich einen Sauerteigansatz, um am Wochenende ganz ohne Hefe ein frisches Brot auf den Tisch zaubern zu können. Weil es einfach viel leckerer und bekömmlicher ist (Zitat: Omma McCover). Und über so ein frisches, noch leicht warmes Brot mit gesalzener Butter geht ja auch nicht viel drüber. Vielleicht ein frisches, noch leicht warmes Brot mit gesalzener Butter und Bärlauch. Total simpel und eine günstige Alternative zu den Supermarktprodukten, bei denen man nie so genau weiß, was da eigentlich alles drin ist.

Für die nächsten Tage habe ich mir bereits ein paar Rezepte rausgesucht, mein denen ich die Produkte ersetzen möchte, die ich sonst aus Bequemlichkeit fertig kaufe. Rotes, grünes und Bärlauchpesto zum Beispiel. Oder Pastateig. Den habe ich mir schon länger vorgenommen. Sicherlich nicht täglich, aber als Variation. Kefir steht auch noch auf der Liste. Für weitere Tipps und Ideen bin ich offen. Sie sollten sich nur in meinem 4qm-Küchenkämmerchen und ohne Profikochaussrüstung umsetzen lassen.

My life is bitter, but it’s also sweet.

Mai
12

Diese Überschrift wird Ihnen präsentiert von MxPx mit Stay On Your Feet. Und was kann sweeter sein als feinster Live-Punkrock? Richtig: Nichts. Bier trinken, mitgröhlen, rumwippen und dem echten Leben für ein paar Stunden den Mittelfinger zeigen. Nachdem dieser ätzende, konzertarme Winter nun endlich vorbei war, ging es in den letzten Tagen plötzlich Schlag auf Schlag: Social Distortion, Against Me! und Millencolin. Drei Knallerbands in 2 1/2 Wochen. So zumindest die Erwartungen und die wurden mehr als erfüllt.

Social Distortion – 18. April, Bielefeld

Wenn Mike Ness und seine Truppe in die Stadt kommen, dann muss man da hingehen. Auch wenn einem der Ticketpreis Tränen in die Augen treibt. Denn was der alte Mann da auf der Bühne abzog, davon kann sich so mancher Mini-Punkrocker eine ordentliche Scheibe abschneiden.

Nächstes Mal drängel ich definitiv näher ran. So war es sehr gute Musik mit weniger gutem Bier, aber für das richtige Konzertfeeling muss ich doch weiter rein in den Pulk. Soviel vorweg: Das ist mir nur 6 Tage später auf jeden Fall gelungen. Und jeder einzelne Euro war an diesem Abend gut investiert, denn die Altmeister Social D muss man als Punkrock-Fan mindestens einmal gesehen haben.
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Against Me! – 24. April, Hannover

Was macht man, wenn der einzige freie Platz im komplett ausverkauften Faust mitten vor der Sängerin ist, ohne Absperrgitter und Bühnengraben? Ganz genau, man freut sich ’nen Ast ab und gibt alles. Bei Against Me! überhaupt kein Problem, da bleibt keiner lange mit beiden Beinen auf dem Boden. Ich habe es noch nie erlebt, dass neue Songs einer Band so dermaßen gefeiert wurden, aber das aktuelle Album „Transgender Dysphoria Blues“ scheint die Ausnahme von jeder denkbaren Regel zu sein.

Natürlich waren auch die wichtigen Klassiker dabei, wie „Don’t Lose Touch“, „Trash Unreal“ und mein vergleichweise junger Liebling „“I Was a Teenage Anarchist“. Natürlich sind es immer diese Abende, an denen man während der letzten Zugabe fluchtartig das Gebäude verlassen muss, weil die Bahn leider keine Rücksicht auf arme Konzertbesucher nimmt. Saftladen. Egal. Mein Fazit: Saugeil und ich freue mich wie Bolle auf eine Wiedersehen auf dem Serengeti.
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Millencolin – 04. Mai, Köln

Millencolin haben mich eigentlich gar nicht interessiert. Dieser ganze Skatepunk war nie so wirklich meine favorisierte Musikrichtung, mittlerweile nähern wir uns aber ganz vorsichtig immer mehr an. Jedenfalls musste ich sowieso für eine Nacht nach Köln, hatte keine Lust mit meinem Kollegen rumzuhängen und wenn so eine Band quasi direkt vor der Hotelzimmertür aufspielt: Warum nicht?

Um es kurz zu machen und mich selbst zu zitieren: Sie schafften es von „kann man mal mitnehmen“ zu „meine Fresse, sind die geil!“ in drei Songs. Das Publikum gab alles und zog 75 Minuten lang konsequent den Circle Pit durch. Ich habe es leider versäumt, den Gitarristen hinterher für zuhause einzupacken, aber dann mache ich das halt beim nächsten Mail. Und ich habe die Befürchtung, dass mich dieser Skatepunk mit 15 Jahren Verspätung doch noch kriegt.
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Gesamtfazit: Gebt mir mehr davon!

Live noch besser als wie auf Platte.

Apr
22

Ich greife hin und wieder gerne mal ein Stöckchen auf, das man mir vor die Füße wirft und dieses Mal heißt es: Bands, die ich unbedingt einmal live sehen muss. Ein paar davon sind zum Glück schon zum Greifen nahe und die Reihenfolge ist vollkommen willkürlich gewählt.

Na dann legen wir doch mal los:

Bands, für die ich schon Karten habe

Against Me! (2x)
The Offspring
Bad Religion

Bands, für die ich noch Karten brauche

Limp Bizkit
Farin Urlaub Racing Team

Bands, die mal (wieder) rumkommen müssten

The Rumjacks
Reel Big Fish
Streetlight Manifesto
Boysetsfire
Lagwagon
Seeed
3 Doors Down
Rise Against

Bestimmt habe ich irgendwen total wichtiges vergessen. Und sicherlich ich das nur eine Momentaufnahme. Außerdem bedauere ich es, dass ich einige Bands und auch Sänger niemals live sehen werde, außer Emmett Brown parkt plötzlich vor meinen Füßen. The Ramones. The Clash. Dead Kennedys. Sex Pistols. The Pogues. Johnny Cash. Und die Wohlstandskinder, bei denen ich es in jungen Jahren so lange hinausgezögert habe, bis es sie nicht mehr gab.

Ms. Horrible’s Sing-Along Blog

Apr
13

Manchmal denke ich mir, es wäre schon ganz cool, wenn der Alltag einen Soundtrack hätte. Nein, mein Leben soll keine Musicalepisode haben. Ich möchte um Himmels willen nicht, dass vor mir jemand auf den Bürgersteig springt und mir „They got the mustard out!“ ins Gesicht schmettert. Außer die Nummer würde von Zach Braff performt, dann könnten wir da noch einmal drüber reden. Aber wenn über den Tag verteilt immer wieder Musik einsetzen würde, die Spannung aufbaut, vor einer gefährlichen Situation* warnt (*mir) oder alle im richtigen Moment zu Tränen rührt, fände ich das recht amüsant.

 

Nach dem vierten Snoozen

The first song of the day should give you a real good start
This song should remind all lovers to kiss before they part
Instead it’s often torture, it’s often pain
Sometimes those songs are liable to drive your mind insane

Bela B. – Lee Hazlewood & Das Erste Lied Des Tages

Radio am Morgen ist auch so ein totales Unding. Man mag es kaum glauben, aber euer Berufssonnenschein ist ein Morgenmuffel. Wer mich vor der zweiten Tasse Kaffee anspricht, riskiert seinen Kopf. Das gilt auch für Radiomoderatoren. Was meinen eigenen Kopf leider nicht davon abhält, regelmäßig mit den übelsten Ohrwürmern an den Start zu gehen. Ach, welch‘ Ironie.

 

In der Stadtbahn

It’ll take you as high as the Heavens
It’ll take you to the depths of Hell
It’ll make you friends, it’ll take your friends
Who will never live to tell

Social Distortion – Drug Train

Es gibt eine eisenere Regel in Bielefeld: Die komischen Vögel fahren immer Bahn. Gerade auf dem Weg zur Arbeit, wo man sowieso immer die selben Leute sieht und deren Eigenheiten genauestens unter die Lupe nehmen kann. Ein schier endloser Trip. Naja, wahrscheinlich finden die mich nicht weniger skurril.

 

Was mache ich eigentlich hier?

Everybody wants to be an astronaut
And take the long tall trail into the stars
Everybody wants to show a brother what they got
Everybody wants to be an astronaut

Royal Republic – Everybody Wants To Be An Astronaut

Die späte Erkenntnis nach dem ersten Blick in den Posteingang: Hätte ich doch bloß etwas gescheites gelernt. Astronaut. Cowgirl. Verrückter Professor. Hauptsache irgendetwas ohne Kunden.

 

Der Lichtblick

The waiting seems eternity
The day will dawn of sanity
Is this a kind of magic?
It’s a kind of magic

Queen – A Kind Of Magic

Hat da etwa gerade etwas geklappt? Kam da wirklich ein Lob? Dann ist jetzt der richtige Moment, um eine Runde um die Schreibtischinsel zu tanzen, die Kaffeetasse durch die Luft zu wirbeln und sich selbst zu feiern. Ällabätsch, ich bin klug und ihr seid’s nicht.

 

Zu früh gefreut

Do you remember
when you were young and you wanted to set the world* on fire?

*this place
Against Me! – I Was A Teenage Anarchist

Wie uns die Emma kürzlich lehrte, werden Amokläufe fast ausschließlich von Männern begangen. Ich kann persönlich nicht bestätigen, dass Frauen seltener den Drang verspüren, einfach einmal alles anzuzünden. Denn aktuell hilft mir nur die gelegentliche Lektüre eines Dilbert-Comics , damit ich mir überhaupt noch irgendwie einreden kann, dass das alles so vollkommen normal ist.

 

Gute Nacht

Must it take a life for hateful eyes
To glisten once again
‚Cause we find ourselves in the same old mess
Singin‘ drunken lullabies

Flogging Molly – Drunken Lullabies

Wer sich regelmäßig abends mit den Worten „Wie immer.“ verabreden kann, der kann auch von „the same old mess“ sprechen. Könnte schlimmer sein.

Once more, with feeling.

Jan
06

Kennt ihr diesen Moment, wenn man unterwegs ist,

total gestresst,

mit leerem Kopf,

noch nicht richtig wach,

dabei auf gut Glück irgendwelche Musik einschaltet und dann fischt der Player aus hunderten Song genau diesen einen heraus, der perfekt in den Augenblick passt? Ein vergessener Track, der vielleicht dennoch schon seit Tagen heimlich im Kopf herumgeisterte. Weil er einfach alles zusammenfasst, was einen gerade beschäftigt. Der einen scheinbar grundlos lächeln lässt, einem die Tränen in die Augen treibt, bei dem man fast stehen bleiben möchte und durch den man alles um sich herum von einer Sekunde auf die andere komplett ausblendet. Manchmal sogar Bäume und Laternen.

Well swing a little more…

Aug
20

Aus. Schluss. Vorbei. Das war es, mein erstes Serengeti Festival. Und ganz bestimmt war ich dort nicht zum letzten Mal. Schlimm genug, dass ich damit so lange gewartet habe. Denn Festivals sind toll und vor allem: Ich musste dafür nicht mal im Zelt schlafen. Yey! Denn hätte irgendeine höhere Macht gewollt, dass ich in einem Zelt übernachte, wäre ich Indianer geworden.

DSC_0349Zugegeben: Das Line-Up hätte besser sein können, gerade am frühen Nachmittag fehlte irgendwie irgendwas mit Schwung. Eine ordentliche Ska-Kapelle, die gemacht hätte, dass ich keine Minute länger freiwillig auf dem guten Senner Sandboden liegen geblieben wäre. Nichts gegen unsere Frühstücksgewohnheiten, aber so ein kleiner musikalischer Muntermacher wäre schon fein gewesen.

Aber genug gemotzt, denn in Wirklichkeit war es ziemlich gut und unfassbar lustig. Und da wir den Regen direkt nach Bielefeld geschickt haben, kamen wir auch recht glimpflich dabei weg. Natürlich nur dann, wenn man nicht gerade in einer Regenjacke mit unverschweißten Nähten rumlief, aber wer macht sowas schon… Egal, hauptsache das Bier verwässerte nicht allzu sehr.

Aber so ein Festival ist ja mehr als Spaß und Bier. Musikalisch hat der Freitag ganz schön einen vorgelegt. Bei Flogging Molly in der zweiten Reihe zu stehen war schon so richtig geil. Auch wenn ich da mit blauen Flecken und Muskelkater vom Abfangen der Pit-Ausläufer wieder raus bin bleibt mein Fazit: Meine Fresse, was macht der alte Mann für eine fantastische Show! Das war ganz bestimmt nicht mein letztes Flogging-Molly-Konzert.

[Dafür aber direkt im Anschluss unter Garantie mein letztes Konzert vom Kasperle, denn für arrogantes Getue und komisches Rumgehopse steige ich hier in Bielefeld einfach nachts am Jahnplatz aus und lasse mich dort anpöbeln.]

DSC_000031Samstag war ich da schon etwas skeptischer, da standen NOFX ganz oben auf der To-View-Liste. Und das eigentlich auch mehr als Pflichtprogramm, denn ich finde die auf Platte irgendwie recht unspektakulär. Aber live sind die echt witzig und machen ordentlich Stimmung. Macht zwei Volltreffer an einem Tag, kurz vorher waren nämlich noch die mir bis dato unbekannten Black Lips dran und haben mit sehr viel Freude bereitet.

Mein Sonntagshighlight wird hier sicherlich wieder die ganze Kritiker auf den Plan rufen, aber ICH stand vorne drin und hatte eine Stunde lang ganz großen Spaß: Papa Roach. Es war sogar noch viel besser, als damals im X in Herford. Punkt.

One Down, Five to Go.

Jul
21

Die Erkenntnisse des gestrigen Abends: Terry Jones sieht mit Kopftuch und Kittelschürze mittlerweile ganz genauso aus wie meine Oma. Und wenn ich einmal groß bin, werde ich Peniskanonenauslöserin. Aber nun mal schön der Reihe nach.

Es ist Sonntagabend, kurz nach 20 Uhr, und schon jetzt habe ich alle Hoffnung aufgegeben „I like Chinese…“ jemals wieder aus dem Kopf zu bekommen. Der Countdown zählt quälend langsam die Sekunden bis zum Start des allerallerletzten (wer’s glaubt…) Auftritts von Monty Python herunter. Ich sitze nervös wippend im Kinosessel und habe für meinen Platz 22 Euro hingeblättert, nur um mir die Liveshow von fünf alten Männern anzusehen. Ich, die noch vor wenigen Monaten schrieb, wie wenig sie doch mit dieser britischen Blödeltruppe (und Terry Gilliam) anfangen könne. Ja, ich habe mich eines Besseren belehren lassen. Danke, dass ihr mich dazu gezwungen habt.

Ich mag nicht auf alle Sketche erzählen, alle Musicalnummer, jede klischeebeladene, blasphemische, respektlose Einzelheit. Eigentlich möchte ich gar nichts davon erzählen. Falls ihr es wirklich gewagt habt, euch das entgehen zu lassen, dann guckt die Show nächste Woche auf ARTE an oder kauft brav die DVD, Blu Ray oder ein handgeklöppeltes Daumenkino. Erwartet kein Life of Brain und keine Kokosnüsse, denn dieser Abend war knallebunt, voller Glitzer und mit Eric Idle als phänomenalen Showmaster. Es gab gute Showgirls, die weniger gut gemachten Brüste von Carol Cleveland und Michael Palin in Strapsen. Und es gab einen Cameo von Mister Stephen Hawking himself, der in seinem Rolli mal fix den selbstverliebten Brian Cox umbretterte. Die Szene brauche ich übrigens unbedingt noch als .gif in der Endlosschleife.

Vor allem aber, möchte ich irgendwann mal die Person sein, die in der ausverkauften O2 Arena – während einer Liveübertragung in aller Herren Länder – eine rosa-weiße Zuckerstangen-Peniskanone auf die Bühne schiebt, aus der Schaum und Seifenblasen spritzen.

In the beginning there was nothing, which exploded.

Jun
02

Das ist ein Zitat aus dem ersten Kapitel von Terry Pratchetts „Lords and Ladies“. Natürlich geht er danach wieder fließend zur Scheibenwelt über, welche bekanntlich auf dem Rücken von vier Elefanten ruht, die wiederum von der Schildkröte Great A’Tuin durch das Weltall getragen werden. Damit wären wir aber ganz weit weg von dem, über das ich eigentlich bloggen wollte. Nämlich über die Wissenschaft. Genauer gesagt über Biologie, Chemie und Physik. Und ein wenig über die Mathematik. Aber eigentlich ist Mathe das doofe Stiefkind, das nicht mit auf den Ball darf und stattdessen die Treppe schrubben muss.

In der Schule fand ich diese Fächer natürlich genauso langweilig wie jeder andere. Allerdings hatte ich den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass mir dieser mathematisch-logische Quatsch bis zum Schluss ziemlich leicht fiel. Aber nur weil man etwas ganz gut kann, muss es einem noch lange nicht Spaß machen. Wenn man zwei Monate lang Kreuztabellen mit gelben und grünen Erbsen zeichnet, um die Mendelschen Regeln zu verstehen, dann ist das langweilig. Wenn zum fünfzehnten Mal der absolute Nullpunkt abgefragt wird, dann ist das langweilig. Und die drei Jahre zwischen der siebten und zehnten Klasse ändern nichts daran, dass die Wahrscheinlichkeit für Kopf oder Zahl bei einer Münze 1/2 ist. Verblüffend.

Sicherlich hat man die Themen nicht so breitgetreten, nur um mich zu ärgern. Aber wie soll man Gefallen an etwas finden, wenn die Grundlagen so gähnend langweilig vermittelt werden?

Mittlerweile mag ich die Naturwissenschaften total gerne. Natürlich nicht in dem Sinne, dass ich zuhause sitze und die Flugbahnen von Gegenständen anhand von Masse und Geschwindigkeit ausrechne. Was ich früher sogar mal konnte. Und was hin und wieder vielleicht sogar ganz praktisch wäre, denn dann könnte ich den Boden an der richtigen Stelle schützen, BEVOR ich mal wieder Lebensmittel durch die Küche katapultiere. Nein, mehr in dem Sinne, dass mich Zusammenhänge interessieren. Weil ich wissen möchte, wieso Blätter bevorzugt grün sind. Weil ich wissen möchte, was ein Schwarzes Loch ist. Und weil ich wissen möchte, wieso gerade das Bärtierchen das abgeklärteste und tougheste Wesen auf diesem unseren Planeten ist.

Ich habe etwas für mich gefunden, das genau diese Neugierde stillt: Cosmos: A Spacetime Odyssey ist das Remake einer Wissenschaftsserie von 1980 und erklärt mir die Welt. Und außerdem das Universum. Innerhalb einer Folge werden da auch schon mal nacheinander und ohne Luft zu holen Photosynthese, Geruchsstimulation, der Aufbau von Atomen, Kernfusion, Neutrinos und der Energieerhaltungssatz abgearbeitet. Zur Auflockerung gibt es in jeder Folge noch die ein oder andere Anekdote. Beispielsweise, dass Isaac Newtons Hauptwerk „Philosophiae Naturalis Principia Mathematica“ von der Royal Society zwar abgenickt, aber dann doch nicht selber finanziert wurde, weil die ihr Budget schon für De Historia Piscium, die Geschichte der Fische, auf den Kopf gehauen hatten. Herrlich!

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich bislang erst sechs Folgen gesehen habe. Das liegt ganz einfach daran, dass ich mich dafür dann auch wirklich 45 Minuten lang am Stück konzentrieren muss. Ich will mir schließlich weder irgendwelches Wissen, noch irgendeinen Fun Fact entgehen lassen. Wer weiß, auf welcher Party man das nicht doch noch mal gebrauchen kann.

Durch die Nacht mit Bela B.

Mai
07

5. Mai 2014, kurz vor 21 Uhr, die Verfasserin dieses Blogeintrags steht vor der Bühne und hibbelt. Gleich soll er auf die Bühne kommen, der Humanboss, der Pornoboy, der Graf. Na gut, ein „Boy“ ist Bela B mit 51 wirklich nicht mehr, aber nach 34 Bühnenjahren hat man doch irgendwie Narrenfreiheit. Mittlerweile vergisst er seine Texte zwar eher wegen des Alters und nicht mehr wegen Alkohol und anderen Substanzen, aber irgendwie ist er immer noch punk. Bewusst als Adjektiv benutzt. Denn anders als Campino hat er sich nicht auf der Schiene des Altpunks festgefahren. Die Soloprojekte sind noch weniger Punk Rock als die letzten drei Ärzte-Alben und beim Konzert wird auch deutlich, wieso das so sein muss.

Es war mein drittes Solokonzert des Herrn B, dreimal Ringlokschuppen, dreimal vorne links in der zweiten Reihe. Die ersten beiden Auftritte und Alben waren die eines Showmasters im silbernen Pailettenanzug. Am Montag betrat allerdings ein deutscher Johnny Cash die Bühne. Im Westerhemd mit Tolle und Akustikgitarre. Aber das aktuelle Album „Bye“ und die neue Begleitband Smokestack Lightnin‘ hatten diese Entwicklung doch schon sehr deutlich gespoilert. Die waren übrigens auch gleichzeitig die Vorband, what a crazy random happenstance. Den Frontmann am Kontrabass fand ich aber 2009 schon ziemlich cool. Damals, als Smokestack Lightnin‘ noch vor Bela B y Los Helmstedt spielten. Und die neue Frontfrau, Miss Peta Devlin, passte auch wunderbar in diese ganze Country-Geschichte mit hinein. Manch einer wird sie als Teil von Oma Hans kennen und irgendwie sagt das auch schon alles.

Das Konzert selbst war wieder einmal toll. Aber eben ganz anders, als irgendein vorheriges Solokonzert von ihm oder geschweige denn ein Auftritt von den Ärzte. Mehr so schubbidu und schwing den Po. Was mich beim Album noch gestört hat, gefiel mir live echt gut. Genauso wie die Country-Twist-Version von „Manchmal haben Frauen“. Wenn der alte Mann mit dem Tamburin über die Bühne swooft, dann macht das einfach gute Laune.

Mehr von den alten Songs wäre schon nett gewesen. Mehr schnelle Nummern, bei denen jeder hätte mitsingen können. Das hätte der Stimmung gut getan. Wobei ich selbst von mir positiv überrascht worden bin und alle neuen Lieder von Anfang bis Ende auswendig konnte. Und das obwohl ich das Album nach der Veröffentlichung letzten Monat echt stiefmütterlich behandelt habe. Aber vielleicht bin ich nach 16 Jahren einfach so drin, dass ich die Reime im Zweifelsfall auch selber schreiben könnte. Vielleicht nicht alle, denn manche Strophen hätten auch dem merkwürdigen Verstand des Farin U. entsprungen sein können.

Der kleine Streichholzmann war von dem Zündholzmädchen sofort fasziniert
So war er schon in ihrem Bann, bevor er wusste, was ihm da passiert
Er hat in ihr auch gleich die Liebe seines Lebens erkannt
Da fing sie an zu glühen und sie sind aneinander verbrannt

Kleiner Streichholzmann
Was tust du dir an?
Wenn die Glut erlischt
Bleibt am Ende nischt

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