Ich bin Wutfußgänger, und schuld sind alle anderen.

Vergangene Woche erschien auf ZEIT ONLINE ein Kommentar mit dem Titel „Radfahren: Ich bin Wutradler, und Sie sind schuld“, den der halbe Bekanntenkreis teilte und fleißig kommentierte. Da ich Hennig Schraders Erfahrungen durchaus nachvollziehen kann, habe ich das Schriftstück für mich kurz abgenickt und kommentarlos wieder geschlossen. Damit war die Sache für mich abgehakt. Bis ich gerade beinahe auf der Gabel eines solchen Wutradlers landete.

Sie trödeln, ich gehe vorbei.

Ich gestehe, ich setze hin und wieder einen Fuß auf den Radweg. Allerdings nur dann, wenn vor mir mal wieder Schönwetterspazierer den Gehweg versperren. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern und sie schlendern mit ihrem Schatzi im Schlepptau durch die romantische Kulisse des Bahnhofsviertels. Dann muss ich zum Überholen ansetzen. Mit Schulterblick und angemessener Steigerung meines Schritttempos wage ich die Benutzung des Radwegs über eine Länge von gut 5,20 Meter.

Doch plötzlich kommt er: Der Wutradler. Es ist sein Radweg und er zieht gekonnt mit 30km/h um die Kurve. Mit etwas Glück kommt er mir entgegen, so dass ich die Chance habe, einen kurzen Schlusssprint einzulegen, um ihm gerade noch rechtzeitig auszuweichen. Gefährlich wird es, wenn er von hinten kommt. Ein Wutradler besitzt vielleicht Fahrvermögen und Voraussicht, aber niemals eine Klingel. Und falls doch, so hat er sie seit seiner Schulzeit nicht mehr benutzt. Denn trotz Kopfhörern nehme ich meine Umwelt sehr gut wahr und hätte ihn mit Sicherheit gehört. So werde ich zum fahrradlosen Störfaktor, der auf den wenigen Metern sein Wohlergehen in Gefahr bringt.

Seine Wut schärft meine Sinne.

Doch Moment, ich laufe gegen die Fahrtrichtung. Wie kann der Wutradler dann in meinem Rücken sein? Ganz einfach: Es ist für ihn bequemer. Schönwetterradler gefährden ihn durch ihre Unsicherheit, doch Wutradler mich durch ihre Eile.

Es ist meistens nur ein kurzes Stück, dass er auf der falschen Straßenseite zurücklegt, bis er wieder auf der richtigen Route ist. Es spart Zeit. Durch geschickt Wechsel vom Radweg auf den Fußgängerübergang, vorbei an der Ampelschlange und zurück in den Straßenverkehr gewinnt er Zeit. Er kennt alle Tricks und Kniffe der Ampelschaltung auf seiner gewohnten Strecke. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich sehe ihn fast jeden Tag. Bei jedem Wetter. Dadurch weiß ich, wie ich ihm ausweichen muss. Und wann ich stehenbleiben muss, weil er den Zebrastreifen noch locker vor mir queren kann. Queren könnte, wäre ich ein Schönwetterspazierer und kein Wutfußgänger.

Er wird durch die Wut zum Panzer.

Ich verstehe den Frust, die Abneigung gegen Schönwetterradler, den Hass gegenüber Autofahrern. Ich bin aus demselben Holz geschnitzt. Nur ohne Räder unter dem Hintern. Wenn der Wutradler durch den Verkehr schwimmt, auf seinem Rad zum Fisch im Wasser wird, dann muss ich hoffen, dass er damit die Straße meint. Und nicht mich dort überrollen möchte, wo unsere Wege sich kreuzen.

Denn ich bremse auch für Wutradler. Wo sein Radweg für 20 Meter plötzlich verschwindet weil der Bürgersteig dafür viel zu schmal ist, bleibe ich kurz stehen und lasse ihn passieren. Nicht aus Angst vor seinem Fahrstil, sondern weil es für mich als Fußgänger einfacher ist stehenzubleiben. Denn als Wutfußgänger kenne auch ich meine Pflichten, finde sogar manchmal Zeit für die Kür.

Wenn der Wutradler das nächste Mal über andere Verkehrsteilnehmer schimpft, dann hoffe ich, dass er dabei auch an seine Leidensgenossen auf zwei Beinen denkt. Dass auch ich manchmal vor Gartentoren und Ausfahrten zum Ausweichen gezwungen werde. Und dass er sich selbst in Gefahr bringt, wenn er um Haaresbreite an mir vorbeizieht. So wie ich keinen Fahrradlenker im Kreuz mag, so hat er bestimmt auch ungerne meine Tasche in seinen Speichen. Denn auch wenn ich ihm nicht so schutzlos ausgeliefert bin, wie er dem Autofahrer, ist es doch ein unfairer Kampf.

Ich bin Wutfußgänger und so lange sicher unterwegs, wie die anderen Verkehrsteilnehmer keine Scheiße bauen.

Werte Wutradler, schauen Sie sich morgen doch auch ruhig einmal nach mir um. Und klingeln Sie notfalls, um mich zu warnen. Doch bitte nicht, um mich dazu zu drängen, mich irgendwie in Luft aufzulösen. Sie wissen ja jetzt, dass ich Sie höre und es selbst eilig habe.

Die Eine aus 96 sein.

Ich war wohl zu erfolgsverwöhnt. Sowohl beim ersten Vorstellungsgespräch nach dem Studium als auch bei meinem Jobwechsel letztes Jahr, hat es direkt mit der neuen Stelle geklappt. In meiner Naivität habe ich gedacht, dass das so bleiben wird. Die Lage auf dem Bielefelder Arbeitsmarkt schien total entspannt. Alle Welt wartete nur auf mich! Wer will denn auch schon als Marketing Manager arbeiten? Ein ewig voller Schreibtisch, drängelnde Kollegen, trödelnde Agenturen und dann ist da auch noch dieser regelmäßige Zwang sich zu verkleiden, wenn man sich mal wieder bei Presse, Kunden oder Königen im guten Zwirn vorstellen darf. Wieso tut man sich das an?

In diesem Jahr wurde ich eines Besseren belehrt. Plötzlich scheint wirklich jeder etwas mit Kommunikation machen zu wollen. Will Marketinglügen verbreiten und sich die Abende mit Pressemitteilungen um die Ohren hauen. Seit Weihnachten habe ich mittlerweile dreißig Bewerbungen verschickt, Tendenz steigend. Denn auch wenn ich aktuell in Lohn und Brot stehe, ist das nur eine Übergangslösung, deren Ende schon nervös im Raum steht. Wie so eine Jack-Wolfskin-Familie zwanzig Minuten vor dem Boarding.

„Schön, dass Sie sich die Zeit nehmen konnten. Dieses Gespräch wird eher eine Art Speeddating sein, da wir aus 60 Bewerbungen zunächst für den ersten Durchlauf zwölf Kandidaten ausgewählt haben. Wir fragen, Sie antworten. Und lassen Sie Ihre Jacke am besten einfach an, es lohnt nicht.“ Schluck. Wir sprechen hier nicht von einer Stelle in einem Großkonzern mit Firmenwagen, 6-stelligem Jahreseinkommen und globaler Relevanz. Es ging um Öffentlichkeitsarbeit mitten im Bielefelder Outback. Fledermausland. Da war nicht mal Edge!

Uni, FH, FHM, FHDW, HS OWL… (THC in OCB is‘ was ich dreh’…) sie alle lassen kleine Marketingmenschen auf die Region los. Und dann sitze ich großer Marketingmensch da und gucke doof. Ich hatte heute beruflich zufällig mit einer der Vorgesetzten zu tun, die mich ablehnen mussten. Festhalten: 96. 96 Bewerbungen sind bei ihr auf eine einfache Stelle als Marketingassistenz eingegangen. Ich gehörte zu der handvoll Menschen, die dort sogar persönlich vorsprechen durften. Das macht dann tatsächlich schon ein bisschen stolz. Ihr wollt mich zwar nicht behalten, aber hey!, wenigstens durfte ich Kaffee bei euch trinken. Bei meinem jetzigen Arbeitgeber soll es nicht anders ausgesehen haben und angeblich hat man die Entscheidung bislang noch nicht bereut. Juhu, ich bin gut!

Apropos gut. Falls jemand jemanden kennt, der jemanden kennt, der über seinen Schwippschwager davon gehört hat, dass im Großraum Bielefeld ein Marketing Manager gesucht wird (Online oder offline, B2B oder B2C, strategisch oder operativ, Unternehmen oder Agentur): Ich bin quasi eine eierlegende Wollmilchsau. Und ich kann Kaffee kochen und halbwegs lesbare Texte verfassen. Finde ich.

Sind eigentlich alle verrückt geworden?

In München schießt ein Jugendlicher um sich, in Ansbach scheitert jemand mit Sprengstoff im Rucksack an der Einlasskontrolle des Festivalgeländes, in Nizza fährt ein Mann in meinem Alter 2 km lang durch eine Menschenmenge und was Erdoğan da verzapft… davon will ich besser erst gar nicht anfangen. Ja, auch der läuft Amok. Hier attackiert ein Mann seine Ex-Frau vor einem vollen Schulbus mit einem Messer, dort rollen sie den toten Kumpel fast ein Kilometer im Altpapiercontainer durchs Wohngebiet und lassen ihn vor einem Supermarkt stehen. Der Tagesspiegel fragt vorwurfsvoll „Und wer trauert mit Kabul?“. Na, wann denn bitte?!

Mord- und Terrorstatistiken sind für hierzulande rückläufig, schön und gut. Gefühlt muss gerade aber irgendwas im Trinkwasser sein. Natürlich ist das Internet schuld, sonst würde ich es gar nicht mitbekommen, wenn es 2-3 Tote in Baden-Württemberg gibt. Oder wenn ein Ehepaar aus Höxter jahrelang Frauen quält und tötet. Wobei die wahrscheinlich schon wieder grausam genug für eine Doppelseite mit Fotos aller Opfer in der Bild am Sonntag wären. „Hier schlief der Hund des Horrorpaares, wieso schlug er nie Alarm?“

Natürlich ist das alles nicht lustig. Aber so etwas gab es ja eigentlich schon immer. Letztes Jahr ging bereits ein 23-Jähriger in Oberstdorf mit einer Machete auf seine Familie los. Hat allerdings keinen interessiert, war ja ein Einzelfall. Ein einfaches Familiendrama. Damit so etwas durch die Presse geht, muss man schon jahrzehntelang die eigene Tochter im Keller gefangen halten und mit ihr mehrere Kinder zeugen. 2008 hatten die Medien wenigstens noch die Zeit, die Story über Monate hinweg durch sämtliche Fernsehformate zu tragen. Heute ist man zwei Stunden offline und muss sich danach direkt fragen: „Oh nein, was ist denn nun schon wieder?“

Kaum noch Zeit zum Durchatmen und in den letzten Wochen kann sich vor allem das Nazipack über neues Propagandamaterial freuen. Natürlich fällt auch uns Gutmenschen auf, dass verstärkt der IS seine Finger mit im Spiel hat. Vor zehn Jahren war es Al-Qaida. Aber überrascht es wirklich jemanden, dass ausgerechnet Flüchtlinge psychisch besonders anfällig und labil sind? Ich bin wohlbehütet in der Sauerländer Bergwelt zwischen Kühen und Kirchen aufgewachsen und habe dennoch einen leichten Hau weg. Wäre bei mir im Garten mal eine Bombe hochgegangen, würde ich wippend im Kleiderschrank sitzen und mit Messern spielen.

Der IS ist nicht „der Islam“, er ist eine Sekte. Und gerade deshalb funktioniert er so gut. Menschen ohne Perspektive wird das Blaue vom Himmel versprochen, oder in diesem Fall eben das ewige Leben im Paradies und ein jungfräulicher Harem. Hätten sie den Sonnentemplern eingetrichtert, dass sie wahllos Ungläubige töten müssen, um ihre Reise antreten zu können, hätten sie es getan. Beim Selbstmord der Mitglieder des Peoples Temple wurden suizidunwillige Freunde, Verwandte, Frauen und Kinder einfach mit umgebracht. Wer das kann, würde auf Kommando auch Fremde töten, ohne mit der Wimper zu zucken. Der Ku-Klux-Klan sind fundamentalistische Protestante. „Du sollst nicht töten?“ Alles Auslegungssache.

Als ich Freitagabend in der StadtBahn saß, fühlte ich mich plötzlich für einen Moment nicht mehr sicher. Was wäre, wenn jetzt so jemand einsteigen würde? Ich will so etwas nicht denken. Das hier ist meine Heimat, da darf einfach nichts passieren. Ich kann jungen Menschen mit Depressionen, PTSD oder Gehirnwäsche keine Perspektive bieten, da müssten Politik und Wirtschaft aktiv werden. Für mehr psychologische Betreuung sorgen und den Zugang vereinfachen. Klare Zukunftschancen aufzeigen. Stattdessen spricht man mal wieder über Counter-Strike. Ich mag es nicht mehr hören. Manchmal vermisse ich die Zeit, als die Nachrichten nur einmal am Tag mit der Tageszeitung auf den Tisch kamen. Zuverlässig. Vorhersehbar. Und weit weg.

Ein Sommer als Vegetarierin: Ein Selbstversuch.

Ich liebe Fleisch. Ich bin diejenige, die von den Kollegen am Geburtstag ein Mettbrötchen mit Kerze statt eines Kuchens überreicht bekommt. Meine erste Frikadelle gab mir mein Vater – zugegebenermaßen aus lauter Verzweiflung – mit genau sechs Monaten. Ich esse mein Steak am liebsten fast roh, lernte zwischen Schweinehälften in der Wurstküche der Metzgerei meines Onkels das Laufen und bin vermutlich kurz danach in einen Kessel mit Grillgut gefallen. Und dennoch verzichte ich nun schon seit drei Monaten komplett auf Fleisch.

Drei Monate schon? Huch, dann ist es aber allerhöchste Zeit, das langsam auch mal zu verbloggen. Vegetarisch zu leben, ohne darüber zu schreiben? Das ist vielleicht möglich, aber am Ende doch völliger Unsinn. Hashtag Veggielove. Obwohl, jetzt muss ich ein wenig zurückrudern. Ich „sündigte“ mit Matjes. Zweimal. Was mich zu dem Punkt bringt, warum ich den Quatsch überhaupt mache. Ich habe generell nichts gegen ein gutes Stück Fleisch auf dem Teller. Aber ich habe mich dazu entschieden, Hähnchenschenkel nicht mehr für 1,80 € das Kilo beim Discounter zu kaufen. Oder Wasser mit Fleischwurstgeschmack im Plastikdarm. Qualität und bewusstes Essen an Stelle von unüberlegtem Konsum. Deshalb geht für mich auch in Matjesbrötchen in Ordnung, denn der kleine Kerl stammt sicherlich nicht aus Käfighaltung.

Für gutes Fleisch ist mein Budget aktuell zu klein, also esse ich lieber gar keins. Das klappt tatsächlich erstaunlich gut. Gerade beim Abendessen stand bei mir sowieso seit Jahren Gemüse im Fokus. Nur manchmal fehlt ein wenig Schinken als Geschmacksträger. Und Sojaschnetzel sind einfach kein Gehacktes. Übrigens sind draußen aktuell knapp 30 Grad und während ich über Fleisch im Essen sinniere, sabbere ich ein wenig beim Gedanken an den ersten Grünkohl mit Kohlwurst kommenden Winter. Die Fleischfresserin in mir wird man wohl niemals totkriegen. Also liebe Ostwestfalen, liebe Sauerländer: Kein Grund zur Sorge. Allerdings werde ich für die Kohlwurst diesen Winter eventuell eher mit dem Weidenkörbchen unter Arm auf den Biohof fahren und dort direkt vom Schwein pflücken.

Und ich kurv hier rum? Ohne mich.

Nein, ihr täuscht euch nicht, der Titel ist tatsächlich an Grönemeyers Mambo angelehnt. Der Song, in dem er gefühlt 39 Minuten darüber jammert, dass er keinen Parkplatz findet. Die Bewohner der Bielefelder Westens werden das kennen. Wir leben eben in einer Stadt, die dafür konzipiert wurde, dass man zu Fuß mal eben zur Nachbarin rüberschlurfte. Möglichst ohne dabei vom Mistkutscher überfahren zu werden. Für mich ideal.

Im Sauerland, immerhin 22 Jahre lang meine Heimat, sah ich das noch anders. Dort machte jeder an seinem 18. Geburtstag den Führerschein und die besonders Glücklichen (meistens die mit väterlichem Nutzviehbetrieb) bekamen auch direkt ihr erstes Auto dazu. Endlich konnte der 50er-Roller eingemottet werden, mit dem man die letzten drei Jahre die Dörfer unsicher machte. Wer an seinem Geburtstag nicht selbst an der Schule vorfuhr, der war ganz sicher durch die Prüfung gerasselt. So etwas wusste sofort die ganze Stufe. Wer keinen eigenen fahrbaren Untersatz besaß, der konnte sich jederzeit am elterlichen Fuhrpark bedienen. Wie sonst sollte man spontan den 30 km entfernten Burger King unsicher machen? CO2 und Feinstaub gab es damals schließlich noch nicht, das ist so eine neumodische Erfindung der Städter.

Dementsprechend blöd habe ich geguckt, als mir hier in Bielefeld die ersten Menschen ohne Führerschein begegneten. Was ist denn bei denen bloß schief gelaufen? Zu dumm? Zu arm? Gesundheitlich eingeschränkt? Junge, du hast doch Augen im Kopp und mindestens einen funktionierenden Arm, wieso fährst du kein Auto?! Als Student kein eigenes Fahrzeug zu besitzen, konnte ich gerade noch so nachvollziehen. Danach war das für mich so ein Ökoding. Seht mich an, ich schone die Umwelt! Radfahrende Mittvierziger mit Helm und hochgekrempeltem Hosenbein können aber auch wirklich sehr mahnend gucken. Nun bin ich selbst seit einigen Jahren berufstätig und habe dennoch kein Auto. Hoppala.

Eigentlich fand ich Autofahren ja schon immer doof. Naja, das Fahren an sich nicht. Aber das Ein- und Ausparken. Da bin ich ein wandelndes Klischee. Und die anderen Autofahrer. Wenn diese Sachen nicht wären, fände ich Autofahren eigentlich ganz gut. Aber leider sind das Faktoren, die sich hier in der Stadt nicht umgehen bzw. umfahren lassen und deshalb lass ich es lieber ganz sein. Doch vielen potentiellen Arbeitgebern scheint dieser Schritt sauer aufzustoßen.

Wer außerhalb Bielefelds arbeiten möchte und gleichzeitig kein Auto hat, der wird direkt als unflexibel abgestempelt. Dass zwischen 5 Uhr morgens und Mitternacht im Halbstundentakt Bahnen vor der Firmenhaustür abfahren, ist dabei völlig unerheblich. Ich möchte nicht mit mir zusammenarbeiten müssen, nachdem ich 50 Minuten gestresst durch den morgendlichen Berufsverkehr geschlichen bin. Das sind Dinge, die kann kein Kaffee dieser Welt wieder ausgleichen. Ich bin weder Staubsaugervertreterin noch Avonberaterin, also bitte liebe Chefs dieser Welt, lasst mich doch einfach Bus- und Bahnfahren und über Weichenstörungen und unerwarteten Schneefall im Januar schimpfen. Danke.

Das Glückstagebuch.

Ich möcht‘ ein Glücksbärchi sein, das wäre wunderbar! Ein Glücksbärchi sein, das ist doch sonnenklar! Und nun seid ihr wahrscheinlich froh, dass ich keinen Podcast mache und euch nichts vorsingen kann. Bin ich auch. Aber das war mein erster Gedanke, als mir meine Therapeutin auferlegte, als Hausaufgabe ein Glückstagebuch zu führen. Ja, auch bei mir ging bei dem Begriff erst einmal die Augenbraue in die Höhe. Ein Glückstagebuch. Was sollte da als Nächstes kommen? Ein Mandala? Oder gar eine Traumreise? Bitte, BITTE nicht.

Beides kam zum Glück nicht. Noch nicht. Ähm. Jedenfalls wurde mir in diesem Moment wieder bewusst, dass ich da einem Mädel gegenüber sitze, das frisch aus der Uni kommt. Was ja auch mein Wunsch war. Ich wollte keine Therapeutin mit Traumfängern und Zimmerspringbrunnen aus Salzkristall, der ich die für mich wichtigen Dinge – wie Festivals, Twitter oder meinen Job im Online Marketing – erst einmal lang und breit erklären muss. So etwas ist echt viel wert. Aber man wird natürlich auch mit Therapieformen konfrontiert, die gerade in der aktuellen Fit for Psychotherapie als heißer, geiler Scheiß vorgestellt wurden. Augen zu und durch.

In mein Glückstagebuch sollte ich nun mindestens einmal am Tag aufschreiben, was mir an diesem Tag Freude bereitet hat. Egal was. Ob ich mich beim Fernsehen darüber beömmelte, dass das kleine Elefantenmädchen kopfüber in den Schlamm purzelte oder ob mir das Finanzamt Geld schenkte. Alles Schöne soll notiert werden. Das klingt jetzt erst einmal machbar. Wenn da nicht dieses verflixte Jahr 2016 wäre.

2016 ist das Jahr, in dem der (Ex-)Chef zum arroganten Arschloch mutiert, das die Gehälter nicht zahlt. In dem der Bruder mit Verbrennungen ins Krankenhaus geflogen wird und noch in derselben Woche der Hund der Eltern eingeschläfert wird. 2016 ist bisher eher so der Trump unter den Jahren. Und wenn keine Katastrophe passiert, plätschert es so vor sich hin. Dann nimmt man abends sein Glückstagebuch in die Hand und merkt, dass man eigentlich gar nichts gemacht hat, was irgendwie schön war. Es lief irgendetwas im Fernsehen, aber keine Ahnung, was genau. Es gab etwas zu essen, weil man halt essen muss. Alles nicht schlimm, aber mehr so der Butterkeks unter den Tagen.

Aber das ist wohl ok. Im Glückstagebuch darf auch mal stehen „Der Tag war nicht schlecht“. Wurde mir gesagt. In Ostwestfalen ist das schließlich schon ein Lob. Ich weiß ja auch, dass andere Tage das wieder ausgleichen können. Und wenn man dann den ersten Nachmittag auf dem Siggi verbracht hat, mit Sonne, Bier und Menschen, die einem guttun, hat man plötzlich wieder reichlich Stoff für den Tagesbericht. Hoffentlich muss ich nicht als Nächstes ein Haushaltsbuch führen, dann komme ich nämlich echt in die Bredouille.

Von Männern wie Butterkeks.

Zugegeben, das Gleichnis vom Butterkeks stammt nicht von mir, sondern wurde von der wunderbaren Gräfin Änne inspiriert. Aber lieber richtig gut abgeschrieben, als schlecht selbst verbockt. Das Gleichnis vom Butterkeks ist ein Gleichnis der Gleichgültigkeit. Ein Butterkeks ist ein Lebensmittel, das jedem egal ist, aber mit dem jeder leben kann. Man wird niemals den Ausruf vernehmen „Boah, geil, Butterkekse!“, aber genauso wenig wird irgendjemand von sich behaupten können, dass er Butterkekse nicht mag. Sie schmecken eben sehr neutral. Nach nichts mit einer Prise Süß. Dieses Gleichnis darf offiziell auch auf Goldfischli angewendet werden. Niemand auf dieser Welt wird an ein Regal mit Knabberzeug herantreten, um gezielt eine Tüte Goldfischli zu erwerben. Aber wenn sie in einer dieser witzigen Partyboxen enthalten sind, dann werden sie halt dennoch gegessen. Schmecken ja auch nicht schlecht. Nur halt nach nichts mit einer Prise Salz.

Auch innerhalb anderer Nahrungsmittelgruppen gibt es solche Langweiler. Keiner wird beim Anblick einer Flasche Beck’s frohlocken, aber es ist eine sichere Bank, falls mal Besuch kommt. Oder Vanillepudding. Vanillepudding mag schon irgendwie lecker sein, aber in erster Linie ist er einfach „da“. Machste nichts mit falsch. Frei nach diesem Motto gibt es auch Männer wie Butterkeks. Sicherlich gibt es auch Frauen wie Goldfischli, aber von Frauen habe ich noch weniger Ahnung als von Männern, also blogge ich heute über Männer.

Ryan Gosling wäre so ein Mann wie Butterkeks. Oder auch Orlando Bloom. Sie hübschen das Fernsehbild zur besten Sendezeit ein wenig auf und stören ansonsten nicht weiter. Keine Frau wird sagen können, dass die beiden Herren unattraktiv wären. Man kann nachvollziehen, dass ausgerechnet sie am Ende die Frau abbekommen, aber wieso genau, weiß halt auch niemand. Sie gucken 90 Minuten am Stück niedlich und nett, aber das kann ein Golden Retriever auch. Er möchte gefallen und wird mit etwas Glück niemals deine Schuhe anknabbern. Aber auf die Dauer ist das schon etwas öde.

Doch wahrscheinlich muss man genau diese Vorstellung vom Mann gewordenen Butterkeks mögen, wenn man via Tinder nach ihm sucht. Ich tatsächlich etwas neidisch auf Frauen, denen das reicht. Die ein sorgsam ausgewähltes und mit 37 Filtern weichgezeichnetes Foto nach den aktuellen Selfie-Standards sehen und denken: „Oh, der könnte es sein.“ Ohne zu wissen, ob er nicht eine Sammlung von Adam-Sandler-Filmen in seinem BluRay-Regal hat und beim Autofahren laut Paul Kalkbrenner hört. Das sind wichtige Details, die mit Tinder vorenthält. Natürlich könnte ich einfach mal nach rechts wischen und ihn danach fragen, aber ich bin leider auch sehr chatfaul.

Ich möchte niemals erfahren, wie viele Flirts, One-Night-Stands, Affären, Beziehungen oder was-auch-immer-man-da-schon-ein-Etikett-drankleben-möchte ich mir allein schon dadurch verbaut habe, dass ich von dem Butterkeks-Foto gelangweilt war. Oder von dem Butterkeks-Gesicht auf der Party. Ohne überheblich klingen zu wollen. Ist halt so. Ehrenwort! Vielleicht bin ich auch selbst eine Portion Vanillepudding und merke es einfach nicht? Ganz nett, macht eigentlich nichts falsch, aber mehr halt auch nicht.

Meine Großtante machte früher immer einen ganz wunderbaren Nachtisch mit Vanillepudding und Butterkeksen. Auf Pudding und Kekse kam dafür noch eine Schicht eingelegte Pflaumen mit Schokosplittern. Ein Träumchen! Nur, wie spanne ich denn jetzt mal am geschicktesten den Bogen? „Es ist vollkommen egal, dass ihr beide unfassbar langweilige Typen seid, Alkohol und Schokolade werden es schon richten“? Das könnte tatsächlich funktionieren. Aber sobald der Rausch verflogen ist, liegt dann doch wieder ein Butterkeks neben dir. Und guckt nett. Das kanns ja irgendwie auch nicht sein.

I’ve been Cooked!

For is there any practice less selfish, any labor less alienated, any time less wasted, than preparing something delicious and nourishing for people you love?
– Michael Pollan (Cooked)

Andere Menschen werden Punk’d (für die älteren Leser: Das ist „Verstehen Sie Spaß?“ mit Ashton Kutcher als Kurt Felix), ich wurde Cook’d. Was deutlich schöner ist. Cooked ist ein Netflix-Dokumentation rund ums Essen und kommt ganz ohne McDonalds-Verriss und Bilder aus Legebatterien aus. In vier Folgen wird gezeigt, wie Wasser, Feuer, Luft und Erde unsere Ernährung und unser Kochen beeinflussen. Und was ich da gelernt habe, hat mich bis heute nicht losgelassen.

Rezensionen sollte man möglichst zeitnah schreiben, damit man nicht schon wieder alles vergessen hat. Bei mir ist es jetzt schon fünf oder sechs Wochen her und mein Gehirn hat die Informationen mittlerweile schon gut selektiert. Der Grundtenor ist aber hängen geblieben: Wir essen zu viel Junk Food (stark fett-, salz- oder zuckerhaltige Lebensmittel), Fast Food und Processed Food (industriell verarbeitete Lebensmittel). Da kann ich Michael Pollan nicht widersprechen. Wer im Supermarkt in fremde Einkaufswagen guckt oder wie ich eine zeitlang an der Kasse gearbeitet hat, der weiß, welchen Stellenwert Fertigpizzen und Maggi Fix für Spaghetti Bolognese in der deutschen Küche haben.

Auch ich röste meine Chips nicht selber. Ich greife gerne zum TK-Spinat und kaufe mein Bier im handlichen Gerstensaft-Sextett. Dennoch ist es mir wichtig, jeden Abend möglichst frisch zu kochen. Aus Prinzip ganz ohne Tüten, den Blubb mache ich selbst an den Spinat und Fertigfrikadellen aus der Packung riechen nach Pups. Cooked hat mir gezeigt, dass da noch Luft nach Oben ist. Der Durchschnittsamerikaner steht am Tag 27 Minuten in der Küche (den ganz zum Kühlschrank nicht mitgerechnet) und ich würde fast sagen, dass es hierzulande sogar noch weniger ist. Mit einer warmen Mahlzeit am Tag lande auch ich selten bei einer halben Stunde. Aktuell ist es etwas mehr, da ich mir mein Mittagessen / Frühstück jetzt auch selber koche und nicht einfach nur beim Bäcker eintüten lasse. Aber ansonsten sind Nudeln mit Gemüse doch blitzschnell gemacht. Selbst Gulasch muss man nicht drei Stunden lang beobachten, der kann das mit dem Schmoren auch ganz gut alleine.

Doch ich merke, wie sich meine Denke ändert. Seit ein paar Wochen backe ich einmal in der Woche mein Brot selber. Dafür hege und pflege ich täglich einen Sauerteigansatz, um am Wochenende ganz ohne Hefe ein frisches Brot auf den Tisch zaubern zu können. Weil es einfach viel leckerer und bekömmlicher ist (Zitat: Omma McCover). Und über so ein frisches, noch leicht warmes Brot mit gesalzener Butter geht ja auch nicht viel drüber. Vielleicht ein frisches, noch leicht warmes Brot mit gesalzener Butter und Bärlauch. Total simpel und eine günstige Alternative zu den Supermarktprodukten, bei denen man nie so genau weiß, was da eigentlich alles drin ist.

Für die nächsten Tage habe ich mir bereits ein paar Rezepte rausgesucht, mein denen ich die Produkte ersetzen möchte, die ich sonst aus Bequemlichkeit fertig kaufe. Rotes, grünes und Bärlauchpesto zum Beispiel. Oder Pastateig. Den habe ich mir schon länger vorgenommen. Sicherlich nicht täglich, aber als Variation. Kefir steht auch noch auf der Liste. Für weitere Tipps und Ideen bin ich offen. Sie sollten sich nur in meinem 4qm-Küchenkämmerchen und ohne Profikochaussrüstung umsetzen lassen.

Meine 49 Lieblingsaufreger.

Zugegeben, ich rege mich gerne künstlich auf. Schimpfen kann sehr befreiend sein. Andere stellen sich in den Wald und schreien, ich meckere fröhlich vor mich hin. Neulich riss ich die Klappe ganz weit auf und kündigte eine Liste meiner Lieblingsaufreger an. Die TOP10 wären doch toll. Quatsch! Kinderkram! 49 sollen es werden! Wieso 49? Keine Ahnung. Fünfzig wären mir zu viel, aber ansonsten so willkürlich gewählt wie die Tattoomotive auf der Haut eine 20-jährigen Zweitligaprofis.

Aufreger sind hierbei all die Sachen, die mir Grund zum Meckern geben. Vermutlich ist keiner der Punkte einen ARD Brennpunkt wert, aber ohne sie wäre mein Leben doch ein kleines bisschen schöner. Die Reihenfolge entspricht zumindest grob den Tatsachen. Sie ist sicherlich stimmungsabhängig, wird vom Wetter beeinflusst und am schlimmsten ist am Ende sowieso immer das, was mir jetzt gerade aktuell gehörig auf den Senkel geht. Bis auf meine absolute Nummer 1, die ist schon lange in Stein gemeißelt.

  1. Die Bahn zu verpassen
  2. Essensreste im Spülwasser
  3. Dosenmais in meinem Essen
  4. Kalter Kaffee
  5. Warmes Bier
  6. Die Vorfahrt genommen zu kriegen
  7. Handytöne
  8. Abreißende Aufreißnupsis von Milchpackungen
  9. Wie Ralf Zacherl „Fairy“ ausspricht
  10. In den Keller zu kommen und die Waschmaschine ist nicht gelaufen
  11. In faules Obst / Gemüse zu packen
  12. Geld für Staubsaugerbeutel auszugeben
  13. Winzigwinzigwinzigkleine Umkleidekabinen
  14. Rechnungen bezahlen zu müssen
  15. Wenn Menschen mit Kindern über Rot gehen
  16. Beim Spielen zu verlieren
  17. Meine 87 Kreuzallergien
  18. Unfreundliche Flaschensammler
  19. Stimmen im Treppenhaus
  20. Dumme Fragen
  21. Pedro
  22. Menschen mit Toten-Hosen-Tshirts
  23. Deutsche Comedians
  24. Obst in herzhaftem Essen
  25. In Schneematsch zu treten
  26. „Alter!“ als adäquate Anrede
  27. Drängler
  28. Drängelrentner
  29. Konzertrempler
  30. Dinge aufzuheben
  31. Die Schwerkraft
  32. Fruchtfliegen
  33. Generell fliegende Insekte im Zimmer
  34. Zum Autofahren gezwungen zu werden
  35. Konzertmitfilmer
  36. Glätte
  37. Junggesellenabschiede
  38. Junggesellinnenabschiede
  39. Grundloses Hupen
  40. Gehwegblockierer
  41. Schlafprobleme
  42. Frühes Aufstehen
  43. Wenn der Kaffee alle ist
  44. Für den Papierkorb zu arbeiten
  45. Ohne Kopfhörer unterwegs zu sein
  46. Nena
  47. Menschen, die im Weg rumstehen
  48. Wenn Tiere leiden
  49. Jegliche Art intoleranten, rassistischen Gedankenguts

Durchatmen.

Immer, wenn du denkst, schlimmer gehts nicht mehr,
kommt von irgendwo ein noch bescheuerter Chef
mit noch viel, viel irrsinnigeren Vorstellungen daher.

Ich habe in den vergangenen Wochen zu viel geraucht und zu viel getrunken. Habe mich selbst nachts um den Schlaf gebracht und morgens die Augen nicht aufbekommen. Verbrachte ganze Wochenenden zusammengerollt auf dem Sofa. Das ausbleibende Gehalt als guten Grund, um ungestört Winterschlaf zu halten.

In zwei Tagen werde ich offiziell arbeitslos sein und das ist vielleicht sogar ganz gut so. Zumindest für eine kurze Weile. Einfach mal runterkommen, etwas für mich selbst tun, vielleicht sogar wieder öfter unter Menschen gehen. Mal was völlig verrücktes machen. Ich werde die ein oder andere Bewerbung schreiben und den nächsten Arbeitgeber vorab ganz genau unter die Lupe nehmen.

Und den Rest des Tages auf den Sommer warten.