Und ich kurv hier rum? Ohne mich.

Nein, ihr täuscht euch nicht, der Titel ist tatsächlich an Grönemeyers Mambo angelehnt. Der Song, in dem er gefühlt 39 Minuten darüber jammert, dass er keinen Parkplatz findet. Die Bewohner der Bielefelder Westens werden das kennen. Wir leben eben in einer Stadt, die dafür konzipiert wurde, dass man zu Fuß mal eben zur Nachbarin rüberschlurfte. Möglichst ohne dabei vom Mistkutscher überfahren zu werden. Für mich ideal.

Im Sauerland, immerhin 22 Jahre lang meine Heimat, sah ich das noch anders. Dort machte jeder an seinem 18. Geburtstag den Führerschein und die besonders Glücklichen (meistens die mit väterlichem Nutzviehbetrieb) bekamen auch direkt ihr erstes Auto dazu. Endlich konnte der 50er-Roller eingemottet werden, mit dem man die letzten drei Jahre die Dörfer unsicher machte. Wer an seinem Geburtstag nicht selbst an der Schule vorfuhr, der war ganz sicher durch die Prüfung gerasselt. So etwas wusste sofort die ganze Stufe. Wer keinen eigenen fahrbaren Untersatz besaß, der konnte sich jederzeit am elterlichen Fuhrpark bedienen. Wie sonst sollte man spontan den 30 km entfernten Burger King unsicher machen? CO2 und Feinstaub gab es damals schließlich noch nicht, das ist so eine neumodische Erfindung der Städter.

Dementsprechend blöd habe ich geguckt, als mir hier in Bielefeld die ersten Menschen ohne Führerschein begegneten. Was ist denn bei denen bloß schief gelaufen? Zu dumm? Zu arm? Gesundheitlich eingeschränkt? Junge, du hast doch Augen im Kopp und mindestens einen funktionierenden Arm, wieso fährst du kein Auto?! Als Student kein eigenes Fahrzeug zu besitzen, konnte ich gerade noch so nachvollziehen. Danach war das für mich so ein Ökoding. Seht mich an, ich schone die Umwelt! Radfahrende Mittvierziger mit Helm und hochgekrempeltem Hosenbein können aber auch wirklich sehr mahnend gucken. Nun bin ich selbst seit einigen Jahren berufstätig und habe dennoch kein Auto. Hoppala.

Eigentlich fand ich Autofahren ja schon immer doof. Naja, das Fahren an sich nicht. Aber das Ein- und Ausparken. Da bin ich ein wandelndes Klischee. Und die anderen Autofahrer. Wenn diese Sachen nicht wären, fände ich Autofahren eigentlich ganz gut. Aber leider sind das Faktoren, die sich hier in der Stadt nicht umgehen bzw. umfahren lassen und deshalb lass ich es lieber ganz sein. Doch vielen potentiellen Arbeitgebern scheint dieser Schritt sauer aufzustoßen.

Wer außerhalb Bielefelds arbeiten möchte und gleichzeitig kein Auto hat, der wird direkt als unflexibel abgestempelt. Dass zwischen 5 Uhr morgens und Mitternacht im Halbstundentakt Bahnen vor der Firmenhaustür abfahren, ist dabei völlig unerheblich. Ich möchte nicht mit mir zusammenarbeiten müssen, nachdem ich 50 Minuten gestresst durch den morgendlichen Berufsverkehr geschlichen bin. Das sind Dinge, die kann kein Kaffee dieser Welt wieder ausgleichen. Ich bin weder Staubsaugervertreterin noch Avonberaterin, also bitte liebe Chefs dieser Welt, lasst mich doch einfach Bus- und Bahnfahren und über Weichenstörungen und unerwarteten Schneefall im Januar schimpfen. Danke.

Das Glückstagebuch.

Ich möcht‘ ein Glücksbärchi sein, das wäre wunderbar! Ein Glücksbärchi sein, das ist doch sonnenklar! Und nun seid ihr wahrscheinlich froh, dass ich keinen Podcast mache und euch nichts vorsingen kann. Bin ich auch. Aber das war mein erster Gedanke, als mir meine Therapeutin auferlegte, als Hausaufgabe ein Glückstagebuch zu führen. Ja, auch bei mir ging bei dem Begriff erst einmal die Augenbraue in die Höhe. Ein Glückstagebuch. Was sollte da als Nächstes kommen? Ein Mandala? Oder gar eine Traumreise? Bitte, BITTE nicht.

Beides kam zum Glück nicht. Noch nicht. Ähm. Jedenfalls wurde mir in diesem Moment wieder bewusst, dass ich da einem Mädel gegenüber sitze, das frisch aus der Uni kommt. Was ja auch mein Wunsch war. Ich wollte keine Therapeutin mit Traumfängern und Zimmerspringbrunnen aus Salzkristall, der ich die für mich wichtigen Dinge – wie Festivals, Twitter oder meinen Job im Online Marketing – erst einmal lang und breit erklären muss. So etwas ist echt viel wert. Aber man wird natürlich auch mit Therapieformen konfrontiert, die gerade in der aktuellen Fit for Psychotherapie als heißer, geiler Scheiß vorgestellt wurden. Augen zu und durch.

In mein Glückstagebuch sollte ich nun mindestens einmal am Tag aufschreiben, was mir an diesem Tag Freude bereitet hat. Egal was. Ob ich mich beim Fernsehen darüber beömmelte, dass das kleine Elefantenmädchen kopfüber in den Schlamm purzelte oder ob mir das Finanzamt Geld schenkte. Alles Schöne soll notiert werden. Das klingt jetzt erst einmal machbar. Wenn da nicht dieses verflixte Jahr 2016 wäre.

2016 ist das Jahr, in dem der (Ex-)Chef zum arroganten Arschloch mutiert, das die Gehälter nicht zahlt. In dem der Bruder mit Verbrennungen ins Krankenhaus geflogen wird und noch in derselben Woche der Hund der Eltern eingeschläfert wird. 2016 ist bisher eher so der Trump unter den Jahren. Und wenn keine Katastrophe passiert, plätschert es so vor sich hin. Dann nimmt man abends sein Glückstagebuch in die Hand und merkt, dass man eigentlich gar nichts gemacht hat, was irgendwie schön war. Es lief irgendetwas im Fernsehen, aber keine Ahnung, was genau. Es gab etwas zu essen, weil man halt essen muss. Alles nicht schlimm, aber mehr so der Butterkeks unter den Tagen.

Aber das ist wohl ok. Im Glückstagebuch darf auch mal stehen „Der Tag war nicht schlecht“. Wurde mir gesagt. In Ostwestfalen ist das schließlich schon ein Lob. Ich weiß ja auch, dass andere Tage das wieder ausgleichen können. Und wenn man dann den ersten Nachmittag auf dem Siggi verbracht hat, mit Sonne, Bier und Menschen, die einem guttun, hat man plötzlich wieder reichlich Stoff für den Tagesbericht. Hoffentlich muss ich nicht als Nächstes ein Haushaltsbuch führen, dann komme ich nämlich echt in die Bredouille.

Meine 49 Lieblingsaufreger.

Zugegeben, ich rege mich gerne künstlich auf. Schimpfen kann sehr befreiend sein. Andere stellen sich in den Wald und schreien, ich meckere fröhlich vor mich hin. Neulich riss ich die Klappe ganz weit auf und kündigte eine Liste meiner Lieblingsaufreger an. Die TOP10 wären doch toll. Quatsch! Kinderkram! 49 sollen es werden! Wieso 49? Keine Ahnung. Fünfzig wären mir zu viel, aber ansonsten so willkürlich gewählt wie die Tattoomotive auf der Haut eine 20-jährigen Zweitligaprofis.

Aufreger sind hierbei all die Sachen, die mir Grund zum Meckern geben. Vermutlich ist keiner der Punkte einen ARD Brennpunkt wert, aber ohne sie wäre mein Leben doch ein kleines bisschen schöner. Die Reihenfolge entspricht zumindest grob den Tatsachen. Sie ist sicherlich stimmungsabhängig, wird vom Wetter beeinflusst und am schlimmsten ist am Ende sowieso immer das, was mir jetzt gerade aktuell gehörig auf den Senkel geht. Bis auf meine absolute Nummer 1, die ist schon lange in Stein gemeißelt.

  1. Die Bahn zu verpassen
  2. Essensreste im Spülwasser
  3. Dosenmais in meinem Essen
  4. Kalter Kaffee
  5. Warmes Bier
  6. Die Vorfahrt genommen zu kriegen
  7. Handytöne
  8. Abreißende Aufreißnupsis von Milchpackungen
  9. Wie Ralf Zacherl „Fairy“ ausspricht
  10. In den Keller zu kommen und die Waschmaschine ist nicht gelaufen
  11. In faules Obst / Gemüse zu packen
  12. Geld für Staubsaugerbeutel auszugeben
  13. Winzigwinzigwinzigkleine Umkleidekabinen
  14. Rechnungen bezahlen zu müssen
  15. Wenn Menschen mit Kindern über Rot gehen
  16. Beim Spielen zu verlieren
  17. Meine 87 Kreuzallergien
  18. Unfreundliche Flaschensammler
  19. Stimmen im Treppenhaus
  20. Dumme Fragen
  21. Pedro
  22. Menschen mit Toten-Hosen-Tshirts
  23. Deutsche Comedians
  24. Obst in herzhaftem Essen
  25. In Schneematsch zu treten
  26. „Alter!“ als adäquate Anrede
  27. Drängler
  28. Drängelrentner
  29. Konzertrempler
  30. Dinge aufzuheben
  31. Die Schwerkraft
  32. Fruchtfliegen
  33. Generell fliegende Insekte im Zimmer
  34. Zum Autofahren gezwungen zu werden
  35. Konzertmitfilmer
  36. Glätte
  37. Junggesellenabschiede
  38. Junggesellinnenabschiede
  39. Grundloses Hupen
  40. Gehwegblockierer
  41. Schlafprobleme
  42. Frühes Aufstehen
  43. Wenn der Kaffee alle ist
  44. Für den Papierkorb zu arbeiten
  45. Ohne Kopfhörer unterwegs zu sein
  46. Nena
  47. Menschen, die im Weg rumstehen
  48. Wenn Tiere leiden
  49. Jegliche Art intoleranten, rassistischen Gedankenguts

Durchatmen.

Immer, wenn du denkst, schlimmer gehts nicht mehr,
kommt von irgendwo ein noch bescheuerter Chef
mit noch viel, viel irrsinnigeren Vorstellungen daher.

Ich habe in den vergangenen Wochen zu viel geraucht und zu viel getrunken. Habe mich selbst nachts um den Schlaf gebracht und morgens die Augen nicht aufbekommen. Verbrachte ganze Wochenenden zusammengerollt auf dem Sofa. Das ausbleibende Gehalt als guten Grund, um ungestört Winterschlaf zu halten.

In zwei Tagen werde ich offiziell arbeitslos sein und das ist vielleicht sogar ganz gut so. Zumindest für eine kurze Weile. Einfach mal runterkommen, etwas für mich selbst tun, vielleicht sogar wieder öfter unter Menschen gehen. Mal was völlig verrücktes machen. Ich werde die ein oder andere Bewerbung schreiben und den nächsten Arbeitgeber vorab ganz genau unter die Lupe nehmen.

Und den Rest des Tages auf den Sommer warten.

Die lächerliche Angst vor den Fremden.

Meine Eltern sind 2009 durch Zufall in einem der sauerländischsten Dörfer des Hochsauerlandes gelandet. Mit Nachbars Pferden am Gartenzaun, gelegentlich einem Huhn auf dem Garagendach und natürlich umgeben von konservativen katholischen Ureinwohnern.

Ich habe mit meinen Eltern sehr selten über Politik gesprochen. Das letzte Mal wohl Mitte der 2000er Jahre, als ich wahlberechtigt wurde. Sie nahmen die Sache mit dem geheimen Wahlrecht sehr ernst und so gab es immer nur Andeutungen, mit wem sie wohl so sympathisieren. Genau genommen wurde auf alles und jeden geschimpft, aber immer so, dass ich als linke Nase das durchaus nachvollziehen konnte.

Dennoch stockte mir letztes Weihnachten kurz der Atem, als mein Vater ein Gespräch mit mir mit: „Wir haben ja jetzt auch diese Flüchtlinge hier“, begann.

Natürlich sollte ich meinem eigenen Vater ein gesundes Weltbild zutrauen, aber mit seiner Vorgeschichte hätte es auch anders laufen können. Ein Arbeiterkind vom Dorf, 40 Jahre lang Industriekaufmann, bis er mit Mitte 50 plötzlich noch mal arbeitslos wurde. Dann eine gescheiterte Selbstständigkeit, zu deren Ende ihm sein türkischer Partner dann auch noch das Lager leer räumte und ihn auf den Schulden sitzen ließ. Mit Ende 50 auf Transferzahlungen angewiesen zu sein und Zeitungen auszutragen, war sicherlich nie sein Traum fürs Alter.

Also hielt ich den Atem an, als er über die Flüchtlinge im Dorf reden wollte, die in einem Einfamilienhaus in Sichtweite einquartiert worden waren. Hauptsächlich junge Männer, ein paar wenige Frauen und Kinder.

„Mir wollten die Männer hier erzählen, dass ihre Frauen jetzt alle Angst haben müssten, auf die Straße zu gehen. Völliger Unsinn, als ich hierhin gezogen bin und als Fremder das erste Mal Zeitungen rumbringen sollte, haben die mich auch teilweise vom Hof jagen wollen. Diese Flüchtlinge tun doch keiner Seele was. Neulich haben drei von den jungen Männern ein Kinderfahrrad bekommen, dass sie sich teilen konnten. Die sind damit die Straße hoch und runter gefahren und hatten stundenlang ihren Spaß. Also ich weiß echt nicht, wovor diese ganzen Idioten Angst haben.“

Offenbar vor lachenden jungen Männern auf Kinderfahrrädern.

Das Stellenbörsen-Bullshit-Bingo.

Ein schneller Blick über die erste Seite des geöffneten Jobportals verrät: Das schwedische Möbelhaus sucht einen neuen Goods Flow Manager, dem Tennisturnier sponsernden Textilhersteller fehlt ein Visual Merchandiser Stores SD und beim regionalen Mähdrescherproduzenten gibt es ein Gap Year Program „Marketing“ zu gewinnen.

Ähm. Hä?

Ich brauche nur fünf Minuten durch die bekannten Stellenbörsen zu blättern, Verzeihung, durch die Online Job Markets zu browsen und habe direkt Kopfschmerzen. Was waren das schöne Zeiten, als der Vision Clearance Engineer noch ein Fensterputzer war und der Content Manager ein Redakteur. Erstere Profession übe ich zugegebenermaßen nur alle zwei Jahre aus und das auch nur, falls Merkus, Venus und Rainer Calmund ein gleichseitiges Dreieck am Firmament bilden. Wahrscheinlich fehlt mir deshalb oft der nötige Weitblick.

Als Redakteur betätige ich mich allerdings gerne hin und wieder. Privat hier und beruflich theoretisch für unsere Kunden. Doch leider bin ich Content Manager. Massenproduzent statt Schreiberling. SEO-optimiert, auf Conversions gedrillt und das so schnell wie möglich. Mit den englischen Jobtiteln wurde nicht nur den Berufsbezeichnungen der Charme genommen, irgendwie leidet auch die Tätigkeit selbst darunter.

Apropos leiden. Zwischen als den gruseligen Wortneuschöpfungen und dem Berater-Bullshit-Bingo empfahl mir eines dieser Portale eine Weiterbildung zur Pathologin. Pathologie, die Lehre vom Leiden. Nun, generell ist das gar kein so abwegiger Gedanke. Als Marketingtante bin ich es gewohnt, Leute auszunehmen und die ein oder andere Leiche im Keller zu haben. Projekte werden gründlich auf Herz und Nieren geprüft und dennoch packt man manchmal auch beherzt in die Scheiße.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Argumente finde ich, die für diese Berufung sprechen. Als Pathologin könnte ich immer einen weißen Kittel tragen, was mir eine gewisse Autorität gebe würde. Ich würde stundenlang durch Mikroskope starren und die Stirn dabei nachdenklich und leicht besorgt in Falten legen. Ich könnte genüsslich mein Mittagessen essen, während eine Mageninhaltsprobe in der Zentrifuge zentrifugiert. Und mir meine selbst geschossenen Gruselbildchen auf die Zigarettenpackung kleben.

Doch das Beste am Beruf der Pathologin wäre: Ich könnte endlich in Ruhe arbeiten, ohne dass mir die anwesenden Personen auf den Sack gehen. Denn wenn sie das doch mal tun, hat irgendjemand anderes zuvor aber mal so richtig Mist gebaut.

Aber ich bin doch davongekommen?

Als ich 14 war, wollte sich ein 33-Jähriger an mir vergreifen. Er war meine Aufsichtsperson. Mein Trainer beim Sport. Ich war hilflos und er betrunken. Es war der erste Abend, an dem ich offen sein wollte. Offen für andere Menschen. Mir wurde bis dahin immer gesagt, dass ich zu sehr mauere. Dass ich zum Selbstschutz Menschen ausschließe und dass ich niemanden körperlich oder emotional an mich heranlassen würde.

An dem Abend wollt ich alles anders machen. Ich war 14 und naiv. Ich wollte einmal eine andere Seite von mir zeigen. Vielleicht wollte ich an diesem Tag eine Frau sein, die ich mit 14 einfach noch nicht war. Ich habe gelacht, habe mit Männern und Frauen gleichermaßen Spaß gehabt. Alles mit Grenzen und ohne betrunken zu sein. Mit fünfzehn Kilo weniger als das Jahr davor und zum ersten Mal mit Brüsten ausgestattet. Und es war lustig, ein völlig neues Erlebnis.

Doch das änderte sich, als ich ihm hinterher ging, um Tschüss zu sagen. Er dachte wohl, dass ich mehr wollte. Dass ich eben nicht nur Tschüss sagen, sondern mit ihm mitkommen wollte. In meinem jugendlichen Leichtsinn war es für mich völlig undenkbar, dass da etwas passieren könnte. Ich wollte mich doch einfach nur verabschieden.

Und das hat er ausgenutzt. Er hielt fest und meinte dass meine Zahnspange ihn nicht stören würde. Das weiß ich fast fünfzehn Jahre später immer noch. Ich wurde in seinem Griff langsam panisch, doch es interessiert ihn nicht.

Ich hatte großes Glück. Ich konnte mich loswinden und zurück zu den anderen gehen. Weitermachen, als wäre nichts gewesen. Am nächsten Tag wollte ich ihn zur Rede stellen, doch angeblich konnte er sich an nichts mehr erinnern.

Wenn ich doch mal später jemandem davon erzählt habe, haben die danach oft Angst gehabt, dass jede Berührung ab jetzt schlimm für mich wäre. Dass ich Nähe deswegen ablehnen würde. Aber das stimmt nicht. Es ist ein großer Unterschied, ob man jemanden an sich heranlässt, dem man nahe sein will, oder ob es jemand ist, der sich dieses Recht einfach herausnimmt. Nähe ist etwas tolles, eine der wichtigsten Erfahrungen im Leben. Wenn sie einvernehmlich ist.

Der Schulspind der Pandora

Ich habe irgendwann im Winter 2004 den Schlüssel zu meinem Schulspind verloren. Das war knapp eineinhalb Jahre vor dem Abitur. An meiner Schule war (und ist es wahrscheinlich immer noch) es so geregelt, dass man spätestens vier Wochen nach der letzten Prüfung den Spind gekündigt und den Schlüssel übergeben haben musste. Ich sitze das bis heute aus.

Ich habe keine Ahnung, was sich im Winter 2004 in diesem Spind befand. Mein einziges Paar Sportschule hätte ich sicherlich vermisst. Das Spanischbuch eher nicht so. Vielleicht noch ein Paar besonders hässliche Handschuhe und ein angebissenes Käsebrot. Was im Nachhinein etwas schade um das Käsebrot ist. Vielleicht fahre ich im nächsten Jahr doch einmal bei meiner alten Schule vorbei, um mir meine Abiklauseren anzusehen. Natürlich wird das nur eine faule Ausrede sein, um nach diesem Spind zu schauen. Zweiter Block vor dem Schulkiosk, dritte Reihe von links, zweite Reihe von oben. Meine ganz persönliche Zeitkapsel. Schon seltsam, was man nach all den Jahren noch weiß.

Sollbruchstelle oder soll sie nicht.

Ich bin – zugegeben – nicht gerade die geschickteste Person auf diesem Planeten. Meine Art der Essenszubereitung würde eine Frauenzeitschrift wahrscheinlich mit „Bück dich, du Sau – Spielend 50 Kniebeugen in den Alltag integrieren“ betiteln. Weil bei mir in der Wohnung Katzenhaltung leider verboten ist, muss ich die Sachen halt selber vom Schrank schubsen. Doch wer nun glaubt, die Schwerkraft wäre mein größter Feind, der irrt. Mein größter Feind sind Sollbruchstellen.

Sollbruchstellen sollen uns dabei helfen, zusammenhängende Teile ohne Zuhilfenahme von Messer, Schere oder Kettensäge an einer zuvor festgelegten Stelle voneinander zu trennen oder diesen Gegenstand leichter zu öffnen. Dafür haben diese Dinge entweder eine Perforation oder eine Einkerbung. Klingt im ersten Moment total praktisch. Und nun denken wir mal alle an unseren letzte Kampf mit einer Konservendose mit Aufmachnupsi. Da müsste die Sollbruchstelle eigentlich an dem Punkt sein, wo sich das vordere Ende des Nupsis in den Deckel drückt. In Wahrheit gibt es aber in jeder Konservendosenfabrik offensichtlich eine Maschine, die Chargen mit der Sollbruchstelle direkt an der Nupsi-Aufhängung produziert. Ehe man sich versieht, hat man diesen dann plötzlich in der Hand und sucht fluchtend nach dem Dosenöffner.

Ein anderes Beispiel ist Schokolade. Eine durchschnittliche Tafel Milka-Schokolade besteht aus 24 angedeuteten Stücken, bei Ritter-Sport sind es 16. Das ist ganz gut, wenn man die Tafel unter mehreren Personen (Kindern) gerecht aufteilen möchte oder wenn man wie ich total auf Symmetrie steht. Anders als bei Obst, M&Ms oder Chips muss man hier nicht nach Schönheit, Größe und Farbe sortieren, sondern kann einfach drauf losessen (ok, die Randstücke immer zuletzt, aber das versteht sich hoffentlich von selbst). So die Idee. In der Realität bricht die Schokolade aber sowieso da, wo sie möchte. Oder habt ihr schon einmal Toblerone gegessen, ohne euch dabei zwei bis fünf Finger zu brechen? Dennoch, nur Tiere und Sigmar Gabriel essen Schokolade so, wie die Frauen in der Werbung:

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Sollbruchstellen sind allgegenwärtig. Auf Briefbögen mit Fahrkartenabos. Zwischen Fruchtzwergebechern. Und vergessen wir bloß nicht den Aufreißnippel an manchen Milchtüten. Hat schon einmal irgendjemand von euch an diesem Plastikring gezogen, ihn nicht direkt abgerissen UND ist dabei fleckenfrei geblieben? Dann Glückwunsch: Du gehörst zu 0,01% der Bevölkerung und bist wahrscheinlich hochbegabt. Es mag eine Nischenbegabung sein, aber sehr viele Menschen werden dich darum beneiden.

Erst heute Nacht versuchte ich minutenlang, eine Ibuprofen 400 in der Mitte zu teilen. Das hat mich so sehr aufgeregt, dass im am Ende doch beide Hälfte genommen habe. Wahrscheinlich ist das auch das Ziel der Industrie: Eine Teilbarkeit zu simulieren. Nicht grundlos hat man bei der Schokolade gleich vier Stücke in der Hand, wenn man sich eigentlich nur eins abbrechen wollte. Sind wir mal ehrlich: Die restlichen drei Stücke kann man dann ja auch schlecht wieder zurücklegen, das wäre denen gegenüber nicht fair.

Ob Blutspende oder DKMS: Seid spendabel.

Über die letzten Wochen konnte ich dabei zusehen, wie Freunde und Bekannte haufenweise Spielzeug, Klamotten und Haushaltszubehör in die Bielefelder Flüchtlingsunterkünfte schafften. Danke euch! Mittlerweile ist der Hype zwar etwas abgeflacht, aber da wird sicher noch mal einiges nachkommen. Jedoch nicht von mir, das gebe ich jetzt hier ganz offen zu. Ich besitze nur zwei Winterjacken, acht Teller und drei Töpfe und auch mein Kontostand lässt leider eher selten eine gute Tat zu. Mein Gewissen beschwert sich da auch lautstark, aber aktuell ist bei mir wirklich nichts zu holen.

Allerdings ich bin anders spendabel. Als ich an meinem 18. Geburtstag meinen Führerschein in die Hand nahm, unterschrieb ich kurz danach auch direkt meinen ersten Organspendeausweis. Schließlich wollte ich von diesem Tag an fast täglich mit dem Motorrad durch die Sauerländer Berge brettern und falls ich dann mal in irgendeiner Leitplanke hängen bleibe, sollte davon wenigstens irgendjemand profitieren. Für mich ist dieser Ausweis eine Selbstverständlichkeit. Kein Arzt wird dir schneller der Saft abdrehen, nur weil du Organspender bist. Kein Käfer wird sich nach deinem Tod beschweren, dass er nicht mehr an deiner Leber naschen darf. Falls also tatsächlich nach meinem Ableben noch irgendwer Verwendung für mein Innenleben hat: Hier Selbstbedienung.

Das kleine Kärtchen gibt es übrigens online (u.a. unter www.organspende-info.de). Oder fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. In der Uni Bielefeld lag zu meiner Zeit auch immer ein Stapel auf der Flur vor dem Studio von Radio Hertz aus. Die Sache ist nicht bindend, wer irgendwann Muffensausen bekommt, nimmt die Erklärung einfach wieder aus seinem Portemonnaie heraus und darf danach in Ruhe einen vollkommen sinnlosen Tod sterben.

Natürlich kann man auch schon zu Lebzeiten sinnvolle Dinge mit seinem organischen Material anstellen. Beispielsweise sich als Stammzellenspender bei der DKMS registrieren lassen. Ich bin mittlerweile seit zehn Jahren in der Kartei, damals gab es eine große Typisierungsaktion im Nachbarort. Bislang wurde ich noch nicht gebraucht, aber falls ich irgendwann mal etwas gegen die große Arschlochkrankheit Krebs machen kann, dann tue ich das doch gerne. In 80% der Fälle reicht mittlerweile übrigens eine Stammzellenspende über das Blut, die operative Entnahme von Knochenmark ist relativ selten geworden. Ach ja: Fortschritt und Aufklärung sei Dank dürfen seit Dezember 2014 sogar Homosexuelle in die Kartei aufgenommen werden.

Fehlt nur noch, dass es bei den Blutspendediensten nun auch endlich Klick macht.