Anna in Wonderland

Ich bin Wutfußgänger, und schuld sind alle anderen.

Aug
22

Vergangene Woche erschien auf ZEIT ONLINE ein Kommentar mit dem Titel „Radfahren: Ich bin Wutradler, und Sie sind schuld“, den der halbe Bekanntenkreis teilte und fleißig kommentierte. Da ich Hennig Schraders Erfahrungen durchaus nachvollziehen kann, habe ich das Schriftstück für mich kurz abgenickt und kommentarlos wieder geschlossen. Damit war die Sache für mich abgehakt. Bis ich gerade beinahe auf der Gabel eines solchen Wutradlers landete.

Sie trödeln, ich gehe vorbei.

Ich gestehe, ich setze hin und wieder einen Fuß auf den Radweg. Allerdings nur dann, wenn vor mir mal wieder Schönwetterspazierer den Gehweg versperren. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern und sie schlendern mit ihrem Schatzi im Schlepptau durch die romantische Kulisse des Bahnhofsviertels. Dann muss ich zum Überholen ansetzen. Mit Schulterblick und angemessener Steigerung meines Schritttempos wage ich die Benutzung des Radwegs über eine Länge von gut 5,20 Meter.

Doch plötzlich kommt er: Der Wutradler. Es ist sein Radweg und er zieht gekonnt mit 30km/h um die Kurve. Mit etwas Glück kommt er mir entgegen, so dass ich die Chance habe, einen kurzen Schlusssprint einzulegen, um ihm gerade noch rechtzeitig auszuweichen. Gefährlich wird es, wenn er von hinten kommt. Ein Wutradler besitzt vielleicht Fahrvermögen und Voraussicht, aber niemals eine Klingel. Und falls doch, so hat er sie seit seiner Schulzeit nicht mehr benutzt. Denn trotz Kopfhörern nehme ich meine Umwelt sehr gut wahr und hätte ihn mit Sicherheit gehört. So werde ich zum fahrradlosen Störfaktor, der auf den wenigen Metern sein Wohlergehen in Gefahr bringt.

Seine Wut schärft meine Sinne.

Doch Moment, ich laufe gegen die Fahrtrichtung. Wie kann der Wutradler dann in meinem Rücken sein? Ganz einfach: Es ist für ihn bequemer. Schönwetterradler gefährden ihn durch ihre Unsicherheit, doch Wutradler mich durch ihre Eile.

Es ist meistens nur ein kurzes Stück, dass er auf der falschen Straßenseite zurücklegt, bis er wieder auf der richtigen Route ist. Es spart Zeit. Durch geschickt Wechsel vom Radweg auf den Fußgängerübergang, vorbei an der Ampelschlange und zurück in den Straßenverkehr gewinnt er Zeit. Er kennt alle Tricks und Kniffe der Ampelschaltung auf seiner gewohnten Strecke. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich sehe ihn fast jeden Tag. Bei jedem Wetter. Dadurch weiß ich, wie ich ihm ausweichen muss. Und wann ich stehenbleiben muss, weil er den Zebrastreifen noch locker vor mir queren kann. Queren könnte, wäre ich ein Schönwetterspazierer und kein Wutfußgänger.

Er wird durch die Wut zum Panzer.

Ich verstehe den Frust, die Abneigung gegen Schönwetterradler, den Hass gegenüber Autofahrern. Ich bin aus demselben Holz geschnitzt. Nur ohne Räder unter dem Hintern. Wenn der Wutradler durch den Verkehr schwimmt, auf seinem Rad zum Fisch im Wasser wird, dann muss ich hoffen, dass er damit die Straße meint. Und nicht mich dort überrollen möchte, wo unsere Wege sich kreuzen.

Denn ich bremse auch für Wutradler. Wo sein Radweg für 20 Meter plötzlich verschwindet weil der Bürgersteig dafür viel zu schmal ist, bleibe ich kurz stehen und lasse ihn passieren. Nicht aus Angst vor seinem Fahrstil, sondern weil es für mich als Fußgänger einfacher ist stehenzubleiben. Denn als Wutfußgänger kenne auch ich meine Pflichten, finde sogar manchmal Zeit für die Kür.

Wenn der Wutradler das nächste Mal über andere Verkehrsteilnehmer schimpft, dann hoffe ich, dass er dabei auch an seine Leidensgenossen auf zwei Beinen denkt. Dass auch ich manchmal vor Gartentoren und Ausfahrten zum Ausweichen gezwungen werde. Und dass er sich selbst in Gefahr bringt, wenn er um Haaresbreite an mir vorbeizieht. So wie ich keinen Fahrradlenker im Kreuz mag, so hat er bestimmt auch ungerne meine Tasche in seinen Speichen. Denn auch wenn ich ihm nicht so schutzlos ausgeliefert bin, wie er dem Autofahrer, ist es doch ein unfairer Kampf.

Ich bin Wutfußgänger und so lange sicher unterwegs, wie die anderen Verkehrsteilnehmer keine Scheiße bauen.

Werte Wutradler, schauen Sie sich morgen doch auch ruhig einmal nach mir um. Und klingeln Sie notfalls, um mich zu warnen. Doch bitte nicht, um mich dazu zu drängen, mich irgendwie in Luft aufzulösen. Sie wissen ja jetzt, dass ich Sie höre und es selbst eilig habe.

Erst mal hupen.

Mrz
28

Nein, sorry Jungs, es geht nicht um Brüste. Vielleicht ein anderes Mal.

Es geht um die Einrichtung für Schallzeichen, die man an Kraftfahrzeugen über 50ccm findet. Die dafür da ist, in Gefahrensituationen auf sich aufmerksam zu machen. Beispielsweise wenn vor einem plötzlich jemand auf die Idee kommt, seine Picknickdecke mitten auf der Fahrbahn auszubreiten und man mit seinem Auto / Motorrad / LKW / Panzer angerollt kommt. Dann darf man hupen. Und bis zur Erfindung von WhatsApp natürlich auch um seinen Freunden mitzuteilen: „Ey Mädel, ich stehe jetzt vor deinem Haus, mach hinne, ich will los.“

Nun, in Bielefeld scheint es anders gelehrt zu werden. Ich wohne nicht zum ersten Mal an einer dicht befahrenen Kreuzung, aber ich habe außerhalb Italiens noch nie so ein hupfreudiges Volk wie den Ostwestfalen erlebt. (Just in diesem Moment fährt übrigens eine Hochzeitsgesellschaft vorbei. Möp möp möp mööööp.) Die Beweggründe fürs Hupen sind offenbar vielzählig. Vor mir lässt jemand vor dem Abbiegen einen Fußgänger durch? Erst mal hupen. Die Ampel ist bereits seit 2 Sekunden grün und mein Vordermann noch nicht drüber? Erst mal hupen. Da möchte jemand auf den Schienen wenden und dabei nicht von der Straßenbahn überrollt werden? Erst mal hupen. Die Sonne blendet mich? Erst mal hupen.

Zu absolut jeder Tages- und Nachtzeit. Dienstagabend, halb 12, es sind ungefähr drei Autos in ganz Bielefeld-Mitte unterwegs. Und dennoch findet immer irgendeine Nulpe einen Grund, sein Signalhorn ertönen zu lassen. Vielleicht hat ihm ein umherfliegendes Blatt die Vorfahrt genommen. Vielleicht hat auch ein Satellit über ihm geblinkt, ohne danach abzubiegen. Man weiß es nicht. Ich hoffe dann immer für den Fahrer, dass es ein wirklich guter Grund war. Denn „Huch, ein Wohngebiet mitten in der Nacht? Erst mal hupen.“ ist arschig.

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