Öff! Öff! 2.0

Ich bin ein Aussteiger, fast wie Jürgen Öff! Öff! Wagner. Ich habe der Gesellschaft vor zwei Wochen den Rücken gekehrt und mich freiwillig in die Isolation begeben.

Nein, ich wohne nicht neuerdings in einer Hütte im Wald. Allein schon, weil ich nicht glaube, dass Unitymedia dort draußen eine ordentliche Versorgung garantieren könnte. Geschweige denn Vodafone. Das bekommen beide ja nicht einmal in Bielefeld-City auf die Kette. Ich gehe auch immer noch einkaufen und lasse mir meine Lebensmittel nicht schenken. Wer das dennoch tun möchte, ist herzlich dazu eingeladen. Einkaufszettel und Leergut können bei mir zuhause abgeholt werden. Das Pfandgeld hätte ich aber gerne wieder.

Ich bin viel zu bequem, um auf den ganzen Luxus zu verzichten, den die Konsumgesellschaft so mit sich bringt. Natürlich brauche ich rein theoretisch nicht den allerneusten Laptop und beim Eis hätte es auch nicht die Sorte des vollkommen überschätzten Doppelkeksproduzenten sein müssen. Aber geil ist’s schon. Ohne Werbung und den ganzen Markenquatsch hätte ich als Marketingmensch auch ziemlich viel Freizeit. Das wäre… Moment. Vielleicht ziehe ich doch in die Hütte im Wald und untergrabe das System. Aber ich schweife ab.

Vor etwas mehr zwei Wochen tat ich einen – für mich – ziemlich drastischen Schritt: Ich deinstallierte WhatsApp. „Ach ja, wegen Datensicherheit und so.“ Nein. Mir tut der Mensch leid, der in Crypto City hockt und den ganzen Tag meine langweiligen Postings und Chats mitlesen muss. Ja, liebe Twittergemeinde, ihr hingegen tut das freiwillig. Selber schuld. Aber stellt euch nur mal vor, ihr hättet als NSA-Stalker den Buchstaben B wie Besorgter Bürger erwischt und müsstet euch den liebelangen Tag deren Bullshit lesen. Augen auf bei der Berufswahl. Jedenfalls entspricht der Informationsgehalt meiner medialen Aktivitäten ungefähr dem der RTL2 News und von daher: Huhu, lieber NSA-Mann, sorry für alles!

Ja, Datenschutz ist ein wichtiges Thema und Überwachung eine riesige Sauerei, die unbedingt gestoppt werden sollte. Aber für mich war das bisher kein Grund, mein Onlineverhalten irgendwie zu ändern. Ich nutze noch immer Facebook, verschicke meine Nachrichten unverschlüsselt und erlaube Cookies. Aber bei meiner Handynummer werde ich zu Gollum. Es klingt vielleicht total übertrieben und eventuell habe ich 2014 irgendeinen Trend verschlafen, aber ich entscheide ganz gerne selbst, wer meine Nummer bekommt. Nach der gefühlt 78. Gruppe mit irgendwelchen fremden Menschen hat es mir dann gereicht. Und plötzlich war die App weg. Was für ein geiles Gefühl.

Vermutlich habe ich viele WhatsApp-Gruppen-Groupies damit vor ein riesiges Problem gestellt. Wie erreicht man mich denn jetzt bloß? Da wären zwar Facebook, Twitter, Google+, Email und notfalls sogar SMS, aber heutzutage ist das alles ja eigentlich out. Tja nun, irgendwer wird schon in den sauren Apfel beißen und mir auf einem dieser Wege eine kurze Info schicken. „20:00 hier, bring Bier mit.“ Damit weiß ich, was von mir verlangt wird und gut ist. Und das ganz ohne die Diskussion verfolgt zu haben, wer erst um 5 nach 8 da sein kann und wer sich lieber Wein statt Bier mitbringt. Fast wie früher, als man einfach unangemeldet beim Kumpel ans Fenster klopfte und sich den ganzen Verabredungsscheiß gespart hat.

rABInson Crusoe – 10 Jahre später ist man eine Insel.

Anfang der Woche flatterte mir die Einladung zum „Ball der Ehemaligen“ meines Gymnasiums ins Haus. Besser gesagt in meinen Facebookstream, denn niemand der Verantwortlichen dürfte meine aktuelle Adresse haben. Natürlich werde ich dort nicht hingehen, obwohl sie mich mit diesem edlen Speisenangebot fast gekriegt hätten. Vielleicht frage ich mal nach, ob man sich die Reste vom Schulessen auch nach Bielefeld liefern lassen kann.

schulball

Doch das viel größere Grauen steht erst noch aus. Im nächsten Jahr soll ich feiern, dass ich dort vor zehn Jahren mein Abitur machen durfte. Dabei ist das Einzige, was mich heute noch mit dieser Zeit verbindet, unser Abimotto „rABInson Crusoe – 13 Jahre Warten auf Freitag“. Ja, wir waren damals super kreativ, aber wenigstens war es kein WM-Motto. Ich werde auch dieses große Event schwänzen und lieber noch ein wenig auf meiner sicheren Insel sitzen, während die ehemaligen Mitschüler Schwanzvergleichs-Quartett mit Job, Familie und Restcoolness spielen.

Es gibt eine handvoll Menschen, die ich durchaus gerne wiedersehen würde. Meinen besten Freund aus Jugendtagen, der sich leider komplett diesem Internet widersetzt. Dabei haben wir früher gechattet wie die Weltmeister. Heute hoffe ich bei jedem Konzert, dass er mir zufällig mal wieder über den Weg läuft. Aber das möchte ich auch nicht auf so einem Kostümfest, bei dem Mann und Frau gleichmaßen den dicken Macker raushängen lassen.

Und der Rest? Kann mir heute noch genauso gestohlen bleiben, wie schon vor zehn Jahren. Heute weiß ich zum Glück, dass man um richtige Freundschaften nicht betteln muss. Dass die Menschen, die mir in der Schule das Lineal in den Nacken gehauen haben, heute die größten Waschlappen sind, immer noch mit Mamas Auto zum Hosenkonzert fahren und im Sommer an den Ballermann. Und ich möchte keiner Veranstaltung beiwohnen, wo so etwas sticht.

Wir spielen in einer Daily Soap.

Ich twittere täglich. Ich blogge wöchentlich. Ich chatte mein halbes Leben und dennoch frage ich mich an Tagen wie heute plötzlich: Was hat das Internet aus unserer Privatsphäre gemacht? Sind wir nun alle zu Voyeuren geworden? Unfreiwillig? Freiwillig?

Zufällig habe ich mitbekommen, dass Freunde von mir auf Facebook untereinander nicht mehr befreundet sind. Weil eine Geburtstagseinladung eintrudelte und einer von ihren unerwartet auf der Gästeliste fehlte. Und wie die Neugierde zeigte, nicht nur dort. Früher hätte man das erst auf der Feier selbst mitbekommen. Oder man wäre voll ins Fettnäpfchen gelatscht, weil man denjenigen gefragt hätte, ob er sich am Geschenk beteiligen möchte. Heute weiß irgendwie jeder ein bisschen Bescheid, doch nie etwas genaues.

Den Begriff „Freunde“ benutzt Facebook seit Beginn an inflationär. Mit dieser Aussage erfinde ich das Rad nicht neu. Ein Freund ist fast jeder, der mir mal irgendwann auf irgendeiner Party ein Kotelett an die Backe laberte. Es bedeutet, dass ich dulde, dass diese Person bei mir mitliest. Jemanden wieder zu entfreunden kann im besten Fall bedeuten, dass man gerade seine Freundesliste ausmistet. Dass man Diskobekannschaften und die Haustiere der Geschwister seiner Schulfreunde zu den Akten legt. Oder aber es ist ein ziemlich eindeutiges „Hau ab aus meinem Leben“. Denn mein Leben geht an jetzt nichts mehr an.

Aus diesem Grund finde ich auch die öffentlichen Beziehungsstatusse ganz skurril. Klar, das 79. „Freut mich für euch!“ ist eine tolle Sache, aber was ist, wenns in die Brüche geht? Möchte ich wirklich allen Freunden, Bekannten, Kotelett-an-die-Backe-Rednern und meiner Mutter(!) ganz beiläufig mitteilen, dass ich gerade vor einem Scherbenhaufen sitze? Gejammert wird doch nur über Twitter oder beim Bier, Facebook ist oberflächlicher Quatsch.

Und trotzdem kann auch ich nicht anders und muss in diesen Momenten mal eben schnell nachlesen. Nachlesen, ob es öffentlichen Streit gab. Seit wann das schon so sein könnte. Ob da noch mehr Leute drin hängen. Wir die Zuschauer einer Seifenoper wollen wir keine Folge verpassen, wollen Intrigen, Sex und Tränen live miterleben. Erving Goffman schrieb: „Wir alle spielen Theater.“ Tagein, tagaus hangeln wir uns von einer Rolle zur nächsten. Er hätte es wohl niemals für möglich gehalten, wie groß unser Publikum einmal sein wird.

Lovehatetragedy.

Wie argumentiert man richtig, was man an einer Band eigentlich gut findet? „Sie gefällt mir halt“ wird nicht wirklich als Begründung akzeptiert. Bei den Ärzten fand ich früher™ die Texte immer so lustig. Heute „weilwegenisso“. Die Frage, was ich denn so für Musik höre, finde ich auch total gruselig. Entweder ist man mit dem Gegenüber schnell auf einer Wellenlänge oder man sucht so lange nach einer Mainstreamcombo, bis das Kennichnicht… kennichnicht… kennichnicht… endlich aufhört. Wobei das nicht ganz so schlimm ist wie „Aha. [Pause] Geschmäcke sind halt verschieden. [Theatralischer Schluck Bier] Hmmhmmm.“.

Manchmal komme ich mir auch vor wie in so einer Selbsthilfegruppe. „Hallo, mein Name ist Anna. Ich habe früher Nu Metal gehört und bin seit acht Jahren trocken.“ – „Hallo Anna.“ Dabei fand ich das damals gar nicht peinlich, sondern eigentlich ziemlich toll. Meine CD-Sammlung von damals bestand eben aus Linkin Park, Drowning Pool, Limp Bizkit und Papa Roach. Die von den Menschen um mich herum aber auch. Und ich war eher vorneweg und nicht nur schnöder Mitläufer. Natürlich hatte ich auch The Offspring, NOFX und bunt gemischten deutschen Punkrock im Regal, aber das war mehr so für mich. Der Rest war, zumindest bei uns, durch den ganzen Freundeskreis hindurch kompatibel. Und ich fand’s tatsächlich gut.

Nun sind Papa Roach dieses Jahr also auf dem Serengeti Festival mit dabei. Mich freut’s. Natürlich ist das schon etwas länger nicht mehr meine Musikrichtung. Aber damals halt schon und da hängen echt viele richtig gute Erinnerungen dran. Papa Roach habe ich am 6.6.2005 sogar einmal live im X in Herford gesehen. Ach, Coby Dick, der olle Selbstdarsteller. Das Konzert war vielleicht nicht gerade der beste Gig meines Lebens, aber bei mir ist der immer noch total präsent im Kopf. Vielleicht auch weil ich da damals zu zweit mit einem vor ewigen Zeiten sehr guten Kumpel hin bin. Mit dem ich mich aber in den 1 1/2 Jahren davor in einer Tour gezofft hatte. Das volle Programm mit „du kannst gerne kommen, aber XY ist auch eingeladen“. Wir sind da trotzdem zusammen hin und danach ging’s mit uns wieder. Und das weiß ich heute noch.

Deshalb gönnt mir meinen (manchmal) etwas skurrilen Musikgeschmack und meine Vorfreude. Es findet sich sicherlich mindestens eine weitere Band, zu der man gemeinsam den Laden auseinandernehmen kann.

Ludi incipiant.

Na, wer hat sein Latinum noch mit Asterix gemacht? Ludi incipiant: Die Spiele mögen beginnen. Ich hab schon von klein auf total gerne Spiele gespielt. Mein Super Nintendo habe ich zu Grundschulzeiten so heiß und innig geliebt, dass ich irgendwann mal als Strafe immer und immer weiter Mario Kart spielen musste, weil ich es nicht wegräumen wollte. Eine fragwürdige Erziehungsmethode, aber – ohne Witz – es hat geholfen. Jaja, ich habe schon im einstelligen Alter Game Boy und Konsole besessen, aber soll ich euch was sagen? Ich bin trotzdem ziemlich clever geraten. So.

Aber bereits damals mussten es Spiele sein, wo man Erster werden kann. Mario Kart und Street Fighter, sowas fand ich immer super. Später dann Mario Party und International SuperStar Soccer. Das Praktische an einem jüngeren Bruder ist ja, dass die auch mit viel Übung nicht besser werden, als man selbst. Hehe. Natürlich habe ich auch Zelda, Super Mario oder Banjo-Kazooie gelegentlich eine Chance gegeben. Aber nie für lange. Oder dem genialen Duck Tales für den Game Boy. Aber ich wüsste nicht, dass ich, abgesehen von Pokémon, mal irgendetwas durchgespielt hätte.

Das arme Kind hat aber nicht nur vor der Glotze gesessen. Schon als kleiner Döts habe ich total gerne gegen meine Eltern beim Mensch-Ärgere-Dich-Nicht gewonnen. Ich glaube, ich habe wirklich ganz in echt gewonnen und die haben mich nicht nur gewinnen lassen. Wehe, jemand behauptet jetzt was anderes! Kaum konnte ich weiter als bis zu den sechs Würfelaugen zählen, durfte ich dann auch bei Rummikub und Canasta mitmachen. Beides spielt meine Familie heute noch bis zum Überdruss.

Nachdem ich mir eine zeitlang zu cool dafür war, kamen, dem jugendlichen Leichtsinn entwachsen, dann plötzlich wieder Spiele auf den Tisch. Fast immer Ligretto oder Phase 10. Wenn ich an mich mit 18 denke, dann sitze ich mit einem Mixbier in unmittelbarer Nähe zu einem überladenen Grill und kloppe Karten. Eine extrem geile Zeit. Vielleicht habe ich aus purer Nostalgie zuletzt damit angefangen, mir hier eine kleine Spielesammlung aufzubauen. Natürlich wieder mit Spielen, bei man auch tatsächlich Erster werden kann.

Keine Ahnung, woher dieses Ehrgeiz kommt. Der war schon immer da. Aber mittlerweile schmolle ich stumm vor mich hin, wenn es mal nicht so läuft und ich habe schon echt lange kein Spielbrett mehr umgeschmissen. Glaube ich.

Weihnachtsfeierei.

Hier sollte eigentlich ein Text zur Weihnachtsfeier am Freitag stehen. Aber da man ja nie wissen kann, wer mitliest, lasse ich das mit der Berichterstattung lieber bleiben. Vielleicht so viel: Nein, man sollte auf einer Firmen weder vor der Tür Feiglingflaschen kreisen lassen, noch sich Whisky aus Flachmännern in die Cola kippen. Ich bin nun auch kein Kind vor Traurigkeit, aber etwas Würde sollte man nach der Feier doch noch besitzen. Wenigstens fühlte ich mich kurz wieder wie 17.

Dafür hat das Ganze mich wenigstens darin bestätigt, dass ich in der richtigen Abteilung sitze. So schrullig wir hier auch allesamt auf unterschiedliche Weise sein mögen: Wir sind liebenswert schrullig. So.

Und auch mal wieder darin, dass dieses ganze Bohei um einen einzelnen Abend totale Verschwendung ist. Ein spontaner Kneipenabend in kleiner Runde, Kino mit ein paar Leuten, sowas ist doch einfach viel, viel besser. Für euch am Wochenende getestet und damit empirisch belegt.

Fernweh.

Ich stöbere gerade in alten Fotos. Fotos aus Irland und Nordirland. Zwischen Herbst 2008 und Silvester 2010/2011 war ich immerhin fünf Mal dort. Vier Mal in demselben Dorf, allein 8 Wochen in 2010. Dann wollte ich Abstand gewinnen, denn irgendwann gehört der Kopf leider dann doch wieder ins Hier und Jetzt..

Portaferry

Nun habe ich einer Freundin zugesagt, dass ich im nächsten Sommer noch einmal mitkomme. Nicht wieder nur an ein- und denselben Ort. Auch wenn wir dort bestimmt einen Zwischenstopp einlegen werden. Sondern durch’s Land tingeln und die Gegend unsicher machen. Wohin genau… mal gucken. Auf jeden Fall dürfte es verdammt lustig werden.