Von Männern wie Butterkeks.

Zugegeben, das Gleichnis vom Butterkeks stammt nicht von mir, sondern wurde von der wunderbaren Gräfin Änne inspiriert. Aber lieber richtig gut abgeschrieben, als schlecht selbst verbockt. Das Gleichnis vom Butterkeks ist ein Gleichnis der Gleichgültigkeit. Ein Butterkeks ist ein Lebensmittel, das jedem egal ist, aber mit dem jeder leben kann. Man wird niemals den Ausruf vernehmen „Boah, geil, Butterkekse!“, aber genauso wenig wird irgendjemand von sich behaupten können, dass er Butterkekse nicht mag. Sie schmecken eben sehr neutral. Nach nichts mit einer Prise Süß. Dieses Gleichnis darf offiziell auch auf Goldfischli angewendet werden. Niemand auf dieser Welt wird an ein Regal mit Knabberzeug herantreten, um gezielt eine Tüte Goldfischli zu erwerben. Aber wenn sie in einer dieser witzigen Partyboxen enthalten sind, dann werden sie halt dennoch gegessen. Schmecken ja auch nicht schlecht. Nur halt nach nichts mit einer Prise Salz.

Auch innerhalb anderer Nahrungsmittelgruppen gibt es solche Langweiler. Keiner wird beim Anblick einer Flasche Beck’s frohlocken, aber es ist eine sichere Bank, falls mal Besuch kommt. Oder Vanillepudding. Vanillepudding mag schon irgendwie lecker sein, aber in erster Linie ist er einfach „da“. Machste nichts mit falsch. Frei nach diesem Motto gibt es auch Männer wie Butterkeks. Sicherlich gibt es auch Frauen wie Goldfischli, aber von Frauen habe ich noch weniger Ahnung als von Männern, also blogge ich heute über Männer.

Ryan Gosling wäre so ein Mann wie Butterkeks. Oder auch Orlando Bloom. Sie hübschen das Fernsehbild zur besten Sendezeit ein wenig auf und stören ansonsten nicht weiter. Keine Frau wird sagen können, dass die beiden Herren unattraktiv wären. Man kann nachvollziehen, dass ausgerechnet sie am Ende die Frau abbekommen, aber wieso genau, weiß halt auch niemand. Sie gucken 90 Minuten am Stück niedlich und nett, aber das kann ein Golden Retriever auch. Er möchte gefallen und wird mit etwas Glück niemals deine Schuhe anknabbern. Aber auf die Dauer ist das schon etwas öde.

Doch wahrscheinlich muss man genau diese Vorstellung vom Mann gewordenen Butterkeks mögen, wenn man via Tinder nach ihm sucht. Ich tatsächlich etwas neidisch auf Frauen, denen das reicht. Die ein sorgsam ausgewähltes und mit 37 Filtern weichgezeichnetes Foto nach den aktuellen Selfie-Standards sehen und denken: „Oh, der könnte es sein.“ Ohne zu wissen, ob er nicht eine Sammlung von Adam-Sandler-Filmen in seinem BluRay-Regal hat und beim Autofahren laut Paul Kalkbrenner hört. Das sind wichtige Details, die mit Tinder vorenthält. Natürlich könnte ich einfach mal nach rechts wischen und ihn danach fragen, aber ich bin leider auch sehr chatfaul.

Ich möchte niemals erfahren, wie viele Flirts, One-Night-Stands, Affären, Beziehungen oder was-auch-immer-man-da-schon-ein-Etikett-drankleben-möchte ich mir allein schon dadurch verbaut habe, dass ich von dem Butterkeks-Foto gelangweilt war. Oder von dem Butterkeks-Gesicht auf der Party. Ohne überheblich klingen zu wollen. Ist halt so. Ehrenwort! Vielleicht bin ich auch selbst eine Portion Vanillepudding und merke es einfach nicht? Ganz nett, macht eigentlich nichts falsch, aber mehr halt auch nicht.

Meine Großtante machte früher immer einen ganz wunderbaren Nachtisch mit Vanillepudding und Butterkeksen. Auf Pudding und Kekse kam dafür noch eine Schicht eingelegte Pflaumen mit Schokosplittern. Ein Träumchen! Nur, wie spanne ich denn jetzt mal am geschicktesten den Bogen? „Es ist vollkommen egal, dass ihr beide unfassbar langweilige Typen seid, Alkohol und Schokolade werden es schon richten“? Das könnte tatsächlich funktionieren. Aber sobald der Rausch verflogen ist, liegt dann doch wieder ein Butterkeks neben dir. Und guckt nett. Das kanns ja irgendwie auch nicht sein.

Endlich verrückt.

Ich wollte diesen Beitrag erst „Achtung, Kultur!“ nennen, aber wer soll mir das denn bitte schön abkaufen? Mit „Endlich verrückt.“ habe ich sogar eine Kapitelüberschrift aufgegriffen. Man könnte gar von einem Zitat sprechen, welches ich am vorletzten Samstag in der Lesung des wunderbaren Tobi Katze hörte. Feuilleton par excellence. Cover Reich-Ranicki. Tobi Katze las quasi auf meiner Türschwelle aus seinem aktuellen Buch und Bestseller „Morgen ist leider auch noch ein Tag“ und da musste ich natürlich hin. Wer Tobi Katze und das Buch nicht kennt: Ein Mittdreißiger Poetry-Slammer / Künstler plaudert aus dem Nähkästchen eines Menschen mit Depressionen.

In Begleitung einer wunderbaren Ex-Kollegin begrüßte mich ein Publikum, das von sich selbst schon vorab auf Facebook sagte: „Ah, nach Monaten endlich mal wieder ein Grund, das Haus zu verlassen.“ Die Soziologin in mir freute sich und die leicht soziophobische Soziopathin (ebenfalls in mir) nicht weniger. Selten habe ich mich so normal gefühlt. Das ist nicht böse gemeint, denn als während der Lesung die Frage gestellt wurde: „Und? Wer von euch ist alles in psychotherapeutischer Behandlung?“, dachte ich traurig an meinen Platz 187 auf der Warteliste des Seelenklempners meines Vertrauens. Es meldete sich übrigens knapp jeder Fünfte. Bielefeld ist wirklich verrückt.

Ich selbst wurde an dem Abend auch von Minute zu Minute immer verrückter. Denn obwohl Herr Katze sehr wohl wusste, dass in seinem Publikum Menschen mit der ein oder anderen Marotte überrepräsentiert sind, trug er zwei verschiedene Schuhe. Nein, nicht einfach nur einen blauen und einen grünen Chuck (obwohl das schon arg grenzwertig ist, solche armen Irren tragen auch verschiedenfarbige Socken). Er trug zwei komplett unterschiedliche Sneakers! Unterschiedliche Marken, der eine Schuh grün und der andere braun und nicht einmal die Schnürsenkel waren annähernd gleich lang. Mein innerer Monk hätte ihn am liebsten am Ohr zurück in die Garderobe gezogen. Was für ein Schlunz.

Aber ein Schlunz, dem ich sehr gerne zuhörte. Ich habe das Buch letzten Herbst kurz nach Erscheinen in einem Rutsch und innerhalb von fünf Stunden im Bett verschlungen. Ich habe im Wechsel gelacht und geweint und die Zeit vergessen. Für mich war es extrem spannend, diese Dinge zu lesen und plötzlich auch ein wenig zu verstehen. Üblicherweise bekommt man als Angehörige die Tür vor der Nase zugeschlagen und soll dann Tage, Wochen oder Monate geduldig auf dem Flur warten. Oder man fängt an, dem Menschen hinter der Tür lustige Katzenvideos zur Aufmunterung zu schicken. Wer nach dem Buch aber immer noch denkt, dass das irgendwie ein Allheilmittel wäre, der ist selber schuld.

Ich fand das Buch schon großartig und ich fand die Lesung tatsächlich fast noch ein wenig besser. Alles wirkte selbstironisch und dabei unverblümt ehrlich. Leider passten in die 90 Minuten nur vier oder fünf Kapitel und ein paar Slam-Texte. Aber vielleicht war das auch genug Klartext für einen Abend, den Verrückte und Nicht-Verrückte erst einmal irgendwie verdauen müssen. Ja, angeblich waren auch Nicht-Verrückte vor Ort. Pfff. Spießer.

Öff! Öff! 2.0

Ich bin ein Aussteiger, fast wie Jürgen Öff! Öff! Wagner. Ich habe der Gesellschaft vor zwei Wochen den Rücken gekehrt und mich freiwillig in die Isolation begeben.

Nein, ich wohne nicht neuerdings in einer Hütte im Wald. Allein schon, weil ich nicht glaube, dass Unitymedia dort draußen eine ordentliche Versorgung garantieren könnte. Geschweige denn Vodafone. Das bekommen beide ja nicht einmal in Bielefeld-City auf die Kette. Ich gehe auch immer noch einkaufen und lasse mir meine Lebensmittel nicht schenken. Wer das dennoch tun möchte, ist herzlich dazu eingeladen. Einkaufszettel und Leergut können bei mir zuhause abgeholt werden. Das Pfandgeld hätte ich aber gerne wieder.

Ich bin viel zu bequem, um auf den ganzen Luxus zu verzichten, den die Konsumgesellschaft so mit sich bringt. Natürlich brauche ich rein theoretisch nicht den allerneusten Laptop und beim Eis hätte es auch nicht die Sorte des vollkommen überschätzten Doppelkeksproduzenten sein müssen. Aber geil ist’s schon. Ohne Werbung und den ganzen Markenquatsch hätte ich als Marketingmensch auch ziemlich viel Freizeit. Das wäre… Moment. Vielleicht ziehe ich doch in die Hütte im Wald und untergrabe das System. Aber ich schweife ab.

Vor etwas mehr zwei Wochen tat ich einen – für mich – ziemlich drastischen Schritt: Ich deinstallierte WhatsApp. „Ach ja, wegen Datensicherheit und so.“ Nein. Mir tut der Mensch leid, der in Crypto City hockt und den ganzen Tag meine langweiligen Postings und Chats mitlesen muss. Ja, liebe Twittergemeinde, ihr hingegen tut das freiwillig. Selber schuld. Aber stellt euch nur mal vor, ihr hättet als NSA-Stalker den Buchstaben B wie Besorgter Bürger erwischt und müsstet euch den liebelangen Tag deren Bullshit lesen. Augen auf bei der Berufswahl. Jedenfalls entspricht der Informationsgehalt meiner medialen Aktivitäten ungefähr dem der RTL2 News und von daher: Huhu, lieber NSA-Mann, sorry für alles!

Ja, Datenschutz ist ein wichtiges Thema und Überwachung eine riesige Sauerei, die unbedingt gestoppt werden sollte. Aber für mich war das bisher kein Grund, mein Onlineverhalten irgendwie zu ändern. Ich nutze noch immer Facebook, verschicke meine Nachrichten unverschlüsselt und erlaube Cookies. Aber bei meiner Handynummer werde ich zu Gollum. Es klingt vielleicht total übertrieben und eventuell habe ich 2014 irgendeinen Trend verschlafen, aber ich entscheide ganz gerne selbst, wer meine Nummer bekommt. Nach der gefühlt 78. Gruppe mit irgendwelchen fremden Menschen hat es mir dann gereicht. Und plötzlich war die App weg. Was für ein geiles Gefühl.

Vermutlich habe ich viele WhatsApp-Gruppen-Groupies damit vor ein riesiges Problem gestellt. Wie erreicht man mich denn jetzt bloß? Da wären zwar Facebook, Twitter, Google+, Email und notfalls sogar SMS, aber heutzutage ist das alles ja eigentlich out. Tja nun, irgendwer wird schon in den sauren Apfel beißen und mir auf einem dieser Wege eine kurze Info schicken. „20:00 hier, bring Bier mit.“ Damit weiß ich, was von mir verlangt wird und gut ist. Und das ganz ohne die Diskussion verfolgt zu haben, wer erst um 5 nach 8 da sein kann und wer sich lieber Wein statt Bier mitbringt. Fast wie früher, als man einfach unangemeldet beim Kumpel ans Fenster klopfte und sich den ganzen Verabredungsscheiß gespart hat.

Aber ich bin doch davongekommen?

Als ich 14 war, wollte sich ein 33-Jähriger an mir vergreifen. Er war meine Aufsichtsperson. Mein Trainer beim Sport. Ich war hilflos und er betrunken. Es war der erste Abend, an dem ich offen sein wollte. Offen für andere Menschen. Mir wurde bis dahin immer gesagt, dass ich zu sehr mauere. Dass ich zum Selbstschutz Menschen ausschließe und dass ich niemanden körperlich oder emotional an mich heranlassen würde.

An dem Abend wollt ich alles anders machen. Ich war 14 und naiv. Ich wollte einmal eine andere Seite von mir zeigen. Vielleicht wollte ich an diesem Tag eine Frau sein, die ich mit 14 einfach noch nicht war. Ich habe gelacht, habe mit Männern und Frauen gleichermaßen Spaß gehabt. Alles mit Grenzen und ohne betrunken zu sein. Mit fünfzehn Kilo weniger als das Jahr davor und zum ersten Mal mit Brüsten ausgestattet. Und es war lustig, ein völlig neues Erlebnis.

Doch das änderte sich, als ich ihm hinterher ging, um Tschüss zu sagen. Er dachte wohl, dass ich mehr wollte. Dass ich eben nicht nur Tschüss sagen, sondern mit ihm mitkommen wollte. In meinem jugendlichen Leichtsinn war es für mich völlig undenkbar, dass da etwas passieren könnte. Ich wollte mich doch einfach nur verabschieden.

Und das hat er ausgenutzt. Er hielt fest und meinte dass meine Zahnspange ihn nicht stören würde. Das weiß ich fast fünfzehn Jahre später immer noch. Ich wurde in seinem Griff langsam panisch, doch es interessiert ihn nicht.

Ich hatte großes Glück. Ich konnte mich loswinden und zurück zu den anderen gehen. Weitermachen, als wäre nichts gewesen. Am nächsten Tag wollte ich ihn zur Rede stellen, doch angeblich konnte er sich an nichts mehr erinnern.

Wenn ich doch mal später jemandem davon erzählt habe, haben die danach oft Angst gehabt, dass jede Berührung ab jetzt schlimm für mich wäre. Dass ich Nähe deswegen ablehnen würde. Aber das stimmt nicht. Es ist ein großer Unterschied, ob man jemanden an sich heranlässt, dem man nahe sein will, oder ob es jemand ist, der sich dieses Recht einfach herausnimmt. Nähe ist etwas tolles, eine der wichtigsten Erfahrungen im Leben. Wenn sie einvernehmlich ist.

rABInson Crusoe – 10 Jahre später ist man eine Insel.

Anfang der Woche flatterte mir die Einladung zum „Ball der Ehemaligen“ meines Gymnasiums ins Haus. Besser gesagt in meinen Facebookstream, denn niemand der Verantwortlichen dürfte meine aktuelle Adresse haben. Natürlich werde ich dort nicht hingehen, obwohl sie mich mit diesem edlen Speisenangebot fast gekriegt hätten. Vielleicht frage ich mal nach, ob man sich die Reste vom Schulessen auch nach Bielefeld liefern lassen kann.

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Doch das viel größere Grauen steht erst noch aus. Im nächsten Jahr soll ich feiern, dass ich dort vor zehn Jahren mein Abitur machen durfte. Dabei ist das Einzige, was mich heute noch mit dieser Zeit verbindet, unser Abimotto „rABInson Crusoe – 13 Jahre Warten auf Freitag“. Ja, wir waren damals super kreativ, aber wenigstens war es kein WM-Motto. Ich werde auch dieses große Event schwänzen und lieber noch ein wenig auf meiner sicheren Insel sitzen, während die ehemaligen Mitschüler Schwanzvergleichs-Quartett mit Job, Familie und Restcoolness spielen.

Es gibt eine handvoll Menschen, die ich durchaus gerne wiedersehen würde. Meinen besten Freund aus Jugendtagen, der sich leider komplett diesem Internet widersetzt. Dabei haben wir früher gechattet wie die Weltmeister. Heute hoffe ich bei jedem Konzert, dass er mir zufällig mal wieder über den Weg läuft. Aber das möchte ich auch nicht auf so einem Kostümfest, bei dem Mann und Frau gleichmaßen den dicken Macker raushängen lassen.

Und der Rest? Kann mir heute noch genauso gestohlen bleiben, wie schon vor zehn Jahren. Heute weiß ich zum Glück, dass man um richtige Freundschaften nicht betteln muss. Dass die Menschen, die mir in der Schule das Lineal in den Nacken gehauen haben, heute die größten Waschlappen sind, immer noch mit Mamas Auto zum Hosenkonzert fahren und im Sommer an den Ballermann. Und ich möchte keiner Veranstaltung beiwohnen, wo so etwas sticht.

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Gerade stolperte ich über eine aktuelle Schlagzeile in der Bielefelder Lokalpresse: „Bewaffneter Raubüberfall auf dem Alten Markt“. So etwas sollte einen in einer Stadt mit über 300.000 Einwohnern eigentlich nicht übermäßig schockieren, auch wenn Bielefeld zu den sichersten Städten Deutschland zählt. Dennoch macht sich da plötzlich ein leichtes Unbehagen breit, auch weil ich zum genannten Zeitpunkt in unmittelbarer Nähe unterwegs war.

Der Alte Markt gehört zu den hellsten und belebtesten Station auf meinem üblichen Nachhauseweg. Der führt durch Unterführungen, Seitenstraßen und an unbeleuchteten Grünstreifen vorbei. Und eigentlich fühle ich mich dort als Frau in der dunklen Nacht immer sehr sicher. Das mag an der lauten Musik auf den Ohren liegen oder daran, dass ich die Strecke im Schlaf laufen kann und deshalb kaum noch auf die Umgebung achte. Natürlich recke ich instinktiv das Kinn etwas höher und mache den Rücken noch ein wenig gerader, wenn mir jemand entgegen kommt. Ansprechen verboten.

Doch irgendetwas läuft da falsch. Wieso wird im Dunkeln jeder Mann gleich zu einer potentiellen Bedrohung? Wie unterscheide ich mich da noch von dem mit Vorurteilen belasteten, kleingeistigen Abschaum, der aus jedem Asylanten sofort einen Kriminellen macht? Nun könnte ich das damit begründen, dass mir mit 14 alleine im Dunkeln tatsächlich mal beinahe etwas zugestoßen wäre. Aber das war kein Unbekannter mit dunkler Kapuze in einer einsamen Gasse, sondern ein guter Bekannter während drinnen eine Feier auf dem Höhepunkt war. Doch ob Eltern, Freunde oder Medien, ständig wird man als Frau dafür sensibilisiert, dass einem da draußen im Dunklen der schwarze Mann auf einen lauert. „Meld dich, wenn du sicher angekommen bist.“

Bei einem bewaffneten Raubüberfall bliebe mir keine andere Wahl, als meine 8 Euro 50 rauszurücken. In so einer Situation würde mir auch kein männlicher Geleitschutz oder Pfefferspray helfen. Aber wer sich in dieser Gegend auch ausgerechnet bei mir den großen Coup verspricht, dem würde ich fast schon aus Mitleid mein letztes Kleingeld geben. Dennoch suche ich gerade Infos zu einem Selbstverteidigungskurs zusammen. Schaden kann’s ja nicht und wenn es nur das eigene Selbstbewusstsein stärkt.

Denkt an die Elektrolyte!

Me­xi­ka­ner, der (Substantiv, maskulin): Einwohnerbezeichnung zu Mexiko… Moment, falsch. Unser Mexikaner kommt ursprünglich aus Hamburg und ist ein feurig-pfeffriges Schnäpschen auf Tomatenbasis. In Bielefeld ein absolutes Muss, wenn man sich mal in den Heimat+Hafen oder ins Plan B verläuft. Protipp: Niemals im Gegenüber trinken, die brauen den aus dem Zeug, das ihr Hipsterklientel zuvor aus dem Kugellager ihrer Longboards puhlte.

Es gibt im Internet unzählige Rezepte und fast genauso viele Varianten: Ob mit Korn, Vodka oder Tequila, mit oder ohne O-Saft, ob auf Basis von passierten Tomaten oder doch nur mit Tomatensaft. Ich habe einige Zeit in die Recherche investiert, bis ich ein Rezept fand, das in etwa so klang, wie mein geliebter Elektrolytelieferant in den beiden Stammkneipen schmeckt. Abgeschmeckt und leicht abgewandelt wurde er am Wochenende unter Kenner verköstigt und mit deren Feedback kam nun das als vorläufiger Favorit dabei heraus:

Annas Mexikaner 1.0

0,7 l Korn
1,3 l Tomatensaft
1,0 l passierte Tomaten
1 Flasche Sangrita Pikant
35 ml Tabasco
1 / 3 Tube Tomatenmark

3 EL Zucker
70 ml Zitronensaft
2 – 3 EL Salz
3 – 4 EL Pfeffer (grob gemahlen)

Die Zubereitung ist denkbar einfach:  Alles in eine große (Salat-)Schüssel geben und gut verrühren. Danach muss die Mischung unbedingt über Nacht kalt stehen, bevor sie abgeschmeckt werden kann. Klingt komisch, aber ohne durchgezogen zu sein, schmeckt man nur Korn und Tabasco heraus. Und probiert ruhig aus einem Pinnchen und nicht vom Löffel, die Schärfe kommt so ganz anders durch und man kann die Konsistenz besser abschätzen.

Mexikaner DeluxeBielefelder Mexikaner ist übrigens deutlich dickflüssiger als das Originalgesöff aus Hamburg und wer es ganz dekadent mag, serviert ihn als Mexikaner Deluxe mit Nacho und 1-2 Scheiben Jalapeño on top.

 

My life is bitter, but it’s also sweet.

Diese Überschrift wird Ihnen präsentiert von MxPx mit Stay On Your Feet. Und was kann sweeter sein als feinster Live-Punkrock? Richtig: Nichts. Bier trinken, mitgröhlen, rumwippen und dem echten Leben für ein paar Stunden den Mittelfinger zeigen. Nachdem dieser ätzende, konzertarme Winter nun endlich vorbei war, ging es in den letzten Tagen plötzlich Schlag auf Schlag: Social Distortion, Against Me! und Millencolin. Drei Knallerbands in 2 1/2 Wochen. So zumindest die Erwartungen und die wurden mehr als erfüllt.

Social Distortion – 18. April, Bielefeld

Wenn Mike Ness und seine Truppe in die Stadt kommen, dann muss man da hingehen. Auch wenn einem der Ticketpreis Tränen in die Augen treibt. Denn was der alte Mann da auf der Bühne abzog, davon kann sich so mancher Mini-Punkrocker eine ordentliche Scheibe abschneiden.

Nächstes Mal drängel ich definitiv näher ran. So war es sehr gute Musik mit weniger gutem Bier, aber für das richtige Konzertfeeling muss ich doch weiter rein in den Pulk. Soviel vorweg: Das ist mir nur 6 Tage später auf jeden Fall gelungen. Und jeder einzelne Euro war an diesem Abend gut investiert, denn die Altmeister Social D muss man als Punkrock-Fan mindestens einmal gesehen haben.
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Against Me! – 24. April, Hannover

Was macht man, wenn der einzige freie Platz im komplett ausverkauften Faust mitten vor der Sängerin ist, ohne Absperrgitter und Bühnengraben? Ganz genau, man freut sich ’nen Ast ab und gibt alles. Bei Against Me! überhaupt kein Problem, da bleibt keiner lange mit beiden Beinen auf dem Boden. Ich habe es noch nie erlebt, dass neue Songs einer Band so dermaßen gefeiert wurden, aber das aktuelle Album „Transgender Dysphoria Blues“ scheint die Ausnahme von jeder denkbaren Regel zu sein.

Natürlich waren auch die wichtigen Klassiker dabei, wie „Don’t Lose Touch“, „Trash Unreal“ und mein vergleichweise junger Liebling „“I Was a Teenage Anarchist“. Natürlich sind es immer diese Abende, an denen man während der letzten Zugabe fluchtartig das Gebäude verlassen muss, weil die Bahn leider keine Rücksicht auf arme Konzertbesucher nimmt. Saftladen. Egal. Mein Fazit: Saugeil und ich freue mich wie Bolle auf eine Wiedersehen auf dem Serengeti.
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Millencolin – 04. Mai, Köln

Millencolin haben mich eigentlich gar nicht interessiert. Dieser ganze Skatepunk war nie so wirklich meine favorisierte Musikrichtung, mittlerweile nähern wir uns aber ganz vorsichtig immer mehr an. Jedenfalls musste ich sowieso für eine Nacht nach Köln, hatte keine Lust mit meinem Kollegen rumzuhängen und wenn so eine Band quasi direkt vor der Hotelzimmertür aufspielt: Warum nicht?

Um es kurz zu machen und mich selbst zu zitieren: Sie schafften es von „kann man mal mitnehmen“ zu „meine Fresse, sind die geil!“ in drei Songs. Das Publikum gab alles und zog 75 Minuten lang konsequent den Circle Pit durch. Ich habe es leider versäumt, den Gitarristen hinterher für zuhause einzupacken, aber dann mache ich das halt beim nächsten Mail. Und ich habe die Befürchtung, dass mich dieser Skatepunk mit 15 Jahren Verspätung doch noch kriegt.
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Gesamtfazit: Gebt mir mehr davon!

Ei, Ei, Ei…

Gerade am Ende eines Telefonats mit einem mir bis dato völlig fremden Vertriebler:

„Frohe Ostern. Freuen Sie sich schon auf’s Eierverstecken?“

„Ja, sehr.“

„Das ist schön. Für Ihre Kinder? Sie haben doch bestimmt Kinder.“

„Nein.“

„Ach, für den Liebsten?“

„Nein. Für mich.“

„Wie?“

„Naja, ich verstecke die morgens um 6. Da kann ich mir eh noch nichts merken*. Danach werde ich mich noch mal 4-5 Stunden hinlegen und irgendwann mittags mein Osterkörbchen mit lauter Überraschungen füllen.“

*bin ich hoffentlich noch betrunken

„Oh… äh… das klingt schön. Viel Spaß dabei.“

Unterschwelliges, unangebrachtes Mitleid. Nicht schwingt schöner mit und beschleunigt so sehr meinen Reflex, den Telefonhörer mit Schmackes auf die Gabel zu knallen. Ich werde den Ostersonntag auf dem Sofa verbringen, Schokoladeneier inhalieren und niemand kann mich davon abhalten. Kein Freund, dessen Eltern spontan zum Mittagessen einladen. Oder noch schlimmer: Spontan vorbeikommen („Ist 11:30 Uhr ok für euch? Wir haben die Jacken schon an.“). Meinen Kindern werde ich später eventuell erzählen, dass sie an Ostern die Süßigkeiten verstecken müssen und Mami sie suchen darf. Und behalten. So ist der Plan.

Vielleicht blogge ich hier in zehn Jahren aber auch über meine beiden kleinen Stöpsel, die den Schoko-Osterhasen bis zu den Ohren im Gesicht verteilt haben (so wie Mami wahrscheinlich auch). Vielleicht bin ich dann gerade auf dem Sprung zum Osterbrunch bei einer anderen Familie mit zwei weiteren kleinen Stöpseln, noch mehr Kalorien auf dem Tisch und Deko-Eiern im Vorgarten. Spießer-Anna Galore. Vielleicht. Vielleicht stolpere ich aber auch in zehn Jahren noch am Osterwochenende nachts aus der Kneipe, in der ich mal wieder einen wunderbaren Abend mit der Nicht-Familie verbracht habe.

Und mit dieser Vorstellung im Kopf vergesse ich jetzt einfach die unüberlegten Äußerungen eines Fremden und freue mich schon mal präventiv auf ein langes, freies Osterwochenende.

 

Honolulu Figure Skating Team 1964.

Untereinander gesetzt und mit einer kleinen typographischen Standard-Spielerei würde diese Sinnlosigkeit in der Überschrift sofort bei Abercrombie oder Hollister in den Druck gehen. Weil offensichtlich sehr vielen Menschen sehr egal ist, was sie für eine Botschaft auf der Brust offen vor sich her tragen. Sicherlich, mit dieser Erkenntnis erfinde ich gerade das Rad nicht neu. Daher als kleiner, visueller Einstieg ein wunderbaren Beitrag von Mirko Podkowik, falls ihn jemand tatsächlich noch nicht gesehen haben sollte.

 

In diesem Filmchen werden nur Durchschnittstypen aus Düsseldorf befragt. Nun könnte man meinen, dass das durchaus auch an der Stadt liegen könnte oder an der gezielten Auswahl eines gewissen Stereotyps. Andere Menschen, die gerne die persönliche Meinung nach außen tragen, total (mit langem A) aufgeklärt sind und/oder sehr viel Wert auf Design legen, werden schon wissen, was sie sich da morgens überstreifen. Nope. Falsch. *Zonkgeräusch*. Selbiges Spiel wurde auf der letzten Republica wiederholt und das Ergebnis war nicht weniger erschreckend.

Wieso ich das jetzt wieder aufwärme? Weil ich am Wochenende seit Ewigkeiten mal wieder in Genuss des Party-Publikums im Ringlokschuppen kam. Die letzten Male ging’s immer nur im Forum auf die Piste und da trägt man gewöhnlich 50 Shades of Schwarz. Oder ein Bandshirt. In schwarz. Viel größer ist der Spielraum dann aber auch schon nicht mehr. Blendet man nun an einem gewöhnlichen Abend im „Schuppen“ mal die 519 Personen im identischen Karohemd sowie die h&m-Glitzertops aus, so bleibt noch etwa ein Drittel mit einem flotten Spruch auf dem T-Shirt.

Sicherlich gibt es Menschen, die New York wirklich lieben. Die den Tag tatsächlich nutzen wollen und die auch an jedem anderen Tag des Jahres auf die Rolling Stones oder Nirvana stehen. Ja, auch ich nenne 2-3 Shirts mit Aufdruck von der Stange mein Eigen. Aber da steht sicherlich nirgendwo Miami State University 1996 drauf. Oder I ♡ Tokio. Man zieht doch auch kein Fußballtrikot an, weil man die Farben so schön findet.

Ich habe jetzt einfach mal eine große Klappe und behaupte, dass ich immer weiß, welches T-Shirt ich gerade trage. Das könnte eventuell daran liegen, dass ich einen kleinen T-Shirt-Fimmel habe, aber was soll ich sagen, ich bin halt eine Fashionista. Wer etwas mit Aufdruck anzieht, der gibt damit ein Statement ab. Egal ob sein Gegenüber daraus den Lieblingsverein erkennt, den Musikgeschmack oder mit welcher Art Humor man bei der Person rechnen muss. Auch ich geriet in jungen Jahren 1-2 mal in die missliche Lage, dass mich ein ganz pfiffiger Kopf fragte, welchen Sinn denn der Spruch auf meinem T-Shirt machen würde. Und Achtung, nun folgt ein mir persönlich recht peinliches Geständnis:  In den Tiefen meines Kleiderschranks gibt es tatsächlich ein Top, auf dem in großen, geschwungenen, roten Buchstaben True Love steht. Jawohl.

In den Zeiten des Online-Handels muss aber nun wirklich niemand mehr irgendwelche sinnentleerten T-Shirts tragen, nur weil er sonst nichts passendes findet. Es gibt so viele tolle Seiten, über die man Arbeiten von talentierte, jungen Designern bekommt. Threadless zum Beispiel, als erste Anlaufstelle für die Nerds unter uns. Oder Society6, bei denen ich während der nächsten Worldwide-free-Shipping-Aktion wohl mal wieder ordentlich zuschlagen werde. In Bielefeld selber gibt es gerade in den Seitenstraßen der Altstadt ein paar bezahlbare Alternativen zu C&A und Co. Der Haken an der Sache? Ich habe schon an so manchem freien Tag noch vor dem Aufstehen ein neues Shirt geordert. Da weiß ich dann auch ganz sicher, was vorne drauf steht.