Du zitterst ja!

Da steht man so in der Weltgeschichte herum, dreht mehr oder minder konzentriert am Zauberwürfel und von der Seite kommt das altbekannte: „Du zitterst ja! Bist du nervös?“ Wie? Was? Ich? Oh. Stimmt.

Nein, ich bin nicht nervös, habe keine Entzugserscheinungen und Parkinson ist es auch nicht. Das Ding nennt sich essentieller Tremor und in der Medizin steht dies für jenes chronische Zittern, für das es bislang immer noch keine Erklärung gibt. Man ist einfach eine neuronale Fehlfunktion. Angeknipst wird das Zittern beim Kampf gegen die Schwerkraft (irgendetwas ruhig in der Luft halten) und bei zielgerichteten Bewegungen. Wenn ich also nachts das Schlüsselloch nicht treffe, liegt das natürlich immer am Tremor.

Mein Tremor ist von der feinschlägigen Sorte, also ein eher leichtes Zittern. Und er ist ja auch nicht immer da. Stress und Aufregung machen es schlimmer, aber so genau achte ich da auch nicht drauf. Es kommt sehr selten vor, dass ich es noch merke, weil ich meine Kaffeetasse gerade mal nicht fehlerfrei an den Mund bekomme. Normalerweise ist es für mich einfach Teil des ganz normalen Bewegungsablaufs.

Heilung gibt es bislang nicht. Das Zittern ist wahrscheinlich vererbbar, trifft etwa einen von 28 und Alkohol hat bei 60% der Betroffenen eine lindernde Wirkung. Und damit enthält dieser Blogeintrag so ziemlich alles Wissen, das die Medizin im 21. Jahrhundert über diese Krankheit (oder dieses Symptom?) hat.

Also wenn es euch mal reizen sollte zu sagen: „Du zitterst ja!“ Jau. Danke. Weiß ich.

Was einen prägt.

Der Twitter-Hashtag #isjairre ist schuld daran, dass ich etwas recht persönliches hier in Worte fasse. Was ich nie machen wollte. Erst recht nicht wegen eines Themas, das mir Twitter vorgegeben hat. Und auch als der Text fertig war, habe ich lange mit mir gerungen, ob ich überhaupt das Recht habe, mich dazu auch noch zu äußern.

Ich selbst bin psychisch gesund. Zumindest wurde noch nichts Gegenteiliges diagnostiziert. Allerdings bin ich erblich vorbelastet, was immer irgendwie mitschwingt. Ich bin mit einer depressiven Mutter aufgewachsen. Bis ich das verstanden habe, war ich aber schon fast mit der Grundschule durch. Denn wie erklärt man es einem Kind, dass die eigene Mutter nicht so ist, wie die der Freunde? Meine Eltern haben sich erst einmal auf „gar nicht“ geeinigt. Zumindest wüsste ich nicht, dass es mir damals jemand erklärt hätte. Ok, wie auch erklärt man es einer 6-Jährigen und ihrem jüngeren Bruder, wieso man mit dem Vater in den Wald geht, um die Mutter zu suchen, die vor dem Alltag dorthin geflüchtet ist? Richtig. Gar nicht.

Dabei ist bei ihr der ursprüngliche Auslöser fast schon ein Klischee: Ihre Eltern, meine Großeltern. Bei der Kindheit hätte sicher jeder einen an der Klatsche bekommen. Meine Großeltern sind von dem Schlag „Kinder sind zum Angeben da“. Ständiger Leistungsdruck und immer die Frage „Was willst du damit mal machen, wenn du erwachsen bist?“. Deshalb musste meine Mutter unbedingt Mathe und Religion auf Lehramt studieren, denn das konnte man gut den Bekannten unter die Nase reiben. Das Kind wird Lehrerin! Vielleicht sogar mal Oberstudienrätin! Man stelle sich das einmal vor.

Meine Mutter hat übrigens nie als Lehrerin gearbeitet. Das wäre mit ihrer Krankheit auch gar nicht möglich gewesen. Bei der Hochzeit meiner Eltern las der Standesbeamte aus irgendeinem Grund auch die Berufe mit vor. Bei ihr: Verkäuferin. Man hörte meinen Großvater wohl mehr als deutlich nach Luft schnappen.

Das deutlichste und allgegenwärtige Symptom war bei meiner Mutter ihre Gereiztheit. Es war immer sofort klar, wann meine Mutter ihre Tabletten nicht genommen hatte oder ihr eine geringere Dosis verschrieben worden war. Vor allem während meiner Pubertät bedeutete das natürlich eine tickende Zeitbombe. Dann flogen bei uns schon mal die Fetzen oder zumindest Zeitschriften und andere Gegenstände durch den Raum. Und am Ende saß immer irgendwer heulend in der Ecke. Eigentlich ein ganz passendes Bild für die Situation in meiner Familie: Zwei pubertierende Mädchen in einer Familie, nur dass das eine halt schon Mitte 40 war. Und natürlich nicht einfach nur launisch.

Besonders schlimm war es an Weihnachten und Geburtstagen. Nicht wegen besonderer „Festtagsdepressionen“. Sondern ganz einfach, weil man uns Kindern an solchen Tagen die einzigen verbliebenen Großeltern ja nicht einfach vorenthalten durfte. Also machten wir uns in unseren Zimmern fertig und warteten eigentlich nur darauf, dass bei meinen Eltern der Streit losging, weil meine Mutter mit der Situation oberfordert war. Dass meine Mutter ihre Eltern nicht mag, das haben wir Kinder recht früh schon verstanden. Deshalb waren wir auch daran gewöhnt, dass mein Vater oft mit uns alleine gefahren ist. Heute weiß ich, dass ihm das auch nie leicht gefallen ist.

Denn als Großeltern wollte man nicht nur mit der eigenen Tochter angeben, auch der Schwiegersohn sollte standesgemäß sein. Da passte mein Vater aber nicht ins Schema. Als Arbeiterkind aufgewachsen, Volksschulabschluss, Industriekaufmann gelernt. Kein Akademiker. Nicht dass meine Großeltern selbst so etwas vorweisen könnten. Dass er mehr als gut in seinem Beruf verdient hat, das war nebensächlich. Wenn man das gleich mit erzählte, klang das zu aufdringlich. Bei der puren Nennung der Tätigkeit ihres Schwiegersohns sollten schon Geld und Einfluss mitschwingen.

Der richtige Umgang mit der Depression?

Ich bewundere meinen Vater dafür, wie er meine Mutter gehändelt hat und immer noch händelt. Ich glaube, das habe ich ihm nie gesagt. Andere Männer wären längst geflüchtet, er ist jetzt fast 30 Jahre mit ihr zusammen. Ohne seine stoische Art wäre das wohl nie gegangen. Die Launen meiner Mutter auf der einen Seite und sein dickes Fell auf der anderen. Er hat Verständnis gezeigt, aber sie nie in Watte gepackt. Hätte er das versucht, viel mehr persönlich genommen und sich mehr Gedanken gemacht, dann wäre er wahrscheinlich selbst an der Krankheit kaputt gegangen.

Mich hat die Erfahrung mit dieser Krankheit natürlich spürbar geprägt. Ich bin kein nach außen hin herzlicher Mensch, das habe ich nie gelernt. Ich musste immer viel von mir abprallen lassen. In meiner Familie wurden nie groß Gefühle gezeigt. Da dominierten die Gefühlsausbrüche der negativen Art. Ich brauche schon ein echt großes Vertrauen in einen Menschen, um von dieser „Norm“ abzuweichen und meine Gefühle auch wirklich zu zeigen. Ich kann nicht sagen, ob ich aufgrund oder trotz meiner Erfahrungen keine Angst vor psychischen Erkrankungen in meinem Umfeld habe. Was die Zeit mir beigebracht hat, ist eine gehörige Portion Respekt davor zu haben.

Zu meinen Großeltern besteht übrigens seit Jahren kein Kontakt mehr. Mein Großvater ist 2009 gestorben und niemand von uns war auf seiner Beerdigung. Geburtstagskarten werden nicht mehr gelesen, Geldgeschenke an uns Enkelkinder landen in irgendeinem Spendentopf. Für meine Mutter ist das ein kleiner Sieg.