Ich würde Godot hassen.

Ja, ich würde Godot hassen. Das weiß ich, weil ich es hasse zu warten. Gerade warte ich auf den Telekom-Techniker, der mir meinen neuen Vodafone-Anschluss freischalten soll. Irgendwann zwischen 8 und 13 Uhr.

Es ist 13:12 Uhr.

Ich warte immer noch.

Ich sitze hier, ständig auf dem Sprung, weil es jederzeit klingeln könnte. Klingeln sollte. „Geh ich noch fix aufs Klo? Bestimmt klingelt er genau dann.“ Und dann hockt man da, während der 10 Sekunden ist die eine Hand schon am Papier und die andere konstant am Gürtel. Wenn man nach dem Klingeln zu lange braucht, schlägt so ein Techniker schließlich Usain Bolt im 100-Meter-Sprint zum Auto. Es klingelte nicht.

Es ist 13:17 Uhr.

Ich warte immer noch.

Dabei bin ich selber ein total unpünktlicher Mensch, obwohl sich das mit den Jahren deutlich gebessert hat. Immer auf den letzten Drücker an der Haltestelle, immer ein bisschen zu lange getrödelt. Heute geht es hier um ein paar Minuten, früher war klar, dass Anna eh mindestens eine Viertelstunde zu spät auftaucht. Das fand ich nicht schlimm, denn das wussten ja alle. Wenn ich zu pünktlich losgehe, muss ich schließlich selber warten. Auf die Bahn oder andere Menschen.

Es ist 13:20 Uhr.

Ich warte immer noch.

Vaddern ist leider genauso drämmelig wie ich. Muttern sitzt immer schon 10 Minuten vor Abfahrt in voller Montur in der Küche, während er noch seine Socken sucht. Nein, eigentlich ist er noch viel drämmeliger und das zieht er auch – seit ich denken kann – knallhart durch.

Es ist 13:25 Uhr.

Ich warte immer noch.

Als Teenager musste ich jeden Freitagabend nach Lüdenscheid zum Keyboardunterricht. Abfahrt um 16:50 Uhr, um pünktlich um Viertel nach 5 in der Musikschule zu sein. 5 Minuten Puffer waren einkalkuliert, wie bei den Umsteigezeiten der Deutschen Bahn. Und ähnlich eskalierten die Verspätungen.

Es ist 13:28 Uhr.

Ich warte immer noch.

Jeden Freitagabend saß ich um 16:50 Uhr in Jacke und mit Notenheft unter dem Arm im Wohnzimmer und wartete. 4 Jahre lang. An guten Tagen hielt mein Vater um 10 nach 5 im Hof, so dass wir nur eine Viertelstunde Verspätung hatten. Nach den ersten Wochen quittierte der Musiklehrer das nicht mal mehr mit einem Nicken, die anderen Schülerin grinsten nur abfällig. Und mir war es jede Woche aufs Neue extrem peinlich.

Es ist 13:32 Uhr.

Ich warte immer noch.

Irgendwann nahm ich dann den Bus. 45 Minuten Fahrweg, aber ich war fast pünktlich. Dann musste mich mein Vater nur noch um 18 Uhr abholen, weil kein Bus mehr zurück fuhr. Ich war die letzte Schülerin der Woche und meistens hatte mein Musiklehrer eh noch etwas vor sich hin zu klimpern, so dass ich drinnen warten konnte. Mal nur 5 Minuten, gelegentlich 20 Minuten und es wurde auch schon mal 7 Uhr. Weil man die Straße nicht ganz einsehen konnte, habe ich dann schon mal: „Ich glaube, ich habe ihn gehört“, gesagt und an der Straße weiter gewartet. Um nicht das Kind zu sein, wegen dem man immer noch länger bleiben muss. Bei jedem Wetter.

Es ist 13:54 Uhr.

Mittlerweile warte ich nicht mehr.

Der Techniker stand nach eigener Auskunft um 11:06 Uhr vor der Tür und hat mich nicht angetroffen. Er kommt nächste Woche Donnerstag wieder. Der Rest fällt besser der Zensur zum Opfer.

Mein abendlicher Stuhlkreis: Gruppentraining sozialer Kompetenzen.

Als meine Therapeutin kurz vor Weihnachten mit dem Flyer wendelte, dachte ich erst, sie wolle mich auf den Arm nehmen. Oder kannte sie mich nach fast neun Monaten Therapie wirklich so schlecht? „Eine Kollegin von mir veranstaltet ab Januar wieder ein GSK, ein Gruppentraining sozialer Kompetenzen. Vielleicht wäre das ja was für Sie?”

Gruppentraining? Ich? Das passt ungefähr so gut zusammen, wie Bielefeld und Karneval. Da sträubt sich jede Faser meines Körpers gegen. Das klingt nach Gruppenarbeit (fürchterlich), Rollenspielen (noch fürchterlicher) und fremden Menschen in großer Runde von seiner bedauerlichen Existenz zu erzählen (am allerfürchterlichsten). „Hallo, mein Name ist Anna und ich bin sozial nicht so richtig dolle kompetent.“ Eigentlich wie bei den anonymen Alkoholikern. Wären da nicht diese lustigen bunten Kärtchen auf die man mit bunten Filzstiften schreibt, wann man zwischenmenschlich bei sich so richtig schwarz sieht.

Ich saß also in der Adventszeit in meiner kleinen, gemütlichen Singlewohnung und starrte diesen Flyer an. Ziemlich gemein von denen, so etwas vor Weihnachten zu verteilen, wenn sich der soziale Krüppel gerade besonders sozialkrüppelig und einsam fühlt. Was hatte ich schon zu verlieren? Und so drückte ich in den nächsten Woche einer ziemlich verdutzten Therapeutin meine Anmeldung in die Hand. Scheinbar hatten wir beide nicht geglaubt, dass ich das auch nur kurz in Erwägung ziehen würde.

„Hallo! Ich freue mich darauf, Sie auf 23.1. in der Gruppe für soziale Kompetenzen kennenzulernen.“ Oh Graus, da war sie, die Zusage für den Platz in der Gruppe. Per SMS, wie man das heutzutage halt so macht. Insgesamt acht Sitzungen am Montagabend warteten nun also auf mich. Ich würde sogar noch 20 Euro dafür zahlen, dass sie mich dort quälten. Aber kneifen wollte ich jetzt auch nicht mehr.

Ich werde der Versuchung widerstehen, auf die rund 10 Mitglieder meines kleinen, allwöchentlichen Stuhlkreises allzu ausführlich einzugehen. Schweigepflicht und so. So viel kann ich verraten: Für einen Haufen Menschen mit ähnlichen Problemen hatten wir aber mal so überhaupt gar nicht gemeinsam. 

Unterschiedlich hübsch oder hässlich, still oder laut, mit Familie zuhause oder im Stillen ziemlich einsam. Das eine Mädel so schüchtern und leise, dass man sie die ersten Wochen kaum verstand. Der Andere sehr laut und rüpelhaft mit wenig Einfühlungsvermögen. Nach dem wird bestimmt mal der Abstand zwischen zwei Fettnäpfchen benannt. Und dann natürlich noch ich, die immer wieder aufs Neue davon überrascht wird, wenn Menschen sie mögen.

Ja, wir haben die Ergebnisse unserer Gruppenarbeiten auf lustige, bunte Kärtchen geschrieben. Wir haben sehr viele Rollenspiele gemacht und auch ein klein wenig aus unserem Leben erzählt. Aber es war nicht schlimm. Denn ausnahmslos jeder fand diese Sachen doof und hat sich auch getraut, das offen zu zeigen.

Sicherlich hat uns allen geholfen, dass wir eine sehr junge, lustige und offene Therapeutin hatten. Mir hat sie alleine dadurch schon einige Hemmungen genommen. Obwohl es mir generell wenig Angst macht, vor anderen etwas aufzuführen und das Wort zu ergreifen. Ich mag es nur einfach nicht. Aber da ich betretenes Schweigen noch viel weniger mag, wurde ich gleich in der ersten Woche zu einer Art Alphaweibchen. Wenn sich keiner traut, dann fängt halt Anna an. Irgendeine Dumme findet man halt immer.

Doch so ungerne ich das alles gemacht habe, so viel hat es mir am Schluss gebracht. Alleine schon in einer Gruppe zu sein, in der ich von allen die meiste Redezeit hatte, war für mich eine ganz neue Situation. Fast hätte ich geschrieben, dass ich ausnahmsweise mal die Lauteste war, aber das stimmt nicht. Stattdessen wurde mir beigebracht, ruhig mal lauter zu sprechen, ich wäre doch sehr leise. Liebe Leute außerhalb des Internets: Warum sagt ihr mir das denn nicht?

Zurück zum Thema. Laut GSK gibt es – abgesehen von der Kraft meiner Stimme – drei Baustellen im Sozialleben:

  • sein Recht durchsetzen
  • selbstsicheres Verhalten in Beziehungen zeigen
  • Sympathie gewinnen

Herzstück der Gruppentherapie war eine Liste verschiedener Situationen aus den unterschiedlichen Themenblöcken, aus der sich jeder mal eine Geschichte aussuchen durfte. Aufgeteilt in zwei Gruppe gab es leider keine Chance, sich zu drücken und so durfte auch ich gleich vier Geschichten mit der Therapeutin vorturnen:

  • den zu nachtschlafender Zeit lärmenden Nachbarn zum Schweigen bringen
  • den Partner wegen einer unangenehmen Stichelei zur Rede stellen
  • nach dem Umzug in eine fremde Stadt jemanden im Café ansprechen
  • einen Freund auf eine störende Unart hinweisen

Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sage, aber ich fand diese Trockenübungen echt total hilfreich. Wann hat man sonst die Chance, Lob und Kritik für sein Verhalten zu bekommen und es danach einfach noch einmal auszuprobieren? Wenn ich mich mit jemandem streite, dann sagt der am Schluss schließlich nicht: „So, und jetzt versuchen wir die ganze Diskussion noch einmal von vorne. Achte etwas besser auf deine Körperhaltung und sag mir ruhig schon zwei oder drei Sätze früher, was du von mir erwartest. Der Rest war sehr souverän.“

Auch der Umstand, dass wir so völlig verschiedene Charaktere waren, hat mir persönlich sehr geholfen. Denn so konnte immer derjenige wirklich gute Tipps geben, dem die jeweilige Situation nicht ganz so schwer fällt. Im Gegenzug machte es mich auch ziemlich stolz, wenn ich jemandem einen Tipp gegeben habe und der- oder diejenige hinterher meinte, dass die Situation plötzlich viel einfacher war. Voll gut.

Daher kann ich jedem nur empfehlen, ein solches GSK auch einmal auszuprobieren, wenn sich die Gelegenheit bietet. Diese Übungen und das Feedback der anderen im Stuhlkreis geben einem tatsächlich eine Sicherheit, die zumindest ich in der Einzeltherapie nicht gefunden habe. Man merkt plötzlich, dass man mit seinen Problemen wirklich nicht alleine ist und bekommt die Chance, Fremd- und Selbstwahrnehmung neu auszubalancieren.

Der Hochbahnsteig von Schilda.

Die Geschichte von den Schildbürgern
Im Mittelalter lag mitten in Deutschland eine Stadt, die Schilda hieß. Ihre Bewohner nannte man deshalb die Schildbürger. Das waren seltsame Leute. Alles, was sie taten, machten sie falsch. Und alles, was man ihnen sagte, nahmen sie genau so, wie man es ihnen sagte. Wenn zum Beispiel jemand zu ihnen sagte: „Ihr habt ja ein Brett vor dem Kopf!“, dann griffen sie sich schon an die Stirn und wollten das Brett wegnehmen. Und wenn jemand zu ihnen sagte: „Bei euch piept es ja!“, so blieben sie ganz ruhig um genau hinzuhören. Nach einiger Zeit sagten sie dann: „Es tut uns leid, aber wir können nichts piepen hören.“

So viel Dummheit wurde natürlich bald überall bekannt. Und überall lachte man über die Schildbürger. Aber kann man eigentlich so dumm sein? Nein, so dumm kann man nicht sein! Und so dumm waren die Schildbürger eigentlich auch nicht. Aber warum stellten sie sich dann so dumm?

In letzter Zeit erinnert mich ein Thema in der Lokalpresse immer wieder an dieses Buch über die Leute aus Schilda, das ich als Kind geschenkt bekam: Der Protest gegen den Bau des Hochbahnsteigs auf der Brackweder Hauptstraße. Verzeihung, es muss natürlich heißen: Die Initiative für den Erhalt der Brackweder Hauptstraße.

Wer sich mit dem ostwestfälischen Klüngel nicht so gut auskennt, hier eine kleine Einführung: Brackwede ist ein Bielefelder Stadtbezirk „hinterm Berg“. Bis 1972 eigenständig, kochen die rund 39.000 Einwohner auch heute noch gerne ihr eigenes Süppchen. Der Bielefelder Städter hat sich dennoch bereits im Jahre 1900 dazu durchgerungen, die StadtBahn bis Brackwede-Dorf fahren zu lassen. Das tut sie immer noch, heute sogar noch ein Stückchen weiter und üblicherweise im 10-Minuten Takt. Wäre alles schön, wenn da nicht dieses vermaledeite Hochflursystem wäre.

Mit dem Hochflursystem wird nicht nur in Bielefeld gekämpft. Wer in Hannover Straßenbahn fahren möchte, sollte zwingend an die Steigeisen denken. In grauer Vorzeit hielt man dieses System mal für eine gute Idee, weshalb heute überall Rampen in Form von Hochbahnsteigen gebaut werden müssen. Nicht schön, ein wenig sperrig, aber es hilft ja alles nichts. Schließlich sollen Menschen mit Rollator, Kinderwagen, Rentnerporsche oder Rollstuhl auch irgendwie da rein- und rauskommen können. Findet zumindest jeder halbwegs logisch und sozial denkende Mensch.

Und so ist ganz Bielefeld heute von Hochbahnsteigen besetzt. Ganz Bielefeld? Nein! Ein kleines Dörfchen hinterm Berg leistet dieser Neuerung bis heute Widerstand. Wer barrierefrei in Brackwede aussteigen möchte, muss dies bis heute an der Haltestelle Brackwede Bahnhof vor den Toren des Örtchens tun und von da aus einen Kilometer ins „Zentrum“ laufen. Für gesunde Beine kein Problem. Aber ein Mensch mit gesunden Beinen kann auch einfach zwei Stationen weiter aus der StadtBahn klettern.

Ein wütender Mob, angeführt vom dort ansässigen Apotheker, wehrt sich mit aller Kraft gegen einen Hochbahnsteig auf Höhe der Normannenstraße, mitten auf der Shoppingmeile des Viertels. Denn mit dem Bau eines 85 m langen Hochbahnsteigs müsste man dort natürlich ein Teil des Parkstreifens verzichten, um die Straße entsprechend zu verbreitern. Hinzu käme der immense Umweg um dieses Gebilde herum, um auf die andere Straßenseite zu kommen. Hier trügt übrigens der Name Hauptstraße: Anders als an anderen Hauptstraßen stockt hier der Verkehr auf dem Kopfsteinpflaster zu jeder Tageszeit so sehr, dass man keine Ampelanlagen suchen muss und einfach an Ort und stelle über die Straße spurtet. Auch mit 82 Jahren, kaputter Hüfte und Rollator.

Nun wird sich der logisch denkende Mensch vielleicht schon sagen: Moment! Sind es denn nicht genau die älteren Menschen und Frauen mit kleinen Kindern, die zur Hauptkundschaft eines Apothekers gehören? Muss der sich denn nicht darüber freuen, wenn statt der vier Kunden mit PKW, die aktuell am Tag vor seinem Laden einen Parkplatz finden, dutzende Kranke direkt aus der Bahn in seinen Laden stolpern? Und genau hier setzt meine Schilda-Theorie an.

Die Schildbürger waren damals nämlich gar nicht so dumm. Sie wollten einfach nur von Sultan, König & Co in Ruhe gelassen werden. Das klingt an sich schon mal sehr ostwestfälisch. Und so schmiedeten sie fleißig dumme Pläne und scheiterten jedes Mal grandios.

Auch der wütende Mob für den Erhalt der fürchterlich miesen Straßensituation hat bereits die Pläne für den ein oder anderen Schildbürgerstreich offengelegt. So könne man doch die 12.000 Fahrgäste am Tag einfach am Brackweder Bahnhof in Busse umsteigen lassen. Jeder weiß schließlich, wie gerne Fahrgäste umsteigen und dass in einen Bus genauso viele Leute passen, wie in die zwei bis drei Wagen einer StadtBahn. Idealerweise fahren die dann auch einen Bogen um die Geschäfte herum, damit der Autoverkehr besser fließen kann. Das belebt ganz sicher das Geschäft.

Alternativ wäre auch eine komplette Umstellung auf das Niederflursystem denkbar. Sicher, die würde nur innerhalb Brackwedes funktionieren. Aber ist das deren Problem, wenn die Leute an 48 von 62 Haltestellen beim Ausstieg vor die Wand des Hochbahnsteigs laufen? Nein. Sollen die doch einen Umsteigepunkt vor den Stadttoren einrichten, von wo aus man bequem in die Brackweder Verkehrsmittel wechseln kann. Doch bitte nur als echter Brackweder, den Sennestädtern und ähnlichem Gesocks möchte man schließlich nicht einmal den Luxus einer StadtBahn-Anbindung gönnen.

Doch vielleicht haben wir auch Glück und irgendjemand trägt bald ein wenig Licht in Eimern in die dunklen Oberstübchen. Oder packt den Nürnberger Trichter aus. Ich würde es mir wünschen.

Das Überleben der Angepassten?

Ich muss vorneweg sagen, dass ich die Comics von erzaehlmirnix fast immer sehr, sehr gerne mag. Auch ihr Alter Ego „fettlogik“ hat mir zwei oder drei äußerst nützliche Tritte in den Allerwertesten verpasst. Gestern war ein Comic dabei, der sogar von ein paar Bekannten geteilt wurde, aber mir doch irgendwie quer sitzt.

https://twitter.com/erzaehlmirnix/status/808561844495466497

Ich wurde zwar nie für meinen Nagellack gemobbt, dafür aber zwischen 11 und 15 für alles andere. Ich war zu groß, zu dick, zu schüchtern, zu rothaarig, zu kurzhaarig, zu gut in der Schule, zu unsportlich, zu zahnspangentragend, … komisch eigentlich, dass man mich nie als Quoten-Loser für eine der Stephen-King-Verfilmungen gecastet hat. Vermutlich nur deshalb nicht, weil die Loser in seinen Büchern immer Jungs sind.

Wäre ich das alles nicht gewesen, hätte ich in der Schule vermutlich meine Ruhe gehabt. Ich müsste dann heute nicht jedes Mal einen kritisch Blick auf mein Spiegelbild werfen, wenn zwei Fremde in der Stadt aus meiner Sicht grundlos lachen. Ich könnte mich im Bus vor einen Halbwüchsigen setzen, ohne Angst vor angesabberten Papierkügelchen zu haben. So denke ich bei jedem Tweet, in dem ein Elternteil stolz vo seinem Nagellack liebenden Sohnemann berichtet: „Na hoffentlich geht das gut.“

Ich finde es ja auch nicht gut, dass gerade Kinder nicht tun, lassen und tragen können, was sie wollen. Aber dieses Rollendenken sitzt nun mal tief in den Köpfen fest. Das konstruierte Geschlecht, oder wie auch immer ihr das am liebsten nennen wollt. Aber es geht hier ja nicht nur um das konstruierte Geschlecht, sondern generell um den konstruierten Außenseiter. So schlimm es ist, mit manchen Sachen wird man einfach zur leichteren Zielscheibe.

Als ich 14 war, stellte mein Kieferorthopäde meine Eltern vor die Wahl: Entweder sie übernehmen die Kosten für eine sehr aufwendige, aber innenliegende Zahnspangenlösung (die Details werde ich euch ersparen) oder ich muss rund um die Uhr mit einem Kopfgestell herumlaufen. South-Park-Gucker kennen so etwas vielleicht von Stans Schwester Shelly. Man kriegt einen Plastikring auf den Kopf geschnallt und von da laufen zwei Drähte zu den Mundwinkeln. Jetzt erklär mal jemand all den anderen 14-jährigen Pubertisten, dass das eine notwendige, medizinische Geschichte ist und man auf keinen Fall Witze darüber machen darf, dass klein Anna damit so aussieht wie Frankensteins Monster.

Meine Eltern haben sich zum Glück für die Lösung ohne Drahtgestell entschieden. Obwohl andernfalls der Psychiater sicherlich von der Kasse bezahlt worden wäre.

Dennoch mobbe ich heute keine Mädchen mit Kopfgestellt. Die gibt es glücklicherweise auch nur noch sehr, sehr selten. Ich mobbe auch keine Rothaarigen (mal abgesehen davon, dass ich rote Haare mittlerweile sowieso viel besser als den Rest finde). Und wenn ein Kind gute Noten schreibt, dann ist es deswegen – meistens – noch kein langweiliger Streber, sondern wird es möglicherweise mal weit bringen. Aber ich in solchen Momenten kann ich nicht anders, als mich zu sorgen und zu denken: „Na hoffentlich geht das gut.“ Eigentlich sehr schade.

Über die Enttäuschung, dass Trendsetter gar keine Hunde sind.

Gestatten: Angus McBeerman, irischer Trend-Setter aus bestem Hause. Lupenreiner Stammbaum, glänzendes Fell, kackt nur auf englischen Rasen. Angus McBeerman sagt den nächsten heißen Scheiß hervor. Manchmal eine etwas haarige Angelegenheit, aber mit dem nötigen Biss immer am Zahn der Zeit. Und trotz der für Hunde üblichen Rot-Grün-Blindheit und einer extremen Kurzsichtigkeit, würde ich Angus bei der Kleiderwahl jederzeit mehr Vertrauen schenken als jedem Streetstyle-Fetischisten.

Mein Kleidungsstil ist nicht hip. Sagt man überhaupt noch „hip“? Mein Sprachschatz ist scheinbar auch nicht mehr hip. Jedenfalls bin ich da ziemlich schlicht gestrickt: Jeans, T-Shirt, Chucks. Fertig. Wenn es doch mal etwas seriöser zugehen muss, wische ich kurz mit einem feuchten Küchentuch vorne über die Schuhe. Dieses Konzept funktioniert seit Jahren. Ich muss nicht beim Blick auf die aktuellen Frühjahrstrends 2017 weinend zusammenbrechen, weil Atlantic und Geranium demnächst Rose Quartz und Serenity ablösen und das komplette Farbkonzept meines Kleiderschranks in sich zusammenfällt. So ein schwarzes Bandshirt ist einfach eine solide Sache.

Dabei bin ich eigentlich bei diesen Themen durchaus auf dem Laufenden. Anders als meine Mutter, die seit 1996 jedes Jahr wieder mit erhobener Augenbraue fragte: „Und das trägt man jetzt so?“, weiß ich, dass man das jetzt so trägt. Ich finds halt nur doof.

Als Kind der 80er, aufgewachsen in den 90ern, pubertiert in den 2000ern, sollte ich die Klappe vielleicht nicht allzu weit aufreißen. Wir sind die Generation der Buffalos mit Plateau, passend zum Revival der gigantischen Schlaghosen. Wir hatten Hosen, an die der Rock schon angenäht war. Bei den Jungs sah man die Boxershorts und bei den Mädels den String. Das war halt so. Aus dieser Zeit stammte auch der Denim-Partnerlook von Britney Spears und Justin Timberlake. Doch während der werte Herr Timberlake kurz darauf die Kurve gekriegt hat, ist die Mode selbst irgendwo völlig falsch abgebogen.

Ich habe mich mit Skinny Jeans abgefunden. Bei Frauen. Ich finde die Sache mit den Vollbärten ganz und gar nicht schlecht. Bei Männern. Aber was soll der Quatsch mit den Jeanshosen, die auf Hochwasserhöhe enden? Was sollen Jeansjacken im silbernen Metalliclook? Was sollen Ponchos, Loafer, bauchfreie Strickpullis? Offiziell ich bin vor fünf Jahren ausgestiegen, damals fing das mit den Römersandalen an. Es war eine sehr weise Entscheidung.

Manchmal blättere ich durch so ein Mädchenmagazin und frage mich, wann die exzentrischen Looks aus den Editorials plötzlich straßentauglich geworden sind. Dann erinnere ich daran, dass ich in einer Zeit pubertiert habe, in der man so schön einfach anders sein konnte. Wo die zerrissene Jeans mit abgeranzter Lederjacke und bunten Dr. Martens ein eindeutig Statement war. Niemand zweifelte damals daran, dass so nur ein Punkermädchen aussehen kann. Und dann freue ich mich ein bisschen.

Ich bin Wutfußgänger, und schuld sind alle anderen.

Vergangene Woche erschien auf ZEIT ONLINE ein Kommentar mit dem Titel „Radfahren: Ich bin Wutradler, und Sie sind schuld“, den der halbe Bekanntenkreis teilte und fleißig kommentierte. Da ich Hennig Schraders Erfahrungen durchaus nachvollziehen kann, habe ich das Schriftstück für mich kurz abgenickt und kommentarlos wieder geschlossen. Damit war die Sache für mich abgehakt. Bis ich gerade beinahe auf der Gabel eines solchen Wutradlers landete.

Sie trödeln, ich gehe vorbei.

Ich gestehe, ich setze hin und wieder einen Fuß auf den Radweg. Allerdings nur dann, wenn vor mir mal wieder Schönwetterspazierer den Gehweg versperren. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern und sie schlendern mit ihrem Schatzi im Schlepptau durch die romantische Kulisse des Bahnhofsviertels. Dann muss ich zum Überholen ansetzen. Mit Schulterblick und angemessener Steigerung meines Schritttempos wage ich die Benutzung des Radwegs über eine Länge von gut 5,20 Meter.

Doch plötzlich kommt er: Der Wutradler. Es ist sein Radweg und er zieht gekonnt mit 30km/h um die Kurve. Mit etwas Glück kommt er mir entgegen, so dass ich die Chance habe, einen kurzen Schlusssprint einzulegen, um ihm gerade noch rechtzeitig auszuweichen. Gefährlich wird es, wenn er von hinten kommt. Ein Wutradler besitzt vielleicht Fahrvermögen und Voraussicht, aber niemals eine Klingel. Und falls doch, so hat er sie seit seiner Schulzeit nicht mehr benutzt. Denn trotz Kopfhörern nehme ich meine Umwelt sehr gut wahr und hätte ihn mit Sicherheit gehört. So werde ich zum fahrradlosen Störfaktor, der auf den wenigen Metern sein Wohlergehen in Gefahr bringt.

Seine Wut schärft meine Sinne.

Doch Moment, ich laufe gegen die Fahrtrichtung. Wie kann der Wutradler dann in meinem Rücken sein? Ganz einfach: Es ist für ihn bequemer. Schönwetterradler gefährden ihn durch ihre Unsicherheit, doch Wutradler mich durch ihre Eile.

Es ist meistens nur ein kurzes Stück, dass er auf der falschen Straßenseite zurücklegt, bis er wieder auf der richtigen Route ist. Es spart Zeit. Durch geschickt Wechsel vom Radweg auf den Fußgängerübergang, vorbei an der Ampelschlange und zurück in den Straßenverkehr gewinnt er Zeit. Er kennt alle Tricks und Kniffe der Ampelschaltung auf seiner gewohnten Strecke. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich sehe ihn fast jeden Tag. Bei jedem Wetter. Dadurch weiß ich, wie ich ihm ausweichen muss. Und wann ich stehenbleiben muss, weil er den Zebrastreifen noch locker vor mir queren kann. Queren könnte, wäre ich ein Schönwetterspazierer und kein Wutfußgänger.

Er wird durch die Wut zum Panzer.

Ich verstehe den Frust, die Abneigung gegen Schönwetterradler, den Hass gegenüber Autofahrern. Ich bin aus demselben Holz geschnitzt. Nur ohne Räder unter dem Hintern. Wenn der Wutradler durch den Verkehr schwimmt, auf seinem Rad zum Fisch im Wasser wird, dann muss ich hoffen, dass er damit die Straße meint. Und nicht mich dort überrollen möchte, wo unsere Wege sich kreuzen.

Denn ich bremse auch für Wutradler. Wo sein Radweg für 20 Meter plötzlich verschwindet weil der Bürgersteig dafür viel zu schmal ist, bleibe ich kurz stehen und lasse ihn passieren. Nicht aus Angst vor seinem Fahrstil, sondern weil es für mich als Fußgänger einfacher ist stehenzubleiben. Denn als Wutfußgänger kenne auch ich meine Pflichten, finde sogar manchmal Zeit für die Kür.

Wenn der Wutradler das nächste Mal über andere Verkehrsteilnehmer schimpft, dann hoffe ich, dass er dabei auch an seine Leidensgenossen auf zwei Beinen denkt. Dass auch ich manchmal vor Gartentoren und Ausfahrten zum Ausweichen gezwungen werde. Und dass er sich selbst in Gefahr bringt, wenn er um Haaresbreite an mir vorbeizieht. So wie ich keinen Fahrradlenker im Kreuz mag, so hat er bestimmt auch ungerne meine Tasche in seinen Speichen. Denn auch wenn ich ihm nicht so schutzlos ausgeliefert bin, wie er dem Autofahrer, ist es doch ein unfairer Kampf.

Ich bin Wutfußgänger und so lange sicher unterwegs, wie die anderen Verkehrsteilnehmer keine Scheiße bauen.

Werte Wutradler, schauen Sie sich morgen doch auch ruhig einmal nach mir um. Und klingeln Sie notfalls, um mich zu warnen. Doch bitte nicht, um mich dazu zu drängen, mich irgendwie in Luft aufzulösen. Sie wissen ja jetzt, dass ich Sie höre und es selbst eilig habe.

Sind eigentlich alle verrückt geworden?

In München schießt ein Jugendlicher um sich, in Ansbach scheitert jemand mit Sprengstoff im Rucksack an der Einlasskontrolle des Festivalgeländes, in Nizza fährt ein Mann in meinem Alter 2 km lang durch eine Menschenmenge und was Erdoğan da verzapft… davon will ich besser erst gar nicht anfangen. Ja, auch der läuft Amok. Hier attackiert ein Mann seine Ex-Frau vor einem vollen Schulbus mit einem Messer, dort rollen sie den toten Kumpel fast ein Kilometer im Altpapiercontainer durchs Wohngebiet und lassen ihn vor einem Supermarkt stehen. Der Tagesspiegel fragt vorwurfsvoll „Und wer trauert mit Kabul?“. Na, wann denn bitte?!

Mord- und Terrorstatistiken sind für hierzulande rückläufig, schön und gut. Gefühlt muss gerade aber irgendwas im Trinkwasser sein. Natürlich ist das Internet schuld, sonst würde ich es gar nicht mitbekommen, wenn es 2-3 Tote in Baden-Württemberg gibt. Oder wenn ein Ehepaar aus Höxter jahrelang Frauen quält und tötet. Wobei die wahrscheinlich schon wieder grausam genug für eine Doppelseite mit Fotos aller Opfer in der Bild am Sonntag wären. „Hier schlief der Hund des Horrorpaares, wieso schlug er nie Alarm?“

Natürlich ist das alles nicht lustig. Aber so etwas gab es ja eigentlich schon immer. Letztes Jahr ging bereits ein 23-Jähriger in Oberstdorf mit einer Machete auf seine Familie los. Hat allerdings keinen interessiert, war ja ein Einzelfall. Ein einfaches Familiendrama. Damit so etwas durch die Presse geht, muss man schon jahrzehntelang die eigene Tochter im Keller gefangen halten und mit ihr mehrere Kinder zeugen. 2008 hatten die Medien wenigstens noch die Zeit, die Story über Monate hinweg durch sämtliche Fernsehformate zu tragen. Heute ist man zwei Stunden offline und muss sich danach direkt fragen: „Oh nein, was ist denn nun schon wieder?“

Kaum noch Zeit zum Durchatmen und in den letzten Wochen kann sich vor allem das Nazipack über neues Propagandamaterial freuen. Natürlich fällt auch uns Gutmenschen auf, dass verstärkt der IS seine Finger mit im Spiel hat. Vor zehn Jahren war es Al-Qaida. Aber überrascht es wirklich jemanden, dass ausgerechnet Flüchtlinge psychisch besonders anfällig und labil sind? Ich bin wohlbehütet in der Sauerländer Bergwelt zwischen Kühen und Kirchen aufgewachsen und habe dennoch einen leichten Hau weg. Wäre bei mir im Garten mal eine Bombe hochgegangen, würde ich wippend im Kleiderschrank sitzen und mit Messern spielen.

Der IS ist nicht „der Islam“, er ist eine Sekte. Und gerade deshalb funktioniert er so gut. Menschen ohne Perspektive wird das Blaue vom Himmel versprochen, oder in diesem Fall eben das ewige Leben im Paradies und ein jungfräulicher Harem. Hätten sie den Sonnentemplern eingetrichtert, dass sie wahllos Ungläubige töten müssen, um ihre Reise antreten zu können, hätten sie es getan. Beim Selbstmord der Mitglieder des Peoples Temple wurden suizidunwillige Freunde, Verwandte, Frauen und Kinder einfach mit umgebracht. Wer das kann, würde auf Kommando auch Fremde töten, ohne mit der Wimper zu zucken. Der Ku-Klux-Klan sind fundamentalistische Protestante. „Du sollst nicht töten?“ Alles Auslegungssache.

Als ich Freitagabend in der StadtBahn saß, fühlte ich mich plötzlich für einen Moment nicht mehr sicher. Was wäre, wenn jetzt so jemand einsteigen würde? Ich will so etwas nicht denken. Das hier ist meine Heimat, da darf einfach nichts passieren. Ich kann jungen Menschen mit Depressionen, PTSD oder Gehirnwäsche keine Perspektive bieten, da müssten Politik und Wirtschaft aktiv werden. Für mehr psychologische Betreuung sorgen und den Zugang vereinfachen. Klare Zukunftschancen aufzeigen. Stattdessen spricht man mal wieder über Counter-Strike. Ich mag es nicht mehr hören. Manchmal vermisse ich die Zeit, als die Nachrichten nur einmal am Tag mit der Tageszeitung auf den Tisch kamen. Zuverlässig. Vorhersehbar. Und weit weg.

Von Männern wie Butterkeks.

Zugegeben, das Gleichnis vom Butterkeks stammt nicht von mir, sondern wurde von der wunderbaren Gräfin Änne inspiriert. Aber lieber richtig gut abgeschrieben, als schlecht selbst verbockt. Das Gleichnis vom Butterkeks ist ein Gleichnis der Gleichgültigkeit. Ein Butterkeks ist ein Lebensmittel, das jedem egal ist, aber mit dem jeder leben kann. Man wird niemals den Ausruf vernehmen „Boah, geil, Butterkekse!“, aber genauso wenig wird irgendjemand von sich behaupten können, dass er Butterkekse nicht mag. Sie schmecken eben sehr neutral. Nach nichts mit einer Prise Süß. Dieses Gleichnis darf offiziell auch auf Goldfischli angewendet werden. Niemand auf dieser Welt wird an ein Regal mit Knabberzeug herantreten, um gezielt eine Tüte Goldfischli zu erwerben. Aber wenn sie in einer dieser witzigen Partyboxen enthalten sind, dann werden sie halt dennoch gegessen. Schmecken ja auch nicht schlecht. Nur halt nach nichts mit einer Prise Salz.

Auch innerhalb anderer Nahrungsmittelgruppen gibt es solche Langweiler. Keiner wird beim Anblick einer Flasche Beck’s frohlocken, aber es ist eine sichere Bank, falls mal Besuch kommt. Oder Vanillepudding. Vanillepudding mag schon irgendwie lecker sein, aber in erster Linie ist er einfach „da“. Machste nichts mit falsch. Frei nach diesem Motto gibt es auch Männer wie Butterkeks. Sicherlich gibt es auch Frauen wie Goldfischli, aber von Frauen habe ich noch weniger Ahnung als von Männern, also blogge ich heute über Männer.

Ryan Gosling wäre so ein Mann wie Butterkeks. Oder auch Orlando Bloom. Sie hübschen das Fernsehbild zur besten Sendezeit ein wenig auf und stören ansonsten nicht weiter. Keine Frau wird sagen können, dass die beiden Herren unattraktiv wären. Man kann nachvollziehen, dass ausgerechnet sie am Ende die Frau abbekommen, aber wieso genau, weiß halt auch niemand. Sie gucken 90 Minuten am Stück niedlich und nett, aber das kann ein Golden Retriever auch. Er möchte gefallen und wird mit etwas Glück niemals deine Schuhe anknabbern. Aber auf die Dauer ist das schon etwas öde.

Doch wahrscheinlich muss man genau diese Vorstellung vom Mann gewordenen Butterkeks mögen, wenn man via Tinder nach ihm sucht. Ich tatsächlich etwas neidisch auf Frauen, denen das reicht. Die ein sorgsam ausgewähltes und mit 37 Filtern weichgezeichnetes Foto nach den aktuellen Selfie-Standards sehen und denken: „Oh, der könnte es sein.“ Ohne zu wissen, ob er nicht eine Sammlung von Adam-Sandler-Filmen in seinem BluRay-Regal hat und beim Autofahren laut Paul Kalkbrenner hört. Das sind wichtige Details, die mit Tinder vorenthält. Natürlich könnte ich einfach mal nach rechts wischen und ihn danach fragen, aber ich bin leider auch sehr chatfaul.

Ich möchte niemals erfahren, wie viele Flirts, One-Night-Stands, Affären, Beziehungen oder was-auch-immer-man-da-schon-ein-Etikett-drankleben-möchte ich mir allein schon dadurch verbaut habe, dass ich von dem Butterkeks-Foto gelangweilt war. Oder von dem Butterkeks-Gesicht auf der Party. Ohne überheblich klingen zu wollen. Ist halt so. Ehrenwort! Vielleicht bin ich auch selbst eine Portion Vanillepudding und merke es einfach nicht? Ganz nett, macht eigentlich nichts falsch, aber mehr halt auch nicht.

Meine Großtante machte früher immer einen ganz wunderbaren Nachtisch mit Vanillepudding und Butterkeksen. Auf Pudding und Kekse kam dafür noch eine Schicht eingelegte Pflaumen mit Schokosplittern. Ein Träumchen! Nur, wie spanne ich denn jetzt mal am geschicktesten den Bogen? „Es ist vollkommen egal, dass ihr beide unfassbar langweilige Typen seid, Alkohol und Schokolade werden es schon richten“? Das könnte tatsächlich funktionieren. Aber sobald der Rausch verflogen ist, liegt dann doch wieder ein Butterkeks neben dir. Und guckt nett. Das kanns ja irgendwie auch nicht sein.

Die lächerliche Angst vor den Fremden.

Meine Eltern sind 2009 durch Zufall in einem der sauerländischsten Dörfer des Hochsauerlandes gelandet. Mit Nachbars Pferden am Gartenzaun, gelegentlich einem Huhn auf dem Garagendach und natürlich umgeben von konservativen katholischen Ureinwohnern.

Ich habe mit meinen Eltern sehr selten über Politik gesprochen. Das letzte Mal wohl Mitte der 2000er Jahre, als ich wahlberechtigt wurde. Sie nahmen die Sache mit dem geheimen Wahlrecht sehr ernst und so gab es immer nur Andeutungen, mit wem sie wohl so sympathisieren. Genau genommen wurde auf alles und jeden geschimpft, aber immer so, dass ich als linke Nase das durchaus nachvollziehen konnte.

Dennoch stockte mir letztes Weihnachten kurz der Atem, als mein Vater ein Gespräch mit mir mit: „Wir haben ja jetzt auch diese Flüchtlinge hier“, begann.

Natürlich sollte ich meinem eigenen Vater ein gesundes Weltbild zutrauen, aber mit seiner Vorgeschichte hätte es auch anders laufen können. Ein Arbeiterkind vom Dorf, 40 Jahre lang Industriekaufmann, bis er mit Mitte 50 plötzlich noch mal arbeitslos wurde. Dann eine gescheiterte Selbstständigkeit, zu deren Ende ihm sein türkischer Partner dann auch noch das Lager leer räumte und ihn auf den Schulden sitzen ließ. Mit Ende 50 auf Transferzahlungen angewiesen zu sein und Zeitungen auszutragen, war sicherlich nie sein Traum fürs Alter.

Also hielt ich den Atem an, als er über die Flüchtlinge im Dorf reden wollte, die in einem Einfamilienhaus in Sichtweite einquartiert worden waren. Hauptsächlich junge Männer, ein paar wenige Frauen und Kinder.

„Mir wollten die Männer hier erzählen, dass ihre Frauen jetzt alle Angst haben müssten, auf die Straße zu gehen. Völliger Unsinn, als ich hierhin gezogen bin und als Fremder das erste Mal Zeitungen rumbringen sollte, haben die mich auch teilweise vom Hof jagen wollen. Diese Flüchtlinge tun doch keiner Seele was. Neulich haben drei von den jungen Männern ein Kinderfahrrad bekommen, dass sie sich teilen konnten. Die sind damit die Straße hoch und runter gefahren und hatten stundenlang ihren Spaß. Also ich weiß echt nicht, wovor diese ganzen Idioten Angst haben.“

Offenbar vor lachenden jungen Männern auf Kinderfahrrädern.

Endlich verrückt.

Ich wollte diesen Beitrag erst „Achtung, Kultur!“ nennen, aber wer soll mir das denn bitte schön abkaufen? Mit „Endlich verrückt.“ habe ich sogar eine Kapitelüberschrift aufgegriffen. Man könnte gar von einem Zitat sprechen, welches ich am vorletzten Samstag in der Lesung des wunderbaren Tobi Katze hörte. Feuilleton par excellence. Cover Reich-Ranicki. Tobi Katze las quasi auf meiner Türschwelle aus seinem aktuellen Buch und Bestseller „Morgen ist leider auch noch ein Tag“ und da musste ich natürlich hin. Wer Tobi Katze und das Buch nicht kennt: Ein Mittdreißiger Poetry-Slammer / Künstler plaudert aus dem Nähkästchen eines Menschen mit Depressionen.

In Begleitung einer wunderbaren Ex-Kollegin begrüßte mich ein Publikum, das von sich selbst schon vorab auf Facebook sagte: „Ah, nach Monaten endlich mal wieder ein Grund, das Haus zu verlassen.“ Die Soziologin in mir freute sich und die leicht soziophobische Soziopathin (ebenfalls in mir) nicht weniger. Selten habe ich mich so normal gefühlt. Das ist nicht böse gemeint, denn als während der Lesung die Frage gestellt wurde: „Und? Wer von euch ist alles in psychotherapeutischer Behandlung?“, dachte ich traurig an meinen Platz 187 auf der Warteliste des Seelenklempners meines Vertrauens. Es meldete sich übrigens knapp jeder Fünfte. Bielefeld ist wirklich verrückt.

Ich selbst wurde an dem Abend auch von Minute zu Minute immer verrückter. Denn obwohl Herr Katze sehr wohl wusste, dass in seinem Publikum Menschen mit der ein oder anderen Marotte überrepräsentiert sind, trug er zwei verschiedene Schuhe. Nein, nicht einfach nur einen blauen und einen grünen Chuck (obwohl das schon arg grenzwertig ist, solche armen Irren tragen auch verschiedenfarbige Socken). Er trug zwei komplett unterschiedliche Sneakers! Unterschiedliche Marken, der eine Schuh grün und der andere braun und nicht einmal die Schnürsenkel waren annähernd gleich lang. Mein innerer Monk hätte ihn am liebsten am Ohr zurück in die Garderobe gezogen. Was für ein Schlunz.

Aber ein Schlunz, dem ich sehr gerne zuhörte. Ich habe das Buch letzten Herbst kurz nach Erscheinen in einem Rutsch und innerhalb von fünf Stunden im Bett verschlungen. Ich habe im Wechsel gelacht und geweint und die Zeit vergessen. Für mich war es extrem spannend, diese Dinge zu lesen und plötzlich auch ein wenig zu verstehen. Üblicherweise bekommt man als Angehörige die Tür vor der Nase zugeschlagen und soll dann Tage, Wochen oder Monate geduldig auf dem Flur warten. Oder man fängt an, dem Menschen hinter der Tür lustige Katzenvideos zur Aufmunterung zu schicken. Wer nach dem Buch aber immer noch denkt, dass das irgendwie ein Allheilmittel wäre, der ist selber schuld.

Ich fand das Buch schon großartig und ich fand die Lesung tatsächlich fast noch ein wenig besser. Alles wirkte selbstironisch und dabei unverblümt ehrlich. Leider passten in die 90 Minuten nur vier oder fünf Kapitel und ein paar Slam-Texte. Aber vielleicht war das auch genug Klartext für einen Abend, den Verrückte und Nicht-Verrückte erst einmal irgendwie verdauen müssen. Ja, angeblich waren auch Nicht-Verrückte vor Ort. Pfff. Spießer.