Anna in Wonderland

Ernährung als Anker für die Psyche

Mai
18

In den letzten Jahren geisterten immer wieder Studien durch die Welt, dass Abnehmen Depressionen fördert. Diäten sind Stress. Der Jojo-Effekt ist noch stressiger. Schokolade macht glücklich.

Auch Vegetarier leiden eher unter Depressionen. Und unter Krebs. Behauptete zumindest noch vor kurzer Zeit eine Studie, die innerhalb kürzester Zeit von Fachkollegen komplett auseinander genommen und als Unfug eingestuft wurde. Leider sind die Medien da weniger kritisch und schnell auf den Zug mit aufgesprungen.

Ich will nicht behaupten, dass ich mit der Umstellung meiner Ernährung ein Allheilmittel gegen psychische Probleme gefunden habe. Aber ich kann davon berichten, dass es mir bis heute geholfen hat und vielleicht auch dem ein oder anderen einen positiven Impuls geben.

Anfang 2016 stand ich vor einer unüberwindbaren Wand. Mein damaliger Arbeitgeber trieb mich unermüdlich einem Burnout entgegen. Privat steckte ich in einem Loch, ich fühlte mich unwohl in meinem Körper und wäre am liebsten gar nicht mehr vor die Tür gegangen. Als dann der verhasste Job wegfiel, hatte ich auch keinen wirklichen Grund mehr, morgens noch eine Hose anzuziehen, geschweige denn die Wohnung zu verlassen. Dabei sagt einem jeder Therapeut, dass gerade ein geregelter Tagesablauf ein erster, wichtiger Schritt aus der Depression ist.

Deshalb suchte ich mir ein Thema, mit dem ich mich sowieso jeden Tag mehrmals beschäftigen musste und dass ich bis dato eigentlich auch immer sehr genossen hatte: Essen.

Ich musste essen, ich wollte essen. Ich wollte vor allem gut essen, denn meine Ernährung war davor schon viele Jahre ein wichtiges Thema für mich. Außerdem esse ich schlicht und ergreifend gerne leckere Dinge. Kochen und Backen haben mir immer viel Freude bereitet und ich merkte, dass sich daran nichts geändert hatte. Um abwechlungsreich und lecker Kochen zu können, musste ich außerdem zum Einkaufen aus dem Haus, damit schlug ich zwei Fliegen mit einer Klappe.

Parallel entschied ich mich, erst einmal auf Fleisch zu verzichten. Ich wollte auf Qualität achten und das funktionierte nicht mit einem Pfund Hackfleisch für 1,59. Gleichzeitig hatte ich als Tierfreund plötzlich ein gutes Gewissen in der Küche. Zum Glück aß und esse ich selten mit anderen Leuten zusammen, so dass der Stress ausblieb, mich für meinen neuen Ernährungsstil rechtfertigen zu müssen. Ich tat es allein für mich und war stolz darauf, dass ich von mir aus neue Gerichte und Lebensmittel ausprobierte und das Ergebnis auch noch schmeckte.

Stolz ist für mich ein wichtiges, positives Gefühl. In meiner Therapie haben wir oft nach Momenten gesucht, in denen ich mich gut fühlte, und meistens schwang in diesen eine ordentliche Portion Stolz mit. Stolz auf die geleistete Arbeit und das tolle Ergebnis. Stolz, weil ich etwas Neues ausprobiert hatte. Stolz, mich doch noch abends mit Freunden getroffen zu haben, obwohl alles in mir dagegen protestierte.

Vermutlich ist deshalb auch die Ernährung ein funktionierender Anker für meine Psyche. Weil ich stolz auf meine Leistung sein kann. Ich koche gesund, abwechlungsreich und lecker, das können die wenigsten Leute von sich behaupten. Mittlerweile poste ich sogar regelmäßig Fotos auf Instagram und in der Weight-Watchers-Community und freue mich über das rege Feedback. Vor kurzem hätte ich noch gespottet, dass es aufmerksamkeitsheischend und albern ist. Stimmt. Aber es ist trotzdem schön.

Apropos Weight Watchers. Dieser Blogpost fing damit an, dass angeblich auch Diäten schlecht für die Psyche wären und Depressionen fördern würden. Gerade im Winter, wo es laut einiger „Wissenschaftler“ völlig natürlich wäre, sich eine Speckschicht anzufuttern und damit glücklich zu sein. Ich bin glücklich damit, seit September einige Kilos abgeworfen zu haben. Glücklich und selbstbewusst.

Sicherlich gibt es Wochen, in denen man sich ärgert, weil es nicht so gut läuft. In denen man frustriert und wütend auf sich selber ist. Aber im Großen und Ganzen geht es mir einfach besser. Und ich habe nicht vor, mich irgendwann wieder auf mein Höchstgewicht von 20 Kilo mehr zu fressen. Dass so ein Jojo-Effekt depressiv machen kann, diesen Punkt kann ich als Studienergebnis nachvollziehen.

Bis dahin ist Essen ein Hobby, dass mir Freude macht. Es macht mir Freude, neue Gerichte auszuprobieren, neue Zutaten zu entdecken und meine Woche zu planen. Ich stöbere ständig nach neuen Ideen und genieße am Ende jeden Bissen. Selbst wenn ich Tage habe, an denen es mir nicht so gut geht, weiß ich, dass an ihrem Ende eine reichhaltige, gesunde und leckere Mahlzeit auf mich wartet, die mir keiner nehmen kann.

Ein Girlie in XL, bitte.

Mai
10

Neulich Nachmittag stand einer meiner jungen Support-Kollegen neben mir und kramte in der Kiste mit den Trikotmustern. Ende Juni tritt nämlich unsere Firmenmannschaft beim Fußballturnier an und wenn die Mannschaft schon nicht viel reißen wird, dann soll sie doch wenigstens gut aussehen. „Da ist XL, das sollte passen. Ach, was solls, XXL nehme ich besser auch noch zum Anprobieren mit, kann ja nicht schaden“, sagte er zu mir.

Besagter Kollege ist kein Riese und die Größenwahl wird vom horizontalen Wachstum diktiert. Doch anstatt heimlich nach den großen Größen zu suchen, wird die Wahl deutlich vernehmbar kommentiert. Schämt der sich denn nicht?

Nicht dass er einen richtigen Grund hätte, sich dafür zu schämen. Jeder zweite Deutsche ist zu dick und ob er oder sie damit leben kann, muss jeder selber wissen. Nicht mein Problem, ich habe meine eigenen Baustellen. Und es ist ja nicht so, als ob man die Trikotgröße nicht auch ganz gut schätzen könnte. Mir drückt schließlich auch niemand ein Leibchen in XS in die Hand.

Aber muss man das denn gleich laut sagen?

Ich habe jahrelang Hosen auf dem Weg zur Umkleidekabine so gehalten, dass man auf keinen Fall das Etikett sehen konnte. Nach der erfolglosen Anprobe trug ich das Kleidungsstück auch grundsätzlich selbst zurück auf die Verkaufsfläche und ließ es mitten im Stapel verschwinden, falls mir jemand hinterherspionieren sollte. Völlig bekloppt. Es konnte doch eh jeder sehen, dass mein Arsch nicht der schmalste ist. Aber dann hätten sie es nicht nur gedacht, sondern auch gewusst.

Mittlerweile sagen diese Etiketten, dass mein Körperbau so mittel ist. Größe M. Nicht mehr dick und noch nicht schmal. Eine Kleidergröße wie Butterkeks. Da macht man nichts mit verkehrt und bei einer Größe von 1,73 ist das völlig vertretbar. In Geschäften für ganz schmale Püppchen muss es hin und wieder noch mal etwas in L sein, aber zumindest passt es jetzt. Und über eine Hose in S freut man sich den Arsch ab.

Doch dann kommt sie, die Begegnung mit der Kleidergrößenhölle. An einem Ort, wo sie niemand jemals erwarten würde: Am Merchandise-Stand.

Während die Vorband schon auf der Bühne grölt, rufe ich dem Roadie hinter dem Klapptisch zu: „Ein Girlie in XL, bitte.“ Denn das ist die einzige Bandshirt-Größe, in die ich ohne letzte Ölung hineinpasse. Sofort fühle ich mich wieder wie ein riesiges Trampeltier, das all seine Hoffnung in das Xtra vor dem Large setzen muss. Gefühlt hat es der halbe Laden gehört und vermutlich nutzt der nette, junge Mann hinter der Theke die Gelegenheit und rollt ausgiebigst die Augen, während er im Pappkarton nach das passenden Größe sucht. Nur um mir dann mit einem breiten Grisen ein Stück Stoff in Briefmarkengröße entgegenzustrecken. Wenigstens verkneift er sich den abschätzigen Blick.

Mit leicht roten Ohren geht es zurück zur männlichen Peer Group, die dort bereits stolz mit der eigenen T-Shirt-Beute wartet. Natürlich in M. Ob klein, groß, dick, dünn, krumm oder gerade: Am Merchandise-Stand kaufen alle Männer M. Frechheit.

Mein abendlicher Stuhlkreis: Gruppentraining sozialer Kompetenzen.

Mrz
14

Als meine Therapeutin kurz vor Weihnachten mit dem Flyer wendelte, dachte ich erst, sie wolle mich auf den Arm nehmen. Oder kannte sie mich nach fast neun Monaten Therapie wirklich so schlecht? „Eine Kollegin von mir veranstaltet ab Januar wieder ein GSK, ein Gruppentraining sozialer Kompetenzen. Vielleicht wäre das ja was für Sie?”

Gruppentraining? Ich? Das passt ungefähr so gut zusammen, wie Bielefeld und Karneval. Da sträubt sich jede Faser meines Körpers gegen. Das klingt nach Gruppenarbeit (fürchterlich), Rollenspielen (noch fürchterlicher) und fremden Menschen in großer Runde von seiner bedauerlichen Existenz zu erzählen (am allerfürchterlichsten). „Hallo, mein Name ist Anna und ich bin sozial nicht so richtig dolle kompetent.“ Eigentlich wie bei den anonymen Alkoholikern. Wären da nicht diese lustigen bunten Kärtchen auf die man mit bunten Filzstiften schreibt, wann man zwischenmenschlich bei sich so richtig schwarz sieht.

Ich saß also in der Adventszeit in meiner kleinen, gemütlichen Singlewohnung und starrte diesen Flyer an. Ziemlich gemein von denen, so etwas vor Weihnachten zu verteilen, wenn sich der soziale Krüppel gerade besonders sozialkrüppelig und einsam fühlt. Was hatte ich schon zu verlieren? Und so drückte ich in den nächsten Woche einer ziemlich verdutzten Therapeutin meine Anmeldung in die Hand. Scheinbar hatten wir beide nicht geglaubt, dass ich das auch nur kurz in Erwägung ziehen würde.

„Hallo! Ich freue mich darauf, Sie auf 23.1. in der Gruppe für soziale Kompetenzen kennenzulernen.“ Oh Graus, da war sie, die Zusage für den Platz in der Gruppe. Per SMS, wie man das heutzutage halt so macht. Insgesamt acht Sitzungen am Montagabend warteten nun also auf mich. Ich würde sogar noch 20 Euro dafür zahlen, dass sie mich dort quälten. Aber kneifen wollte ich jetzt auch nicht mehr.

Ich werde der Versuchung widerstehen, auf die rund 10 Mitglieder meines kleinen, allwöchentlichen Stuhlkreises allzu ausführlich einzugehen. Schweigepflicht und so. So viel kann ich verraten: Für einen Haufen Menschen mit ähnlichen Problemen hatten wir aber mal so überhaupt gar nicht gemeinsam. 

Unterschiedlich hübsch oder hässlich, still oder laut, mit Familie zuhause oder im Stillen ziemlich einsam. Das eine Mädel so schüchtern und leise, dass man sie die ersten Wochen kaum verstand. Der Andere sehr laut und rüpelhaft mit wenig Einfühlungsvermögen. Nach dem wird bestimmt mal der Abstand zwischen zwei Fettnäpfchen benannt. Und dann natürlich noch ich, die immer wieder aufs Neue davon überrascht wird, wenn Menschen sie mögen.

Ja, wir haben die Ergebnisse unserer Gruppenarbeiten auf lustige, bunte Kärtchen geschrieben. Wir haben sehr viele Rollenspiele gemacht und auch ein klein wenig aus unserem Leben erzählt. Aber es war nicht schlimm. Denn ausnahmslos jeder fand diese Sachen doof und hat sich auch getraut, das offen zu zeigen.

Sicherlich hat uns allen geholfen, dass wir eine sehr junge, lustige und offene Therapeutin hatten. Mir hat sie alleine dadurch schon einige Hemmungen genommen. Obwohl es mir generell wenig Angst macht, vor anderen etwas aufzuführen und das Wort zu ergreifen. Ich mag es nur einfach nicht. Aber da ich betretenes Schweigen noch viel weniger mag, wurde ich gleich in der ersten Woche zu einer Art Alphaweibchen. Wenn sich keiner traut, dann fängt halt Anna an. Irgendeine Dumme findet man halt immer.

Doch so ungerne ich das alles gemacht habe, so viel hat es mir am Schluss gebracht. Alleine schon in einer Gruppe zu sein, in der ich von allen die meiste Redezeit hatte, war für mich eine ganz neue Situation. Fast hätte ich geschrieben, dass ich ausnahmsweise mal die Lauteste war, aber das stimmt nicht. Stattdessen wurde mir beigebracht, ruhig mal lauter zu sprechen, ich wäre doch sehr leise. Liebe Leute außerhalb des Internets: Warum sagt ihr mir das denn nicht?

Zurück zum Thema. Laut GSK gibt es – abgesehen von der Kraft meiner Stimme – drei Baustellen im Sozialleben:

  • sein Recht durchsetzen
  • selbstsicheres Verhalten in Beziehungen zeigen
  • Sympathie gewinnen

Herzstück der Gruppentherapie war eine Liste verschiedener Situationen aus den unterschiedlichen Themenblöcken, aus der sich jeder mal eine Geschichte aussuchen durfte. Aufgeteilt in zwei Gruppe gab es leider keine Chance, sich zu drücken und so durfte auch ich gleich vier Geschichten mit der Therapeutin vorturnen:

  • den zu nachtschlafender Zeit lärmenden Nachbarn zum Schweigen bringen
  • den Partner wegen einer unangenehmen Stichelei zur Rede stellen
  • nach dem Umzug in eine fremde Stadt jemanden im Café ansprechen
  • einen Freund auf eine störende Unart hinweisen

Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sage, aber ich fand diese Trockenübungen echt total hilfreich. Wann hat man sonst die Chance, Lob und Kritik für sein Verhalten zu bekommen und es danach einfach noch einmal auszuprobieren? Wenn ich mich mit jemandem streite, dann sagt der am Schluss schließlich nicht: „So, und jetzt versuchen wir die ganze Diskussion noch einmal von vorne. Achte etwas besser auf deine Körperhaltung und sag mir ruhig schon zwei oder drei Sätze früher, was du von mir erwartest. Der Rest war sehr souverän.“

Auch der Umstand, dass wir so völlig verschiedene Charaktere waren, hat mir persönlich sehr geholfen. Denn so konnte immer derjenige wirklich gute Tipps geben, dem die jeweilige Situation nicht ganz so schwer fällt. Im Gegenzug machte es mich auch ziemlich stolz, wenn ich jemandem einen Tipp gegeben habe und der- oder diejenige hinterher meinte, dass die Situation plötzlich viel einfacher war. Voll gut.

Daher kann ich jedem nur empfehlen, ein solches GSK auch einmal auszuprobieren, wenn sich die Gelegenheit bietet. Diese Übungen und das Feedback der anderen im Stuhlkreis geben einem tatsächlich eine Sicherheit, die zumindest ich in der Einzeltherapie nicht gefunden habe. Man merkt plötzlich, dass man mit seinen Problemen wirklich nicht alleine ist und bekommt die Chance, Fremd- und Selbstwahrnehmung neu auszubalancieren.

Mein erstes Rentnerhobby: Gewinnspiele.

Feb
03

Es gibt so viele wunderschöne Rentnerhobbys: Kreuzworträtsel, Aqua Fitness, die Rasenkante nachziehen, Falschparker aufschreiben oder einfach nur mit den Händen hinter dem Rücken spazieren gehen. Ich führe bereits eine Liste fürs Alter und freue mich jeden Tag ein wenig mehr auf den Renteneintritt im Dezember 2053.

Seit ein paar Wochen bin ich etwas anderem verfallen: Den Gewinnspielen. Ich erinnere mich noch daran, dass ich als Kind auch schon mal hin und wieder eine Postkarte an die 5000 Köln schicken durfte, um irgendeinen supertollen Preis abzusahnen. Ganz oft musste ich dafür erst noch etwas malen oder eine wirkliche schwierige Rätselfrage lösen. Ich habe auch tatsächlich irgendwann Eintrittskarten für die Sauerländer Karl-May-Festspiele gewonnen. Das war super. Und wenn meine Eltern nicht aufgepasst haben – was bei zwei Berufstätigen recht häufig der Fall war – rief ich auch schon mal bei Hugo an. Kennt ihr noch die Hugo Show mit dem komischen Kobold? Man selber war ja immer viel klüger und besser aus diese ganzen anderen Anrufer. Durchgekommen bin ich aber leider nie. Schade eigentlich.

Heute geht das alles viel einfacher. Kurz ein Formular im Internet ausgefüllt und mit etwas Glück setzt man sich gegen 8.793 andere Personen durch, die denselben Einfall hatten. Das klappt auch gar nicht mal so schlecht, in den letzten paar Wochen es immerhin schon einen Philips Staubsauger mit Wischfunktion, ein Mal- und Bastelset von Faber-Castell und einen 200€-Etsy-Gutschein. Da ich meistens doch zu geizig für Deko und Tand bin, hat mich gerade der Gutschein sehr, sehr glücklich gemacht. Bye bye Ikea Lack, endlich gibt es einen gescheiten Wohnzimmertisch.

Ich möchte euch übrigens eindringlich davor warnen, nun auch auf diesen Trichter zu kommen und mir den Urlaub in Neuseeland oder die KitchenAid vor der Nase wegzuschnappen. Ich behalte das im Auge!

So ein Hobby kann übrigens auch ein echter Lebensretter sein: Während das Paket mit meinen Kaffeekapsel seit drei Tagen von DHL morgens ein- und abends unverrichteter Dinge wieder ausgeladen wird, kam gestern ein Schächtelchen mit Proben von Melitta bei mir an. Ich mache nämlich neuerdings parallel auch noch in Produkttests. Innerhalb der nächsten vier Wochen schreibe ich im Gegenzug mein Feedback in irgendeine Kommentarspalte, fülle einen Abschlussbogen aus und habe dafür Sonntagmorgen Kaffee im Haus.

Und danach schreibe ich – mit wachem Blick – Falschparker auf.

Das Überleben der Angepassten?

Dez
14

Ich muss vorneweg sagen, dass ich die Comics von erzaehlmirnix fast immer sehr, sehr gerne mag. Auch ihr Alter Ego „fettlogik“ hat mir zwei oder drei äußerst nützliche Tritte in den Allerwertesten verpasst. Gestern war ein Comic dabei, der sogar von ein paar Bekannten geteilt wurde, aber mir doch irgendwie quer sitzt.

Ich wurde zwar nie für meinen Nagellack gemobbt, dafür aber zwischen 11 und 15 für alles andere. Ich war zu groß, zu dick, zu schüchtern, zu rothaarig, zu kurzhaarig, zu gut in der Schule, zu unsportlich, zu zahnspangentragend, … komisch eigentlich, dass man mich nie als Quoten-Loser für eine der Stephen-King-Verfilmungen gecastet hat. Vermutlich nur deshalb nicht, weil die Loser in seinen Büchern immer Jungs sind.

Wäre ich das alles nicht gewesen, hätte ich in der Schule vermutlich meine Ruhe gehabt. Ich müsste dann heute nicht jedes Mal einen kritisch Blick auf mein Spiegelbild werfen, wenn zwei Fremde in der Stadt aus meiner Sicht grundlos lachen. Ich könnte mich im Bus vor einen Halbwüchsigen setzen, ohne Angst vor angesabberten Papierkügelchen zu haben. So denke ich bei jedem Tweet, in dem ein Elternteil stolz vo seinem Nagellack liebenden Sohnemann berichtet: „Na hoffentlich geht das gut.“

Ich finde es ja auch nicht gut, dass gerade Kinder nicht tun, lassen und tragen können, was sie wollen. Aber dieses Rollendenken sitzt nun mal tief in den Köpfen fest. Das konstruierte Geschlecht, oder wie auch immer ihr das am liebsten nennen wollt. Aber es geht hier ja nicht nur um das konstruierte Geschlecht, sondern generell um den konstruierten Außenseiter. So schlimm es ist, mit manchen Sachen wird man einfach zur leichteren Zielscheibe.

Als ich 14 war, stellte mein Kieferorthopäde meine Eltern vor die Wahl: Entweder sie übernehmen die Kosten für eine sehr aufwendige, aber innenliegende Zahnspangenlösung (die Details werde ich euch ersparen) oder ich muss rund um die Uhr mit einem Kopfgestell herumlaufen. South-Park-Gucker kennen so etwas vielleicht von Stans Schwester Shelly. Man kriegt einen Plastikring auf den Kopf geschnallt und von da laufen zwei Drähte zu den Mundwinkeln. Jetzt erklär mal jemand all den anderen 14-jährigen Pubertisten, dass das eine notwendige, medizinische Geschichte ist und man auf keinen Fall Witze darüber machen darf, dass klein Anna damit so aussieht wie Frankensteins Monster.

Meine Eltern haben sich zum Glück für die Lösung ohne Drahtgestell entschieden. Obwohl andernfalls der Psychiater sicherlich von der Kasse bezahlt worden wäre.

Dennoch mobbe ich heute keine Mädchen mit Kopfgestellt. Die gibt es glücklicherweise auch nur noch sehr, sehr selten. Ich mobbe auch keine Rothaarigen (mal abgesehen davon, dass ich rote Haare mittlerweile sowieso viel besser als den Rest finde). Und wenn ein Kind gute Noten schreibt, dann ist es deswegen – meistens – noch kein langweiliger Streber, sondern wird es möglicherweise mal weit bringen. Aber ich in solchen Momenten kann ich nicht anders, als mich zu sorgen und zu denken: „Na hoffentlich geht das gut.“ Eigentlich sehr schade.

Das kleine Arschloch namens Angst.

Nov
01

Morgen ist mein dritter erster Arbeitstag innerhalb von gerade einmal 13 Monaten. 13 Monaten und einem Tag. Nun sitze ich hier vor meinem Blog, um mich irgendwie vor dem längst überfälligen Anruf bei meiner Mutter zu drücken. Denn die wird mich ganz sicher fragen, ob ich mich denn schon auf morgen freue. Und ich werde ihr ganz sicher antworten, dass ich natürlich schon sehr aufgeregt bin. Was stimmt, aber was ihre Frage nicht beantwortet.

Ich sollte mich freuen. Endlich darf ich wieder das machen, worin ich gut bin. Es warten neue Aufgaben auf mich, von denen ich weiß, dass sie mir Spaß machen. Die Vorgesetzten scheinen nett zu sein und der Laden solvent. Wenn alles gut läuft, habe ich mehr Verantwortung, mehr Geld, mehr Freiheiten. Alles prima. Doch dann flüstert mir diese Stimme ins Ohr: „Weißt du noch, wie vorfreudig du letzten Herbst warst, als du den Job bei der Agentur bekommen hast? Und was dann passiert ist?“ Ja, das weiß ich noch. Arschloch.

Ich habe damals von spannenden Kunden und tollen Projekten geträumt. Die hatte man mir schließlich versprochen. Was ich bekam, waren finanzielle Sorgen und ein Burnout nach gerade einmal vier Monaten. Kann ja mal passieren.

Da der hiesige Stellenmarkt vollkommen überlaufen ist mit Menschen, die auch gerne Marketingmärchen erzählen, saß ich ab April drei Monate lang untätig auf dem Sofa. Auf den ersten Blick klingt das ziemlich geil: Drei Monaten machen können, was man möchte. Im Grunde ist das Urlaub. Hab ich immer gedacht. Bis ich merkte, dass man in so einer Phase die freie Zeit nicht nutzt, um die Welt zu entdecken, sich mit Menschen zu verabreden und das Leben zu genießen. Vielmehr schaut man der Staubschicht auf Heizung beim Wachsen zu und zählt die Flecken auf dem Teppich. Den man eigentlich mal wieder saugen könnte, aber warum heute, man muss sich ja schließlich auch noch eine Aufgabe für morgen aufheben.

Plötzlich kam ganz unerwartet ein Anruf, ob ich mir vorstellen könne, für vier Monate für deren erste Wahl zu überbrücken. Möglichst schon ab der kommenden Woche. Ich wusste vorher, dass es nicht meine Wunschlösung sein würde. Hey, aber immer noch deutlich besser, als zuhause vor die Wand zu gucken. Und es war ok. Aber ein ziemlich seltsames Gefühl, wenn man quasi nur zu Besuch ist. Man ist von Beginn an damit beschäftigt, die nötige Distanz zum Unternehmen und den Kollegen aufzubauen, damit der Abschied nicht so schlimm wird. Welchen ich jetzt auch schon wieder hinter mir habe.

Kinners, wie die Zeit vergeht.

Morgen startet nun also der 3. Versuch.

Ich vorher aber noch dieses kleine Arschloch namens Angst, dass mir ständig ins Ohr flüstert, irgendwie in seine Schranken weisen. Klar, wenn die Vorfreude nicht zu groß ist, ist die Enttäuschung hinterher auch kleiner. Klingt erst einmal logisch. Diese Einstellung ist aber überall ein riesiges Hindernis. Sie bremst mich aus: in meiner Arbeit, in Freundschaften und Beziehungen. Also muss die weg. Die Stichprobe ausweiten und mal Leute mit reinnehmen, die seit Jahren glücklich in ihrem Job sind. Und wie groß ist schon die Wahrscheinlichkeit, dass ich jetzt erneut so tief in die Scheiße greife?

Über die Enttäuschung, dass Trendsetter gar keine Hunde sind.

Sep
29

Gestatten: Angus McBeerman, irischer Trend-Setter aus bestem Hause. Lupenreiner Stammbaum, glänzendes Fell, kackt nur auf englischen Rasen. Angus McBeerman sagt den nächsten heißen Scheiß hervor. Manchmal eine etwas haarige Angelegenheit, aber mit dem nötigen Biss immer am Zahn der Zeit. Und trotz der für Hunde üblichen Rot-Grün-Blindheit und einer extremen Kurzsichtigkeit, würde ich Angus bei der Kleiderwahl jederzeit mehr Vertrauen schenken als jedem Streetstyle-Fetischisten.

Mein Kleidungsstil ist nicht hip. Sagt man überhaupt noch „hip“? Mein Sprachschatz ist scheinbar auch nicht mehr hip. Jedenfalls bin ich da ziemlich schlicht gestrickt: Jeans, T-Shirt, Chucks. Fertig. Wenn es doch mal etwas seriöser zugehen muss, wische ich kurz mit einem feuchten Küchentuch vorne über die Schuhe. Dieses Konzept funktioniert seit Jahren. Ich muss nicht beim Blick auf die aktuellen Frühjahrstrends 2017 weinend zusammenbrechen, weil Atlantic und Geranium demnächst Rose Quartz und Serenity ablösen und das komplette Farbkonzept meines Kleiderschranks in sich zusammenfällt. So ein schwarzes Bandshirt ist einfach eine solide Sache.

Dabei bin ich eigentlich bei diesen Themen durchaus auf dem Laufenden. Anders als meine Mutter, die seit 1996 jedes Jahr wieder mit erhobener Augenbraue fragte: „Und das trägt man jetzt so?“, weiß ich, dass man das jetzt so trägt. Ich finds halt nur doof.

Als Kind der 80er, aufgewachsen in den 90ern, pubertiert in den 2000ern, sollte ich die Klappe vielleicht nicht allzu weit aufreißen. Wir sind die Generation der Buffalos mit Plateau, passend zum Revival der gigantischen Schlaghosen. Wir hatten Hosen, an die der Rock schon angenäht war. Bei den Jungs sah man die Boxershorts und bei den Mädels den String. Das war halt so. Aus dieser Zeit stammte auch der Denim-Partnerlook von Britney Spears und Justin Timberlake. Doch während der werte Herr Timberlake kurz darauf die Kurve gekriegt hat, ist die Mode selbst irgendwo völlig falsch abgebogen.

Ich habe mich mit Skinny Jeans abgefunden. Bei Frauen. Ich finde die Sache mit den Vollbärten ganz und gar nicht schlecht. Bei Männern. Aber was soll der Quatsch mit den Jeanshosen, die auf Hochwasserhöhe enden? Was sollen Jeansjacken im silbernen Metalliclook? Was sollen Ponchos, Loafer, bauchfreie Strickpullis? Offiziell ich bin vor fünf Jahren ausgestiegen, damals fing das mit den Römersandalen an. Es war eine sehr weise Entscheidung.

Manchmal blättere ich durch so ein Mädchenmagazin und frage mich, wann die exzentrischen Looks aus den Editorials plötzlich straßentauglich geworden sind. Dann erinnere ich daran, dass ich in einer Zeit pubertiert habe, in der man so schön einfach anders sein konnte. Wo die zerrissene Jeans mit abgeranzter Lederjacke und bunten Dr. Martens ein eindeutig Statement war. Niemand zweifelte damals daran, dass so nur ein Punkermädchen aussehen kann. Und dann freue ich mich ein bisschen.

Die Eine aus 96 sein.

Jul
27

Ich war wohl zu erfolgsverwöhnt. Sowohl beim ersten Vorstellungsgespräch nach dem Studium als auch bei meinem Jobwechsel letztes Jahr, hat es direkt mit der neuen Stelle geklappt. In meiner Naivität habe ich gedacht, dass das so bleiben wird. Die Lage auf dem Bielefelder Arbeitsmarkt schien total entspannt. Alle Welt wartete nur auf mich! Wer will denn auch schon als Marketing Manager arbeiten? Ein ewig voller Schreibtisch, drängelnde Kollegen, trödelnde Agenturen und dann ist da auch noch dieser regelmäßige Zwang sich zu verkleiden, wenn man sich mal wieder bei Presse, Kunden oder Königen im guten Zwirn vorstellen darf. Wieso tut man sich das an?

In diesem Jahr wurde ich eines Besseren belehrt. Plötzlich scheint wirklich jeder etwas mit Kommunikation machen zu wollen. Will Marketinglügen verbreiten und sich die Abende mit Pressemitteilungen um die Ohren hauen. Seit Weihnachten habe ich mittlerweile dreißig Bewerbungen verschickt, Tendenz steigend. Denn auch wenn ich aktuell in Lohn und Brot stehe, ist das nur eine Übergangslösung, deren Ende schon nervös im Raum steht. Wie so eine Jack-Wolfskin-Familie zwanzig Minuten vor dem Boarding.

„Schön, dass Sie sich die Zeit nehmen konnten. Dieses Gespräch wird eher eine Art Speeddating sein, da wir aus 60 Bewerbungen zunächst für den ersten Durchlauf zwölf Kandidaten ausgewählt haben. Wir fragen, Sie antworten. Und lassen Sie Ihre Jacke am besten einfach an, es lohnt nicht.“ Schluck. Wir sprechen hier nicht von einer Stelle in einem Großkonzern mit Firmenwagen, 6-stelligem Jahreseinkommen und globaler Relevanz. Es ging um Öffentlichkeitsarbeit mitten im Bielefelder Outback. Fledermausland. Da war nicht mal Edge!

Uni, FH, FHM, FHDW, HS OWL… (THC in OCB is‘ was ich dreh’…) sie alle lassen kleine Marketingmenschen auf die Region los. Und dann sitze ich großer Marketingmensch da und gucke doof. Ich hatte heute beruflich zufällig mit einer der Vorgesetzten zu tun, die mich ablehnen mussten. Festhalten: 96. 96 Bewerbungen sind bei ihr auf eine einfache Stelle als Marketingassistenz eingegangen. Ich gehörte zu der handvoll Menschen, die dort sogar persönlich vorsprechen durften. Das macht dann tatsächlich schon ein bisschen stolz. Ihr wollt mich zwar nicht behalten, aber hey!, wenigstens durfte ich Kaffee bei euch trinken. Bei meinem jetzigen Arbeitgeber soll es nicht anders ausgesehen haben und angeblich hat man die Entscheidung bislang noch nicht bereut. Juhu, ich bin gut!

Apropos gut. Falls jemand jemanden kennt, der jemanden kennt, der über seinen Schwippschwager davon gehört hat, dass im Großraum Bielefeld ein Marketing Manager gesucht wird (Online oder offline, B2B oder B2C, strategisch oder operativ, Unternehmen oder Agentur): Ich bin quasi eine eierlegende Wollmilchsau. Und ich kann Kaffee kochen und halbwegs lesbare Texte verfassen. Finde ich.

Ein Sommer als Vegetarierin: Ein Selbstversuch.

Jun
24

Ich liebe Fleisch. Ich bin diejenige, die von den Kollegen am Geburtstag ein Mettbrötchen mit Kerze statt eines Kuchens überreicht bekommt. Meine erste Frikadelle gab mir mein Vater – zugegebenermaßen aus lauter Verzweiflung – mit genau sechs Monaten. Ich esse mein Steak am liebsten fast roh, lernte zwischen Schweinehälften in der Wurstküche der Metzgerei meines Onkels das Laufen und bin vermutlich kurz danach in einen Kessel mit Grillgut gefallen. Und dennoch verzichte ich nun schon seit drei Monaten komplett auf Fleisch.

Drei Monate schon? Huch, dann ist es aber allerhöchste Zeit, das langsam auch mal zu verbloggen. Vegetarisch zu leben, ohne darüber zu schreiben? Das ist vielleicht möglich, aber am Ende doch völliger Unsinn. Hashtag Veggielove. Obwohl, jetzt muss ich ein wenig zurückrudern. Ich „sündigte“ mit Matjes. Zweimal. Was mich zu dem Punkt bringt, warum ich den Quatsch überhaupt mache. Ich habe generell nichts gegen ein gutes Stück Fleisch auf dem Teller. Aber ich habe mich dazu entschieden, Hähnchenschenkel nicht mehr für 1,80 € das Kilo beim Discounter zu kaufen. Oder Wasser mit Fleischwurstgeschmack im Plastikdarm. Qualität und bewusstes Essen an Stelle von unüberlegtem Konsum. Deshalb geht für mich auch in Matjesbrötchen in Ordnung, denn der kleine Kerl stammt sicherlich nicht aus Käfighaltung.

Für gutes Fleisch ist mein Budget aktuell zu klein, also esse ich lieber gar keins. Das klappt tatsächlich erstaunlich gut. Gerade beim Abendessen stand bei mir sowieso seit Jahren Gemüse im Fokus. Nur manchmal fehlt ein wenig Schinken als Geschmacksträger. Und Sojaschnetzel sind einfach kein Gehacktes. Übrigens sind draußen aktuell knapp 30 Grad und während ich über Fleisch im Essen sinniere, sabbere ich ein wenig beim Gedanken an den ersten Grünkohl mit Kohlwurst kommenden Winter. Die Fleischfresserin in mir wird man wohl niemals totkriegen. Also liebe Ostwestfalen, liebe Sauerländer: Kein Grund zur Sorge. Allerdings werde ich für die Kohlwurst diesen Winter eventuell eher mit dem Weidenkörbchen unter Arm auf den Biohof fahren und dort direkt vom Schwein pflücken.

Und ich kurv hier rum? Ohne mich.

Mai
17

Nein, ihr täuscht euch nicht, der Titel ist tatsächlich an Grönemeyers Mambo angelehnt. Der Song, in dem er gefühlt 39 Minuten darüber jammert, dass er keinen Parkplatz findet. Die Bewohner der Bielefelder Westens werden das kennen. Wir leben eben in einer Stadt, die dafür konzipiert wurde, dass man zu Fuß mal eben zur Nachbarin rüberschlurfte. Möglichst ohne dabei vom Mistkutscher überfahren zu werden. Für mich ideal.

Im Sauerland, immerhin 22 Jahre lang meine Heimat, sah ich das noch anders. Dort machte jeder an seinem 18. Geburtstag den Führerschein und die besonders Glücklichen (meistens die mit väterlichem Nutzviehbetrieb) bekamen auch direkt ihr erstes Auto dazu. Endlich konnte der 50er-Roller eingemottet werden, mit dem man die letzten drei Jahre die Dörfer unsicher machte. Wer an seinem Geburtstag nicht selbst an der Schule vorfuhr, der war ganz sicher durch die Prüfung gerasselt. So etwas wusste sofort die ganze Stufe. Wer keinen eigenen fahrbaren Untersatz besaß, der konnte sich jederzeit am elterlichen Fuhrpark bedienen. Wie sonst sollte man spontan den 30 km entfernten Burger King unsicher machen? CO2 und Feinstaub gab es damals schließlich noch nicht, das ist so eine neumodische Erfindung der Städter.

Dementsprechend blöd habe ich geguckt, als mir hier in Bielefeld die ersten Menschen ohne Führerschein begegneten. Was ist denn bei denen bloß schief gelaufen? Zu dumm? Zu arm? Gesundheitlich eingeschränkt? Junge, du hast doch Augen im Kopp und mindestens einen funktionierenden Arm, wieso fährst du kein Auto?! Als Student kein eigenes Fahrzeug zu besitzen, konnte ich gerade noch so nachvollziehen. Danach war das für mich so ein Ökoding. Seht mich an, ich schone die Umwelt! Radfahrende Mittvierziger mit Helm und hochgekrempeltem Hosenbein können aber auch wirklich sehr mahnend gucken. Nun bin ich selbst seit einigen Jahren berufstätig und habe dennoch kein Auto. Hoppala.

Eigentlich fand ich Autofahren ja schon immer doof. Naja, das Fahren an sich nicht. Aber das Ein- und Ausparken. Da bin ich ein wandelndes Klischee. Und die anderen Autofahrer. Wenn diese Sachen nicht wären, fände ich Autofahren eigentlich ganz gut. Aber leider sind das Faktoren, die sich hier in der Stadt nicht umgehen bzw. umfahren lassen und deshalb lass ich es lieber ganz sein. Doch vielen potentiellen Arbeitgebern scheint dieser Schritt sauer aufzustoßen.

Wer außerhalb Bielefelds arbeiten möchte und gleichzeitig kein Auto hat, der wird direkt als unflexibel abgestempelt. Dass zwischen 5 Uhr morgens und Mitternacht im Halbstundentakt Bahnen vor der Firmenhaustür abfahren, ist dabei völlig unerheblich. Ich möchte nicht mit mir zusammenarbeiten müssen, nachdem ich 50 Minuten gestresst durch den morgendlichen Berufsverkehr geschlichen bin. Das sind Dinge, die kann kein Kaffee dieser Welt wieder ausgleichen. Ich bin weder Staubsaugervertreterin noch Avonberaterin, also bitte liebe Chefs dieser Welt, lasst mich doch einfach Bus- und Bahnfahren und über Weichenstörungen und unerwarteten Schneefall im Januar schimpfen. Danke.

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