Paris: Surreale Echtzeit.

Eigentlich wollte ich vor zwei Stunden im Bett liegen. Doch jetzt sitzt ich seit kurz nach 22 Uhr fast regungslos vor dem Fernseher und sehe das Unfassbare in Paris. Höre in diesem Moment fassungslos, dass dort wohl Konzertbesucher regelrecht exekutiert wurden. Menschen, die sich seit Wochen auf diesen Abend gefreut haben, lachend und biertrinkend mit der Bahn dort ankamen und einfach nur eine geile Zeit haben wollten. Nicht bei einer politischen Aktion, nicht vor der Bühne des Antichristen, nein, bei einer stinknormalen Rockband aus den USA. So wie ich es auch alle paar Wochen zelebriere. Bis vor lauter krankhafter Überzeugung blinde Menschen den Saal stürmen und meinen, dass du den Tod verdient hast. Oder deine Freunde. Oder jemand, den du liebst.

Es ist surreal, wie wir das alles in Echtzeit mitverfolgen können. Ich erinnere mich noch daran, wie ich während 9/11 zufällig vor RTL saß und nicht mehr wusste als Peter Klöppel. Jetzt gibt es keine Aufzeichnungen von Telefonaten mit Angehörigen, die Tage später irgendwo veröffentlicht werden. Heute schicken Geiseln Tweets in die Welt hinaus, dass die Polizei doch bitte endlich stürmen soll, weil gerade ein Mensch nach dem anderen getötet wird.

Just in diesem Moment meldet die Pariser Polizei, dass dort bis zu 100 Tote in der Konzerthalle liegen. Ich wollte eigentlich darüber schreiben, wie unwirklich das ist, überall jeden Schritt mitlesen zu können. Aber das geht nicht mit diesem Bild in meinem Kopf.

Was nichts kostet, ist auch nichts.

Der Mensch ist von Natur aus skeptisch, wenn er etwas ohne Gegenleistung bekommt „Wie bitte? Ich kriege etwas geschenkt? Die Sache MUSS einen Haken haben. Ist es kaputt? Illegal? Schließe ich damit ein Abo ab oder kaufe eine Waschmaschine? DA STIMMT DOCH WAS NICHT!“

Anders ist es, wenn kreative Berufe im Spiel sind. Erste Entwürfe zu erstellen ist schließlich keine Arbeit. Ein Grundkonzept? Das schreibt man doch mal eben unter der Dusche zusammen. Wer sich weigert, an einem unbezahlten Pitch teilzunehmen oder zumindest eine kostenlose Arbeitsprobe abzuliefern, hält sich wohl für etwas besseres. Aber geht mal in drei Schneidereien, lasst jeweils eine Hose umnähen und bezahlt am Ende nur den Besten. Oder den Günstigsten. Die Entscheidung liegt schließlich bei euch. Aber genau das wird niemand machen. Oder erklärt eurem Apotheker mal, dass ihr das Medikament erst dann bezahlt, wenn der Schnupfen wirklich weg ist. Meiner würde sicherlich seinen Terrier auf mich hetzen.

Außer natürlich, man ist auf der Suche nach einer neuen Web-/Kreativ-/Werbeagentur. Natürlich muss man vorher austesten, ob man mit seinen Vorstellungen ungefähr auf einem Nenner ist. Aber auch das sollte im Budget mit einkalkuliert sein. Leider haben das meine Vorgesetzten bisher nie so gesehen und auch mein neuer Arbeitgeber ist Fan von Plattformen wie 99designs und DesignCrowd, wo Grafiker online darum buhlen, wer das beste Design zum günstigsten Preis abliefern darf. An dieser Stelle haben Handwerker MyHammer damals einen Vogel gezeigt, kreative Köpfe spielen jedoch seltsamerweise mit.

Bielefeld scheint dafür ein sehr guter Nährboden zu sein. Da pitcht ein Verein für „Grundrechte, Datenschutz und eine lebenswerte Welt im digitalen Zeitalter“ unbezahlt Agenturen für ein neues Corporate Design. Weil Geld nicht alles ist. Schon klar. Universität und FH haben es da einfacher, denn die können einfach auf das freiwillige Engagement ihrer Studierenden vertrauen. Es macht sich später ja auch mal gut im Portfolio und so eine tolle Referenz ist auf lange Sicht eh wichtiger als eine gescheite Bezahlung. Werdet ihr schon noch merken.

Wie ich gerade jetzt darauf komme? Mir wurde dieses kleine, feine Filmchen in meine Facebook-Timeline gepostet. Es passt wunderbar zu einem der besten Dialoge auf Clients from Hell. The Client: “You’re a freelancer!” – “And…” – “Well, you work for free! If you were supposed to be paid, you’d be called a paidlancer or something!”

Ein wirklich tolles Rezept, aber…

Was auf Facebook „Ich bin ja kein Nazi, aber…“ ist, das ist auf Chefkoch.de „Ein super leckeres Rezept, aber…“. Jetzt ist Vorsicht geboten. Ich weiß, man soll keine Kommentare lesen. Auf keinen Fall jemals irgendwo. Aus, pfui, Finger weg. In den Kommentarspalten darf sich jeder austoben, der in seinem Leben noch nie etwas geschafft hat und auch nie etwas eigenes zustande bringen wird. Außer vielleicht Kind Nummer 5. Ronny-Pascal oder Cheyenne-Priscilla. Irgendetwas typisch deutsches halt.

Aber ich schweife ab. Ich weiß auch schon gar nicht, wie ich von Schweinespeck auf Nazi kam… Ist ja auch egal. Jedenfalls bekenne ich mich nun öffentlich dazu, gelegentlich nach Rezept zu kochen und (Obacht!) ich überfliege auch noch die Meinungen anderer Nutzer. Das macht hin und wieder auch durchaus Sinn und liefert Antworten auf Fragen, wie: Woran erkenne ich die ideale Backzeit? Nehme ich lieber die gekringelten Nudeln oder die mit dem Loch drin? Was mache ich, wenn der Supermarkt meines Vertrauens gerade keine Dracheneier mehr auf Lager hat? Sowas halt.

Ich finde es gut, wenn ich aus den Kommentaren lerne, dass man für ein Risotto auch ruhig Milchreis nehmen kann. Oder dass man in Ermangelung einer Rinderschulter das Ragout auch aus Beinscheiben kochen kann. Das hat mir schon so manche Supermarktodyssee am Wochenende erspart. Aber wenn dann jemand anfängt, ein Gericht komplett auseinanderzunehmen, dann werde ich rasend. Vor allem dann, wenn im Einleitungssatz erst einmal die supertolle Zusammenstellung der einzelnen Komponenten gelobt wird.

Nehmen wir einmal das Rezept „Dicke Bohnen mit Speck – so machte sie meine Oma“. Oma Else macht die Bohnen bestimmt schon seit 1947 so, nachdem ihr das erste Mal nach dem Krieg ein ahnungsloses Schwein munter in der Arme galoppiert war. Es starb nicht umsonst. Dank Bohnen, Sahne und natürlich ordentlich Speck kriegte die Familie endlich mal wieder selbigen auf die Rippen. Wie es sich gehört in ordentlich Öl angebraten. Mein Magen knurrt schon wieder.

Nun kommt Chefkoch.de-Nutzerin Dingenskirchen. Community-Mitglied seit acht Jahren, ebenso lange auf Diät und abgenommen haben bisher nur Mann und Hund. Alba-Öl mit Buttergeschmack mag noch ganz lecker sein, aber wenn Speck und Sahne durch Vegeta ersetzt werden, weil die Sache ja sonst nach gar nichts mehr schmeckt, darf man sich schon mal am Kopf kratzen. Nein, mit Vegeta meint sie nicht der Typen aus Dragonball, sondern den kleine Bruder vom Fondor. So gesund wie eine frische Pilzpfanne aus Tschernobyl.

Versteht mich nicht falsch, bin gehöre auch zu den Vollidioten, die gerne mal aus Überzeugung zur leichten Alternative greifen und sich statt den guten Vollmilch sogar das weiß gefärbte Wasser in den Kaffee schütten. Aber wenn jemand schreibt „Was für ein tolles Rezept für Rinderbraten mit Klößen und Rotkohl! Ich habe es mit Hähnchen, Pasta und Brokkoli gemacht und mein Göga war begeistert!“, dann muss man sich schon ernsthaft fragen, wie oft diese Person ihrer Mutter damals vom Wickeltisch gefallen ist. Kinners, wenn ihr nichts gescheites zu sagen habt, dann schafft euch so eine Bloggeschichte an.

Ich werde mir jetzt zuhause ein schönes Stück Erdbeerkuchen mit Sahne gönnen. Ok, ohne den Kuchen und die Erdbeeren und eigentlich gibts ein feines Leberpfännchen mit Spätzle. Aber ein Schuss Sahne ist da auch bei. Tolles Rezept, gerne wieder.

rABInson Crusoe – 10 Jahre später ist man eine Insel.

Anfang der Woche flatterte mir die Einladung zum „Ball der Ehemaligen“ meines Gymnasiums ins Haus. Besser gesagt in meinen Facebookstream, denn niemand der Verantwortlichen dürfte meine aktuelle Adresse haben. Natürlich werde ich dort nicht hingehen, obwohl sie mich mit diesem edlen Speisenangebot fast gekriegt hätten. Vielleicht frage ich mal nach, ob man sich die Reste vom Schulessen auch nach Bielefeld liefern lassen kann.

schulball

Doch das viel größere Grauen steht erst noch aus. Im nächsten Jahr soll ich feiern, dass ich dort vor zehn Jahren mein Abitur machen durfte. Dabei ist das Einzige, was mich heute noch mit dieser Zeit verbindet, unser Abimotto „rABInson Crusoe – 13 Jahre Warten auf Freitag“. Ja, wir waren damals super kreativ, aber wenigstens war es kein WM-Motto. Ich werde auch dieses große Event schwänzen und lieber noch ein wenig auf meiner sicheren Insel sitzen, während die ehemaligen Mitschüler Schwanzvergleichs-Quartett mit Job, Familie und Restcoolness spielen.

Es gibt eine handvoll Menschen, die ich durchaus gerne wiedersehen würde. Meinen besten Freund aus Jugendtagen, der sich leider komplett diesem Internet widersetzt. Dabei haben wir früher gechattet wie die Weltmeister. Heute hoffe ich bei jedem Konzert, dass er mir zufällig mal wieder über den Weg läuft. Aber das möchte ich auch nicht auf so einem Kostümfest, bei dem Mann und Frau gleichmaßen den dicken Macker raushängen lassen.

Und der Rest? Kann mir heute noch genauso gestohlen bleiben, wie schon vor zehn Jahren. Heute weiß ich zum Glück, dass man um richtige Freundschaften nicht betteln muss. Dass die Menschen, die mir in der Schule das Lineal in den Nacken gehauen haben, heute die größten Waschlappen sind, immer noch mit Mamas Auto zum Hosenkonzert fahren und im Sommer an den Ballermann. Und ich möchte keiner Veranstaltung beiwohnen, wo so etwas sticht.

Flieht, ihr Narren.

Bielefeld entwickelt sich zu einer Medienstadt. Mit Uni und FH Bielefeld, der FH des Mittelstands und der Hochschule OWL nur drei Käffer weiter sollte es hier eigentlich reichlich Nachwuchskräfte für eine Marketingstelle geben. Dennoch sind Abteilungsleitung und Personalbetreuung seit zwei Monaten vergeblich auf der Suche nach einem Nachfolger für meine Stelle und haben zuletzt drei Absagen in Reihe kassiert. Allesamt akzeptable Kandidaten, aber kein besonderes Highlight. Durchschnitt für eine durchnittliche Firma. Aber wieso will es einfach nicht klappen?

Vielleicht liegt es daran, dass die Verbreitung der Stellenausschreibung von zwei Personen koordiniert sind, die zuletzt im vergangenen Jahrtausend auf Jobsuche waren. Zur Verdeutlichung: Das war vor 9/11, vor der Euroeinführung und bevor Scary Movie 1 in den Kinos anlief. Damals gab es halt nicht so viel Internet. Deshalb werden hier noch immer sämtliche Ausschreibungen ausschließlich über das Arbeitsa… Entschuldigung… über die Agentur für Arbeit online gestellt. Bekanntlich nicht die erste Anlaufstelle für junge, webaffine, kreative Arbeitskräfte mit einem Intellekt über dem des gemeinen Pegida-Anhängers.

28167-fly-you-foolsBöse Zungen behaupteten schon, dass ich dahinter stecke. Zugegeben, ich habe das ein oder andere Mal gescherzt, ich würde potentielle Bewerber heimlich warnen. Ihnen Zettelchen mit Warnhinweisen zustecken, SOS mit der Taschenlampe durch die Glasscheibe funken oder nachts einen Pferdekopf ins Bett legen.

Aber das wäre ja völliger Blödsinn, soll doch jeder für sich selbst herausfinden, wie gut er in diesen Laden passt. Schließlich halten es zahlreiche Kollegen schon seit Jahrzehnten hier aus. Ja, ich bin auch immer wieder aufs Neue darüber entsetzt. Man verdient mehr als in den meisten Agenturen in der Gegend, hat halbwegs geregelte Arbeitszeiten und Weihnachtsgeld gibts auch noch, wenn man artig war.

Aber irgendwas scheint die Bewerber dennoch abzuschrecken, selbst wenn sie zufällig über die Stellenanzeige gestolpfert sind und den Weg ins Bielefelder Outback gefunden haben. Ob es an den leeren, hoffnungslosen Augen liegt, die jeden Neuankömmling ängstlich mustern? Das würde zumindest erklären, weshalb ich demnächst nicht mehr am Eingang sitzen darf, sondern einen Platz hinter zwei Regalreihen bekomme.

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Gerade stolperte ich über eine aktuelle Schlagzeile in der Bielefelder Lokalpresse: „Bewaffneter Raubüberfall auf dem Alten Markt“. So etwas sollte einen in einer Stadt mit über 300.000 Einwohnern eigentlich nicht übermäßig schockieren, auch wenn Bielefeld zu den sichersten Städten Deutschland zählt. Dennoch macht sich da plötzlich ein leichtes Unbehagen breit, auch weil ich zum genannten Zeitpunkt in unmittelbarer Nähe unterwegs war.

Der Alte Markt gehört zu den hellsten und belebtesten Station auf meinem üblichen Nachhauseweg. Der führt durch Unterführungen, Seitenstraßen und an unbeleuchteten Grünstreifen vorbei. Und eigentlich fühle ich mich dort als Frau in der dunklen Nacht immer sehr sicher. Das mag an der lauten Musik auf den Ohren liegen oder daran, dass ich die Strecke im Schlaf laufen kann und deshalb kaum noch auf die Umgebung achte. Natürlich recke ich instinktiv das Kinn etwas höher und mache den Rücken noch ein wenig gerader, wenn mir jemand entgegen kommt. Ansprechen verboten.

Doch irgendetwas läuft da falsch. Wieso wird im Dunkeln jeder Mann gleich zu einer potentiellen Bedrohung? Wie unterscheide ich mich da noch von dem mit Vorurteilen belasteten, kleingeistigen Abschaum, der aus jedem Asylanten sofort einen Kriminellen macht? Nun könnte ich das damit begründen, dass mir mit 14 alleine im Dunkeln tatsächlich mal beinahe etwas zugestoßen wäre. Aber das war kein Unbekannter mit dunkler Kapuze in einer einsamen Gasse, sondern ein guter Bekannter während drinnen eine Feier auf dem Höhepunkt war. Doch ob Eltern, Freunde oder Medien, ständig wird man als Frau dafür sensibilisiert, dass einem da draußen im Dunklen der schwarze Mann auf einen lauert. „Meld dich, wenn du sicher angekommen bist.“

Bei einem bewaffneten Raubüberfall bliebe mir keine andere Wahl, als meine 8 Euro 50 rauszurücken. In so einer Situation würde mir auch kein männlicher Geleitschutz oder Pfefferspray helfen. Aber wer sich in dieser Gegend auch ausgerechnet bei mir den großen Coup verspricht, dem würde ich fast schon aus Mitleid mein letztes Kleingeld geben. Dennoch suche ich gerade Infos zu einem Selbstverteidigungskurs zusammen. Schaden kann’s ja nicht und wenn es nur das eigene Selbstbewusstsein stärkt.

Atheisten sind dumm. Christen aber auch.

Ich hatte hier ja schon Weihnachten mein Coming-out, als ich zugab, kein richtiger Atheist zu sein. Noch hat mich keine Freakshow angeheuert, aber ich rechne quasi minütlich damit abtransportiert zu werden. Allerdings habe ich für mich auch noch ein 11. Gebot: Du musst noch so viel Restverstand behalten, dass du es checkst, wenn deine Glaubensrichtung Unsinn verzapft.

Aktueller Fall auf Spiegel Online: Religionsstreit an bayerischer Schule: „Atheisten sind dumm“. Ok, Punkt 1: Dass das gerade wieder in Bayern passiert, wundert nun wirklich niemanden mehr. Punkt 2: Stimmt, es gibt wirklich saublöde Menschen, die noch dazu Atheisten sind. Aber definitiv nicht alle. Konkret geht es dort mal wieder um einen Schulleiter, der seinen Schülern und am besten noch dem gesamten Kollegium und allen Eltern seinen eigenen, katholischen Glauben als das Maß aller Dinge aufzwingen will. Inklusive Gebet im Unterricht („Lieber Gott, falls das mit den Dinos und der Evolution eine Lüge ist, lass bitte dieses Biobuch in Flammen aufgehen, sonst muss ich es gleich wieder selber verbrennen.“) und Segnungen Abtrünniger in der Fastenzeit („Dieser Lolli ist des Teufels!“). Und wer nicht an den lieben Gott glauben und sich nicht durch Jesus vor der ewigen Verdammnis retten lassen will, der ist halt dumm.

Das kann man gerne glauben, wenn man möchte. Solange man damit niemandem auf die Nerven fällt. Das ist wie mit Veganern: Mir doch egal, was du isst oder – viel mehr – nicht isst, aber erzähl mir bitte nicht ständig davon. Danke. Leider gibt es haufenweise Christen, die anderen in einer Tour ihre ganz persönliche Lebenseinstellung vor die Nase halten müssen. Ich will das aber alles gar nicht wissen. Wenn jemand vor der Ehe keinen Sex haben möchte, dann ist das seine Sache. Wenn jemand vor dem Essen beten möchte, dann ist das seine Sache. Und wenn du freitags Fisch essen möchtest, dann lass mich gefälligst auch mal beißen.

Aber genauso wie nicht jeder Atheist zwangsläufig mit minderer Intelligenz gesegnet ist, so ist auch nicht jeder Gläubige aus Prinzip dämlich. Niemand muss verstehen können, wieso jemand anderes an ein höheres Wesen glaubt. Das verstehe ich ja selbst nicht, auch wenn ich mich die meiste Zeit zu diesen Bekloppten dazuzählen würde. Vielleicht ist bei diesen Leute irgendeine Gehirngegend anders verkabelt. Aber deshalb kann man ja dennoch ein ansonsten normal denkender und toleranter Mensch sein. Wer als Atheist das verleugnet, ist dumm.

Ja, die im Vatikan spinnen. Das Ergebnis der Volksabstimmung als „Niederlage für die Menschheit“ zu betiteln, ist einfach nur widerlich. Dabei geht nur leider vollkommen unter, dass sich der Standpunkt der evangelische Kirche in Deutschland zum Thema Familie und Homosexualität hingegen in den letzten 15 Jahren so stark gewandelt hat, dass seit 2013 feste Partnerschaften aller Art als gleichwertig betrachtet werden sollen. Auch die zwischen Mann und Mann oder Frau und Frau. Ob mit oder ohne Trauschein. Wer den Segen der evangelischen Kirche möchte, der soll ihn bekommen. So steht es zumindest in dem sogenannten Familienpapier „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit“. Das muss leider nicht bedeuten, dass das jeder evangelische Pastor und seine Schäfchen genauso sehen. Aber es zeigt zumindest, dass auch nicht alle Christen dumm und weltfremd sind.

Wir spielen in einer Daily Soap.

Ich twittere täglich. Ich blogge wöchentlich. Ich chatte mein halbes Leben und dennoch frage ich mich an Tagen wie heute plötzlich: Was hat das Internet aus unserer Privatsphäre gemacht? Sind wir nun alle zu Voyeuren geworden? Unfreiwillig? Freiwillig?

Zufällig habe ich mitbekommen, dass Freunde von mir auf Facebook untereinander nicht mehr befreundet sind. Weil eine Geburtstagseinladung eintrudelte und einer von ihren unerwartet auf der Gästeliste fehlte. Und wie die Neugierde zeigte, nicht nur dort. Früher hätte man das erst auf der Feier selbst mitbekommen. Oder man wäre voll ins Fettnäpfchen gelatscht, weil man denjenigen gefragt hätte, ob er sich am Geschenk beteiligen möchte. Heute weiß irgendwie jeder ein bisschen Bescheid, doch nie etwas genaues.

Den Begriff „Freunde“ benutzt Facebook seit Beginn an inflationär. Mit dieser Aussage erfinde ich das Rad nicht neu. Ein Freund ist fast jeder, der mir mal irgendwann auf irgendeiner Party ein Kotelett an die Backe laberte. Es bedeutet, dass ich dulde, dass diese Person bei mir mitliest. Jemanden wieder zu entfreunden kann im besten Fall bedeuten, dass man gerade seine Freundesliste ausmistet. Dass man Diskobekannschaften und die Haustiere der Geschwister seiner Schulfreunde zu den Akten legt. Oder aber es ist ein ziemlich eindeutiges „Hau ab aus meinem Leben“. Denn mein Leben geht an jetzt nichts mehr an.

Aus diesem Grund finde ich auch die öffentlichen Beziehungsstatusse ganz skurril. Klar, das 79. „Freut mich für euch!“ ist eine tolle Sache, aber was ist, wenns in die Brüche geht? Möchte ich wirklich allen Freunden, Bekannten, Kotelett-an-die-Backe-Rednern und meiner Mutter(!) ganz beiläufig mitteilen, dass ich gerade vor einem Scherbenhaufen sitze? Gejammert wird doch nur über Twitter oder beim Bier, Facebook ist oberflächlicher Quatsch.

Und trotzdem kann auch ich nicht anders und muss in diesen Momenten mal eben schnell nachlesen. Nachlesen, ob es öffentlichen Streit gab. Seit wann das schon so sein könnte. Ob da noch mehr Leute drin hängen. Wir die Zuschauer einer Seifenoper wollen wir keine Folge verpassen, wollen Intrigen, Sex und Tränen live miterleben. Erving Goffman schrieb: „Wir alle spielen Theater.“ Tagein, tagaus hangeln wir uns von einer Rolle zur nächsten. Er hätte es wohl niemals für möglich gehalten, wie groß unser Publikum einmal sein wird.

Erst mal hupen.

Nein, sorry Jungs, es geht nicht um Brüste. Vielleicht ein anderes Mal.

Es geht um die Einrichtung für Schallzeichen, die man an Kraftfahrzeugen über 50ccm findet. Die dafür da ist, in Gefahrensituationen auf sich aufmerksam zu machen. Beispielsweise wenn vor einem plötzlich jemand auf die Idee kommt, seine Picknickdecke mitten auf der Fahrbahn auszubreiten und man mit seinem Auto / Motorrad / LKW / Panzer angerollt kommt. Dann darf man hupen. Und bis zur Erfindung von WhatsApp natürlich auch um seinen Freunden mitzuteilen: „Ey Mädel, ich stehe jetzt vor deinem Haus, mach hinne, ich will los.“

Nun, in Bielefeld scheint es anders gelehrt zu werden. Ich wohne nicht zum ersten Mal an einer dicht befahrenen Kreuzung, aber ich habe außerhalb Italiens noch nie so ein hupfreudiges Volk wie den Ostwestfalen erlebt. (Just in diesem Moment fährt übrigens eine Hochzeitsgesellschaft vorbei. Möp möp möp mööööp.) Die Beweggründe fürs Hupen sind offenbar vielzählig. Vor mir lässt jemand vor dem Abbiegen einen Fußgänger durch? Erst mal hupen. Die Ampel ist bereits seit 2 Sekunden grün und mein Vordermann noch nicht drüber? Erst mal hupen. Da möchte jemand auf den Schienen wenden und dabei nicht von der Straßenbahn überrollt werden? Erst mal hupen. Die Sonne blendet mich? Erst mal hupen.

Zu absolut jeder Tages- und Nachtzeit. Dienstagabend, halb 12, es sind ungefähr drei Autos in ganz Bielefeld-Mitte unterwegs. Und dennoch findet immer irgendeine Nulpe einen Grund, sein Signalhorn ertönen zu lassen. Vielleicht hat ihm ein umherfliegendes Blatt die Vorfahrt genommen. Vielleicht hat auch ein Satellit über ihm geblinkt, ohne danach abzubiegen. Man weiß es nicht. Ich hoffe dann immer für den Fahrer, dass es ein wirklich guter Grund war. Denn „Huch, ein Wohngebiet mitten in der Nacht? Erst mal hupen.“ ist arschig.

„Nichts.“

„Was ist los mit dir?“ – „Nichts.“ Was eigentlich so viel heißt, wie „Hör auf zu fragen, wenn ich darüber sprechen wollte, würde ich von mir aus schon den Mund aufmachen. Also ignoriere bitte mein Verhalten und lass mich in Ruhe mein Fort aus Pappkartons zuende bauen, in dem ich mich vor dir und dem Rest der Welt verstecken kann.“ Aber „Nichts.“ ist so viel bequemer. Und wahr. Denn eigentlich ist „Nichts.“. Die Arbeit ist nicht anstrengender als noch vor zwei Wochen, die Menschen nicht blöder, das Wetter sogar viel besser. Trotzdem nervt alles.

Frühjahrsmüdigkeit. Mir ist so, als hätte ich da letztes Jahr schon drüber geschrieben und nun finde ich es nicht mehr. Vielleicht brauche ich auch nach zehn Wochen durchpowern einfach mal einen freien Tag außerhalb des Wochenendes. Denn gerade fühle ich mich, wie Spiderman auf dem Lande: Aufraffen, Anlauf nehmen, den Sprung wagen, ins „Nichts.“ fallen. Wäre das hier ein Videospiel, hätte ich schon längst frustriert den Controller durch’s Wohnzimmer gepfeffert.

Ist es aber zum Glück nicht. Dennoch werden die kommenden Monate meinen Gesundheitsbalken wieder auffüllen müssen. Dafür weiß ich, dass das nächste Level viel weniger „Nichts.“ haben wird und stattdessen viele Dinge, die Halt bieten. Wollen wir mal hoffen, dass ich mit meinem Talent zur Selbstzerstörung dann nicht mit Schmackes vor irgendeine Wand springe.

Und wenn ich einmal traurig bin, denk ich an dieses GIF.