Anna in Wonderland

Das kleine Arschloch namens Angst.

Nov
01

Morgen ist mein dritter erster Arbeitstag innerhalb von gerade einmal 13 Monaten. 13 Monaten und einem Tag. Nun sitze ich hier vor meinem Blog, um mich irgendwie vor dem längst überfälligen Anruf bei meiner Mutter zu drücken. Denn die wird mich ganz sicher fragen, ob ich mich denn schon auf morgen freue. Und ich werde ihr ganz sicher antworten, dass ich natürlich schon sehr aufgeregt bin. Was stimmt, aber was ihre Frage nicht beantwortet.

Ich sollte mich freuen. Endlich darf ich wieder das machen, worin ich gut bin. Es warten neue Aufgaben auf mich, von denen ich weiß, dass sie mir Spaß machen. Die Vorgesetzten scheinen nett zu sein und der Laden solvent. Wenn alles gut läuft, habe ich mehr Verantwortung, mehr Geld, mehr Freiheiten. Alles prima. Doch dann flüstert mir diese Stimme ins Ohr: „Weißt du noch, wie vorfreudig du letzten Herbst warst, als du den Job bei der Agentur bekommen hast? Und was dann passiert ist?“ Ja, das weiß ich noch. Arschloch.

Ich habe damals von spannenden Kunden und tollen Projekten geträumt. Die hatte man mir schließlich versprochen. Was ich bekam, waren finanzielle Sorgen und ein Burnout nach gerade einmal vier Monaten. Kann ja mal passieren.

Da der hiesige Stellenmarkt vollkommen überlaufen ist mit Menschen, die auch gerne Marketingmärchen erzählen, saß ich ab April drei Monate lang untätig auf dem Sofa. Auf den ersten Blick klingt das ziemlich geil: Drei Monaten machen können, was man möchte. Im Grunde ist das Urlaub. Hab ich immer gedacht. Bis ich merkte, dass man in so einer Phase die freie Zeit nicht nutzt, um die Welt zu entdecken, sich mit Menschen zu verabreden und das Leben zu genießen. Vielmehr schaut man der Staubschicht auf Heizung beim Wachsen zu und zählt die Flecken auf dem Teppich. Den man eigentlich mal wieder saugen könnte, aber warum heute, man muss sich ja schließlich auch noch eine Aufgabe für morgen aufheben.

Plötzlich kam ganz unerwartet ein Anruf, ob ich mir vorstellen könne, für vier Monate für deren erste Wahl zu überbrücken. Möglichst schon ab der kommenden Woche. Ich wusste vorher, dass es nicht meine Wunschlösung sein würde. Hey, aber immer noch deutlich besser, als zuhause vor die Wand zu gucken. Und es war ok. Aber ein ziemlich seltsames Gefühl, wenn man quasi nur zu Besuch ist. Man ist von Beginn an damit beschäftigt, die nötige Distanz zum Unternehmen und den Kollegen aufzubauen, damit der Abschied nicht so schlimm wird. Welchen ich jetzt auch schon wieder hinter mir habe.

Kinners, wie die Zeit vergeht.

Morgen startet nun also der 3. Versuch.

Ich vorher aber noch dieses kleine Arschloch namens Angst, dass mir ständig ins Ohr flüstert, irgendwie in seine Schranken weisen. Klar, wenn die Vorfreude nicht zu groß ist, ist die Enttäuschung hinterher auch kleiner. Klingt erst einmal logisch. Diese Einstellung ist aber überall ein riesiges Hindernis. Sie bremst mich aus: in meiner Arbeit, in Freundschaften und Beziehungen. Also muss die weg. Die Stichprobe ausweiten und mal Leute mit reinnehmen, die seit Jahren glücklich in ihrem Job sind. Und wie groß ist schon die Wahrscheinlichkeit, dass ich jetzt erneut so tief in die Scheiße greife?

Die Eine aus 96 sein.

Jul
27

Ich war wohl zu erfolgsverwöhnt. Sowohl beim ersten Vorstellungsgespräch nach dem Studium als auch bei meinem Jobwechsel letztes Jahr, hat es direkt mit der neuen Stelle geklappt. In meiner Naivität habe ich gedacht, dass das so bleiben wird. Die Lage auf dem Bielefelder Arbeitsmarkt schien total entspannt. Alle Welt wartete nur auf mich! Wer will denn auch schon als Marketing Manager arbeiten? Ein ewig voller Schreibtisch, drängelnde Kollegen, trödelnde Agenturen und dann ist da auch noch dieser regelmäßige Zwang sich zu verkleiden, wenn man sich mal wieder bei Presse, Kunden oder Königen im guten Zwirn vorstellen darf. Wieso tut man sich das an?

In diesem Jahr wurde ich eines Besseren belehrt. Plötzlich scheint wirklich jeder etwas mit Kommunikation machen zu wollen. Will Marketinglügen verbreiten und sich die Abende mit Pressemitteilungen um die Ohren hauen. Seit Weihnachten habe ich mittlerweile dreißig Bewerbungen verschickt, Tendenz steigend. Denn auch wenn ich aktuell in Lohn und Brot stehe, ist das nur eine Übergangslösung, deren Ende schon nervös im Raum steht. Wie so eine Jack-Wolfskin-Familie zwanzig Minuten vor dem Boarding.

„Schön, dass Sie sich die Zeit nehmen konnten. Dieses Gespräch wird eher eine Art Speeddating sein, da wir aus 60 Bewerbungen zunächst für den ersten Durchlauf zwölf Kandidaten ausgewählt haben. Wir fragen, Sie antworten. Und lassen Sie Ihre Jacke am besten einfach an, es lohnt nicht.“ Schluck. Wir sprechen hier nicht von einer Stelle in einem Großkonzern mit Firmenwagen, 6-stelligem Jahreseinkommen und globaler Relevanz. Es ging um Öffentlichkeitsarbeit mitten im Bielefelder Outback. Fledermausland. Da war nicht mal Edge!

Uni, FH, FHM, FHDW, HS OWL… (THC in OCB is‘ was ich dreh’…) sie alle lassen kleine Marketingmenschen auf die Region los. Und dann sitze ich großer Marketingmensch da und gucke doof. Ich hatte heute beruflich zufällig mit einer der Vorgesetzten zu tun, die mich ablehnen mussten. Festhalten: 96. 96 Bewerbungen sind bei ihr auf eine einfache Stelle als Marketingassistenz eingegangen. Ich gehörte zu der handvoll Menschen, die dort sogar persönlich vorsprechen durften. Das macht dann tatsächlich schon ein bisschen stolz. Ihr wollt mich zwar nicht behalten, aber hey!, wenigstens durfte ich Kaffee bei euch trinken. Bei meinem jetzigen Arbeitgeber soll es nicht anders ausgesehen haben und angeblich hat man die Entscheidung bislang noch nicht bereut. Juhu, ich bin gut!

Apropos gut. Falls jemand jemanden kennt, der jemanden kennt, der über seinen Schwippschwager davon gehört hat, dass im Großraum Bielefeld ein Marketing Manager gesucht wird (Online oder offline, B2B oder B2C, strategisch oder operativ, Unternehmen oder Agentur): Ich bin quasi eine eierlegende Wollmilchsau. Und ich kann Kaffee kochen und halbwegs lesbare Texte verfassen. Finde ich.

Und ich kurv hier rum? Ohne mich.

Mai
17

Nein, ihr täuscht euch nicht, der Titel ist tatsächlich an Grönemeyers Mambo angelehnt. Der Song, in dem er gefühlt 39 Minuten darüber jammert, dass er keinen Parkplatz findet. Die Bewohner der Bielefelder Westens werden das kennen. Wir leben eben in einer Stadt, die dafür konzipiert wurde, dass man zu Fuß mal eben zur Nachbarin rüberschlurfte. Möglichst ohne dabei vom Mistkutscher überfahren zu werden. Für mich ideal.

Im Sauerland, immerhin 22 Jahre lang meine Heimat, sah ich das noch anders. Dort machte jeder an seinem 18. Geburtstag den Führerschein und die besonders Glücklichen (meistens die mit väterlichem Nutzviehbetrieb) bekamen auch direkt ihr erstes Auto dazu. Endlich konnte der 50er-Roller eingemottet werden, mit dem man die letzten drei Jahre die Dörfer unsicher machte. Wer an seinem Geburtstag nicht selbst an der Schule vorfuhr, der war ganz sicher durch die Prüfung gerasselt. So etwas wusste sofort die ganze Stufe. Wer keinen eigenen fahrbaren Untersatz besaß, der konnte sich jederzeit am elterlichen Fuhrpark bedienen. Wie sonst sollte man spontan den 30 km entfernten Burger King unsicher machen? CO2 und Feinstaub gab es damals schließlich noch nicht, das ist so eine neumodische Erfindung der Städter.

Dementsprechend blöd habe ich geguckt, als mir hier in Bielefeld die ersten Menschen ohne Führerschein begegneten. Was ist denn bei denen bloß schief gelaufen? Zu dumm? Zu arm? Gesundheitlich eingeschränkt? Junge, du hast doch Augen im Kopp und mindestens einen funktionierenden Arm, wieso fährst du kein Auto?! Als Student kein eigenes Fahrzeug zu besitzen, konnte ich gerade noch so nachvollziehen. Danach war das für mich so ein Ökoding. Seht mich an, ich schone die Umwelt! Radfahrende Mittvierziger mit Helm und hochgekrempeltem Hosenbein können aber auch wirklich sehr mahnend gucken. Nun bin ich selbst seit einigen Jahren berufstätig und habe dennoch kein Auto. Hoppala.

Eigentlich fand ich Autofahren ja schon immer doof. Naja, das Fahren an sich nicht. Aber das Ein- und Ausparken. Da bin ich ein wandelndes Klischee. Und die anderen Autofahrer. Wenn diese Sachen nicht wären, fände ich Autofahren eigentlich ganz gut. Aber leider sind das Faktoren, die sich hier in der Stadt nicht umgehen bzw. umfahren lassen und deshalb lass ich es lieber ganz sein. Doch vielen potentiellen Arbeitgebern scheint dieser Schritt sauer aufzustoßen.

Wer außerhalb Bielefelds arbeiten möchte und gleichzeitig kein Auto hat, der wird direkt als unflexibel abgestempelt. Dass zwischen 5 Uhr morgens und Mitternacht im Halbstundentakt Bahnen vor der Firmenhaustür abfahren, ist dabei völlig unerheblich. Ich möchte nicht mit mir zusammenarbeiten müssen, nachdem ich 50 Minuten gestresst durch den morgendlichen Berufsverkehr geschlichen bin. Das sind Dinge, die kann kein Kaffee dieser Welt wieder ausgleichen. Ich bin weder Staubsaugervertreterin noch Avonberaterin, also bitte liebe Chefs dieser Welt, lasst mich doch einfach Bus- und Bahnfahren und über Weichenstörungen und unerwarteten Schneefall im Januar schimpfen. Danke.

Das Stellenbörsen-Bullshit-Bingo.

Jan
12

Ein schneller Blick über die erste Seite des geöffneten Jobportals verrät: Das schwedische Möbelhaus sucht einen neuen Goods Flow Manager, dem Tennisturnier sponsernden Textilhersteller fehlt ein Visual Merchandiser Stores SD und beim regionalen Mähdrescherproduzenten gibt es ein Gap Year Program „Marketing“ zu gewinnen.

Ähm. Hä?

Ich brauche nur fünf Minuten durch die bekannten Stellenbörsen zu blättern, Verzeihung, durch die Online Job Markets zu browsen und habe direkt Kopfschmerzen. Was waren das schöne Zeiten, als der Vision Clearance Engineer noch ein Fensterputzer war und der Content Manager ein Redakteur. Erstere Profession übe ich zugegebenermaßen nur alle zwei Jahre aus und das auch nur, falls Merkus, Venus und Rainer Calmund ein gleichseitiges Dreieck am Firmament bilden. Wahrscheinlich fehlt mir deshalb oft der nötige Weitblick.

Als Redakteur betätige ich mich allerdings gerne hin und wieder. Privat hier und beruflich theoretisch für unsere Kunden. Doch leider bin ich Content Manager. Massenproduzent statt Schreiberling. SEO-optimiert, auf Conversions gedrillt und das so schnell wie möglich. Mit den englischen Jobtiteln wurde nicht nur den Berufsbezeichnungen der Charme genommen, irgendwie leidet auch die Tätigkeit selbst darunter.

Apropos leiden. Zwischen als den gruseligen Wortneuschöpfungen und dem Berater-Bullshit-Bingo empfahl mir eines dieser Portale eine Weiterbildung zur Pathologin. Pathologie, die Lehre vom Leiden. Nun, generell ist das gar kein so abwegiger Gedanke. Als Marketingtante bin ich es gewohnt, Leute auszunehmen und die ein oder andere Leiche im Keller zu haben. Projekte werden gründlich auf Herz und Nieren geprüft und dennoch packt man manchmal auch beherzt in die Scheiße.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Argumente finde ich, die für diese Berufung sprechen. Als Pathologin könnte ich immer einen weißen Kittel tragen, was mir eine gewisse Autorität gebe würde. Ich würde stundenlang durch Mikroskope starren und die Stirn dabei nachdenklich und leicht besorgt in Falten legen. Ich könnte genüsslich mein Mittagessen essen, während eine Mageninhaltsprobe in der Zentrifuge zentrifugiert. Und mir meine selbst geschossenen Gruselbildchen auf die Zigarettenpackung kleben.

Doch das Beste am Beruf der Pathologin wäre: Ich könnte endlich in Ruhe arbeiten, ohne dass mir die anwesenden Personen auf den Sack gehen. Denn wenn sie das doch mal tun, hat irgendjemand anderes zuvor aber mal so richtig Mist gebaut.

Was nichts kostet, ist auch nichts.

Nov
08

Der Mensch ist von Natur aus skeptisch, wenn er etwas ohne Gegenleistung bekommt „Wie bitte? Ich kriege etwas geschenkt? Die Sache MUSS einen Haken haben. Ist es kaputt? Illegal? Schließe ich damit ein Abo ab oder kaufe eine Waschmaschine? DA STIMMT DOCH WAS NICHT!“

Anders ist es, wenn kreative Berufe im Spiel sind. Erste Entwürfe zu erstellen ist schließlich keine Arbeit. Ein Grundkonzept? Das schreibt man doch mal eben unter der Dusche zusammen. Wer sich weigert, an einem unbezahlten Pitch teilzunehmen oder zumindest eine kostenlose Arbeitsprobe abzuliefern, hält sich wohl für etwas besseres. Aber geht mal in drei Schneidereien, lasst jeweils eine Hose umnähen und bezahlt am Ende nur den Besten. Oder den Günstigsten. Die Entscheidung liegt schließlich bei euch. Aber genau das wird niemand machen. Oder erklärt eurem Apotheker mal, dass ihr das Medikament erst dann bezahlt, wenn der Schnupfen wirklich weg ist. Meiner würde sicherlich seinen Terrier auf mich hetzen.

Außer natürlich, man ist auf der Suche nach einer neuen Web-/Kreativ-/Werbeagentur. Natürlich muss man vorher austesten, ob man mit seinen Vorstellungen ungefähr auf einem Nenner ist. Aber auch das sollte im Budget mit einkalkuliert sein. Leider haben das meine Vorgesetzten bisher nie so gesehen und auch mein neuer Arbeitgeber ist Fan von Plattformen wie 99designs und DesignCrowd, wo Grafiker online darum buhlen, wer das beste Design zum günstigsten Preis abliefern darf. An dieser Stelle haben Handwerker MyHammer damals einen Vogel gezeigt, kreative Köpfe spielen jedoch seltsamerweise mit.

Bielefeld scheint dafür ein sehr guter Nährboden zu sein. Da pitcht ein Verein für „Grundrechte, Datenschutz und eine lebenswerte Welt im digitalen Zeitalter“ unbezahlt Agenturen für ein neues Corporate Design. Weil Geld nicht alles ist. Schon klar. Universität und FH haben es da einfacher, denn die können einfach auf das freiwillige Engagement ihrer Studierenden vertrauen. Es macht sich später ja auch mal gut im Portfolio und so eine tolle Referenz ist auf lange Sicht eh wichtiger als eine gescheite Bezahlung. Werdet ihr schon noch merken.

Wie ich gerade jetzt darauf komme? Mir wurde dieses kleine, feine Filmchen in meine Facebook-Timeline gepostet. Es passt wunderbar zu einem der besten Dialoge auf Clients from Hell. The Client: “You’re a freelancer!” – “And…” – “Well, you work for free! If you were supposed to be paid, you’d be called a paidlancer or something!”

Flieht, ihr Narren.

Jul
22

Bielefeld entwickelt sich zu einer Medienstadt. Mit Uni und FH Bielefeld, der FH des Mittelstands und der Hochschule OWL nur drei Käffer weiter sollte es hier eigentlich reichlich Nachwuchskräfte für eine Marketingstelle geben. Dennoch sind Abteilungsleitung und Personalbetreuung seit zwei Monaten vergeblich auf der Suche nach einem Nachfolger für meine Stelle und haben zuletzt drei Absagen in Reihe kassiert. Allesamt akzeptable Kandidaten, aber kein besonderes Highlight. Durchschnitt für eine durchnittliche Firma. Aber wieso will es einfach nicht klappen?

Vielleicht liegt es daran, dass die Verbreitung der Stellenausschreibung von zwei Personen koordiniert sind, die zuletzt im vergangenen Jahrtausend auf Jobsuche waren. Zur Verdeutlichung: Das war vor 9/11, vor der Euroeinführung und bevor Scary Movie 1 in den Kinos anlief. Damals gab es halt nicht so viel Internet. Deshalb werden hier noch immer sämtliche Ausschreibungen ausschließlich über das Arbeitsa… Entschuldigung… über die Agentur für Arbeit online gestellt. Bekanntlich nicht die erste Anlaufstelle für junge, webaffine, kreative Arbeitskräfte mit einem Intellekt über dem des gemeinen Pegida-Anhängers.

28167-fly-you-foolsBöse Zungen behaupteten schon, dass ich dahinter stecke. Zugegeben, ich habe das ein oder andere Mal gescherzt, ich würde potentielle Bewerber heimlich warnen. Ihnen Zettelchen mit Warnhinweisen zustecken, SOS mit der Taschenlampe durch die Glasscheibe funken oder nachts einen Pferdekopf ins Bett legen.

Aber das wäre ja völliger Blödsinn, soll doch jeder für sich selbst herausfinden, wie gut er in diesen Laden passt. Schließlich halten es zahlreiche Kollegen schon seit Jahrzehnten hier aus. Ja, ich bin auch immer wieder aufs Neue darüber entsetzt. Man verdient mehr als in den meisten Agenturen in der Gegend, hat halbwegs geregelte Arbeitszeiten und Weihnachtsgeld gibts auch noch, wenn man artig war.

Aber irgendwas scheint die Bewerber dennoch abzuschrecken, selbst wenn sie zufällig über die Stellenanzeige gestolpfert sind und den Weg ins Bielefelder Outback gefunden haben. Ob es an den leeren, hoffnungslosen Augen liegt, die jeden Neuankömmling ängstlich mustern? Das würde zumindest erklären, weshalb ich demnächst nicht mehr am Eingang sitzen darf, sondern einen Platz hinter zwei Regalreihen bekomme.

Coverriculum Vitae.

Mai
27

Eure gute Cover ist kein Bewerbungsguru. Nee nee. Neeeee. Gott bewahre. Aber wenn ich mir mal überlege, wie oft ich in den letzte neun Jahren (Abi 2006 – 13 Jahre Warten auf Freitag) meine Bewerbungsunterlagen aktualisiert habe, dann wird mir schon ein bisschen schwindelig. Und es ist vollkommen egal, ob man sich zuletzt vor zwei Minuten, zwei Monaten oder vor zwanzig Jahren irgendwo beworben hat: Das Zeug muss immer noch einmal komplett auseinander genommen werden.

Jedes. Verdammte. Mal.

Schritt 1: Wo war denn nur der Lebenslauf?

Am einfachsten wäre es ja, wenn man seinen alten Lebenslauf einfach nur noch mal fix aufpolieren müsste. Aber der ist unter Garantie nicht auffindbar. Verschickt, abgespeichert, schnell ’ne Tasse Kaffee geholt und weg ist das Ding. Pfutschikato. Läuft wahrscheinlich mit der verschollen geglaubten zweiten Socke händchenhaltend in den Sonnenuntergang.

Schritt 2: Finde heraus, als was du gerade arbeitest

Man verbringt so um die 225 Tage im Jahr auf der Arbeit, acht Stunden am Tag und das in meinem Fall seit drei Jahren. Und nun soll die Quintessenz dieser Rolle als AvD in drei bis fünf Zeilen passen. Manchmal wäre ich in solchen Momenten gerne auf dem Bau beschäftigt: Hallo, ich bin Baggerfahrer und kann Bagger fahren und ganz, ganz tiefe Löcher baggern.

Schritt 3: Formatiere dich um den Verstand

Egal was du tust, der Lebenslauf wird immer zwei Zeilen zu lang sein, um auf eine Seite zu passen. Während man im Studium immer schön die Ränder und Zeilenabstände so eingestellt hat, dass aus sieben Seiten Text die geforderten fünfzehn wurden, muss man dieses wertvolle Können nun andersherum unter Beweis stellen. Achtung: Dies rechtfertigt dann auch ein „fortgeschritten“ hinter der Frage nach den Office-Kenntnissen.

Schritt 4: Einmal recht freundlich

Natürlich darf ein Bewerbungsfoto bei der ganzen Sachen überhaupt keine Rolle mehr spielen. Niemals. Das wäre ja vollkommen ungerecht und ganz und gar oberflächlich. Pfui. Aufschrei. Aber irgendwie kann man es den Personalern auch nicht verübeln, wenn die zumindest einen ersten Eindruck haben möchten. Da ist es übrigens unfassbar hilfreich, wenn man mal fix die Mutter aus der besten Aufnahme des Familienshootings herausretuschieren kann. Denn wie wusste die schon stets besser zu wissen: Das Leben ist für die beschissen, die sich nicht zu helfen wissen.

Schritt 5: Wer bin ich – und wenn ja wie viele?

Was zur Hölle zeichnet mich eigentlich aus? Teamgeist? Schnelle Auffassungsgabe? Ehrgeiz? Alles Floskeln. Es wird niemand in seine Bewerbung schreiben, dass er Menschen total kacke findet und seine Arbeitszeit auf Twitter verbringt. Also wenn ich’s mir recht überlege… beim Kinderturnen würde ich durchaus durch eine ganz passable Rolle vorwärts positiv hervorstechen. Und ich kann die Zunge rollen. Naja, zur Hälfte. Ich kann außerdem recht gut backen. Das könnte beim potentiellen neuen Chef schon eher ziehen. Der Rest wird halt aus der Annonce abgeschrieben, die müssen schließlich wissen, wie ich sein soll.

Schritt 6: Kill your darlings

Interessiert die das alles jetzt wirklich? Beim letzten Mal war doch noch das superduperdolle Masterstudium das Argument für alles und nun hat sich das ganz hinten auf den Lebenslauf verkrümelt. Ich soll mit meinen 28 Lenzen ja sowieso bereits 29 Jahre Praxiserfahrung verweisen können und dann darf das Anschreiben auch so aussehen. Das teure Studium verkriecht sich zur Grundschule auf die Reservebank und Hobbys hat man ja eh schon seit Jahren keine mehr.

Schritt 7: Äh, wohin eigentlich?

Also idealerweise kommt Schritt 7 natürlich ganz am Anfang, aber das hätte den Spannungsbogen zerstört. Aber es ist auch ein ganz wichtiger Gedanke für die Individualisierung des Anschreibens, denn jede Firma möchte ganz gerne glauben, dass man sich nur bei ihnen beworben hat. Weil sie so unfassbar toll sind und so sympathisch rüberkommen und die Produkte einfach weltklasse sind und man von der nächsten Klippe springen wird, wenn sie einen nicht nehmen. Zum Glück sind Klippen in Bielefeld eher Mangelware.

Schritt 8: Wer hat denn den Kappes verzapft?!

Korrekturlesen. Ganz, ganz, ganz wichtig. Am besten lässt man wirklich noch mal jemanden draufgucken. Denn spätestens nach dem dritten Satz wird einem schlagartig bewusst, dass man sämtliche Grammatikkenntnisse gleich zu Beginn verloren hat. Zusammen mit der aktuellsten Version vom Lebenslauf.

Schritt 9: Abschicken o/

Es ist vollbracht! Leicht geflickt, ein bisschen angsteinflößend und mit wenig Hirn, aber Frankensteins Monster hat es ja auch irgendwie durch den ersten Testlauf geschafft. Nun muss man es nur noch hinbekommen, die ganzen Unterlagen auch dem richtigen Empfänger zuzuordnen, damit man  am Ende nicht doch noch mit Mistgabeln und Fackeln durchs Dorf getrieben wird. Bei Bewerbungen in ostwestfälischen Randgebieten (Dornberg, Verl, Borgholzhausen) nicht ganz unwahrscheinlich.

Schritt 10: Das Land verlassen /o

Es ist ganz egal, wie gründlich man war. Egal wie oft man noch einmal drübergelesen hat, wie oft man jede Zahl kontrolliert hat: Irgendeinen saublöden Fehler übersieht man immer. Jedes. Verdammte. Mal. Neulich hatte ich sogar mal einen Zahlendreher in der Handynummer, zum Glück nur auf einer Seite. Aber scheiß der Hund drauf: Den anderen Bewerbern ergeht es doch auch nicht anders.

Klingelingeling! Klingelingeling! Hier ist die Telekom.

Mrz
02

Unser Büro befindet sich in einem Gewerbekomplex am Rande der Innenstadt. Es ist nicht sonderlich schön hier, aber die Firma wollte vor drei Jahren für kleines Geld mehr Platz für mehr Mitarbeiter haben. Geschätzte 60% der Büroeinheiten standen bis Ende letzten Jahres leer. Wenn die FH Ferien hatte, sah man gelegentlich sogar einen Steppenläufer am Fenster vorbeirollen. Damals, als noch große Aufregung herrschte, wenn der Bastelbunker gegenüber mal wieder zum Tag der offenen Tür mit Fabrikverkauf einlud und Hausmütterchen mitsamt ihrer Muttersöhnchen in Scharen aus dem umliegenden Dörfern herbeiströmten.

Doch seit gut drei Monaten ist nichts mehr, wie es einmal war. Wir haben jetzt die Telekom im Haus. Nein, nicht etwas die lustigen Techniker in Latzhose, die bei Terminen ähnlich zuverlässig auftauchen, wie Schrödinger Katze kurz vor Schluss wieder aus ihrem Karton hüpft. Von hier aus werden nun im großen Umfang Leute belästigt. Ich meine angerufen. Also man unterbreitet von diesem Standort aus zahlreichen zufriedenen Kunden in der ganzen Region unschlagbare Angebote für ihre Vertragsverlängerung. So, jetzt hab ich’s.

Per se habe ich nichts gegen Menschen, die in einem Call Center arbeiten. Irgendwer muss es machen. Ich saß schließlich selber auch schon an dem Ende der Strippe, an dem das Headset wie ein mieses Klischee vor sich hin baumelt. Gerade als Nebenverdienst ist das eine ganz feine Sache, auch wenn man natürlich mehrmals täglich angemotzt und beleidigt wird. Kleiner Tipp am Rande: Leute, seid nett zu den Anrufern. Man kann es auch freundlich formulieren, wenn man keinen Bock darauf hat, zu total bescheuerten Uhrzeiten stundenlang völlig idiotische Fragen zu beantworten.

Bis Ende letzten Jahres habe ich geglaubt, bei Vertragsfragen säße da ein relativ cleveres, junges Bürschchen am Apparat. So einer, der eigentlich Physik an der Ruhr-Uni Bochum studiert und dir locker irgendwelche Integrale und Matrizen ausrechnen könnte, um damit den idealen Tarif rauszusuchen. Ällabätsch. Falsch gedacht.

Habt ihr euch nicht auch schon immer mal gefragt, was aus den ganzen Leuten wird, die mal bei „Mitten im Leben“, „Frauentausch“ oder „Extrem schwer“ mitgemacht haben? Kann ich euch sagen: Die landen bei der Telekom im Call Center. Die Einstellungskriterien sind klar: Ein BMI größer 35, Kettenraucher, schlechte Zähne, unverschämtes Auftreten. Alternativ geht auch folgende Kategorie des Schulabbrecher: „Ey, jo, Bro ey, werf misch ma Cola.“ Originalzitat. Isch schwöar.

Von diesem Schlag Mensch laufen hier aktuell bereits um die vierzig Leute pro Schicht durchs Gebäude. Wobei… nein, das ist gelogen. Wer nicht im Erdgeschoss arbeitet, der fährt generell mit dem Fahrstuhl aus dem ersten Stock runter zur Raucherecke. Laufen ist auch Quatsch.

Wo war ich? Ach ja, vierzig Leute in drei Schichten. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Bis zum Sommer sollen hier 340 Mitarbeiter beschäftigt sein. Die Parkplätze sind bereits jetzt überfüllt und der Bäcker hat auch schon mal sicherheitshalber die Preise angezogen. Und hier laufen die ersten Wetten, wann das erste Graffiti im Treppenhaus auftaucht und der erste Dealer morgens an der Ecke wartet.

Wenn ich einmal groß bin, werde ich…

Feb
17

Tja. Das wollte schon vor 20 Jahren jedes Schulfreundealbum von mir wissen. Mit acht Jahren schrieb ich meistens Tierärtzin da hinein. Mit TeeZet. Dann wollte ich ganz kurzzeitig Polizistin werden. Aber wenn man sich auf dem Dorf mal so umschaut, bekommt man schnell den Eindruck, dass man da eigentlich nur Schützenfestumzüge absperrt und nachts Autos anhält. Was vermutlich auch stimmt. Also doch Architektin. Häuser zu entwerfen klang total cool. Bis mein Vater mir erklärte, wie das in der Branche so abläuft. Gerade als weibliche Architektin auf dem Bau. Und Innenarchitektin kam nie in Frage, ich hab’s generell nicht so mit Killefit und kunstvollem Dahindrapieren.

Groß bin ich nun schon eine Weile und zwei Studiengänge später mache ich irgendwas mit Medien. Irgendwas trifft es gerade ganz gut, denn obwohl ich offiziell nur die Stelle eines „Online Media Manager“ bekleide, mache ich alles querbeet. Das hat den Vorteil, dass man hinter zumindest weiß, was man im nächsten Job nicht mehr machen will. Anzeigenplanung zum Beispiel. Anzeigenverkäufer, also die am anderen Ende der Leitung, sind nämlich gemeinhin ziemlich penetrante Zeitgenossen, die außerdem auch noch äußerst schnippisch reagieren, wenn man ihnen sein Budget nicht in den Rachen werfen möchte. Dann wird aus dem Telefonschmuser schon mal der Telefonsatan höchstpersönlich, in dessen Gegenwart sich Teenagertöchter in der Pubertät beschämt die Ohren zuhalten würden. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Ob ich nun will oder nicht, wird sich meine Position in den nächsten Wochen und Monaten verändern. Die Frage ist nur, ob ich da mitmachen möchte. Aus der Rolle des AvD käme ich dann in die des großen Delegators. Aber habe ich da wirklich Bock drauf? Ich hasse es stundenlang rumzudiskutieren, ob man einen Button nun Maigrün oder Grasgrün macht. Da bin ich mehr der Macher. Ausprobieren, Entwurf vorbereiten und im Zweifelsfall behaupten, dass der Rest irgendwie kacke aussah. Fertig.

Ich bewundere Leute, die sich auf einem ganz bestimmten Feld total gut ausgekennen, darüber bloggen oder Vorträge halten. Dieses eine Feld suche ich noch für mich. SEO/SEM lägen im Online Marketing natürlich nahe, aber das ist mir persönlich viel zu dröge. Zum Programmieren bin ich zu blöde. Für Social Media Marketing ist mein Drang zur übertriebenen Selbstverherrlichung zu klein. Und E-Mail Marketing ist das drunk texting der Kommunikationsbranche.

Also lasse ich mich mal überraschen, was die kommenden Monate so bringen. Vielleicht stolpere ich ja ganz aus Versehen in den Beruf, der mir das Nörgeln abgewöhnt? Auf dem Aktion-Mensch-Los in meiner Schreibtischschublade sollte meine Zukunftsplanung jedenfalls nicht unbedingt aufbauen. Wie sehr freue ich mich doch auf meine Karriere als Fensterrentner… aber bis dahin dauert es wohl noch gut 40 Jahre.

 

Nachtrag: Ich habe meine Berufung gefunden.

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Advent, Advent, die Anna brennt.

Dez
16

Der größte Hohn
an der Religion?

Die kalendarische Lage
der Brückentage.

Hätte Jesus da nicht ein bisschen mehr zwischen den einzelnen Stationen trödeln können? Im Frühjahr wird innerhalb von zwei Monaten ratzfatz alles abgefeiert, was die Kirche an Ausreden für exzessives Glockengeläut zu bieten hat:

Karfreitag: Always look on the bright side of life.
Ostermontag: All hail to the Karnickel.
Tag der Arbeit: Alles außer arbeiten.
Christi Himmelfahrt: Vatertag für Besserwisser.
Pfingstmontag: Hauptsache ein Montag weniger.
Fronleichnam: Weiß man nicht.

Ich bin stark für die Einführung von 2-3 weiteren Feiertagen inklusive Brückentagen im September und Oktober. Möglichst flexibel, damit man die je nach Wetterlage nehmen kann. Dabei wäre mir auch vollkommen latte, was wir zu feiern gedeken. Den Tag des Mähdreschers vielleicht, um den Beginn der Heuernte einzuläuten. Oder Zugvogeldonnerstag. Das Fest des heiligen Kastanienmännchens. Bei Allerheiligen hat die Willkür ja auch einen ganz guten Job gemacht.

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