Anna in Wonderland

Ernährung als Anker für die Psyche

Mai
18

In den letzten Jahren geisterten immer wieder Studien durch die Welt, dass Abnehmen Depressionen fördert. Diäten sind Stress. Der Jojo-Effekt ist noch stressiger. Schokolade macht glücklich.

Auch Vegetarier leiden eher unter Depressionen. Und unter Krebs. Behauptete zumindest noch vor kurzer Zeit eine Studie, die innerhalb kürzester Zeit von Fachkollegen komplett auseinander genommen und als Unfug eingestuft wurde. Leider sind die Medien da weniger kritisch und schnell auf den Zug mit aufgesprungen.

Ich will nicht behaupten, dass ich mit der Umstellung meiner Ernährung ein Allheilmittel gegen psychische Probleme gefunden habe. Aber ich kann davon berichten, dass es mir bis heute geholfen hat und vielleicht auch dem ein oder anderen einen positiven Impuls geben.

Anfang 2016 stand ich vor einer unüberwindbaren Wand. Mein damaliger Arbeitgeber trieb mich unermüdlich einem Burnout entgegen. Privat steckte ich in einem Loch, ich fühlte mich unwohl in meinem Körper und wäre am liebsten gar nicht mehr vor die Tür gegangen. Als dann der verhasste Job wegfiel, hatte ich auch keinen wirklichen Grund mehr, morgens noch eine Hose anzuziehen, geschweige denn die Wohnung zu verlassen. Dabei sagt einem jeder Therapeut, dass gerade ein geregelter Tagesablauf ein erster, wichtiger Schritt aus der Depression ist.

Deshalb suchte ich mir ein Thema, mit dem ich mich sowieso jeden Tag mehrmals beschäftigen musste und dass ich bis dato eigentlich auch immer sehr genossen hatte: Essen.

Ich musste essen, ich wollte essen. Ich wollte vor allem gut essen, denn meine Ernährung war davor schon viele Jahre ein wichtiges Thema für mich. Außerdem esse ich schlicht und ergreifend gerne leckere Dinge. Kochen und Backen haben mir immer viel Freude bereitet und ich merkte, dass sich daran nichts geändert hatte. Um abwechlungsreich und lecker Kochen zu können, musste ich außerdem zum Einkaufen aus dem Haus, damit schlug ich zwei Fliegen mit einer Klappe.

Parallel entschied ich mich, erst einmal auf Fleisch zu verzichten. Ich wollte auf Qualität achten und das funktionierte nicht mit einem Pfund Hackfleisch für 1,59. Gleichzeitig hatte ich als Tierfreund plötzlich ein gutes Gewissen in der Küche. Zum Glück aß und esse ich selten mit anderen Leuten zusammen, so dass der Stress ausblieb, mich für meinen neuen Ernährungsstil rechtfertigen zu müssen. Ich tat es allein für mich und war stolz darauf, dass ich von mir aus neue Gerichte und Lebensmittel ausprobierte und das Ergebnis auch noch schmeckte.

Stolz ist für mich ein wichtiges, positives Gefühl. In meiner Therapie haben wir oft nach Momenten gesucht, in denen ich mich gut fühlte, und meistens schwang in diesen eine ordentliche Portion Stolz mit. Stolz auf die geleistete Arbeit und das tolle Ergebnis. Stolz, weil ich etwas Neues ausprobiert hatte. Stolz, mich doch noch abends mit Freunden getroffen zu haben, obwohl alles in mir dagegen protestierte.

Vermutlich ist deshalb auch die Ernährung ein funktionierender Anker für meine Psyche. Weil ich stolz auf meine Leistung sein kann. Ich koche gesund, abwechlungsreich und lecker, das können die wenigsten Leute von sich behaupten. Mittlerweile poste ich sogar regelmäßig Fotos auf Instagram und in der Weight-Watchers-Community und freue mich über das rege Feedback. Vor kurzem hätte ich noch gespottet, dass es aufmerksamkeitsheischend und albern ist. Stimmt. Aber es ist trotzdem schön.

Apropos Weight Watchers. Dieser Blogpost fing damit an, dass angeblich auch Diäten schlecht für die Psyche wären und Depressionen fördern würden. Gerade im Winter, wo es laut einiger „Wissenschaftler“ völlig natürlich wäre, sich eine Speckschicht anzufuttern und damit glücklich zu sein. Ich bin glücklich damit, seit September einige Kilos abgeworfen zu haben. Glücklich und selbstbewusst.

Sicherlich gibt es Wochen, in denen man sich ärgert, weil es nicht so gut läuft. In denen man frustriert und wütend auf sich selber ist. Aber im Großen und Ganzen geht es mir einfach besser. Und ich habe nicht vor, mich irgendwann wieder auf mein Höchstgewicht von 20 Kilo mehr zu fressen. Dass so ein Jojo-Effekt depressiv machen kann, diesen Punkt kann ich als Studienergebnis nachvollziehen.

Bis dahin ist Essen ein Hobby, dass mir Freude macht. Es macht mir Freude, neue Gerichte auszuprobieren, neue Zutaten zu entdecken und meine Woche zu planen. Ich stöbere ständig nach neuen Ideen und genieße am Ende jeden Bissen. Selbst wenn ich Tage habe, an denen es mir nicht so gut geht, weiß ich, dass an ihrem Ende eine reichhaltige, gesunde und leckere Mahlzeit auf mich wartet, die mir keiner nehmen kann.

Das Glückstagebuch.

Mai
06

Ich möcht‘ ein Glücksbärchi sein, das wäre wunderbar! Ein Glücksbärchi sein, das ist doch sonnenklar! Und nun seid ihr wahrscheinlich froh, dass ich keinen Podcast mache und euch nichts vorsingen kann. Bin ich auch. Aber das war mein erster Gedanke, als mir meine Therapeutin auferlegte, als Hausaufgabe ein Glückstagebuch zu führen. Ja, auch bei mir ging bei dem Begriff erst einmal die Augenbraue in die Höhe. Ein Glückstagebuch. Was sollte da als Nächstes kommen? Ein Mandala? Oder gar eine Traumreise? Bitte, BITTE nicht.

Beides kam zum Glück nicht. Noch nicht. Ähm. Jedenfalls wurde mir in diesem Moment wieder bewusst, dass ich da einem Mädel gegenüber sitze, das frisch aus der Uni kommt. Was ja auch mein Wunsch war. Ich wollte keine Therapeutin mit Traumfängern und Zimmerspringbrunnen aus Salzkristall, der ich die für mich wichtigen Dinge – wie Festivals, Twitter oder meinen Job im Online Marketing – erst einmal lang und breit erklären muss. So etwas ist echt viel wert. Aber man wird natürlich auch mit Therapieformen konfrontiert, die gerade in der aktuellen Fit for Psychotherapie als heißer, geiler Scheiß vorgestellt wurden. Augen zu und durch.

In mein Glückstagebuch sollte ich nun mindestens einmal am Tag aufschreiben, was mir an diesem Tag Freude bereitet hat. Egal was. Ob ich mich beim Fernsehen darüber beömmelte, dass das kleine Elefantenmädchen kopfüber in den Schlamm purzelte oder ob mir das Finanzamt Geld schenkte. Alles Schöne soll notiert werden. Das klingt jetzt erst einmal machbar. Wenn da nicht dieses verflixte Jahr 2016 wäre.

2016 ist das Jahr, in dem der (Ex-)Chef zum arroganten Arschloch mutiert, das die Gehälter nicht zahlt. In dem der Bruder mit Verbrennungen ins Krankenhaus geflogen wird und noch in derselben Woche der Hund der Eltern eingeschläfert wird. 2016 ist bisher eher so der Trump unter den Jahren. Und wenn keine Katastrophe passiert, plätschert es so vor sich hin. Dann nimmt man abends sein Glückstagebuch in die Hand und merkt, dass man eigentlich gar nichts gemacht hat, was irgendwie schön war. Es lief irgendetwas im Fernsehen, aber keine Ahnung, was genau. Es gab etwas zu essen, weil man halt essen muss. Alles nicht schlimm, aber mehr so der Butterkeks unter den Tagen.

Aber das ist wohl ok. Im Glückstagebuch darf auch mal stehen „Der Tag war nicht schlecht“. Wurde mir gesagt. In Ostwestfalen ist das schließlich schon ein Lob. Ich weiß ja auch, dass andere Tage das wieder ausgleichen können. Und wenn man dann den ersten Nachmittag auf dem Siggi verbracht hat, mit Sonne, Bier und Menschen, die einem guttun, hat man plötzlich wieder reichlich Stoff für den Tagesbericht. Hoffentlich muss ich nicht als Nächstes ein Haushaltsbuch führen, dann komme ich nämlich echt in die Bredouille.

Endlich verrückt.

Feb
09

Ich wollte diesen Beitrag erst „Achtung, Kultur!“ nennen, aber wer soll mir das denn bitte schön abkaufen? Mit „Endlich verrückt.“ habe ich sogar eine Kapitelüberschrift aufgegriffen. Man könnte gar von einem Zitat sprechen, welches ich am vorletzten Samstag in der Lesung des wunderbaren Tobi Katze hörte. Feuilleton par excellence. Cover Reich-Ranicki. Tobi Katze las quasi auf meiner Türschwelle aus seinem aktuellen Buch und Bestseller „Morgen ist leider auch noch ein Tag“ und da musste ich natürlich hin. Wer Tobi Katze und das Buch nicht kennt: Ein Mittdreißiger Poetry-Slammer / Künstler plaudert aus dem Nähkästchen eines Menschen mit Depressionen.

In Begleitung einer wunderbaren Ex-Kollegin begrüßte mich ein Publikum, das von sich selbst schon vorab auf Facebook sagte: „Ah, nach Monaten endlich mal wieder ein Grund, das Haus zu verlassen.“ Die Soziologin in mir freute sich und die leicht soziophobische Soziopathin (ebenfalls in mir) nicht weniger. Selten habe ich mich so normal gefühlt. Das ist nicht böse gemeint, denn als während der Lesung die Frage gestellt wurde: „Und? Wer von euch ist alles in psychotherapeutischer Behandlung?“, dachte ich traurig an meinen Platz 187 auf der Warteliste des Seelenklempners meines Vertrauens. Es meldete sich übrigens knapp jeder Fünfte. Bielefeld ist wirklich verrückt.

Ich selbst wurde an dem Abend auch von Minute zu Minute immer verrückter. Denn obwohl Herr Katze sehr wohl wusste, dass in seinem Publikum Menschen mit der ein oder anderen Marotte überrepräsentiert sind, trug er zwei verschiedene Schuhe. Nein, nicht einfach nur einen blauen und einen grünen Chuck (obwohl das schon arg grenzwertig ist, solche armen Irren tragen auch verschiedenfarbige Socken). Er trug zwei komplett unterschiedliche Sneakers! Unterschiedliche Marken, der eine Schuh grün und der andere braun und nicht einmal die Schnürsenkel waren annähernd gleich lang. Mein innerer Monk hätte ihn am liebsten am Ohr zurück in die Garderobe gezogen. Was für ein Schlunz.

Aber ein Schlunz, dem ich sehr gerne zuhörte. Ich habe das Buch letzten Herbst kurz nach Erscheinen in einem Rutsch und innerhalb von fünf Stunden im Bett verschlungen. Ich habe im Wechsel gelacht und geweint und die Zeit vergessen. Für mich war es extrem spannend, diese Dinge zu lesen und plötzlich auch ein wenig zu verstehen. Üblicherweise bekommt man als Angehörige die Tür vor der Nase zugeschlagen und soll dann Tage, Wochen oder Monate geduldig auf dem Flur warten. Oder man fängt an, dem Menschen hinter der Tür lustige Katzenvideos zur Aufmunterung zu schicken. Wer nach dem Buch aber immer noch denkt, dass das irgendwie ein Allheilmittel wäre, der ist selber schuld.

Ich fand das Buch schon großartig und ich fand die Lesung tatsächlich fast noch ein wenig besser. Alles wirkte selbstironisch und dabei unverblümt ehrlich. Leider passten in die 90 Minuten nur vier oder fünf Kapitel und ein paar Slam-Texte. Aber vielleicht war das auch genug Klartext für einen Abend, den Verrückte und Nicht-Verrückte erst einmal irgendwie verdauen müssen. Ja, angeblich waren auch Nicht-Verrückte vor Ort. Pfff. Spießer.

Ich bin nicht schuld.

Jan
15

Mit 28 arbeite ich meine Kindheit auf. Ich habe vor etwas über einem Jahr schon einmal einen Versuch gestartet, aber so etwas geht leider nicht von heute auf morgen. Es geht lange gut und dann kommt plötzlich wieder Weihnachten. Weihnachten ist immer furchtbar, weil es für mich fast zwei jahrzehntelang Streit bedeutete. Streit, weil der Baum schief war. Streit, weil falsch eingekauft worden war. Streit, weil jemand Heiligabend ein Fleck auf dem Hemd hatte. Streit, weil es wieder Streit gab.

Ich will niemandem die Schuld zuweisen. Wir alle sind falsch mit der Depression meiner Mutter umgegangen worden. Wir wussten es ja alle nicht besser. Heute sieht das anders aus. Zumindest dann, wenn man sich ernsthaft damit beschäftigen möchte. Vielleicht wird manchmal zu schnell eine Depression unterstellt, aber das Thema ist endlich präsent, genauso wie Studien und Leitfäden für Angehörige und Betroffene. Im Fernsehen, in Büchern, im Internet. Mal als Hype und manchmal ganz still vor sich hin.

Mich persönlich hat in den letzten Tagen ein bestimmter Artikel ziemlich getroffen. Hätten meine Eltern ihn damals gehabt, wäre das alles vielleicht ein bisschen einfacher für uns gewesen: 6 Things Every Kid Should Know About a Parent’s Depression.

 

1. Deine Mutter ist krank.

Ich muss es ehrlich zugeben, ich habe lange gedacht, dass die Aussage „Sie ist bei ihrer Ärztin“ nur eine Coverstory für Bekannte und Verwandte war. Am Ende kriegte man ein Rezept für Pillen, also wird das schon irgendwie als Arztbesuch durchgehen. Denn was ist ein Arzt ohne Spritzen und Stethoskop? Jemand, der jahrelang an einem Menschen „herumdoktert“, ohne ihn zu heilen? Ein Quacksalber.

Einzusehen, dass es man auch krank im Kopf sein kann, schaffen viele Erwachsene ja nicht einmal, wie soll das dann ein Kind verstehen?

2. Du bist nicht schuld.

Mein Bruder und ich hatten sehr lange ein schwieriges Verhältnis. Mit der Zeit wird es immer leichter, objektiv einen Blick darauf zu werfen. Wir haben uns gegenseitig die Schuld zugeschoben, wenn schon wieder Ausflug mit einer weinenden, zickigen Mutter endete. Manchmal haben wir sogar gedacht, dass der andere das mit Absicht macht. Sie zu verletzten. Und was macht ein Kind mit einem Menschen, der der eigenen Mutter weh tut? Es mag ihn nicht.

Und wenn gerade niemand anders schuld sein konnte, muss man es wohl selber gewesen sein. Dann ist man selber eben jener Mensch, der die eigene Mutter verletzt hat und man mag sich irgendwann auch selber nicht mehr.

3. Nimm es nicht persönlich.

Aber du schreist mich doch an! Es ist sonst niemand hier! Wie sollte ich es nicht persönlich nehmen, wenn du mich aus dem Nichts anfährst? Oder mir die kalte Schulter zeigst?

Ein Kind versteht es nicht, dass seine Mutter sich da gerade von der ganzen Welt abschottet. Es sieht nur sich und seine Familie.

4. Du bist noch immer geliebt.

Kuschelstunden. Küsse. Umarmungen. Ein „Ich liebe dich“. So etwas gab es bei uns fast nie. Jedenfalls nicht, solange ich zurückdenken kann. Wenn ich heute Mütter und Väter mit ihren kleinen Kindern sehe, die zum Abschied einen Kuss auf den Mund bekommen, frage ich mich: „Habe ich das auch früher einmal gemacht?“

Meine Eltern lieben mich und haben mich immer geliebt. Sogar während der Pubertät, Respekt dafür. Aber diese körperliche und verbale Distanz hat es doch geschafft, dass ich jahrelang immer irgendwie daran gezweifelt habe.

5. Depression ist behandelbar

Echt jetzt? Und wieso kriegt die Ärztin es dann nicht weg? Wieso muss meine Mutter dann jeden Tag Tabletten nehmen? Wieso zieht sich das über Jahre hin und irgendwie wird es nicht besser? Kaum sind die Tabletten weg oder anders dosiert, schon ist die Krankheit wieder da.

Dass behandelbar und heilbar zwei ganz verschiedene Paar Schuhe sind, dass ist unendlich schwer zu verstehen. Man möchte es als Kind auch gar nicht verstehen. Weil es bedeutet, dass die eigene Mutter niemals „normal“ sein wird, sondern immer irgendwie anders.

6. Bitte um Hilfe.

Wen denn? Da waren keine Verwandten, die ich hätte fragen können. Heute wünschte ich mir, meine Mutter hätte uns damals als Familie in die Therapie mit einbezogen. Dann hätten wir vielleicht gesehen, dass es eine richtige Ärztin war, zu der sie da regelmäßig fuhr. Dann hätten wir vielleicht verstanden, dass das wirklich eine Krankheit ist und wir nicht schuld an ihrem Verhalten sind. Eine objektive Sicht, die uns Kindern damit geholfen hätte, die Depression nicht zu persönlich zu nehmen.

 

Eine kleine Fußnote: Ich würde mir niemals anmaßen, ich hätte irgendeine Ahnung davon, was während einer Depression wirklich in einem Menschen vorgeht. Ich kann nur sagen, wie es mir als Tochter damit erging.

Frohe Weihnachten?

Dez
25

Ich habe mich auf dieses Weihnachtsfest wirklich nicht sonderlich gefreut. Das lag nicht direkt an meinen Eltern oder an meinem Bruder. Es war vielmehr die Angst vor Streit und der daraus resultierenden peinlichen Stille. Aber bislang war es gar nicht so schlimm. Eigentlich war es sogar richtig gut.

Weihnachten war jahrelang immer die Zeit, in der der Druck auf meine Mutter am größten war: Post von der sonst erfolgreich verdrängten Verwandtschaft, der Besuch bei ihren Eltern, die Erwartung an eine heile Welt an Heiligabend. Natürlich ging das niemals gut. Jedes Jahr flogen kurz vor der Bescherung die Fetzen. Dann kam der erste Weihnachtstag mit dem Zwangsbesuch bei meinen Großeltern und wieder flossen Tränen. Das falsche Hemd angezogen, die falsche Beilage gekauft, das falsche Geschirr benutzt. Eine dreitägige Gratwanderung, für meine Mutter und für uns.

Mittlerweile hat sich zum Glück einiges geändert. Die ganze bucklige Verwandtschaft wird nun einfach komplett ignoriert. Weihnachten, das bedeutet jetzt meine Eltern, mein Bruder und ich. Die Abläufe sind jetzt viel routinierter. Und nach Jahren des Schweigens komme ich sogar soweit mit meinem Bruder klar, dass wir zusammen Dinge deeskalierend kleinreden können. Es ist kein Spaß, aber Humor hilft.

Und urplötzlich wird dieses Jahr auch das Thema Depressionen zum allerersten Mal bei uns offen angesprochen. Ich war im ersten Moment vollkommen irritiert. Aber in meiner Abwesenheit muss es irgendeine stille Übereinkunft gegeben haben, wonach die Krankheit nun endlich kein Tabu mehr ist. Eine echte Erleichterung. Hat die letzte Therapie tatsächlich geholfen? Die Kur im Vorfeld? Dass die Frührente endlich sicher ist? Sind es neue Medis? Ihr Ehrenamt? Gerade bin ich einfach nur froh, DASS sich etwas geändert hat. Über die Ursachen kann ich auch später noch rätseln.

Gestern beim Spieleabend machte sie sogar Witze darüber, dass wir sie ja unbedingt gewinnen lassen müssten, denn das wäre immerhin sehr förderlich für die Genesung. Und auch sonst wurde kein Blatt vor den Mund genommen. Natürlich sind Depressionen kein Spaß. Aber es ist zumindest eine Form des Gesprächs. Ein Anknüpfungspunkt für uns als Familie.
Ich traue mich auch nicht zu glauben, dass dieses Zustand halten wird. Ab Februar ist Schluss mit der Ergotherapie, mit der Begründung, dass die Frührente nach ihrem Burnout ja nun unbefristet bewilligt wäre und man damit alles wichtige erreicht hätte. Was für ein Schwachsinn. Aber bis dahin genieße ich erst einmal diese etwas anderen Weihnachtstage.

Frohes Fest!

Was einen prägt.

Okt
27

Der Twitter-Hashtag #isjairre ist schuld daran, dass ich etwas recht persönliches hier in Worte fasse. Was ich nie machen wollte. Erst recht nicht wegen eines Themas, das mir Twitter vorgegeben hat. Und auch als der Text fertig war, habe ich lange mit mir gerungen, ob ich überhaupt das Recht habe, mich dazu auch noch zu äußern.

Ich selbst bin psychisch gesund. Zumindest wurde noch nichts Gegenteiliges diagnostiziert. Allerdings bin ich erblich vorbelastet, was immer irgendwie mitschwingt. Ich bin mit einer depressiven Mutter aufgewachsen. Bis ich das verstanden habe, war ich aber schon fast mit der Grundschule durch. Denn wie erklärt man es einem Kind, dass die eigene Mutter nicht so ist, wie die der Freunde? Meine Eltern haben sich erst einmal auf „gar nicht“ geeinigt. Zumindest wüsste ich nicht, dass es mir damals jemand erklärt hätte. Ok, wie auch erklärt man es einer 6-Jährigen und ihrem jüngeren Bruder, wieso man mit dem Vater in den Wald geht, um die Mutter zu suchen, die vor dem Alltag dorthin geflüchtet ist? Richtig. Gar nicht.

Dabei ist bei ihr der ursprüngliche Auslöser fast schon ein Klischee: Ihre Eltern, meine Großeltern. Bei der Kindheit hätte sicher jeder einen an der Klatsche bekommen. Meine Großeltern sind von dem Schlag „Kinder sind zum Angeben da“. Ständiger Leistungsdruck und immer die Frage „Was willst du damit mal machen, wenn du erwachsen bist?“. Deshalb musste meine Mutter unbedingt Mathe und Religion auf Lehramt studieren, denn das konnte man gut den Bekannten unter die Nase reiben. Das Kind wird Lehrerin! Vielleicht sogar mal Oberstudienrätin! Man stelle sich das einmal vor.

Meine Mutter hat übrigens nie als Lehrerin gearbeitet. Das wäre mit ihrer Krankheit auch gar nicht möglich gewesen. Bei der Hochzeit meiner Eltern las der Standesbeamte aus irgendeinem Grund auch die Berufe mit vor. Bei ihr: Verkäuferin. Man hörte meinen Großvater wohl mehr als deutlich nach Luft schnappen.

Das deutlichste und allgegenwärtige Symptom war bei meiner Mutter ihre Gereiztheit. Es war immer sofort klar, wann meine Mutter ihre Tabletten nicht genommen hatte oder ihr eine geringere Dosis verschrieben worden war. Vor allem während meiner Pubertät bedeutete das natürlich eine tickende Zeitbombe. Dann flogen bei uns schon mal die Fetzen oder zumindest Zeitschriften und andere Gegenstände durch den Raum. Und am Ende saß immer irgendwer heulend in der Ecke. Eigentlich ein ganz passendes Bild für die Situation in meiner Familie: Zwei pubertierende Mädchen in einer Familie, nur dass das eine halt schon Mitte 40 war. Und natürlich nicht einfach nur launisch.

Besonders schlimm war es an Weihnachten und Geburtstagen. Nicht wegen besonderer „Festtagsdepressionen“. Sondern ganz einfach, weil man uns Kindern an solchen Tagen die einzigen verbliebenen Großeltern ja nicht einfach vorenthalten durfte. Also machten wir uns in unseren Zimmern fertig und warteten eigentlich nur darauf, dass bei meinen Eltern der Streit losging, weil meine Mutter mit der Situation oberfordert war. Dass meine Mutter ihre Eltern nicht mag, das haben wir Kinder recht früh schon verstanden. Deshalb waren wir auch daran gewöhnt, dass mein Vater oft mit uns alleine gefahren ist. Heute weiß ich, dass ihm das auch nie leicht gefallen ist.

Denn als Großeltern wollte man nicht nur mit der eigenen Tochter angeben, auch der Schwiegersohn sollte standesgemäß sein. Da passte mein Vater aber nicht ins Schema. Als Arbeiterkind aufgewachsen, Volksschulabschluss, Industriekaufmann gelernt. Kein Akademiker. Nicht dass meine Großeltern selbst so etwas vorweisen könnten. Dass er mehr als gut in seinem Beruf verdient hat, das war nebensächlich. Wenn man das gleich mit erzählte, klang das zu aufdringlich. Bei der puren Nennung der Tätigkeit ihres Schwiegersohns sollten schon Geld und Einfluss mitschwingen.

Der richtige Umgang mit der Depression?

Ich bewundere meinen Vater dafür, wie er meine Mutter gehändelt hat und immer noch händelt. Ich glaube, das habe ich ihm nie gesagt. Andere Männer wären längst geflüchtet, er ist jetzt fast 30 Jahre mit ihr zusammen. Ohne seine stoische Art wäre das wohl nie gegangen. Die Launen meiner Mutter auf der einen Seite und sein dickes Fell auf der anderen. Er hat Verständnis gezeigt, aber sie nie in Watte gepackt. Hätte er das versucht, viel mehr persönlich genommen und sich mehr Gedanken gemacht, dann wäre er wahrscheinlich selbst an der Krankheit kaputt gegangen.

Mich hat die Erfahrung mit dieser Krankheit natürlich spürbar geprägt. Ich bin kein nach außen hin herzlicher Mensch, das habe ich nie gelernt. Ich musste immer viel von mir abprallen lassen. In meiner Familie wurden nie groß Gefühle gezeigt. Da dominierten die Gefühlsausbrüche der negativen Art. Ich brauche schon ein echt großes Vertrauen in einen Menschen, um von dieser „Norm“ abzuweichen und meine Gefühle auch wirklich zu zeigen. Ich kann nicht sagen, ob ich aufgrund oder trotz meiner Erfahrungen keine Angst vor psychischen Erkrankungen in meinem Umfeld habe. Was die Zeit mir beigebracht hat, ist eine gehörige Portion Respekt davor zu haben.

Zu meinen Großeltern besteht übrigens seit Jahren kein Kontakt mehr. Mein Großvater ist 2009 gestorben und niemand von uns war auf seiner Beerdigung. Geburtstagskarten werden nicht mehr gelesen, Geldgeschenke an uns Enkelkinder landen in irgendeinem Spendentopf. Für meine Mutter ist das ein kleiner Sieg.

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