Ein Girlie in XL, bitte.

Neulich Nachmittag stand einer meiner jungen Support-Kollegen neben mir und kramte in der Kiste mit den Trikotmustern. Ende Juni tritt nämlich unsere Firmenmannschaft beim Fußballturnier an und wenn die Mannschaft schon nicht viel reißen wird, dann soll sie doch wenigstens gut aussehen. „Da ist XL, das sollte passen. Ach, was solls, XXL nehme ich besser auch noch zum Anprobieren mit, kann ja nicht schaden“, sagte er zu mir.

Besagter Kollege ist kein Riese und die Größenwahl wird vom horizontalen Wachstum diktiert. Doch anstatt heimlich nach den großen Größen zu suchen, wird die Wahl deutlich vernehmbar kommentiert. Schämt der sich denn nicht?

Nicht dass er einen richtigen Grund hätte, sich dafür zu schämen. Jeder zweite Deutsche ist zu dick und ob er oder sie damit leben kann, muss jeder selber wissen. Nicht mein Problem, ich habe meine eigenen Baustellen. Und es ist ja nicht so, als ob man die Trikotgröße nicht auch ganz gut schätzen könnte. Mir drückt schließlich auch niemand ein Leibchen in XS in die Hand.

Aber muss man das denn gleich laut sagen?

Ich habe jahrelang Hosen auf dem Weg zur Umkleidekabine so gehalten, dass man auf keinen Fall das Etikett sehen konnte. Nach der erfolglosen Anprobe trug ich das Kleidungsstück auch grundsätzlich selbst zurück auf die Verkaufsfläche und ließ es mitten im Stapel verschwinden, falls mir jemand hinterherspionieren sollte. Völlig bekloppt. Es konnte doch eh jeder sehen, dass mein Arsch nicht der schmalste ist. Aber dann hätten sie es nicht nur gedacht, sondern auch gewusst.

Mittlerweile sagen diese Etiketten, dass mein Körperbau so mittel ist. Größe M. Nicht mehr dick und noch nicht schmal. Eine Kleidergröße wie Butterkeks. Da macht man nichts mit verkehrt und bei einer Größe von 1,73 ist das völlig vertretbar. In Geschäften für ganz schmale Püppchen muss es hin und wieder noch mal etwas in L sein, aber zumindest passt es jetzt. Und über eine Hose in S freut man sich den Arsch ab.

Doch dann kommt sie, die Begegnung mit der Kleidergrößenhölle. An einem Ort, wo sie niemand jemals erwarten würde: Am Merchandise-Stand.

Während die Vorband schon auf der Bühne grölt, rufe ich dem Roadie hinter dem Klapptisch zu: „Ein Girlie in XL, bitte.“ Denn das ist die einzige Bandshirt-Größe, in die ich ohne letzte Ölung hineinpasse. Sofort fühle ich mich wieder wie ein riesiges Trampeltier, das all seine Hoffnung in das Xtra vor dem Large setzen muss. Gefühlt hat es der halbe Laden gehört und vermutlich nutzt der nette, junge Mann hinter der Theke die Gelegenheit und rollt ausgiebigst die Augen, während er im Pappkarton nach das passenden Größe sucht. Nur um mir dann mit einem breiten Grisen ein Stück Stoff in Briefmarkengröße entgegenzustrecken. Wenigstens verkneift er sich den abschätzigen Blick.

Mit leicht roten Ohren geht es zurück zur männlichen Peer Group, die dort bereits stolz mit der eigenen T-Shirt-Beute wartet. Natürlich in M. Ob klein, groß, dick, dünn, krumm oder gerade: Am Merchandise-Stand kaufen alle Männer M. Frechheit.

My life is bitter, but it’s also sweet.

Diese Überschrift wird Ihnen präsentiert von MxPx mit Stay On Your Feet. Und was kann sweeter sein als feinster Live-Punkrock? Richtig: Nichts. Bier trinken, mitgröhlen, rumwippen und dem echten Leben für ein paar Stunden den Mittelfinger zeigen. Nachdem dieser ätzende, konzertarme Winter nun endlich vorbei war, ging es in den letzten Tagen plötzlich Schlag auf Schlag: Social Distortion, Against Me! und Millencolin. Drei Knallerbands in 2 1/2 Wochen. So zumindest die Erwartungen und die wurden mehr als erfüllt.

Social Distortion – 18. April, Bielefeld

Wenn Mike Ness und seine Truppe in die Stadt kommen, dann muss man da hingehen. Auch wenn einem der Ticketpreis Tränen in die Augen treibt. Denn was der alte Mann da auf der Bühne abzog, davon kann sich so mancher Mini-Punkrocker eine ordentliche Scheibe abschneiden.

Nächstes Mal drängel ich definitiv näher ran. So war es sehr gute Musik mit weniger gutem Bier, aber für das richtige Konzertfeeling muss ich doch weiter rein in den Pulk. Soviel vorweg: Das ist mir nur 6 Tage später auf jeden Fall gelungen. Und jeder einzelne Euro war an diesem Abend gut investiert, denn die Altmeister Social D muss man als Punkrock-Fan mindestens einmal gesehen haben.
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Against Me! – 24. April, Hannover

Was macht man, wenn der einzige freie Platz im komplett ausverkauften Faust mitten vor der Sängerin ist, ohne Absperrgitter und Bühnengraben? Ganz genau, man freut sich ’nen Ast ab und gibt alles. Bei Against Me! überhaupt kein Problem, da bleibt keiner lange mit beiden Beinen auf dem Boden. Ich habe es noch nie erlebt, dass neue Songs einer Band so dermaßen gefeiert wurden, aber das aktuelle Album „Transgender Dysphoria Blues“ scheint die Ausnahme von jeder denkbaren Regel zu sein.

Natürlich waren auch die wichtigen Klassiker dabei, wie „Don’t Lose Touch“, „Trash Unreal“ und mein vergleichweise junger Liebling „“I Was a Teenage Anarchist“. Natürlich sind es immer diese Abende, an denen man während der letzten Zugabe fluchtartig das Gebäude verlassen muss, weil die Bahn leider keine Rücksicht auf arme Konzertbesucher nimmt. Saftladen. Egal. Mein Fazit: Saugeil und ich freue mich wie Bolle auf eine Wiedersehen auf dem Serengeti.
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Millencolin – 04. Mai, Köln

Millencolin haben mich eigentlich gar nicht interessiert. Dieser ganze Skatepunk war nie so wirklich meine favorisierte Musikrichtung, mittlerweile nähern wir uns aber ganz vorsichtig immer mehr an. Jedenfalls musste ich sowieso für eine Nacht nach Köln, hatte keine Lust mit meinem Kollegen rumzuhängen und wenn so eine Band quasi direkt vor der Hotelzimmertür aufspielt: Warum nicht?

Um es kurz zu machen und mich selbst zu zitieren: Sie schafften es von „kann man mal mitnehmen“ zu „meine Fresse, sind die geil!“ in drei Songs. Das Publikum gab alles und zog 75 Minuten lang konsequent den Circle Pit durch. Ich habe es leider versäumt, den Gitarristen hinterher für zuhause einzupacken, aber dann mache ich das halt beim nächsten Mail. Und ich habe die Befürchtung, dass mich dieser Skatepunk mit 15 Jahren Verspätung doch noch kriegt.
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Gesamtfazit: Gebt mir mehr davon!

Live noch besser als wie auf Platte.

Ich greife hin und wieder gerne mal ein Stöckchen auf, das man mir vor die Füße wirft und dieses Mal heißt es: Bands, die ich unbedingt einmal live sehen muss. Ein paar davon sind zum Glück schon zum Greifen nahe und die Reihenfolge ist vollkommen willkürlich gewählt.

Na dann legen wir doch mal los:

Bands, für die ich schon Karten habe

Against Me! (2x)
The Offspring
Bad Religion

Bands, für die ich noch Karten brauche

Limp Bizkit
Farin Urlaub Racing Team

Bands, die mal (wieder) rumkommen müssten

The Rumjacks
Reel Big Fish
Streetlight Manifesto
Boysetsfire
Lagwagon
Seeed
3 Doors Down
Rise Against

Bestimmt habe ich irgendwen total wichtiges vergessen. Und sicherlich ich das nur eine Momentaufnahme. Außerdem bedauere ich es, dass ich einige Bands und auch Sänger niemals live sehen werde, außer Emmett Brown parkt plötzlich vor meinen Füßen. The Ramones. The Clash. Dead Kennedys. Sex Pistols. The Pogues. Johnny Cash. Und die Wohlstandskinder, bei denen ich es in jungen Jahren so lange hinausgezögert habe, bis es sie nicht mehr gab.

Jahresendzeit-Klischee-Blogeintrag

Wer dieses ganzen Gute-Vorsätze-Quatsch nicht lesen mag, der möge nun oben auf dieses putzige, kleine [x] klicken und sich wieder seinem eigenen Leben zuwenden. Es ist ja sowieso in erster Linie ein Tritt in den eigenen Allerwertesten, an den ich sonst so schlecht drankomme.

2015 wird mein letztes komplettes Jahr als „Twen“ (junger Erwachsener zwischen 20 und 29, Anm. d. Red.) sein, da kann man ruhig noch mal durchstarten. Oder zumindest anfangs noch mal die Klappe ganz weit aufreißen.

Weniger Kilos

Das größte aller Klischees, ich muss es bedienen. Die zahlreichen Kneipenbesuche im legendären und oft besungenen Winterhalbjahr 2013/14 haben ihre Spuren hinterlassen. Hinzu kam die Eröffnung des Büro-Bäckers, dessen recht schmackhafte Backerzeugnisse der kalorienarmen Ernährung nicht gerade dienlich waren.

Über die Hälfte ist schon wieder runter, mal schauen, wo es über kurz oder lang noch hingehen wird. Die größte Herausforderung dabei: Das ein oder andere Wochenendbierchen im Ernährungsplan unterbekommen. Ganz wichtig.

Mehr Konzerte

Das erste Festivalticket liegt bereits neben mir, 2-3 weitere habe ich auch schon ins Auge gefasst. Vorausgesetzt, es lässt sich dieses grässliche Zelten irgendwie umgehen. Ich mache jeden Quatsch mit, aber nach so einem Tag brauche ich einfach ein weiches Bett und eine warme, saubere Dusche.

Hinzu kommen natürlich einige Einzelacts. Von denen hier weiß ich jetzt schon, dass ich sie dieses Jahr auf jeden Fall wenigstens einmal live sehen möchte: Against Me!, Farin Urlaub Racing Team, Monsters Of Liedermaching, Lagwagon und (wenn es der Kontostand zulässt) Social Distortion.

Weniger meckern

Ja, ihr habt richtig gelesen, ich will auf meine alten Tage tatsächlich versuchen, etwas entspannter zu werden (sorry, Salid). Dafür muss ich aber Dinge aus dem Weg schaffen, die mich aufregen. In erster Linie bedeutet das für mich, dass ich etwas mehr Ordnung in mein Berufsleben kriegen muss. Und genau das wird ein echtes Stück Arbeit. Ich lasse mich davon überraschen, wie der Lösungsweg hier aussehen kann.

Mehr menschliche Nähe

Also, ich habe da ja jetzt diese neue Matratze, die eingeweiht werden muss… ok, Scherz beiseite. Moment. War es ein Scherz? Da bin ich mir selber gerade nicht so sicher. Tatsache ist, dass 2014 recht ereignislos war, was die liebe Liebe anbelangt.

Bleibt die Frage, inwieweit man sich so ein Schicksalsding überhaupt zum Vorsatz machen kann. Nein, ich werde nicht mit Pfeil und Bogen auf die Jagd gehen und mir ein Männchen erlegen. Auch wenn das ein schönes Kopfkino ist. Aber vielleicht bin ich wirklich mal ein bisschen weniger feige und ein bisschen weniger abweisend und ganz vielleicht trete ich dann damit nicht nur mir, sondern auch dem Schicksal in den Arsch.

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Well swing a little more…

Aus. Schluss. Vorbei. Das war es, mein erstes Serengeti Festival. Und ganz bestimmt war ich dort nicht zum letzten Mal. Schlimm genug, dass ich damit so lange gewartet habe. Denn Festivals sind toll und vor allem: Ich musste dafür nicht mal im Zelt schlafen. Yey! Denn hätte irgendeine höhere Macht gewollt, dass ich in einem Zelt übernachte, wäre ich Indianer geworden.

DSC_0349Zugegeben: Das Line-Up hätte besser sein können, gerade am frühen Nachmittag fehlte irgendwie irgendwas mit Schwung. Eine ordentliche Ska-Kapelle, die gemacht hätte, dass ich keine Minute länger freiwillig auf dem guten Senner Sandboden liegen geblieben wäre. Nichts gegen unsere Frühstücksgewohnheiten, aber so ein kleiner musikalischer Muntermacher wäre schon fein gewesen.

Aber genug gemotzt, denn in Wirklichkeit war es ziemlich gut und unfassbar lustig. Und da wir den Regen direkt nach Bielefeld geschickt haben, kamen wir auch recht glimpflich dabei weg. Natürlich nur dann, wenn man nicht gerade in einer Regenjacke mit unverschweißten Nähten rumlief, aber wer macht sowas schon… Egal, hauptsache das Bier verwässerte nicht allzu sehr.

Aber so ein Festival ist ja mehr als Spaß und Bier. Musikalisch hat der Freitag ganz schön einen vorgelegt. Bei Flogging Molly in der zweiten Reihe zu stehen war schon so richtig geil. Auch wenn ich da mit blauen Flecken und Muskelkater vom Abfangen der Pit-Ausläufer wieder raus bin bleibt mein Fazit: Meine Fresse, was macht der alte Mann für eine fantastische Show! Das war ganz bestimmt nicht mein letztes Flogging-Molly-Konzert.

[Dafür aber direkt im Anschluss unter Garantie mein letztes Konzert vom Kasperle, denn für arrogantes Getue und komisches Rumgehopse steige ich hier in Bielefeld einfach nachts am Jahnplatz aus und lasse mich dort anpöbeln.]

DSC_000031Samstag war ich da schon etwas skeptischer, da standen NOFX ganz oben auf der To-View-Liste. Und das eigentlich auch mehr als Pflichtprogramm, denn ich finde die auf Platte irgendwie recht unspektakulär. Aber live sind die echt witzig und machen ordentlich Stimmung. Macht zwei Volltreffer an einem Tag, kurz vorher waren nämlich noch die mir bis dato unbekannten Black Lips dran und haben mit sehr viel Freude bereitet.

Mein Sonntagshighlight wird hier sicherlich wieder die ganze Kritiker auf den Plan rufen, aber ICH stand vorne drin und hatte eine Stunde lang ganz großen Spaß: Papa Roach. Es war sogar noch viel besser, als damals im X in Herford. Punkt.

Durch die Nacht mit Bela B.

5. Mai 2014, kurz vor 21 Uhr, die Verfasserin dieses Blogeintrags steht vor der Bühne und hibbelt. Gleich soll er auf die Bühne kommen, der Humanboss, der Pornoboy, der Graf. Na gut, ein „Boy“ ist Bela B mit 51 wirklich nicht mehr, aber nach 34 Bühnenjahren hat man doch irgendwie Narrenfreiheit. Mittlerweile vergisst er seine Texte zwar eher wegen des Alters und nicht mehr wegen Alkohol und anderen Substanzen, aber irgendwie ist er immer noch punk. Bewusst als Adjektiv benutzt. Denn anders als Campino hat er sich nicht auf der Schiene des Altpunks festgefahren. Die Soloprojekte sind noch weniger Punk Rock als die letzten drei Ärzte-Alben und beim Konzert wird auch deutlich, wieso das so sein muss.

Es war mein drittes Solokonzert des Herrn B, dreimal Ringlokschuppen, dreimal vorne links in der zweiten Reihe. Die ersten beiden Auftritte und Alben waren die eines Showmasters im silbernen Pailettenanzug. Am Montag betrat allerdings ein deutscher Johnny Cash die Bühne. Im Westerhemd mit Tolle und Akustikgitarre. Aber das aktuelle Album „Bye“ und die neue Begleitband Smokestack Lightnin‘ hatten diese Entwicklung doch schon sehr deutlich gespoilert. Die waren übrigens auch gleichzeitig die Vorband, what a crazy random happenstance. Den Frontmann am Kontrabass fand ich aber 2009 schon ziemlich cool. Damals, als Smokestack Lightnin‘ noch vor Bela B y Los Helmstedt spielten. Und die neue Frontfrau, Miss Peta Devlin, passte auch wunderbar in diese ganze Country-Geschichte mit hinein. Manch einer wird sie als Teil von Oma Hans kennen und irgendwie sagt das auch schon alles.

Das Konzert selbst war wieder einmal toll. Aber eben ganz anders, als irgendein vorheriges Solokonzert von ihm oder geschweige denn ein Auftritt von den Ärzte. Mehr so schubbidu und schwing den Po. Was mich beim Album noch gestört hat, gefiel mir live echt gut. Genauso wie die Country-Twist-Version von „Manchmal haben Frauen“. Wenn der alte Mann mit dem Tamburin über die Bühne swooft, dann macht das einfach gute Laune.

Mehr von den alten Songs wäre schon nett gewesen. Mehr schnelle Nummern, bei denen jeder hätte mitsingen können. Das hätte der Stimmung gut getan. Wobei ich selbst von mir positiv überrascht worden bin und alle neuen Lieder von Anfang bis Ende auswendig konnte. Und das obwohl ich das Album nach der Veröffentlichung letzten Monat echt stiefmütterlich behandelt habe. Aber vielleicht bin ich nach 16 Jahren einfach so drin, dass ich die Reime im Zweifelsfall auch selber schreiben könnte. Vielleicht nicht alle, denn manche Strophen hätten auch dem merkwürdigen Verstand des Farin U. entsprungen sein können.

Der kleine Streichholzmann war von dem Zündholzmädchen sofort fasziniert
So war er schon in ihrem Bann, bevor er wusste, was ihm da passiert
Er hat in ihr auch gleich die Liebe seines Lebens erkannt
Da fing sie an zu glühen und sie sind aneinander verbrannt

Kleiner Streichholzmann
Was tust du dir an?
Wenn die Glut erlischt
Bleibt am Ende nischt

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