Von Männern wie Butterkeks.

Zugegeben, das Gleichnis vom Butterkeks stammt nicht von mir, sondern wurde von der wunderbaren Gräfin Änne inspiriert. Aber lieber richtig gut abgeschrieben, als schlecht selbst verbockt. Das Gleichnis vom Butterkeks ist ein Gleichnis der Gleichgültigkeit. Ein Butterkeks ist ein Lebensmittel, das jedem egal ist, aber mit dem jeder leben kann. Man wird niemals den Ausruf vernehmen „Boah, geil, Butterkekse!“, aber genauso wenig wird irgendjemand von sich behaupten können, dass er Butterkekse nicht mag. Sie schmecken eben sehr neutral. Nach nichts mit einer Prise Süß. Dieses Gleichnis darf offiziell auch auf Goldfischli angewendet werden. Niemand auf dieser Welt wird an ein Regal mit Knabberzeug herantreten, um gezielt eine Tüte Goldfischli zu erwerben. Aber wenn sie in einer dieser witzigen Partyboxen enthalten sind, dann werden sie halt dennoch gegessen. Schmecken ja auch nicht schlecht. Nur halt nach nichts mit einer Prise Salz.

Auch innerhalb anderer Nahrungsmittelgruppen gibt es solche Langweiler. Keiner wird beim Anblick einer Flasche Beck’s frohlocken, aber es ist eine sichere Bank, falls mal Besuch kommt. Oder Vanillepudding. Vanillepudding mag schon irgendwie lecker sein, aber in erster Linie ist er einfach „da“. Machste nichts mit falsch. Frei nach diesem Motto gibt es auch Männer wie Butterkeks. Sicherlich gibt es auch Frauen wie Goldfischli, aber von Frauen habe ich noch weniger Ahnung als von Männern, also blogge ich heute über Männer.

Ryan Gosling wäre so ein Mann wie Butterkeks. Oder auch Orlando Bloom. Sie hübschen das Fernsehbild zur besten Sendezeit ein wenig auf und stören ansonsten nicht weiter. Keine Frau wird sagen können, dass die beiden Herren unattraktiv wären. Man kann nachvollziehen, dass ausgerechnet sie am Ende die Frau abbekommen, aber wieso genau, weiß halt auch niemand. Sie gucken 90 Minuten am Stück niedlich und nett, aber das kann ein Golden Retriever auch. Er möchte gefallen und wird mit etwas Glück niemals deine Schuhe anknabbern. Aber auf die Dauer ist das schon etwas öde.

Doch wahrscheinlich muss man genau diese Vorstellung vom Mann gewordenen Butterkeks mögen, wenn man via Tinder nach ihm sucht. Ich tatsächlich etwas neidisch auf Frauen, denen das reicht. Die ein sorgsam ausgewähltes und mit 37 Filtern weichgezeichnetes Foto nach den aktuellen Selfie-Standards sehen und denken: „Oh, der könnte es sein.“ Ohne zu wissen, ob er nicht eine Sammlung von Adam-Sandler-Filmen in seinem BluRay-Regal hat und beim Autofahren laut Paul Kalkbrenner hört. Das sind wichtige Details, die mit Tinder vorenthält. Natürlich könnte ich einfach mal nach rechts wischen und ihn danach fragen, aber ich bin leider auch sehr chatfaul.

Ich möchte niemals erfahren, wie viele Flirts, One-Night-Stands, Affären, Beziehungen oder was-auch-immer-man-da-schon-ein-Etikett-drankleben-möchte ich mir allein schon dadurch verbaut habe, dass ich von dem Butterkeks-Foto gelangweilt war. Oder von dem Butterkeks-Gesicht auf der Party. Ohne überheblich klingen zu wollen. Ist halt so. Ehrenwort! Vielleicht bin ich auch selbst eine Portion Vanillepudding und merke es einfach nicht? Ganz nett, macht eigentlich nichts falsch, aber mehr halt auch nicht.

Meine Großtante machte früher immer einen ganz wunderbaren Nachtisch mit Vanillepudding und Butterkeksen. Auf Pudding und Kekse kam dafür noch eine Schicht eingelegte Pflaumen mit Schokosplittern. Ein Träumchen! Nur, wie spanne ich denn jetzt mal am geschicktesten den Bogen? „Es ist vollkommen egal, dass ihr beide unfassbar langweilige Typen seid, Alkohol und Schokolade werden es schon richten“? Das könnte tatsächlich funktionieren. Aber sobald der Rausch verflogen ist, liegt dann doch wieder ein Butterkeks neben dir. Und guckt nett. Das kanns ja irgendwie auch nicht sein.

Aber ich bin doch davongekommen?

Als ich 14 war, wollte sich ein 33-Jähriger an mir vergreifen. Er war meine Aufsichtsperson. Mein Trainer beim Sport. Ich war hilflos und er betrunken. Es war der erste Abend, an dem ich offen sein wollte. Offen für andere Menschen. Mir wurde bis dahin immer gesagt, dass ich zu sehr mauere. Dass ich zum Selbstschutz Menschen ausschließe und dass ich niemanden körperlich oder emotional an mich heranlassen würde.

An dem Abend wollt ich alles anders machen. Ich war 14 und naiv. Ich wollte einmal eine andere Seite von mir zeigen. Vielleicht wollte ich an diesem Tag eine Frau sein, die ich mit 14 einfach noch nicht war. Ich habe gelacht, habe mit Männern und Frauen gleichermaßen Spaß gehabt. Alles mit Grenzen und ohne betrunken zu sein. Mit fünfzehn Kilo weniger als das Jahr davor und zum ersten Mal mit Brüsten ausgestattet. Und es war lustig, ein völlig neues Erlebnis.

Doch das änderte sich, als ich ihm hinterher ging, um Tschüss zu sagen. Er dachte wohl, dass ich mehr wollte. Dass ich eben nicht nur Tschüss sagen, sondern mit ihm mitkommen wollte. In meinem jugendlichen Leichtsinn war es für mich völlig undenkbar, dass da etwas passieren könnte. Ich wollte mich doch einfach nur verabschieden.

Und das hat er ausgenutzt. Er hielt fest und meinte dass meine Zahnspange ihn nicht stören würde. Das weiß ich fast fünfzehn Jahre später immer noch. Ich wurde in seinem Griff langsam panisch, doch es interessiert ihn nicht.

Ich hatte großes Glück. Ich konnte mich loswinden und zurück zu den anderen gehen. Weitermachen, als wäre nichts gewesen. Am nächsten Tag wollte ich ihn zur Rede stellen, doch angeblich konnte er sich an nichts mehr erinnern.

Wenn ich doch mal später jemandem davon erzählt habe, haben die danach oft Angst gehabt, dass jede Berührung ab jetzt schlimm für mich wäre. Dass ich Nähe deswegen ablehnen würde. Aber das stimmt nicht. Es ist ein großer Unterschied, ob man jemanden an sich heranlässt, dem man nahe sein will, oder ob es jemand ist, der sich dieses Recht einfach herausnimmt. Nähe ist etwas tolles, eine der wichtigsten Erfahrungen im Leben. Wenn sie einvernehmlich ist.

Dumme Fragen.

Wie sagt man so schön: „Es gibt keine dummen Fragen, nur dumme Antworten.“ Was für ein Blödsinn. Natürlich gibt es saudämliche Fragen. „Ist Butter pflanzliches Fett?“ Klar, dafür werden Butterblumen von Hand bei Vollmond gemolken. Oder Menschen, die beim Filmgucken ständig nerven müssen: „Wer ist das? Was macht der da? Was kommt jetzt?“ Momentchen, ich les die Antworten schnell im Kaffeesatz nach.

Meine allerliebste Frage ist aber schon seit ein paar Monaten das allgegenwärtige „Warum hast du eigentlich keinen Freund?“. Interessanterweise fragen das genauso oft Männer, wie Frauen. Ist das Small Talk? Falls ja, wieso hat mir niemand Bescheid gesagt, dass man sowas heutzutage schon direkt nach den üblichen Kennenlernfloskeln fragen darf? Oder ist das verstecktes Interesse? Falls ja, wieso fragt man nicht stattdessen, wie es um ein gemeinsames Kaffeetrinken zu zweit gestellt wäre? Oder wird man jetzt schon so genau abgecheckt? Falls ja, wo bleibt denn da der Reiz des Kennenlernens, wenn man direkt Listen mit den Vor- und Nachteilen der Person zugesteckt bekommt? Und wieso fragen Frauen das auch? Aus Angst vor einer Männerdiebin? Oder sind die auf der Suche nach einer total genialen Antwort, die sie zukünftig selber benutzen können?

Sicherlich ist das irgendwie schon ein Kompliment. Aber das kann man doch auch eleganter lösen. Ich wüsste auch gar nicht, was eine gute Antwort auf diese Frage wäre. Ein simples Schulterzucken kommt komisch an. Eine zusammengestotterte Erklärung kann eigentlich nur überheblich klingen. Außer man möchte sich selbst direkt am Anfang schon bloßstellen und seine Schwächen offenbaren. Vielleicht reagiere ich demnächst auch einfach mit „Ich habe ehrlich auf die Frage geantwortet, warum ich eigentlich keinen Freund habe“.

Ich will doch nur nach Hause.

Ich werde generell selten von Männern angesprochen, wenn ich unterwegs bin. Das könnte möglicherweise daran liegen, dass ich meistens mit Männern unterwegs bin. Wobei ein flirtwilliger Mann viel mehr Angst vor einem Rudel Frauen haben sollte. Denn wenn bei denen jemand durch’s Raster fällt… eieiei. Junge, geh in Deckung. Dabei beiße ich gar nicht. Ich bin da mehr der Igel-Typ. Entweder fluchtartig unter einem Blätterhaufen verschwinden oder, wenn gerade mal kein Blätterhaufen in der Nähe ist, einrollen und ausharren bis die Gefahr vorbei ist.

Aber so alle 2 bis 3 Monate schaffe ich es tatsächlich, dass mich nachts auf dem Nachhauseweg noch jemand anquatscht. Da kommen tatsächlich Menschen um 5 Uhr nachts aus der Disko und haben nichts besseres zu tun, als mich zu fragen, ob ich noch mitkomme. Ehrlich jetzt? Wer die ganze Nacht in Lokalitäten wie dem Café Europa oder dem Stadtpalais ausgehalten und es dennoch nicht geschafft hat, dass irgend so ein Püppchen mit nach Hause kommt, der soll gefälligst auch akzeptieren, dass er in dieser Nacht eben die Taschentücher mit ans Bett nehmen muss.

Erschreckend ist auch die Vorstellung, dass ich tatsächlich ins Beuteschema eines solchen Vogels passen könnte. 20-jähriger Düsseldorfer Möchtegern-Checker und Clubgänger ist von meinem jedenfalls mindestens genauso weit weg wie ein Olaf Schubert. Mindestens. In so einem Moment hoffe ich dann wirklich, nur eine Notlösung zu sein. Alles andere ließe mein Selbstbild fluchtartig in den nächsten Blätterhaufen abtauchen.