Ich würde Godot hassen.

Ja, ich würde Godot hassen. Das weiß ich, weil ich es hasse zu warten. Gerade warte ich auf den Telekom-Techniker, der mir meinen neuen Vodafone-Anschluss freischalten soll. Irgendwann zwischen 8 und 13 Uhr.

Es ist 13:12 Uhr.

Ich warte immer noch.

Ich sitze hier, ständig auf dem Sprung, weil es jederzeit klingeln könnte. Klingeln sollte. „Geh ich noch fix aufs Klo? Bestimmt klingelt er genau dann.“ Und dann hockt man da, während der 10 Sekunden ist die eine Hand schon am Papier und die andere konstant am Gürtel. Wenn man nach dem Klingeln zu lange braucht, schlägt so ein Techniker schließlich Usain Bolt im 100-Meter-Sprint zum Auto. Es klingelte nicht.

Es ist 13:17 Uhr.

Ich warte immer noch.

Dabei bin ich selber ein total unpünktlicher Mensch, obwohl sich das mit den Jahren deutlich gebessert hat. Immer auf den letzten Drücker an der Haltestelle, immer ein bisschen zu lange getrödelt. Heute geht es hier um ein paar Minuten, früher war klar, dass Anna eh mindestens eine Viertelstunde zu spät auftaucht. Das fand ich nicht schlimm, denn das wussten ja alle. Wenn ich zu pünktlich losgehe, muss ich schließlich selber warten. Auf die Bahn oder andere Menschen.

Es ist 13:20 Uhr.

Ich warte immer noch.

Vaddern ist leider genauso drämmelig wie ich. Muttern sitzt immer schon 10 Minuten vor Abfahrt in voller Montur in der Küche, während er noch seine Socken sucht. Nein, eigentlich ist er noch viel drämmeliger und das zieht er auch – seit ich denken kann – knallhart durch.

Es ist 13:25 Uhr.

Ich warte immer noch.

Als Teenager musste ich jeden Freitagabend nach Lüdenscheid zum Keyboardunterricht. Abfahrt um 16:50 Uhr, um pünktlich um Viertel nach 5 in der Musikschule zu sein. 5 Minuten Puffer waren einkalkuliert, wie bei den Umsteigezeiten der Deutschen Bahn. Und ähnlich eskalierten die Verspätungen.

Es ist 13:28 Uhr.

Ich warte immer noch.

Jeden Freitagabend saß ich um 16:50 Uhr in Jacke und mit Notenheft unter dem Arm im Wohnzimmer und wartete. 4 Jahre lang. An guten Tagen hielt mein Vater um 10 nach 5 im Hof, so dass wir nur eine Viertelstunde Verspätung hatten. Nach den ersten Wochen quittierte der Musiklehrer das nicht mal mehr mit einem Nicken, die anderen Schülerin grinsten nur abfällig. Und mir war es jede Woche aufs Neue extrem peinlich.

Es ist 13:32 Uhr.

Ich warte immer noch.

Irgendwann nahm ich dann den Bus. 45 Minuten Fahrweg, aber ich war fast pünktlich. Dann musste mich mein Vater nur noch um 18 Uhr abholen, weil kein Bus mehr zurück fuhr. Ich war die letzte Schülerin der Woche und meistens hatte mein Musiklehrer eh noch etwas vor sich hin zu klimpern, so dass ich drinnen warten konnte. Mal nur 5 Minuten, gelegentlich 20 Minuten und es wurde auch schon mal 7 Uhr. Weil man die Straße nicht ganz einsehen konnte, habe ich dann schon mal: „Ich glaube, ich habe ihn gehört“, gesagt und an der Straße weiter gewartet. Um nicht das Kind zu sein, wegen dem man immer noch länger bleiben muss. Bei jedem Wetter.

Es ist 13:54 Uhr.

Mittlerweile warte ich nicht mehr.

Der Techniker stand nach eigener Auskunft um 11:06 Uhr vor der Tür und hat mich nicht angetroffen. Er kommt nächste Woche Donnerstag wieder. Der Rest fällt besser der Zensur zum Opfer.

Das Zeitalter der Internetrentner.

Früher traf man Rentner vor Ententeichen, an Supermarktkassen und beim Verfassen von Leserbriefen. Heute füttern sie das Internet mit ihrer Meinung, bestellen in Onlineshops via Postkarte und schreiben ihre Beschwerden direkt auf die Pinnwände der Lokalblättchen. Doch auch da mag es unterschiedliche Nutzertypen geben und seitdem meine eigenen Eltern unter die Rentner gegangen sind, eignen diese sich ganz hervorragend als Beobachtungsobjekte.

Mein Vater, Jahrgang ’49, ist durch und durch der pragmatische Nutzertyp. Fünf Kontakte im Handy (einer davon – und dennoch nie auffindbar – die eigene Nummer) und ständig ist das Gerät verbummelt. Früher hatte er sogar eine Textvorlage für seine Antwort-SMS mit einem simplen „OK.“. Ich wüsste nicht, dass er mir jemals etwas anderes geschrieben hätte. Fand ich als Teenie auch äußerst praktisch, schließlich hat er so nie widersprochen. Der PC wird nur im äußersten Notfall eingeschaltet und wenn er dann keine Office-Anwendung öffnet, ist er mit allergrößter Wahrscheinlichkeit auf der Suche nach einem Routenplaner. Dessen Anweisungen er natürlich handschriftlich notiert und prinzipiell anzweifelt.

Meine Mutter, Jahrgang ’57, ist da das komplette Gegenteil. Seitdem sie 1999 ihr erstes Siemens C25 in Händen hielt, wird alles aus den Geräten herausgeholt. Also alles, was Spaß macht, laut ist und möglichst vielen Mitmenschen auf die Nerven fällt. Lustige Klingeltöne, Spiele aller Art und über die schlimmsten TV-Formate der Privatsender tauscht sie sich parallel mit einem ehemaligen Kollegen via SMS aus.

Ihre Internetkarriere begann als sie neugierig meine eBay-Aktivitäten beäugte. Seitdem wird bei jedem Utensil genauestens recherchiert, ob es das dort nicht vielleicht doch noch mal günstiger gibt. Irgendwo muss da ein Schotte in den Genen versteckt sein. Oder ein Schwabe. Jedenfalls habe ich irgendwann nachgegeben und ihr meinen Account aus frühen Teenagertagen vererbt, den ich anlegte, als im Hintergrund „Mr. Sexpistols“ von den Ärzten lief. Seitdem ist die endfünfziger Frührentnerin dort als ladypunk unterwegs. Und das ist ja auch irgendwie Punk.

Den aktuellen Höhepunkt erreichte die Sache mit der Anschaffung des ersten eigenen Smartphones vor einem Jahr. Die Anschaffung wurde natürlich exakt mit meinem Heimaturlaub abgestimmt, damit es mir übers Wochenende bloß nicht langweilig wird. An diesem Tag wurde ich – das Reisegepäck noch in der Hand – mit „Hier ist das Ding und nun installier mir da mal dieses WhatsApp drauf“ begrüßt. Ja, sie liebt mich wohl. Nach anfänglicher Panik kann ich sagen, dass mir so bislang rund 37 Kontrollanrufe erspart geblieben sind. Ein Hoch auf das Smartphone! Und wenn sie mich bei Facebook weiterhin so interessiert verfolgt, bekomme ich vielleicht sogar zu Weihnachten den gewünschten Entzug in der Betty-Ford-Klinik spendiert.

Ich bin gespannt, wie das bei mir in einigen Jahren aussehen wird. Wenn die Bielefelder Twitteria erst einmal einen kompletten Straßenzug im Westen eingenommen hat, um dort von Montag bis Samstag im Schichtbetrieb zu fensterrentnern. Unfälle landen dann live auf dem aktuell hippen Videoportal und jeder witzige Gedanke wird in Echtzeit über unsere Hirnströme gebloggt, getwittert und verfacebookt. Mit Foto, Link und Personenmarkierung. Tinder braucht dann auch kein Mensch mehr, schließlich gibt es ja die alten Besserwisser aus der Stapenhorststraße, die ganz genau wissen, wer zu wem am besten passt. Und das eisgekühlte Bier wird per Drohne direkt bis zum Rollator geliefert. So wärs perfekt.