Ich würde Godot hassen.

Ja, ich würde Godot hassen. Das weiß ich, weil ich es hasse zu warten. Gerade warte ich auf den Telekom-Techniker, der mir meinen neuen Vodafone-Anschluss freischalten soll. Irgendwann zwischen 8 und 13 Uhr.

Es ist 13:12 Uhr.

Ich warte immer noch.

Ich sitze hier, ständig auf dem Sprung, weil es jederzeit klingeln könnte. Klingeln sollte. „Geh ich noch fix aufs Klo? Bestimmt klingelt er genau dann.“ Und dann hockt man da, während der 10 Sekunden ist die eine Hand schon am Papier und die andere konstant am Gürtel. Wenn man nach dem Klingeln zu lange braucht, schlägt so ein Techniker schließlich Usain Bolt im 100-Meter-Sprint zum Auto. Es klingelte nicht.

Es ist 13:17 Uhr.

Ich warte immer noch.

Dabei bin ich selber ein total unpünktlicher Mensch, obwohl sich das mit den Jahren deutlich gebessert hat. Immer auf den letzten Drücker an der Haltestelle, immer ein bisschen zu lange getrödelt. Heute geht es hier um ein paar Minuten, früher war klar, dass Anna eh mindestens eine Viertelstunde zu spät auftaucht. Das fand ich nicht schlimm, denn das wussten ja alle. Wenn ich zu pünktlich losgehe, muss ich schließlich selber warten. Auf die Bahn oder andere Menschen.

Es ist 13:20 Uhr.

Ich warte immer noch.

Vaddern ist leider genauso drämmelig wie ich. Muttern sitzt immer schon 10 Minuten vor Abfahrt in voller Montur in der Küche, während er noch seine Socken sucht. Nein, eigentlich ist er noch viel drämmeliger und das zieht er auch – seit ich denken kann – knallhart durch.

Es ist 13:25 Uhr.

Ich warte immer noch.

Als Teenager musste ich jeden Freitagabend nach Lüdenscheid zum Keyboardunterricht. Abfahrt um 16:50 Uhr, um pünktlich um Viertel nach 5 in der Musikschule zu sein. 5 Minuten Puffer waren einkalkuliert, wie bei den Umsteigezeiten der Deutschen Bahn. Und ähnlich eskalierten die Verspätungen.

Es ist 13:28 Uhr.

Ich warte immer noch.

Jeden Freitagabend saß ich um 16:50 Uhr in Jacke und mit Notenheft unter dem Arm im Wohnzimmer und wartete. 4 Jahre lang. An guten Tagen hielt mein Vater um 10 nach 5 im Hof, so dass wir nur eine Viertelstunde Verspätung hatten. Nach den ersten Wochen quittierte der Musiklehrer das nicht mal mehr mit einem Nicken, die anderen Schülerin grinsten nur abfällig. Und mir war es jede Woche aufs Neue extrem peinlich.

Es ist 13:32 Uhr.

Ich warte immer noch.

Irgendwann nahm ich dann den Bus. 45 Minuten Fahrweg, aber ich war fast pünktlich. Dann musste mich mein Vater nur noch um 18 Uhr abholen, weil kein Bus mehr zurück fuhr. Ich war die letzte Schülerin der Woche und meistens hatte mein Musiklehrer eh noch etwas vor sich hin zu klimpern, so dass ich drinnen warten konnte. Mal nur 5 Minuten, gelegentlich 20 Minuten und es wurde auch schon mal 7 Uhr. Weil man die Straße nicht ganz einsehen konnte, habe ich dann schon mal: „Ich glaube, ich habe ihn gehört“, gesagt und an der Straße weiter gewartet. Um nicht das Kind zu sein, wegen dem man immer noch länger bleiben muss. Bei jedem Wetter.

Es ist 13:54 Uhr.

Mittlerweile warte ich nicht mehr.

Der Techniker stand nach eigener Auskunft um 11:06 Uhr vor der Tür und hat mich nicht angetroffen. Er kommt nächste Woche Donnerstag wieder. Der Rest fällt besser der Zensur zum Opfer.

Die lächerliche Angst vor den Fremden.

Meine Eltern sind 2009 durch Zufall in einem der sauerländischsten Dörfer des Hochsauerlandes gelandet. Mit Nachbars Pferden am Gartenzaun, gelegentlich einem Huhn auf dem Garagendach und natürlich umgeben von konservativen katholischen Ureinwohnern.

Ich habe mit meinen Eltern sehr selten über Politik gesprochen. Das letzte Mal wohl Mitte der 2000er Jahre, als ich wahlberechtigt wurde. Sie nahmen die Sache mit dem geheimen Wahlrecht sehr ernst und so gab es immer nur Andeutungen, mit wem sie wohl so sympathisieren. Genau genommen wurde auf alles und jeden geschimpft, aber immer so, dass ich als linke Nase das durchaus nachvollziehen konnte.

Dennoch stockte mir letztes Weihnachten kurz der Atem, als mein Vater ein Gespräch mit mir mit: „Wir haben ja jetzt auch diese Flüchtlinge hier“, begann.

Natürlich sollte ich meinem eigenen Vater ein gesundes Weltbild zutrauen, aber mit seiner Vorgeschichte hätte es auch anders laufen können. Ein Arbeiterkind vom Dorf, 40 Jahre lang Industriekaufmann, bis er mit Mitte 50 plötzlich noch mal arbeitslos wurde. Dann eine gescheiterte Selbstständigkeit, zu deren Ende ihm sein türkischer Partner dann auch noch das Lager leer räumte und ihn auf den Schulden sitzen ließ. Mit Ende 50 auf Transferzahlungen angewiesen zu sein und Zeitungen auszutragen, war sicherlich nie sein Traum fürs Alter.

Also hielt ich den Atem an, als er über die Flüchtlinge im Dorf reden wollte, die in einem Einfamilienhaus in Sichtweite einquartiert worden waren. Hauptsächlich junge Männer, ein paar wenige Frauen und Kinder.

„Mir wollten die Männer hier erzählen, dass ihre Frauen jetzt alle Angst haben müssten, auf die Straße zu gehen. Völliger Unsinn, als ich hierhin gezogen bin und als Fremder das erste Mal Zeitungen rumbringen sollte, haben die mich auch teilweise vom Hof jagen wollen. Diese Flüchtlinge tun doch keiner Seele was. Neulich haben drei von den jungen Männern ein Kinderfahrrad bekommen, dass sie sich teilen konnten. Die sind damit die Straße hoch und runter gefahren und hatten stundenlang ihren Spaß. Also ich weiß echt nicht, wovor diese ganzen Idioten Angst haben.“

Offenbar vor lachenden jungen Männern auf Kinderfahrrädern.

Ei, Ei, Ei…

Gerade am Ende eines Telefonats mit einem mir bis dato völlig fremden Vertriebler:

„Frohe Ostern. Freuen Sie sich schon auf’s Eierverstecken?“

„Ja, sehr.“

„Das ist schön. Für Ihre Kinder? Sie haben doch bestimmt Kinder.“

„Nein.“

„Ach, für den Liebsten?“

„Nein. Für mich.“

„Wie?“

„Naja, ich verstecke die morgens um 6. Da kann ich mir eh noch nichts merken*. Danach werde ich mich noch mal 4-5 Stunden hinlegen und irgendwann mittags mein Osterkörbchen mit lauter Überraschungen füllen.“

*bin ich hoffentlich noch betrunken

„Oh… äh… das klingt schön. Viel Spaß dabei.“

Unterschwelliges, unangebrachtes Mitleid. Nicht schwingt schöner mit und beschleunigt so sehr meinen Reflex, den Telefonhörer mit Schmackes auf die Gabel zu knallen. Ich werde den Ostersonntag auf dem Sofa verbringen, Schokoladeneier inhalieren und niemand kann mich davon abhalten. Kein Freund, dessen Eltern spontan zum Mittagessen einladen. Oder noch schlimmer: Spontan vorbeikommen („Ist 11:30 Uhr ok für euch? Wir haben die Jacken schon an.“). Meinen Kindern werde ich später eventuell erzählen, dass sie an Ostern die Süßigkeiten verstecken müssen und Mami sie suchen darf. Und behalten. So ist der Plan.

Vielleicht blogge ich hier in zehn Jahren aber auch über meine beiden kleinen Stöpsel, die den Schoko-Osterhasen bis zu den Ohren im Gesicht verteilt haben (so wie Mami wahrscheinlich auch). Vielleicht bin ich dann gerade auf dem Sprung zum Osterbrunch bei einer anderen Familie mit zwei weiteren kleinen Stöpseln, noch mehr Kalorien auf dem Tisch und Deko-Eiern im Vorgarten. Spießer-Anna Galore. Vielleicht. Vielleicht stolpere ich aber auch in zehn Jahren noch am Osterwochenende nachts aus der Kneipe, in der ich mal wieder einen wunderbaren Abend mit der Nicht-Familie verbracht habe.

Und mit dieser Vorstellung im Kopf vergesse ich jetzt einfach die unüberlegten Äußerungen eines Fremden und freue mich schon mal präventiv auf ein langes, freies Osterwochenende.

 

Ich bin nicht schuld.

Mit 28 arbeite ich meine Kindheit auf. Ich habe vor etwas über einem Jahr schon einmal einen Versuch gestartet, aber so etwas geht leider nicht von heute auf morgen. Es geht lange gut und dann kommt plötzlich wieder Weihnachten. Weihnachten ist immer furchtbar, weil es für mich fast zwei jahrzehntelang Streit bedeutete. Streit, weil der Baum schief war. Streit, weil falsch eingekauft worden war. Streit, weil jemand Heiligabend ein Fleck auf dem Hemd hatte. Streit, weil es wieder Streit gab.

Ich will niemandem die Schuld zuweisen. Wir alle sind falsch mit der Depression meiner Mutter umgegangen worden. Wir wussten es ja alle nicht besser. Heute sieht das anders aus. Zumindest dann, wenn man sich ernsthaft damit beschäftigen möchte. Vielleicht wird manchmal zu schnell eine Depression unterstellt, aber das Thema ist endlich präsent, genauso wie Studien und Leitfäden für Angehörige und Betroffene. Im Fernsehen, in Büchern, im Internet. Mal als Hype und manchmal ganz still vor sich hin.

Mich persönlich hat in den letzten Tagen ein bestimmter Artikel ziemlich getroffen. Hätten meine Eltern ihn damals gehabt, wäre das alles vielleicht ein bisschen einfacher für uns gewesen: 6 Things Every Kid Should Know About a Parent’s Depression.

 

1. Deine Mutter ist krank.

Ich muss es ehrlich zugeben, ich habe lange gedacht, dass die Aussage „Sie ist bei ihrer Ärztin“ nur eine Coverstory für Bekannte und Verwandte war. Am Ende kriegte man ein Rezept für Pillen, also wird das schon irgendwie als Arztbesuch durchgehen. Denn was ist ein Arzt ohne Spritzen und Stethoskop? Jemand, der jahrelang an einem Menschen „herumdoktert“, ohne ihn zu heilen? Ein Quacksalber.

Einzusehen, dass es man auch krank im Kopf sein kann, schaffen viele Erwachsene ja nicht einmal, wie soll das dann ein Kind verstehen?

2. Du bist nicht schuld.

Mein Bruder und ich hatten sehr lange ein schwieriges Verhältnis. Mit der Zeit wird es immer leichter, objektiv einen Blick darauf zu werfen. Wir haben uns gegenseitig die Schuld zugeschoben, wenn schon wieder Ausflug mit einer weinenden, zickigen Mutter endete. Manchmal haben wir sogar gedacht, dass der andere das mit Absicht macht. Sie zu verletzten. Und was macht ein Kind mit einem Menschen, der der eigenen Mutter weh tut? Es mag ihn nicht.

Und wenn gerade niemand anders schuld sein konnte, muss man es wohl selber gewesen sein. Dann ist man selber eben jener Mensch, der die eigene Mutter verletzt hat und man mag sich irgendwann auch selber nicht mehr.

3. Nimm es nicht persönlich.

Aber du schreist mich doch an! Es ist sonst niemand hier! Wie sollte ich es nicht persönlich nehmen, wenn du mich aus dem Nichts anfährst? Oder mir die kalte Schulter zeigst?

Ein Kind versteht es nicht, dass seine Mutter sich da gerade von der ganzen Welt abschottet. Es sieht nur sich und seine Familie.

4. Du bist noch immer geliebt.

Kuschelstunden. Küsse. Umarmungen. Ein „Ich liebe dich“. So etwas gab es bei uns fast nie. Jedenfalls nicht, solange ich zurückdenken kann. Wenn ich heute Mütter und Väter mit ihren kleinen Kindern sehe, die zum Abschied einen Kuss auf den Mund bekommen, frage ich mich: „Habe ich das auch früher einmal gemacht?“

Meine Eltern lieben mich und haben mich immer geliebt. Sogar während der Pubertät, Respekt dafür. Aber diese körperliche und verbale Distanz hat es doch geschafft, dass ich jahrelang immer irgendwie daran gezweifelt habe.

5. Depression ist behandelbar

Echt jetzt? Und wieso kriegt die Ärztin es dann nicht weg? Wieso muss meine Mutter dann jeden Tag Tabletten nehmen? Wieso zieht sich das über Jahre hin und irgendwie wird es nicht besser? Kaum sind die Tabletten weg oder anders dosiert, schon ist die Krankheit wieder da.

Dass behandelbar und heilbar zwei ganz verschiedene Paar Schuhe sind, dass ist unendlich schwer zu verstehen. Man möchte es als Kind auch gar nicht verstehen. Weil es bedeutet, dass die eigene Mutter niemals „normal“ sein wird, sondern immer irgendwie anders.

6. Bitte um Hilfe.

Wen denn? Da waren keine Verwandten, die ich hätte fragen können. Heute wünschte ich mir, meine Mutter hätte uns damals als Familie in die Therapie mit einbezogen. Dann hätten wir vielleicht gesehen, dass es eine richtige Ärztin war, zu der sie da regelmäßig fuhr. Dann hätten wir vielleicht verstanden, dass das wirklich eine Krankheit ist und wir nicht schuld an ihrem Verhalten sind. Eine objektive Sicht, die uns Kindern damit geholfen hätte, die Depression nicht zu persönlich zu nehmen.

 

Eine kleine Fußnote: Ich würde mir niemals anmaßen, ich hätte irgendeine Ahnung davon, was während einer Depression wirklich in einem Menschen vorgeht. Ich kann nur sagen, wie es mir als Tochter damit erging.

Carpe diem oder so.

Freitagnachmittag, kurz nach halb 5, der Sommer gibt sich endlich mal wieder etwas Mühe und das Wochenende steht schon laut hupend vor der Tür. Die letzten Witze mit den Kollegen werden gerissen, jeder bekommt einen schönen Fußball-Sonntag gewünscht und es könnte eigentlich nur noch besser sein, wenn es bereits eine halbe Stunde später und damit Feierabend wäre.

Und dann leuchtet das Handy auf. Mit der Festnetznummer der Eltern. Die eigentlich gerade auf Kaffeefahrt durch Baden-Württemberg gondeln. Der Bruder ist dran, mit dem man nie telefoniert. Wirklich nie. Das letzte Mal war das wohl 2010 der Fall, als unsere Eltern auf Fehmarn eingeschneit waren. Also sprangen direkt alle Alarmglocken im Kopf an. Unsere Großtante hätte sich gerade bei ihm gemeldet. Der Bruder meiner Mutter, unser Onkel, wäre bei einem Motorradunfall in der Schweiz tödlich verunglückt.

Ich schäme mich fast dafür, dass ich im ersten Moment ein wenig erleichtert war. Weil es „nur“ der Onkel war, den ich zuletzt gesehen habe, als ich gerade mein Abi machte. Kein Teil der Verwandtschaft, der mir persönlich etwas bedeutet hat. Aber dann kommt das schlechte Gewissen, wie es meiner Mutter damit geht. Obwohl sie sich fast genauso lange nicht gesehen haben und zerstritten waren, war es doch immer noch ihr Bruder. Und was das für meinen Cousin und meine Cousine bedeuten muss, beide sogar noch ein wenig jünger als ich.

Für mich ist immer noch WM-Wochenende. Ich kann immer noch Spaß haben und die Zeit mit gutem Wetter und Freunden genießen. Aber gerade das vielleicht etwas intensiver. Vielleicht auch für etwas länger als nur dieses Wochenende. Wie man es sich hinterher halt immer irgendwie vornimmt.

Frohe Weihnachten?

Ich habe mich auf dieses Weihnachtsfest wirklich nicht sonderlich gefreut. Das lag nicht direkt an meinen Eltern oder an meinem Bruder. Es war vielmehr die Angst vor Streit und der daraus resultierenden peinlichen Stille. Aber bislang war es gar nicht so schlimm. Eigentlich war es sogar richtig gut.

Weihnachten war jahrelang immer die Zeit, in der der Druck auf meine Mutter am größten war: Post von der sonst erfolgreich verdrängten Verwandtschaft, der Besuch bei ihren Eltern, die Erwartung an eine heile Welt an Heiligabend. Natürlich ging das niemals gut. Jedes Jahr flogen kurz vor der Bescherung die Fetzen. Dann kam der erste Weihnachtstag mit dem Zwangsbesuch bei meinen Großeltern und wieder flossen Tränen. Das falsche Hemd angezogen, die falsche Beilage gekauft, das falsche Geschirr benutzt. Eine dreitägige Gratwanderung, für meine Mutter und für uns.

Mittlerweile hat sich zum Glück einiges geändert. Die ganze bucklige Verwandtschaft wird nun einfach komplett ignoriert. Weihnachten, das bedeutet jetzt meine Eltern, mein Bruder und ich. Die Abläufe sind jetzt viel routinierter. Und nach Jahren des Schweigens komme ich sogar soweit mit meinem Bruder klar, dass wir zusammen Dinge deeskalierend kleinreden können. Es ist kein Spaß, aber Humor hilft.

Und urplötzlich wird dieses Jahr auch das Thema Depressionen zum allerersten Mal bei uns offen angesprochen. Ich war im ersten Moment vollkommen irritiert. Aber in meiner Abwesenheit muss es irgendeine stille Übereinkunft gegeben haben, wonach die Krankheit nun endlich kein Tabu mehr ist. Eine echte Erleichterung. Hat die letzte Therapie tatsächlich geholfen? Die Kur im Vorfeld? Dass die Frührente endlich sicher ist? Sind es neue Medis? Ihr Ehrenamt? Gerade bin ich einfach nur froh, DASS sich etwas geändert hat. Über die Ursachen kann ich auch später noch rätseln.

Gestern beim Spieleabend machte sie sogar Witze darüber, dass wir sie ja unbedingt gewinnen lassen müssten, denn das wäre immerhin sehr förderlich für die Genesung. Und auch sonst wurde kein Blatt vor den Mund genommen. Natürlich sind Depressionen kein Spaß. Aber es ist zumindest eine Form des Gesprächs. Ein Anknüpfungspunkt für uns als Familie.
Ich traue mich auch nicht zu glauben, dass dieses Zustand halten wird. Ab Februar ist Schluss mit der Ergotherapie, mit der Begründung, dass die Frührente nach ihrem Burnout ja nun unbefristet bewilligt wäre und man damit alles wichtige erreicht hätte. Was für ein Schwachsinn. Aber bis dahin genieße ich erst einmal diese etwas anderen Weihnachtstage.

Frohes Fest!

Torschlusspanik.

Nein, keine Grund zur Sorge. Nicht ich werde panisch, sondern meine Eltern. Und zwar nicht nur meine Mutter, die diese Schiene schon länger fährt. Jetzt fängt auch noch mein Vater an. Der sich niemals für so etwas interessiert hat. Juhu.

Nun muss man denen zugestehen, dass sie auch, seitdem ich aus dem Haus bin, von mir und meinem Liebesleben nichts mehr mitbekommen haben. Damit ich sowas nach Hause trage, bedarf es auch einer ordentlich Beziehung und nunja… ich hatte eben wenig bis gar nichts zu erzählen.

Als meine Eltern geheiratet haben, war meine Mutter ein Jahr älter als ich es jetzt bin und mein Vater schon 35. „Schon“ im Sinne der damaligen Standards. Im Vergleich zu den Eltern meiner Klassenkameraden waren sie damals auch wirklich irgendwie alt. Und dass jemand mit 64 langsam überlegt, wie viel er von seinen Enkelkindern noch mitbekommen wird, kann ich nachvollziehen. Aber deshalb soll ich mir Druck machen? Bislang hat sich der Hochzeits- und Kindertrend auch noch nicht übermäßig in meinem Umfeld durchgesetzt. Zum Glück.

Lebe ich halt noch ein bisschen mit Sprüchen, wie „Du sollst nicht fremden Frauen in den Kinderwagen gucken. Wann schiebst du denn selbst mal einen?“. Ja, Feingefühl haben sie. Naja, was soll ich mich mit 27 deswegen verrückt machen? Mich auf Teufel komm raus mit jemandem einlassen? Vielleicht stell ich mir mit meiner Kompromisslosigkeit an der Stelle selbst ein Bein. Und meiner Feigheit und der Schüchternheit und… nee, Quatsch, ich jammer jetzt hier nicht rum. Vielleicht in fünf bis acht Jahren oder so, aber jetzt noch nicht. Sauerländerinnen müssen nämlich zum 30. auch keine Klinken putzen. So.

Was einen prägt.

Der Twitter-Hashtag #isjairre ist schuld daran, dass ich etwas recht persönliches hier in Worte fasse. Was ich nie machen wollte. Erst recht nicht wegen eines Themas, das mir Twitter vorgegeben hat. Und auch als der Text fertig war, habe ich lange mit mir gerungen, ob ich überhaupt das Recht habe, mich dazu auch noch zu äußern.

Ich selbst bin psychisch gesund. Zumindest wurde noch nichts Gegenteiliges diagnostiziert. Allerdings bin ich erblich vorbelastet, was immer irgendwie mitschwingt. Ich bin mit einer depressiven Mutter aufgewachsen. Bis ich das verstanden habe, war ich aber schon fast mit der Grundschule durch. Denn wie erklärt man es einem Kind, dass die eigene Mutter nicht so ist, wie die der Freunde? Meine Eltern haben sich erst einmal auf „gar nicht“ geeinigt. Zumindest wüsste ich nicht, dass es mir damals jemand erklärt hätte. Ok, wie auch erklärt man es einer 6-Jährigen und ihrem jüngeren Bruder, wieso man mit dem Vater in den Wald geht, um die Mutter zu suchen, die vor dem Alltag dorthin geflüchtet ist? Richtig. Gar nicht.

Dabei ist bei ihr der ursprüngliche Auslöser fast schon ein Klischee: Ihre Eltern, meine Großeltern. Bei der Kindheit hätte sicher jeder einen an der Klatsche bekommen. Meine Großeltern sind von dem Schlag „Kinder sind zum Angeben da“. Ständiger Leistungsdruck und immer die Frage „Was willst du damit mal machen, wenn du erwachsen bist?“. Deshalb musste meine Mutter unbedingt Mathe und Religion auf Lehramt studieren, denn das konnte man gut den Bekannten unter die Nase reiben. Das Kind wird Lehrerin! Vielleicht sogar mal Oberstudienrätin! Man stelle sich das einmal vor.

Meine Mutter hat übrigens nie als Lehrerin gearbeitet. Das wäre mit ihrer Krankheit auch gar nicht möglich gewesen. Bei der Hochzeit meiner Eltern las der Standesbeamte aus irgendeinem Grund auch die Berufe mit vor. Bei ihr: Verkäuferin. Man hörte meinen Großvater wohl mehr als deutlich nach Luft schnappen.

Das deutlichste und allgegenwärtige Symptom war bei meiner Mutter ihre Gereiztheit. Es war immer sofort klar, wann meine Mutter ihre Tabletten nicht genommen hatte oder ihr eine geringere Dosis verschrieben worden war. Vor allem während meiner Pubertät bedeutete das natürlich eine tickende Zeitbombe. Dann flogen bei uns schon mal die Fetzen oder zumindest Zeitschriften und andere Gegenstände durch den Raum. Und am Ende saß immer irgendwer heulend in der Ecke. Eigentlich ein ganz passendes Bild für die Situation in meiner Familie: Zwei pubertierende Mädchen in einer Familie, nur dass das eine halt schon Mitte 40 war. Und natürlich nicht einfach nur launisch.

Besonders schlimm war es an Weihnachten und Geburtstagen. Nicht wegen besonderer „Festtagsdepressionen“. Sondern ganz einfach, weil man uns Kindern an solchen Tagen die einzigen verbliebenen Großeltern ja nicht einfach vorenthalten durfte. Also machten wir uns in unseren Zimmern fertig und warteten eigentlich nur darauf, dass bei meinen Eltern der Streit losging, weil meine Mutter mit der Situation oberfordert war. Dass meine Mutter ihre Eltern nicht mag, das haben wir Kinder recht früh schon verstanden. Deshalb waren wir auch daran gewöhnt, dass mein Vater oft mit uns alleine gefahren ist. Heute weiß ich, dass ihm das auch nie leicht gefallen ist.

Denn als Großeltern wollte man nicht nur mit der eigenen Tochter angeben, auch der Schwiegersohn sollte standesgemäß sein. Da passte mein Vater aber nicht ins Schema. Als Arbeiterkind aufgewachsen, Volksschulabschluss, Industriekaufmann gelernt. Kein Akademiker. Nicht dass meine Großeltern selbst so etwas vorweisen könnten. Dass er mehr als gut in seinem Beruf verdient hat, das war nebensächlich. Wenn man das gleich mit erzählte, klang das zu aufdringlich. Bei der puren Nennung der Tätigkeit ihres Schwiegersohns sollten schon Geld und Einfluss mitschwingen.

Der richtige Umgang mit der Depression?

Ich bewundere meinen Vater dafür, wie er meine Mutter gehändelt hat und immer noch händelt. Ich glaube, das habe ich ihm nie gesagt. Andere Männer wären längst geflüchtet, er ist jetzt fast 30 Jahre mit ihr zusammen. Ohne seine stoische Art wäre das wohl nie gegangen. Die Launen meiner Mutter auf der einen Seite und sein dickes Fell auf der anderen. Er hat Verständnis gezeigt, aber sie nie in Watte gepackt. Hätte er das versucht, viel mehr persönlich genommen und sich mehr Gedanken gemacht, dann wäre er wahrscheinlich selbst an der Krankheit kaputt gegangen.

Mich hat die Erfahrung mit dieser Krankheit natürlich spürbar geprägt. Ich bin kein nach außen hin herzlicher Mensch, das habe ich nie gelernt. Ich musste immer viel von mir abprallen lassen. In meiner Familie wurden nie groß Gefühle gezeigt. Da dominierten die Gefühlsausbrüche der negativen Art. Ich brauche schon ein echt großes Vertrauen in einen Menschen, um von dieser „Norm“ abzuweichen und meine Gefühle auch wirklich zu zeigen. Ich kann nicht sagen, ob ich aufgrund oder trotz meiner Erfahrungen keine Angst vor psychischen Erkrankungen in meinem Umfeld habe. Was die Zeit mir beigebracht hat, ist eine gehörige Portion Respekt davor zu haben.

Zu meinen Großeltern besteht übrigens seit Jahren kein Kontakt mehr. Mein Großvater ist 2009 gestorben und niemand von uns war auf seiner Beerdigung. Geburtstagskarten werden nicht mehr gelesen, Geldgeschenke an uns Enkelkinder landen in irgendeinem Spendentopf. Für meine Mutter ist das ein kleiner Sieg.