Über die Enttäuschung, dass Trendsetter gar keine Hunde sind.

Gestatten: Angus McBeerman, irischer Trend-Setter aus bestem Hause. Lupenreiner Stammbaum, glänzendes Fell, kackt nur auf englischen Rasen. Angus McBeerman sagt den nächsten heißen Scheiß hervor. Manchmal eine etwas haarige Angelegenheit, aber mit dem nötigen Biss immer am Zahn der Zeit. Und trotz der für Hunde üblichen Rot-Grün-Blindheit und einer extremen Kurzsichtigkeit, würde ich Angus bei der Kleiderwahl jederzeit mehr Vertrauen schenken als jedem Streetstyle-Fetischisten.

Mein Kleidungsstil ist nicht hip. Sagt man überhaupt noch „hip“? Mein Sprachschatz ist scheinbar auch nicht mehr hip. Jedenfalls bin ich da ziemlich schlicht gestrickt: Jeans, T-Shirt, Chucks. Fertig. Wenn es doch mal etwas seriöser zugehen muss, wische ich kurz mit einem feuchten Küchentuch vorne über die Schuhe. Dieses Konzept funktioniert seit Jahren. Ich muss nicht beim Blick auf die aktuellen Frühjahrstrends 2017 weinend zusammenbrechen, weil Atlantic und Geranium demnächst Rose Quartz und Serenity ablösen und das komplette Farbkonzept meines Kleiderschranks in sich zusammenfällt. So ein schwarzes Bandshirt ist einfach eine solide Sache.

Dabei bin ich eigentlich bei diesen Themen durchaus auf dem Laufenden. Anders als meine Mutter, die seit 1996 jedes Jahr wieder mit erhobener Augenbraue fragte: „Und das trägt man jetzt so?“, weiß ich, dass man das jetzt so trägt. Ich finds halt nur doof.

Als Kind der 80er, aufgewachsen in den 90ern, pubertiert in den 2000ern, sollte ich die Klappe vielleicht nicht allzu weit aufreißen. Wir sind die Generation der Buffalos mit Plateau, passend zum Revival der gigantischen Schlaghosen. Wir hatten Hosen, an die der Rock schon angenäht war. Bei den Jungs sah man die Boxershorts und bei den Mädels den String. Das war halt so. Aus dieser Zeit stammte auch der Denim-Partnerlook von Britney Spears und Justin Timberlake. Doch während der werte Herr Timberlake kurz darauf die Kurve gekriegt hat, ist die Mode selbst irgendwo völlig falsch abgebogen.

Ich habe mich mit Skinny Jeans abgefunden. Bei Frauen. Ich finde die Sache mit den Vollbärten ganz und gar nicht schlecht. Bei Männern. Aber was soll der Quatsch mit den Jeanshosen, die auf Hochwasserhöhe enden? Was sollen Jeansjacken im silbernen Metalliclook? Was sollen Ponchos, Loafer, bauchfreie Strickpullis? Offiziell ich bin vor fünf Jahren ausgestiegen, damals fing das mit den Römersandalen an. Es war eine sehr weise Entscheidung.

Manchmal blättere ich durch so ein Mädchenmagazin und frage mich, wann die exzentrischen Looks aus den Editorials plötzlich straßentauglich geworden sind. Dann erinnere ich daran, dass ich in einer Zeit pubertiert habe, in der man so schön einfach anders sein konnte. Wo die zerrissene Jeans mit abgeranzter Lederjacke und bunten Dr. Martens ein eindeutig Statement war. Niemand zweifelte damals daran, dass so nur ein Punkermädchen aussehen kann. Und dann freue ich mich ein bisschen.

Ode an die Armbanduhr.

Tick, tock, goes the clock, she cradled and she rocked her.
Tick, tock, goes the clock, even for Miss Cover…

Seit Samstag steht meine Armbanduhr mal wieder bzw. sie liegt nun nutzlos im Bad herum und es macht mich gelinde gesagt wahnsinnig. Die Uhr ist bestimmt schon vierzehn Jahre alt, hat dieses Jahr schon das dritte Paar Batterien gefressen und wahrscheinlich sollte ich sie langsam mal in Rente schicken. Also muss dringend eine neue Uhr her, denn ohne kann ich nicht. Wer mich kennt, den mag das wundern. Gefühlt habe ich schließlich sowieso ständig mein Handy in der Hand. In der Realität aber nicht.

Spielen wir einmal meinen Tag durch. Ich werde wach, gucke aufs Handy und stelle fest, dass ich wie üblich verschlafen habe. Ich eile ins Bad. Im Bad liegt die Armbanduhr über dem Waschbecken und zeigt mahnend und unerbittlich die Uhrzeit an. Das Handy müsste ich jedes Mal in die Hand nehmen, den Bildschirm aktivieren und danach die drei Schichten Zahnpasta-Makeup-Lidschatten wieder abwischen. Mal abgesehen davon, dass auf der Ablage sowieso jeder Zentimeter belegt ist und das Handy wahrscheinlich auf dem Spülkasten liegen müsste. Nicht ganz ungefährlich.

Ich flitze nun also zur Bahn, noch später als sonst, weil ich die Zeit nicht im Blick hatte. Draußen sind es 7 Grad, weshalb ich als Frau natürlich mindestens fünf Schichten Kleidung trage und ganz unter drunter ist das Handy. In der Hosentasche, an das kurze Kopfhörerkabel gekettet und gut verpackt. Um im Gehen einen Blick darauf zu werfen, stranguliere ich mich also beinahe, lege kurzzeitig meine Nieren frei und lasse das Gerät mit kalten Fingern wahrscheinlich auch noch fast fallen. Für den Blick auf die Armbanduhr reicht ein kurzer Griff an den Ärmel.

Weiter gehts. Irgendwie habe ich es gerade noch rechtzeitig ins Meeting geschafft. Weil es total schnell gehen musste, sitze ich dort ohne Kaffee und somit auf heißen Kohlen. Das Handy liegt aus Höflichkeit am Platz, es steht kein Laptopbildschirm im Sichtfeld und die Armbanduhr tragenden Herren verdecken diese im Herbst natürlich geschickt mit ihren Hemdärmeln. Nach der Uhrzeit zu fragen, geht auch nicht, denn dann wird einem sofort fehlende Motivation unterstellt. Trüge ich eine Armbanduhr, könnte ich ein nachdenkliches Am-Kopf-Kratzen imitieren und dabei einen verstohlenen Blick riskieren. Plötzlich kommen mir 30 Minuten wie eine Ewigkeit vor, schließlich könnte ja auch tatsächlich schon eine solche vergangen sein.

11 Uhr morgens und die fehlende Armbanduhr hat mich bereits mindestens dreimal an diesem Tag verrückt gemacht. Es mag die Gewohnheit sein, wenn man seine allererste Uhr bereits im Kindergarten bekam und seitdem nie ohne das Haus verlassen hat. Das war damals so eine richtig coole erste Uhr mit Flik und Flak als Zeigern. Keine Sorge, die gibt es nicht in meiner Größe. Aber auch wenn ich damit total old school klinge, mein Handy wird zwar über kurz oder lang den kompletten Jackentascheninhalt bis auf die Tempos ersetzen, aber meine Armbanduhr, die bleibt.