Durchatmen.

Immer, wenn du denkst, schlimmer gehts nicht mehr,
kommt von irgendwo ein noch bescheuerter Chef
mit noch viel, viel irrsinnigeren Vorstellungen daher.

Ich habe in den vergangenen Wochen zu viel geraucht und zu viel getrunken. Habe mich selbst nachts um den Schlaf gebracht und morgens die Augen nicht aufbekommen. Verbrachte ganze Wochenenden zusammengerollt auf dem Sofa. Das ausbleibende Gehalt als guten Grund, um ungestört Winterschlaf zu halten.

In zwei Tagen werde ich offiziell arbeitslos sein und das ist vielleicht sogar ganz gut so. Zumindest für eine kurze Weile. Einfach mal runterkommen, etwas für mich selbst tun, vielleicht sogar wieder öfter unter Menschen gehen. Mal was völlig verrücktes machen. Ich werde die ein oder andere Bewerbung schreiben und den nächsten Arbeitgeber vorab ganz genau unter die Lupe nehmen.

Und den Rest des Tages auf den Sommer warten.

Die lächerliche Angst vor den Fremden.

Meine Eltern sind 2009 durch Zufall in einem der sauerländischsten Dörfer des Hochsauerlandes gelandet. Mit Nachbars Pferden am Gartenzaun, gelegentlich einem Huhn auf dem Garagendach und natürlich umgeben von konservativen katholischen Ureinwohnern.

Ich habe mit meinen Eltern sehr selten über Politik gesprochen. Das letzte Mal wohl Mitte der 2000er Jahre, als ich wahlberechtigt wurde. Sie nahmen die Sache mit dem geheimen Wahlrecht sehr ernst und so gab es immer nur Andeutungen, mit wem sie wohl so sympathisieren. Genau genommen wurde auf alles und jeden geschimpft, aber immer so, dass ich als linke Nase das durchaus nachvollziehen konnte.

Dennoch stockte mir letztes Weihnachten kurz der Atem, als mein Vater ein Gespräch mit mir mit: „Wir haben ja jetzt auch diese Flüchtlinge hier“, begann.

Natürlich sollte ich meinem eigenen Vater ein gesundes Weltbild zutrauen, aber mit seiner Vorgeschichte hätte es auch anders laufen können. Ein Arbeiterkind vom Dorf, 40 Jahre lang Industriekaufmann, bis er mit Mitte 50 plötzlich noch mal arbeitslos wurde. Dann eine gescheiterte Selbstständigkeit, zu deren Ende ihm sein türkischer Partner dann auch noch das Lager leer räumte und ihn auf den Schulden sitzen ließ. Mit Ende 50 auf Transferzahlungen angewiesen zu sein und Zeitungen auszutragen, war sicherlich nie sein Traum fürs Alter.

Also hielt ich den Atem an, als er über die Flüchtlinge im Dorf reden wollte, die in einem Einfamilienhaus in Sichtweite einquartiert worden waren. Hauptsächlich junge Männer, ein paar wenige Frauen und Kinder.

„Mir wollten die Männer hier erzählen, dass ihre Frauen jetzt alle Angst haben müssten, auf die Straße zu gehen. Völliger Unsinn, als ich hierhin gezogen bin und als Fremder das erste Mal Zeitungen rumbringen sollte, haben die mich auch teilweise vom Hof jagen wollen. Diese Flüchtlinge tun doch keiner Seele was. Neulich haben drei von den jungen Männern ein Kinderfahrrad bekommen, dass sie sich teilen konnten. Die sind damit die Straße hoch und runter gefahren und hatten stundenlang ihren Spaß. Also ich weiß echt nicht, wovor diese ganzen Idioten Angst haben.“

Offenbar vor lachenden jungen Männern auf Kinderfahrrädern.

Endlich verrückt.

Ich wollte diesen Beitrag erst „Achtung, Kultur!“ nennen, aber wer soll mir das denn bitte schön abkaufen? Mit „Endlich verrückt.“ habe ich sogar eine Kapitelüberschrift aufgegriffen. Man könnte gar von einem Zitat sprechen, welches ich am vorletzten Samstag in der Lesung des wunderbaren Tobi Katze hörte. Feuilleton par excellence. Cover Reich-Ranicki. Tobi Katze las quasi auf meiner Türschwelle aus seinem aktuellen Buch und Bestseller „Morgen ist leider auch noch ein Tag“ und da musste ich natürlich hin. Wer Tobi Katze und das Buch nicht kennt: Ein Mittdreißiger Poetry-Slammer / Künstler plaudert aus dem Nähkästchen eines Menschen mit Depressionen.

In Begleitung einer wunderbaren Ex-Kollegin begrüßte mich ein Publikum, das von sich selbst schon vorab auf Facebook sagte: „Ah, nach Monaten endlich mal wieder ein Grund, das Haus zu verlassen.“ Die Soziologin in mir freute sich und die leicht soziophobische Soziopathin (ebenfalls in mir) nicht weniger. Selten habe ich mich so normal gefühlt. Das ist nicht böse gemeint, denn als während der Lesung die Frage gestellt wurde: „Und? Wer von euch ist alles in psychotherapeutischer Behandlung?“, dachte ich traurig an meinen Platz 187 auf der Warteliste des Seelenklempners meines Vertrauens. Es meldete sich übrigens knapp jeder Fünfte. Bielefeld ist wirklich verrückt.

Ich selbst wurde an dem Abend auch von Minute zu Minute immer verrückter. Denn obwohl Herr Katze sehr wohl wusste, dass in seinem Publikum Menschen mit der ein oder anderen Marotte überrepräsentiert sind, trug er zwei verschiedene Schuhe. Nein, nicht einfach nur einen blauen und einen grünen Chuck (obwohl das schon arg grenzwertig ist, solche armen Irren tragen auch verschiedenfarbige Socken). Er trug zwei komplett unterschiedliche Sneakers! Unterschiedliche Marken, der eine Schuh grün und der andere braun und nicht einmal die Schnürsenkel waren annähernd gleich lang. Mein innerer Monk hätte ihn am liebsten am Ohr zurück in die Garderobe gezogen. Was für ein Schlunz.

Aber ein Schlunz, dem ich sehr gerne zuhörte. Ich habe das Buch letzten Herbst kurz nach Erscheinen in einem Rutsch und innerhalb von fünf Stunden im Bett verschlungen. Ich habe im Wechsel gelacht und geweint und die Zeit vergessen. Für mich war es extrem spannend, diese Dinge zu lesen und plötzlich auch ein wenig zu verstehen. Üblicherweise bekommt man als Angehörige die Tür vor der Nase zugeschlagen und soll dann Tage, Wochen oder Monate geduldig auf dem Flur warten. Oder man fängt an, dem Menschen hinter der Tür lustige Katzenvideos zur Aufmunterung zu schicken. Wer nach dem Buch aber immer noch denkt, dass das irgendwie ein Allheilmittel wäre, der ist selber schuld.

Ich fand das Buch schon großartig und ich fand die Lesung tatsächlich fast noch ein wenig besser. Alles wirkte selbstironisch und dabei unverblümt ehrlich. Leider passten in die 90 Minuten nur vier oder fünf Kapitel und ein paar Slam-Texte. Aber vielleicht war das auch genug Klartext für einen Abend, den Verrückte und Nicht-Verrückte erst einmal irgendwie verdauen müssen. Ja, angeblich waren auch Nicht-Verrückte vor Ort. Pfff. Spießer.

Öff! Öff! 2.0

Ich bin ein Aussteiger, fast wie Jürgen Öff! Öff! Wagner. Ich habe der Gesellschaft vor zwei Wochen den Rücken gekehrt und mich freiwillig in die Isolation begeben.

Nein, ich wohne nicht neuerdings in einer Hütte im Wald. Allein schon, weil ich nicht glaube, dass Unitymedia dort draußen eine ordentliche Versorgung garantieren könnte. Geschweige denn Vodafone. Das bekommen beide ja nicht einmal in Bielefeld-City auf die Kette. Ich gehe auch immer noch einkaufen und lasse mir meine Lebensmittel nicht schenken. Wer das dennoch tun möchte, ist herzlich dazu eingeladen. Einkaufszettel und Leergut können bei mir zuhause abgeholt werden. Das Pfandgeld hätte ich aber gerne wieder.

Ich bin viel zu bequem, um auf den ganzen Luxus zu verzichten, den die Konsumgesellschaft so mit sich bringt. Natürlich brauche ich rein theoretisch nicht den allerneusten Laptop und beim Eis hätte es auch nicht die Sorte des vollkommen überschätzten Doppelkeksproduzenten sein müssen. Aber geil ist’s schon. Ohne Werbung und den ganzen Markenquatsch hätte ich als Marketingmensch auch ziemlich viel Freizeit. Das wäre… Moment. Vielleicht ziehe ich doch in die Hütte im Wald und untergrabe das System. Aber ich schweife ab.

Vor etwas mehr zwei Wochen tat ich einen – für mich – ziemlich drastischen Schritt: Ich deinstallierte WhatsApp. „Ach ja, wegen Datensicherheit und so.“ Nein. Mir tut der Mensch leid, der in Crypto City hockt und den ganzen Tag meine langweiligen Postings und Chats mitlesen muss. Ja, liebe Twittergemeinde, ihr hingegen tut das freiwillig. Selber schuld. Aber stellt euch nur mal vor, ihr hättet als NSA-Stalker den Buchstaben B wie Besorgter Bürger erwischt und müsstet euch den liebelangen Tag deren Bullshit lesen. Augen auf bei der Berufswahl. Jedenfalls entspricht der Informationsgehalt meiner medialen Aktivitäten ungefähr dem der RTL2 News und von daher: Huhu, lieber NSA-Mann, sorry für alles!

Ja, Datenschutz ist ein wichtiges Thema und Überwachung eine riesige Sauerei, die unbedingt gestoppt werden sollte. Aber für mich war das bisher kein Grund, mein Onlineverhalten irgendwie zu ändern. Ich nutze noch immer Facebook, verschicke meine Nachrichten unverschlüsselt und erlaube Cookies. Aber bei meiner Handynummer werde ich zu Gollum. Es klingt vielleicht total übertrieben und eventuell habe ich 2014 irgendeinen Trend verschlafen, aber ich entscheide ganz gerne selbst, wer meine Nummer bekommt. Nach der gefühlt 78. Gruppe mit irgendwelchen fremden Menschen hat es mir dann gereicht. Und plötzlich war die App weg. Was für ein geiles Gefühl.

Vermutlich habe ich viele WhatsApp-Gruppen-Groupies damit vor ein riesiges Problem gestellt. Wie erreicht man mich denn jetzt bloß? Da wären zwar Facebook, Twitter, Google+, Email und notfalls sogar SMS, aber heutzutage ist das alles ja eigentlich out. Tja nun, irgendwer wird schon in den sauren Apfel beißen und mir auf einem dieser Wege eine kurze Info schicken. „20:00 hier, bring Bier mit.“ Damit weiß ich, was von mir verlangt wird und gut ist. Und das ganz ohne die Diskussion verfolgt zu haben, wer erst um 5 nach 8 da sein kann und wer sich lieber Wein statt Bier mitbringt. Fast wie früher, als man einfach unangemeldet beim Kumpel ans Fenster klopfte und sich den ganzen Verabredungsscheiß gespart hat.

Das Stellenbörsen-Bullshit-Bingo.

Ein schneller Blick über die erste Seite des geöffneten Jobportals verrät: Das schwedische Möbelhaus sucht einen neuen Goods Flow Manager, dem Tennisturnier sponsernden Textilhersteller fehlt ein Visual Merchandiser Stores SD und beim regionalen Mähdrescherproduzenten gibt es ein Gap Year Program „Marketing“ zu gewinnen.

Ähm. Hä?

Ich brauche nur fünf Minuten durch die bekannten Stellenbörsen zu blättern, Verzeihung, durch die Online Job Markets zu browsen und habe direkt Kopfschmerzen. Was waren das schöne Zeiten, als der Vision Clearance Engineer noch ein Fensterputzer war und der Content Manager ein Redakteur. Erstere Profession übe ich zugegebenermaßen nur alle zwei Jahre aus und das auch nur, falls Merkus, Venus und Rainer Calmund ein gleichseitiges Dreieck am Firmament bilden. Wahrscheinlich fehlt mir deshalb oft der nötige Weitblick.

Als Redakteur betätige ich mich allerdings gerne hin und wieder. Privat hier und beruflich theoretisch für unsere Kunden. Doch leider bin ich Content Manager. Massenproduzent statt Schreiberling. SEO-optimiert, auf Conversions gedrillt und das so schnell wie möglich. Mit den englischen Jobtiteln wurde nicht nur den Berufsbezeichnungen der Charme genommen, irgendwie leidet auch die Tätigkeit selbst darunter.

Apropos leiden. Zwischen als den gruseligen Wortneuschöpfungen und dem Berater-Bullshit-Bingo empfahl mir eines dieser Portale eine Weiterbildung zur Pathologin. Pathologie, die Lehre vom Leiden. Nun, generell ist das gar kein so abwegiger Gedanke. Als Marketingtante bin ich es gewohnt, Leute auszunehmen und die ein oder andere Leiche im Keller zu haben. Projekte werden gründlich auf Herz und Nieren geprüft und dennoch packt man manchmal auch beherzt in die Scheiße.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Argumente finde ich, die für diese Berufung sprechen. Als Pathologin könnte ich immer einen weißen Kittel tragen, was mir eine gewisse Autorität gebe würde. Ich würde stundenlang durch Mikroskope starren und die Stirn dabei nachdenklich und leicht besorgt in Falten legen. Ich könnte genüsslich mein Mittagessen essen, während eine Mageninhaltsprobe in der Zentrifuge zentrifugiert. Und mir meine selbst geschossenen Gruselbildchen auf die Zigarettenpackung kleben.

Doch das Beste am Beruf der Pathologin wäre: Ich könnte endlich in Ruhe arbeiten, ohne dass mir die anwesenden Personen auf den Sack gehen. Denn wenn sie das doch mal tun, hat irgendjemand anderes zuvor aber mal so richtig Mist gebaut.

Aber ich bin doch davongekommen?

Als ich 14 war, wollte sich ein 33-Jähriger an mir vergreifen. Er war meine Aufsichtsperson. Mein Trainer beim Sport. Ich war hilflos und er betrunken. Es war der erste Abend, an dem ich offen sein wollte. Offen für andere Menschen. Mir wurde bis dahin immer gesagt, dass ich zu sehr mauere. Dass ich zum Selbstschutz Menschen ausschließe und dass ich niemanden körperlich oder emotional an mich heranlassen würde.

An dem Abend wollt ich alles anders machen. Ich war 14 und naiv. Ich wollte einmal eine andere Seite von mir zeigen. Vielleicht wollte ich an diesem Tag eine Frau sein, die ich mit 14 einfach noch nicht war. Ich habe gelacht, habe mit Männern und Frauen gleichermaßen Spaß gehabt. Alles mit Grenzen und ohne betrunken zu sein. Mit fünfzehn Kilo weniger als das Jahr davor und zum ersten Mal mit Brüsten ausgestattet. Und es war lustig, ein völlig neues Erlebnis.

Doch das änderte sich, als ich ihm hinterher ging, um Tschüss zu sagen. Er dachte wohl, dass ich mehr wollte. Dass ich eben nicht nur Tschüss sagen, sondern mit ihm mitkommen wollte. In meinem jugendlichen Leichtsinn war es für mich völlig undenkbar, dass da etwas passieren könnte. Ich wollte mich doch einfach nur verabschieden.

Und das hat er ausgenutzt. Er hielt fest und meinte dass meine Zahnspange ihn nicht stören würde. Das weiß ich fast fünfzehn Jahre später immer noch. Ich wurde in seinem Griff langsam panisch, doch es interessiert ihn nicht.

Ich hatte großes Glück. Ich konnte mich loswinden und zurück zu den anderen gehen. Weitermachen, als wäre nichts gewesen. Am nächsten Tag wollte ich ihn zur Rede stellen, doch angeblich konnte er sich an nichts mehr erinnern.

Wenn ich doch mal später jemandem davon erzählt habe, haben die danach oft Angst gehabt, dass jede Berührung ab jetzt schlimm für mich wäre. Dass ich Nähe deswegen ablehnen würde. Aber das stimmt nicht. Es ist ein großer Unterschied, ob man jemanden an sich heranlässt, dem man nahe sein will, oder ob es jemand ist, der sich dieses Recht einfach herausnimmt. Nähe ist etwas tolles, eine der wichtigsten Erfahrungen im Leben. Wenn sie einvernehmlich ist.

Der Schulspind der Pandora

Ich habe irgendwann im Winter 2004 den Schlüssel zu meinem Schulspind verloren. Das war knapp eineinhalb Jahre vor dem Abitur. An meiner Schule war (und ist es wahrscheinlich immer noch) es so geregelt, dass man spätestens vier Wochen nach der letzten Prüfung den Spind gekündigt und den Schlüssel übergeben haben musste. Ich sitze das bis heute aus.

Ich habe keine Ahnung, was sich im Winter 2004 in diesem Spind befand. Mein einziges Paar Sportschule hätte ich sicherlich vermisst. Das Spanischbuch eher nicht so. Vielleicht noch ein Paar besonders hässliche Handschuhe und ein angebissenes Käsebrot. Was im Nachhinein etwas schade um das Käsebrot ist. Vielleicht fahre ich im nächsten Jahr doch einmal bei meiner alten Schule vorbei, um mir meine Abiklauseren anzusehen. Natürlich wird das nur eine faule Ausrede sein, um nach diesem Spind zu schauen. Zweiter Block vor dem Schulkiosk, dritte Reihe von links, zweite Reihe von oben. Meine ganz persönliche Zeitkapsel. Schon seltsam, was man nach all den Jahren noch weiß.

Sollbruchstelle oder soll sie nicht.

Ich bin – zugegeben – nicht gerade die geschickteste Person auf diesem Planeten. Meine Art der Essenszubereitung würde eine Frauenzeitschrift wahrscheinlich mit „Bück dich, du Sau – Spielend 50 Kniebeugen in den Alltag integrieren“ betiteln. Weil bei mir in der Wohnung Katzenhaltung leider verboten ist, muss ich die Sachen halt selber vom Schrank schubsen. Doch wer nun glaubt, die Schwerkraft wäre mein größter Feind, der irrt. Mein größter Feind sind Sollbruchstellen.

Sollbruchstellen sollen uns dabei helfen, zusammenhängende Teile ohne Zuhilfenahme von Messer, Schere oder Kettensäge an einer zuvor festgelegten Stelle voneinander zu trennen oder diesen Gegenstand leichter zu öffnen. Dafür haben diese Dinge entweder eine Perforation oder eine Einkerbung. Klingt im ersten Moment total praktisch. Und nun denken wir mal alle an unseren letzte Kampf mit einer Konservendose mit Aufmachnupsi. Da müsste die Sollbruchstelle eigentlich an dem Punkt sein, wo sich das vordere Ende des Nupsis in den Deckel drückt. In Wahrheit gibt es aber in jeder Konservendosenfabrik offensichtlich eine Maschine, die Chargen mit der Sollbruchstelle direkt an der Nupsi-Aufhängung produziert. Ehe man sich versieht, hat man diesen dann plötzlich in der Hand und sucht fluchtend nach dem Dosenöffner.

Ein anderes Beispiel ist Schokolade. Eine durchschnittliche Tafel Milka-Schokolade besteht aus 24 angedeuteten Stücken, bei Ritter-Sport sind es 16. Das ist ganz gut, wenn man die Tafel unter mehreren Personen (Kindern) gerecht aufteilen möchte oder wenn man wie ich total auf Symmetrie steht. Anders als bei Obst, M&Ms oder Chips muss man hier nicht nach Schönheit, Größe und Farbe sortieren, sondern kann einfach drauf losessen (ok, die Randstücke immer zuletzt, aber das versteht sich hoffentlich von selbst). So die Idee. In der Realität bricht die Schokolade aber sowieso da, wo sie möchte. Oder habt ihr schon einmal Toblerone gegessen, ohne euch dabei zwei bis fünf Finger zu brechen? Dennoch, nur Tiere und Sigmar Gabriel essen Schokolade so, wie die Frauen in der Werbung:

schokolade-in-massen-kann-gut-fuer-die-gesundheit-sein-foto-archiv-

Sollbruchstellen sind allgegenwärtig. Auf Briefbögen mit Fahrkartenabos. Zwischen Fruchtzwergebechern. Und vergessen wir bloß nicht den Aufreißnippel an manchen Milchtüten. Hat schon einmal irgendjemand von euch an diesem Plastikring gezogen, ihn nicht direkt abgerissen UND ist dabei fleckenfrei geblieben? Dann Glückwunsch: Du gehörst zu 0,01% der Bevölkerung und bist wahrscheinlich hochbegabt. Es mag eine Nischenbegabung sein, aber sehr viele Menschen werden dich darum beneiden.

Erst heute Nacht versuchte ich minutenlang, eine Ibuprofen 400 in der Mitte zu teilen. Das hat mich so sehr aufgeregt, dass im am Ende doch beide Hälfte genommen habe. Wahrscheinlich ist das auch das Ziel der Industrie: Eine Teilbarkeit zu simulieren. Nicht grundlos hat man bei der Schokolade gleich vier Stücke in der Hand, wenn man sich eigentlich nur eins abbrechen wollte. Sind wir mal ehrlich: Die restlichen drei Stücke kann man dann ja auch schlecht wieder zurücklegen, das wäre denen gegenüber nicht fair.

Paris: Surreale Echtzeit.

Eigentlich wollte ich vor zwei Stunden im Bett liegen. Doch jetzt sitzt ich seit kurz nach 22 Uhr fast regungslos vor dem Fernseher und sehe das Unfassbare in Paris. Höre in diesem Moment fassungslos, dass dort wohl Konzertbesucher regelrecht exekutiert wurden. Menschen, die sich seit Wochen auf diesen Abend gefreut haben, lachend und biertrinkend mit der Bahn dort ankamen und einfach nur eine geile Zeit haben wollten. Nicht bei einer politischen Aktion, nicht vor der Bühne des Antichristen, nein, bei einer stinknormalen Rockband aus den USA. So wie ich es auch alle paar Wochen zelebriere. Bis vor lauter krankhafter Überzeugung blinde Menschen den Saal stürmen und meinen, dass du den Tod verdient hast. Oder deine Freunde. Oder jemand, den du liebst.

Es ist surreal, wie wir das alles in Echtzeit mitverfolgen können. Ich erinnere mich noch daran, wie ich während 9/11 zufällig vor RTL saß und nicht mehr wusste als Peter Klöppel. Jetzt gibt es keine Aufzeichnungen von Telefonaten mit Angehörigen, die Tage später irgendwo veröffentlicht werden. Heute schicken Geiseln Tweets in die Welt hinaus, dass die Polizei doch bitte endlich stürmen soll, weil gerade ein Mensch nach dem anderen getötet wird.

Just in diesem Moment meldet die Pariser Polizei, dass dort bis zu 100 Tote in der Konzerthalle liegen. Ich wollte eigentlich darüber schreiben, wie unwirklich das ist, überall jeden Schritt mitlesen zu können. Aber das geht nicht mit diesem Bild in meinem Kopf.

Was nichts kostet, ist auch nichts.

Der Mensch ist von Natur aus skeptisch, wenn er etwas ohne Gegenleistung bekommt „Wie bitte? Ich kriege etwas geschenkt? Die Sache MUSS einen Haken haben. Ist es kaputt? Illegal? Schließe ich damit ein Abo ab oder kaufe eine Waschmaschine? DA STIMMT DOCH WAS NICHT!“

Anders ist es, wenn kreative Berufe im Spiel sind. Erste Entwürfe zu erstellen ist schließlich keine Arbeit. Ein Grundkonzept? Das schreibt man doch mal eben unter der Dusche zusammen. Wer sich weigert, an einem unbezahlten Pitch teilzunehmen oder zumindest eine kostenlose Arbeitsprobe abzuliefern, hält sich wohl für etwas besseres. Aber geht mal in drei Schneidereien, lasst jeweils eine Hose umnähen und bezahlt am Ende nur den Besten. Oder den Günstigsten. Die Entscheidung liegt schließlich bei euch. Aber genau das wird niemand machen. Oder erklärt eurem Apotheker mal, dass ihr das Medikament erst dann bezahlt, wenn der Schnupfen wirklich weg ist. Meiner würde sicherlich seinen Terrier auf mich hetzen.

Außer natürlich, man ist auf der Suche nach einer neuen Web-/Kreativ-/Werbeagentur. Natürlich muss man vorher austesten, ob man mit seinen Vorstellungen ungefähr auf einem Nenner ist. Aber auch das sollte im Budget mit einkalkuliert sein. Leider haben das meine Vorgesetzten bisher nie so gesehen und auch mein neuer Arbeitgeber ist Fan von Plattformen wie 99designs und DesignCrowd, wo Grafiker online darum buhlen, wer das beste Design zum günstigsten Preis abliefern darf. An dieser Stelle haben Handwerker MyHammer damals einen Vogel gezeigt, kreative Köpfe spielen jedoch seltsamerweise mit.

Bielefeld scheint dafür ein sehr guter Nährboden zu sein. Da pitcht ein Verein für „Grundrechte, Datenschutz und eine lebenswerte Welt im digitalen Zeitalter“ unbezahlt Agenturen für ein neues Corporate Design. Weil Geld nicht alles ist. Schon klar. Universität und FH haben es da einfacher, denn die können einfach auf das freiwillige Engagement ihrer Studierenden vertrauen. Es macht sich später ja auch mal gut im Portfolio und so eine tolle Referenz ist auf lange Sicht eh wichtiger als eine gescheite Bezahlung. Werdet ihr schon noch merken.

Wie ich gerade jetzt darauf komme? Mir wurde dieses kleine, feine Filmchen in meine Facebook-Timeline gepostet. Es passt wunderbar zu einem der besten Dialoge auf Clients from Hell. The Client: “You’re a freelancer!” – “And…” – “Well, you work for free! If you were supposed to be paid, you’d be called a paidlancer or something!”