Ernährung als Anker für die Psyche

In den letzten Jahren geisterten immer wieder Studien durch die Welt, dass Abnehmen Depressionen fördert. Diäten sind Stress. Der Jojo-Effekt ist noch stressiger. Schokolade macht glücklich.

Auch Vegetarier leiden eher unter Depressionen. Und unter Krebs. Behauptete zumindest noch vor kurzer Zeit eine Studie, die innerhalb kürzester Zeit von Fachkollegen komplett auseinander genommen und als Unfug eingestuft wurde. Leider sind die Medien da weniger kritisch und schnell auf den Zug mit aufgesprungen.

Ich will nicht behaupten, dass ich mit der Umstellung meiner Ernährung ein Allheilmittel gegen psychische Probleme gefunden habe. Aber ich kann davon berichten, dass es mir bis heute geholfen hat und vielleicht auch dem ein oder anderen einen positiven Impuls geben.

Anfang 2016 stand ich vor einer unüberwindbaren Wand. Mein damaliger Arbeitgeber trieb mich unermüdlich einem Burnout entgegen. Privat steckte ich in einem Loch, ich fühlte mich unwohl in meinem Körper und wäre am liebsten gar nicht mehr vor die Tür gegangen. Als dann der verhasste Job wegfiel, hatte ich auch keinen wirklichen Grund mehr, morgens noch eine Hose anzuziehen, geschweige denn die Wohnung zu verlassen. Dabei sagt einem jeder Therapeut, dass gerade ein geregelter Tagesablauf ein erster, wichtiger Schritt aus der Depression ist.

Deshalb suchte ich mir ein Thema, mit dem ich mich sowieso jeden Tag mehrmals beschäftigen musste und dass ich bis dato eigentlich auch immer sehr genossen hatte: Essen.

Ich musste essen, ich wollte essen. Ich wollte vor allem gut essen, denn meine Ernährung war davor schon viele Jahre ein wichtiges Thema für mich. Außerdem esse ich schlicht und ergreifend gerne leckere Dinge. Kochen und Backen haben mir immer viel Freude bereitet und ich merkte, dass sich daran nichts geändert hatte. Um abwechlungsreich und lecker Kochen zu können, musste ich außerdem zum Einkaufen aus dem Haus, damit schlug ich zwei Fliegen mit einer Klappe.

Parallel entschied ich mich, erst einmal auf Fleisch zu verzichten. Ich wollte auf Qualität achten und das funktionierte nicht mit einem Pfund Hackfleisch für 1,59. Gleichzeitig hatte ich als Tierfreund plötzlich ein gutes Gewissen in der Küche. Zum Glück aß und esse ich selten mit anderen Leuten zusammen, so dass der Stress ausblieb, mich für meinen neuen Ernährungsstil rechtfertigen zu müssen. Ich tat es allein für mich und war stolz darauf, dass ich von mir aus neue Gerichte und Lebensmittel ausprobierte und das Ergebnis auch noch schmeckte.

Stolz ist für mich ein wichtiges, positives Gefühl. In meiner Therapie haben wir oft nach Momenten gesucht, in denen ich mich gut fühlte, und meistens schwang in diesen eine ordentliche Portion Stolz mit. Stolz auf die geleistete Arbeit und das tolle Ergebnis. Stolz, weil ich etwas Neues ausprobiert hatte. Stolz, mich doch noch abends mit Freunden getroffen zu haben, obwohl alles in mir dagegen protestierte.

Vermutlich ist deshalb auch die Ernährung ein funktionierender Anker für meine Psyche. Weil ich stolz auf meine Leistung sein kann. Ich koche gesund, abwechlungsreich und lecker, das können die wenigsten Leute von sich behaupten. Mittlerweile poste ich sogar regelmäßig Fotos auf Instagram und in der Weight-Watchers-Community und freue mich über das rege Feedback. Vor kurzem hätte ich noch gespottet, dass es aufmerksamkeitsheischend und albern ist. Stimmt. Aber es ist trotzdem schön.

Apropos Weight Watchers. Dieser Blogpost fing damit an, dass angeblich auch Diäten schlecht für die Psyche wären und Depressionen fördern würden. Gerade im Winter, wo es laut einiger „Wissenschaftler“ völlig natürlich wäre, sich eine Speckschicht anzufuttern und damit glücklich zu sein. Ich bin glücklich damit, seit September einige Kilos abgeworfen zu haben. Glücklich und selbstbewusst.

Sicherlich gibt es Wochen, in denen man sich ärgert, weil es nicht so gut läuft. In denen man frustriert und wütend auf sich selber ist. Aber im Großen und Ganzen geht es mir einfach besser. Und ich habe nicht vor, mich irgendwann wieder auf mein Höchstgewicht von 20 Kilo mehr zu fressen. Dass so ein Jojo-Effekt depressiv machen kann, diesen Punkt kann ich als Studienergebnis nachvollziehen.

Bis dahin ist Essen ein Hobby, dass mir Freude macht. Es macht mir Freude, neue Gerichte auszuprobieren, neue Zutaten zu entdecken und meine Woche zu planen. Ich stöbere ständig nach neuen Ideen und genieße am Ende jeden Bissen. Selbst wenn ich Tage habe, an denen es mir nicht so gut geht, weiß ich, dass an ihrem Ende eine reichhaltige, gesunde und leckere Mahlzeit auf mich wartet, die mir keiner nehmen kann.

Ein Sommer als Vegetarierin: Ein Selbstversuch.

Ich liebe Fleisch. Ich bin diejenige, die von den Kollegen am Geburtstag ein Mettbrötchen mit Kerze statt eines Kuchens überreicht bekommt. Meine erste Frikadelle gab mir mein Vater – zugegebenermaßen aus lauter Verzweiflung – mit genau sechs Monaten. Ich esse mein Steak am liebsten fast roh, lernte zwischen Schweinehälften in der Wurstküche der Metzgerei meines Onkels das Laufen und bin vermutlich kurz danach in einen Kessel mit Grillgut gefallen. Und dennoch verzichte ich nun schon seit drei Monaten komplett auf Fleisch.

Drei Monate schon? Huch, dann ist es aber allerhöchste Zeit, das langsam auch mal zu verbloggen. Vegetarisch zu leben, ohne darüber zu schreiben? Das ist vielleicht möglich, aber am Ende doch völliger Unsinn. Hashtag Veggielove. Obwohl, jetzt muss ich ein wenig zurückrudern. Ich „sündigte“ mit Matjes. Zweimal. Was mich zu dem Punkt bringt, warum ich den Quatsch überhaupt mache. Ich habe generell nichts gegen ein gutes Stück Fleisch auf dem Teller. Aber ich habe mich dazu entschieden, Hähnchenschenkel nicht mehr für 1,80 € das Kilo beim Discounter zu kaufen. Oder Wasser mit Fleischwurstgeschmack im Plastikdarm. Qualität und bewusstes Essen an Stelle von unüberlegtem Konsum. Deshalb geht für mich auch in Matjesbrötchen in Ordnung, denn der kleine Kerl stammt sicherlich nicht aus Käfighaltung.

Für gutes Fleisch ist mein Budget aktuell zu klein, also esse ich lieber gar keins. Das klappt tatsächlich erstaunlich gut. Gerade beim Abendessen stand bei mir sowieso seit Jahren Gemüse im Fokus. Nur manchmal fehlt ein wenig Schinken als Geschmacksträger. Und Sojaschnetzel sind einfach kein Gehacktes. Übrigens sind draußen aktuell knapp 30 Grad und während ich über Fleisch im Essen sinniere, sabbere ich ein wenig beim Gedanken an den ersten Grünkohl mit Kohlwurst kommenden Winter. Die Fleischfresserin in mir wird man wohl niemals totkriegen. Also liebe Ostwestfalen, liebe Sauerländer: Kein Grund zur Sorge. Allerdings werde ich für die Kohlwurst diesen Winter eventuell eher mit dem Weidenkörbchen unter Arm auf den Biohof fahren und dort direkt vom Schwein pflücken.

I’ve been Cooked!

For is there any practice less selfish, any labor less alienated, any time less wasted, than preparing something delicious and nourishing for people you love?
– Michael Pollan (Cooked)

Andere Menschen werden Punk’d (für die älteren Leser: Das ist „Verstehen Sie Spaß?“ mit Ashton Kutcher als Kurt Felix), ich wurde Cook’d. Was deutlich schöner ist. Cooked ist ein Netflix-Dokumentation rund ums Essen und kommt ganz ohne McDonalds-Verriss und Bilder aus Legebatterien aus. In vier Folgen wird gezeigt, wie Wasser, Feuer, Luft und Erde unsere Ernährung und unser Kochen beeinflussen. Und was ich da gelernt habe, hat mich bis heute nicht losgelassen.

Rezensionen sollte man möglichst zeitnah schreiben, damit man nicht schon wieder alles vergessen hat. Bei mir ist es jetzt schon fünf oder sechs Wochen her und mein Gehirn hat die Informationen mittlerweile schon gut selektiert. Der Grundtenor ist aber hängen geblieben: Wir essen zu viel Junk Food (stark fett-, salz- oder zuckerhaltige Lebensmittel), Fast Food und Processed Food (industriell verarbeitete Lebensmittel). Da kann ich Michael Pollan nicht widersprechen. Wer im Supermarkt in fremde Einkaufswagen guckt oder wie ich eine zeitlang an der Kasse gearbeitet hat, der weiß, welchen Stellenwert Fertigpizzen und Maggi Fix für Spaghetti Bolognese in der deutschen Küche haben.

Auch ich röste meine Chips nicht selber. Ich greife gerne zum TK-Spinat und kaufe mein Bier im handlichen Gerstensaft-Sextett. Dennoch ist es mir wichtig, jeden Abend möglichst frisch zu kochen. Aus Prinzip ganz ohne Tüten, den Blubb mache ich selbst an den Spinat und Fertigfrikadellen aus der Packung riechen nach Pups. Cooked hat mir gezeigt, dass da noch Luft nach Oben ist. Der Durchschnittsamerikaner steht am Tag 27 Minuten in der Küche (den ganz zum Kühlschrank nicht mitgerechnet) und ich würde fast sagen, dass es hierzulande sogar noch weniger ist. Mit einer warmen Mahlzeit am Tag lande auch ich selten bei einer halben Stunde. Aktuell ist es etwas mehr, da ich mir mein Mittagessen / Frühstück jetzt auch selber koche und nicht einfach nur beim Bäcker eintüten lasse. Aber ansonsten sind Nudeln mit Gemüse doch blitzschnell gemacht. Selbst Gulasch muss man nicht drei Stunden lang beobachten, der kann das mit dem Schmoren auch ganz gut alleine.

Doch ich merke, wie sich meine Denke ändert. Seit ein paar Wochen backe ich einmal in der Woche mein Brot selber. Dafür hege und pflege ich täglich einen Sauerteigansatz, um am Wochenende ganz ohne Hefe ein frisches Brot auf den Tisch zaubern zu können. Weil es einfach viel leckerer und bekömmlicher ist (Zitat: Omma McCover). Und über so ein frisches, noch leicht warmes Brot mit gesalzener Butter geht ja auch nicht viel drüber. Vielleicht ein frisches, noch leicht warmes Brot mit gesalzener Butter und Bärlauch. Total simpel und eine günstige Alternative zu den Supermarktprodukten, bei denen man nie so genau weiß, was da eigentlich alles drin ist.

Für die nächsten Tage habe ich mir bereits ein paar Rezepte rausgesucht, mein denen ich die Produkte ersetzen möchte, die ich sonst aus Bequemlichkeit fertig kaufe. Rotes, grünes und Bärlauchpesto zum Beispiel. Oder Pastateig. Den habe ich mir schon länger vorgenommen. Sicherlich nicht täglich, aber als Variation. Kefir steht auch noch auf der Liste. Für weitere Tipps und Ideen bin ich offen. Sie sollten sich nur in meinem 4qm-Küchenkämmerchen und ohne Profikochaussrüstung umsetzen lassen.

Sollbruchstelle oder soll sie nicht.

Ich bin – zugegeben – nicht gerade die geschickteste Person auf diesem Planeten. Meine Art der Essenszubereitung würde eine Frauenzeitschrift wahrscheinlich mit „Bück dich, du Sau – Spielend 50 Kniebeugen in den Alltag integrieren“ betiteln. Weil bei mir in der Wohnung Katzenhaltung leider verboten ist, muss ich die Sachen halt selber vom Schrank schubsen. Doch wer nun glaubt, die Schwerkraft wäre mein größter Feind, der irrt. Mein größter Feind sind Sollbruchstellen.

Sollbruchstellen sollen uns dabei helfen, zusammenhängende Teile ohne Zuhilfenahme von Messer, Schere oder Kettensäge an einer zuvor festgelegten Stelle voneinander zu trennen oder diesen Gegenstand leichter zu öffnen. Dafür haben diese Dinge entweder eine Perforation oder eine Einkerbung. Klingt im ersten Moment total praktisch. Und nun denken wir mal alle an unseren letzte Kampf mit einer Konservendose mit Aufmachnupsi. Da müsste die Sollbruchstelle eigentlich an dem Punkt sein, wo sich das vordere Ende des Nupsis in den Deckel drückt. In Wahrheit gibt es aber in jeder Konservendosenfabrik offensichtlich eine Maschine, die Chargen mit der Sollbruchstelle direkt an der Nupsi-Aufhängung produziert. Ehe man sich versieht, hat man diesen dann plötzlich in der Hand und sucht fluchtend nach dem Dosenöffner.

Ein anderes Beispiel ist Schokolade. Eine durchschnittliche Tafel Milka-Schokolade besteht aus 24 angedeuteten Stücken, bei Ritter-Sport sind es 16. Das ist ganz gut, wenn man die Tafel unter mehreren Personen (Kindern) gerecht aufteilen möchte oder wenn man wie ich total auf Symmetrie steht. Anders als bei Obst, M&Ms oder Chips muss man hier nicht nach Schönheit, Größe und Farbe sortieren, sondern kann einfach drauf losessen (ok, die Randstücke immer zuletzt, aber das versteht sich hoffentlich von selbst). So die Idee. In der Realität bricht die Schokolade aber sowieso da, wo sie möchte. Oder habt ihr schon einmal Toblerone gegessen, ohne euch dabei zwei bis fünf Finger zu brechen? Dennoch, nur Tiere und Sigmar Gabriel essen Schokolade so, wie die Frauen in der Werbung:

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Sollbruchstellen sind allgegenwärtig. Auf Briefbögen mit Fahrkartenabos. Zwischen Fruchtzwergebechern. Und vergessen wir bloß nicht den Aufreißnippel an manchen Milchtüten. Hat schon einmal irgendjemand von euch an diesem Plastikring gezogen, ihn nicht direkt abgerissen UND ist dabei fleckenfrei geblieben? Dann Glückwunsch: Du gehörst zu 0,01% der Bevölkerung und bist wahrscheinlich hochbegabt. Es mag eine Nischenbegabung sein, aber sehr viele Menschen werden dich darum beneiden.

Erst heute Nacht versuchte ich minutenlang, eine Ibuprofen 400 in der Mitte zu teilen. Das hat mich so sehr aufgeregt, dass im am Ende doch beide Hälfte genommen habe. Wahrscheinlich ist das auch das Ziel der Industrie: Eine Teilbarkeit zu simulieren. Nicht grundlos hat man bei der Schokolade gleich vier Stücke in der Hand, wenn man sich eigentlich nur eins abbrechen wollte. Sind wir mal ehrlich: Die restlichen drei Stücke kann man dann ja auch schlecht wieder zurücklegen, das wäre denen gegenüber nicht fair.

Ein wirklich tolles Rezept, aber…

Was auf Facebook „Ich bin ja kein Nazi, aber…“ ist, das ist auf Chefkoch.de „Ein super leckeres Rezept, aber…“. Jetzt ist Vorsicht geboten. Ich weiß, man soll keine Kommentare lesen. Auf keinen Fall jemals irgendwo. Aus, pfui, Finger weg. In den Kommentarspalten darf sich jeder austoben, der in seinem Leben noch nie etwas geschafft hat und auch nie etwas eigenes zustande bringen wird. Außer vielleicht Kind Nummer 5. Ronny-Pascal oder Cheyenne-Priscilla. Irgendetwas typisch deutsches halt.

Aber ich schweife ab. Ich weiß auch schon gar nicht, wie ich von Schweinespeck auf Nazi kam… Ist ja auch egal. Jedenfalls bekenne ich mich nun öffentlich dazu, gelegentlich nach Rezept zu kochen und (Obacht!) ich überfliege auch noch die Meinungen anderer Nutzer. Das macht hin und wieder auch durchaus Sinn und liefert Antworten auf Fragen, wie: Woran erkenne ich die ideale Backzeit? Nehme ich lieber die gekringelten Nudeln oder die mit dem Loch drin? Was mache ich, wenn der Supermarkt meines Vertrauens gerade keine Dracheneier mehr auf Lager hat? Sowas halt.

Ich finde es gut, wenn ich aus den Kommentaren lerne, dass man für ein Risotto auch ruhig Milchreis nehmen kann. Oder dass man in Ermangelung einer Rinderschulter das Ragout auch aus Beinscheiben kochen kann. Das hat mir schon so manche Supermarktodyssee am Wochenende erspart. Aber wenn dann jemand anfängt, ein Gericht komplett auseinanderzunehmen, dann werde ich rasend. Vor allem dann, wenn im Einleitungssatz erst einmal die supertolle Zusammenstellung der einzelnen Komponenten gelobt wird.

Nehmen wir einmal das Rezept „Dicke Bohnen mit Speck – so machte sie meine Oma“. Oma Else macht die Bohnen bestimmt schon seit 1947 so, nachdem ihr das erste Mal nach dem Krieg ein ahnungsloses Schwein munter in der Arme galoppiert war. Es starb nicht umsonst. Dank Bohnen, Sahne und natürlich ordentlich Speck kriegte die Familie endlich mal wieder selbigen auf die Rippen. Wie es sich gehört in ordentlich Öl angebraten. Mein Magen knurrt schon wieder.

Nun kommt Chefkoch.de-Nutzerin Dingenskirchen. Community-Mitglied seit acht Jahren, ebenso lange auf Diät und abgenommen haben bisher nur Mann und Hund. Alba-Öl mit Buttergeschmack mag noch ganz lecker sein, aber wenn Speck und Sahne durch Vegeta ersetzt werden, weil die Sache ja sonst nach gar nichts mehr schmeckt, darf man sich schon mal am Kopf kratzen. Nein, mit Vegeta meint sie nicht der Typen aus Dragonball, sondern den kleine Bruder vom Fondor. So gesund wie eine frische Pilzpfanne aus Tschernobyl.

Versteht mich nicht falsch, bin gehöre auch zu den Vollidioten, die gerne mal aus Überzeugung zur leichten Alternative greifen und sich statt den guten Vollmilch sogar das weiß gefärbte Wasser in den Kaffee schütten. Aber wenn jemand schreibt „Was für ein tolles Rezept für Rinderbraten mit Klößen und Rotkohl! Ich habe es mit Hähnchen, Pasta und Brokkoli gemacht und mein Göga war begeistert!“, dann muss man sich schon ernsthaft fragen, wie oft diese Person ihrer Mutter damals vom Wickeltisch gefallen ist. Kinners, wenn ihr nichts gescheites zu sagen habt, dann schafft euch so eine Bloggeschichte an.

Ich werde mir jetzt zuhause ein schönes Stück Erdbeerkuchen mit Sahne gönnen. Ok, ohne den Kuchen und die Erdbeeren und eigentlich gibts ein feines Leberpfännchen mit Spätzle. Aber ein Schuss Sahne ist da auch bei. Tolles Rezept, gerne wieder.

Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen.

Wahrscheinlich hat das Marie Antoinette niemals wirklich so gesagt, aber wen interessiert das schon im Internet. Fast 250 Jahre später hat sich dieser Spruch aber offensichtlich als das gemeinsame Motto vieler Büros manifestiert. Wie die Bienen stürzen sich Mittvierzigerinnen schon morgens um 10 auf die Schwarzwälder Kirschtorte einer Osnabrücker Konditorei, auf Bienenstich und Donauwelle. Selbst die staubtrockenen Fertigmuffins des hiesigen Backmischungsproduzenten werden in einer Geschwindigkeit verschlungen, bei der sogar ein Labrador-Beagle-Mischling kurz bewundernd innehalten würde.

„Ich mag keinen Kuchen.“ Wahrscheinlich würden die Kollegen nicht weniger entsetzt gucken, wenn ich ihnen gestanden hätte, nach Feierabend ihre Tastaturen abgeleckt zu haben. Während Vegetarier im Büro mittlerweile stillschweigend geduldet werden (schließlich essen sie kommentarlos jedes süße Backwerk und selbst unter der Schnittchenplatte wird schon irgendwo ein Käsebrot vergraben sein), stehen Kuchenverächter auf einer Stufe mit Veganern. Was macht man mit denen?

Dass es für mich vielleicht vollkommen ok ist, morgens um 10 mit einer Tasse Kaffee in der Hand danebenzustehen, entzieht sich dem Vorstellungsvermögen. Ob man denn auf Diät sei? Ja, seit 15 Jahren, aber das eine hat mit dem anderen doch nichts zu tun. Darüber mache ich mir beim Kneipenbesuch schließlich auch keine Gedanken. Oder wenn ich fingerdick den Käse aufs Brot lege. Das wäre alles eine Frage der Planung. Ich mag auch hin und wieder mal 1-2 Kekse, Schokomuffins und sogar den Marmorkuchen meiner Mutter. Aber 98% dieser Backkreationen halt nicht. Wirklich nicht.

Dabei backe ich fast genauso gerne, wie ich koche. Ich finde es total entspannend und liebe es, im Vorfeld stundenlang nach dem besten Rezept zu suchen. Was mir nach Auskunft meiner Versuchsopfer wohl auch immer gelingt. Kuchen, Torten, Kekse, Studel… alles kein Hexenwerk. Wenn danach noch jemand jedes Mal meine Küche für mich kernsanieren würde, wäre es perfekt. Freiwillige bitte vor. Naja, Heidelbeerflecken an der Decke sind doch irgendwie auch ganz chic.

Denkt an die Elektrolyte!

Me­xi­ka­ner, der (Substantiv, maskulin): Einwohnerbezeichnung zu Mexiko… Moment, falsch. Unser Mexikaner kommt ursprünglich aus Hamburg und ist ein feurig-pfeffriges Schnäpschen auf Tomatenbasis. In Bielefeld ein absolutes Muss, wenn man sich mal in den Heimat+Hafen oder ins Plan B verläuft. Protipp: Niemals im Gegenüber trinken, die brauen den aus dem Zeug, das ihr Hipsterklientel zuvor aus dem Kugellager ihrer Longboards puhlte.

Es gibt im Internet unzählige Rezepte und fast genauso viele Varianten: Ob mit Korn, Vodka oder Tequila, mit oder ohne O-Saft, ob auf Basis von passierten Tomaten oder doch nur mit Tomatensaft. Ich habe einige Zeit in die Recherche investiert, bis ich ein Rezept fand, das in etwa so klang, wie mein geliebter Elektrolytelieferant in den beiden Stammkneipen schmeckt. Abgeschmeckt und leicht abgewandelt wurde er am Wochenende unter Kenner verköstigt und mit deren Feedback kam nun das als vorläufiger Favorit dabei heraus:

Annas Mexikaner 1.0

0,7 l Korn
1,3 l Tomatensaft
1,0 l passierte Tomaten
1 Flasche Sangrita Pikant
35 ml Tabasco
1 / 3 Tube Tomatenmark

3 EL Zucker
70 ml Zitronensaft
2 – 3 EL Salz
3 – 4 EL Pfeffer (grob gemahlen)

Die Zubereitung ist denkbar einfach:  Alles in eine große (Salat-)Schüssel geben und gut verrühren. Danach muss die Mischung unbedingt über Nacht kalt stehen, bevor sie abgeschmeckt werden kann. Klingt komisch, aber ohne durchgezogen zu sein, schmeckt man nur Korn und Tabasco heraus. Und probiert ruhig aus einem Pinnchen und nicht vom Löffel, die Schärfe kommt so ganz anders durch und man kann die Konsistenz besser abschätzen.

Mexikaner DeluxeBielefelder Mexikaner ist übrigens deutlich dickflüssiger als das Originalgesöff aus Hamburg und wer es ganz dekadent mag, serviert ihn als Mexikaner Deluxe mit Nacho und 1-2 Scheiben Jalapeño on top.

 

Was der Bauer nicht kennt.

Kennt ihr so Erwachsenen-Essen? Also Dinge, von denen ihr damals dachtet, dass die ja ausschließlich von euren Eltern und fiesen Tanten gegessen würden und spätestens mit euer Generation endlich aussterben müssten? Bei mir waren das Leber, Sauerkraut, Wirsing, Zucchini, Kürbis, … Also ich saß nie zuhause in der Küche und hab nach dem Rezepten für Wirsingrouladen gefragt. Oder wo es denn den besten Stinkekäse gäbe. Pfuispinne. Wobei ich noch recht pflegeleicht war. Mein Bruder findet bis heute jeden Champignon im Essen und jede nicht bis zur Unkenntlichkeit verkochte Erbse in der Suppe. Da kennt der nichts. Bei uns gab es von 1990 bis 1994 immer im Wechsel Spaghetti Bolognese und Püree-Auflauf (vergleichbar mit Shepherd’s Pie), damit der Junge nicht vom kleinkindlichen Fleische fiel. Anders als seine Moppelschwester.

Aber mal ganz abgesehen von diesen gruseligen Sachen, gibt es natürlich auch ganz viel exotisches Zeug, das bei uns zuhause einfach nie auf den Tisch kam. Es wäre durchaus möglich, dass meine Eltern grünen Spargel bis heute nur aus dem Fernsehen kennen. Wächst auch so selten im Sauerland vor der Tür. Genauso wie Rucola. Oder Spinat. Den mag meine Mutter nicht und deshalb gab’s den halt immer nur bei Omma und die kann überhaupt nicht kochen. Ob da wohl ein Zusammenhang besteht? Man weiß es nicht.

Ich komme auch nur darauf, weil gerade ein Szegediner Gulasch auf meinem Herd fröhlich vor sich hin blubbert. Da ist erstens Sauerkraut drin und zweitens hat es den bei uns zuhause nie gegeben. Er ist also quasi irgendwann aus dem Nichts auf meinem Speiseplan aufgetaucht. Ganz skurril. Aber nachdem ich nun doch nicht mehr auf die Backstreet Boys stehe, kein Mixbier mehr ordere und die Schlaghose auch schon seit einiger Zeit aus meinem Schrank verschwunden ist, stelle ich mittlerweile meinen Geschmack immer mal wieder auf die Probe. Denn wenn sich der Musikgeschmack ändern kann, dann sicherlich auch der bei Tisch. Und siehe da: Die Erwachsenen waren früher gar nicht alle doof, die waren einfach nur erwachsen.

Ich finde das schon ein bisschen witzig, wenn meine Mutter mich nun zwischendurch fragt, was ich denn so alles koche und dann auch mal von mir dieses komische Labskaus gemacht haben möchte. Im Fernsehen hätte das ja ganz gut ausgesehen, aber alleine traut sie sich da nicht ran. Jau, gerne doch. Für diese fantastische Pampe bin ich immer zu haben. Bei mir persönlich steht als nächstes die ostwestfälisch-lippische Küche auf dem Plan. So langsam wird’s mal Zeit für Pickert und Wurstebrei und vielleicht probiere ich auch mal eine Ecke Möpkenbrot. Einfach nur um eine eigene Meinung dazu zu haben. Für Tipps, zu welchem Bielefelder Metzger / Bäcker / Schuhverkäufer ich dafür gehen oder in wessen Familie in einheiraten sollte, bin ich offen und dankbar.

Es sind die einfachen Dinge.

In einem höchst philosophischen Moment zwischen Bierfass, ostwestfälischer und sauerländischer Mentalität sind am Silvesterabend der Gastgeber und ich schnell auf ein gemeinsames Credo gekommen: Manchmal sind die einfachen Dinge doch die besten.

Auslöser war ein Gläschen Tomatenbutter, das Meinereiner der Party beisteuerte. Ein wahrlich simples Rezept, damals™ häufiger gemacht, bevor es irgendwann in Vergessenheit geriet. Viel schlichter kann man nun wirklich kaum noch kochen, aber es ist echt lecker.

Natürlich ist es auch mal ganz nett mit viel Chichi zu kochen. Hier dreizehn verschiedene Zutaten schnippen, da drei Stunden schmoren lassen, dort hinterher die komplette Wohnung putzen. Na gut, letztes muss ich auch nach Tomatenbutter machen… Aber wie geil ist bitteschön ein einfacher strammer Max?  Oder eine ordentliche Portion Bratkartoffeln? Die richtige Antwort lautet: Ziemlich.

Während meiner gesamten Unilaufbahn durfte ich mir regelmäßig anhören, wie verrückt es doch wäre, für sich alleine täglich frisch zu kochen. Also so richtig frisch mit Gemüse und ohne Tüten. Dabei dauern 80% dieser Sachen auch nicht länger als der obligtorische Topf Nudeln. Nur weil ich alleine esse, soll es mir nicht schmecken? Auch Vorkochen, Einfrieren und die Beilagen zu variieren ist keine Zauberkunst. Gerade die einfachen Dinge sollten mit Verstand ausgesucht und keine Dose Ravioli sein. Schließlich kommt es bei ihnen auf jedes Detail an.