Das Überleben der Angepassten?

Ich muss vorneweg sagen, dass ich die Comics von erzaehlmirnix fast immer sehr, sehr gerne mag. Auch ihr Alter Ego „fettlogik“ hat mir zwei oder drei äußerst nützliche Tritte in den Allerwertesten verpasst. Gestern war ein Comic dabei, der sogar von ein paar Bekannten geteilt wurde, aber mir doch irgendwie quer sitzt.

https://twitter.com/erzaehlmirnix/status/808561844495466497

Ich wurde zwar nie für meinen Nagellack gemobbt, dafür aber zwischen 11 und 15 für alles andere. Ich war zu groß, zu dick, zu schüchtern, zu rothaarig, zu kurzhaarig, zu gut in der Schule, zu unsportlich, zu zahnspangentragend, … komisch eigentlich, dass man mich nie als Quoten-Loser für eine der Stephen-King-Verfilmungen gecastet hat. Vermutlich nur deshalb nicht, weil die Loser in seinen Büchern immer Jungs sind.

Wäre ich das alles nicht gewesen, hätte ich in der Schule vermutlich meine Ruhe gehabt. Ich müsste dann heute nicht jedes Mal einen kritisch Blick auf mein Spiegelbild werfen, wenn zwei Fremde in der Stadt aus meiner Sicht grundlos lachen. Ich könnte mich im Bus vor einen Halbwüchsigen setzen, ohne Angst vor angesabberten Papierkügelchen zu haben. So denke ich bei jedem Tweet, in dem ein Elternteil stolz vo seinem Nagellack liebenden Sohnemann berichtet: „Na hoffentlich geht das gut.“

Ich finde es ja auch nicht gut, dass gerade Kinder nicht tun, lassen und tragen können, was sie wollen. Aber dieses Rollendenken sitzt nun mal tief in den Köpfen fest. Das konstruierte Geschlecht, oder wie auch immer ihr das am liebsten nennen wollt. Aber es geht hier ja nicht nur um das konstruierte Geschlecht, sondern generell um den konstruierten Außenseiter. So schlimm es ist, mit manchen Sachen wird man einfach zur leichteren Zielscheibe.

Als ich 14 war, stellte mein Kieferorthopäde meine Eltern vor die Wahl: Entweder sie übernehmen die Kosten für eine sehr aufwendige, aber innenliegende Zahnspangenlösung (die Details werde ich euch ersparen) oder ich muss rund um die Uhr mit einem Kopfgestell herumlaufen. South-Park-Gucker kennen so etwas vielleicht von Stans Schwester Shelly. Man kriegt einen Plastikring auf den Kopf geschnallt und von da laufen zwei Drähte zu den Mundwinkeln. Jetzt erklär mal jemand all den anderen 14-jährigen Pubertisten, dass das eine notwendige, medizinische Geschichte ist und man auf keinen Fall Witze darüber machen darf, dass klein Anna damit so aussieht wie Frankensteins Monster.

Meine Eltern haben sich zum Glück für die Lösung ohne Drahtgestell entschieden. Obwohl andernfalls der Psychiater sicherlich von der Kasse bezahlt worden wäre.

Dennoch mobbe ich heute keine Mädchen mit Kopfgestellt. Die gibt es glücklicherweise auch nur noch sehr, sehr selten. Ich mobbe auch keine Rothaarigen (mal abgesehen davon, dass ich rote Haare mittlerweile sowieso viel besser als den Rest finde). Und wenn ein Kind gute Noten schreibt, dann ist es deswegen – meistens – noch kein langweiliger Streber, sondern wird es möglicherweise mal weit bringen. Aber ich in solchen Momenten kann ich nicht anders, als mich zu sorgen und zu denken: „Na hoffentlich geht das gut.“ Eigentlich sehr schade.

rABInson Crusoe – 10 Jahre später ist man eine Insel.

Anfang der Woche flatterte mir die Einladung zum „Ball der Ehemaligen“ meines Gymnasiums ins Haus. Besser gesagt in meinen Facebookstream, denn niemand der Verantwortlichen dürfte meine aktuelle Adresse haben. Natürlich werde ich dort nicht hingehen, obwohl sie mich mit diesem edlen Speisenangebot fast gekriegt hätten. Vielleicht frage ich mal nach, ob man sich die Reste vom Schulessen auch nach Bielefeld liefern lassen kann.

schulball

Doch das viel größere Grauen steht erst noch aus. Im nächsten Jahr soll ich feiern, dass ich dort vor zehn Jahren mein Abitur machen durfte. Dabei ist das Einzige, was mich heute noch mit dieser Zeit verbindet, unser Abimotto „rABInson Crusoe – 13 Jahre Warten auf Freitag“. Ja, wir waren damals super kreativ, aber wenigstens war es kein WM-Motto. Ich werde auch dieses große Event schwänzen und lieber noch ein wenig auf meiner sicheren Insel sitzen, während die ehemaligen Mitschüler Schwanzvergleichs-Quartett mit Job, Familie und Restcoolness spielen.

Es gibt eine handvoll Menschen, die ich durchaus gerne wiedersehen würde. Meinen besten Freund aus Jugendtagen, der sich leider komplett diesem Internet widersetzt. Dabei haben wir früher gechattet wie die Weltmeister. Heute hoffe ich bei jedem Konzert, dass er mir zufällig mal wieder über den Weg läuft. Aber das möchte ich auch nicht auf so einem Kostümfest, bei dem Mann und Frau gleichmaßen den dicken Macker raushängen lassen.

Und der Rest? Kann mir heute noch genauso gestohlen bleiben, wie schon vor zehn Jahren. Heute weiß ich zum Glück, dass man um richtige Freundschaften nicht betteln muss. Dass die Menschen, die mir in der Schule das Lineal in den Nacken gehauen haben, heute die größten Waschlappen sind, immer noch mit Mamas Auto zum Hosenkonzert fahren und im Sommer an den Ballermann. Und ich möchte keiner Veranstaltung beiwohnen, wo so etwas sticht.

Die Liga der Immer-Zuletzt-Gewählten.

Die Bundesjugendspiele sollen abgeschafft werden, weil die unsportlichen Kinder dort gehänselt und gedemütigt würden. Zugegeben, die Story ist nach zwei Wochen im Internet bereits ein alter Hut, aber die „Gegenpetition“ von Jan Weiler lässt mich nun doch noch fix ein paar Sätze in die Tastatur hauen.  Ich finde, das steht mir zu, denn rückblickend betrachtet könnte ich sehr wohl als Expertin für Unsportlichkeit am Sonntag auf einem der Jauch’schen Drehstühle sitzen.

Dreizehn Jahre Schulsport, dreizehn Jahre Kapitänin des Teams der Immer-Zuletzt-Gewählten. Als solche wurde ich eigentlich jede einzelne Woche des Schuljahrs dreimal 45 Minuten lang gedemütigt. Dabei war ich gar nicht die allerunsportlichste in der Klasse, aber eben das dicke, rothaarige, unbeliebte Mädchen. Dieses Gefühl, wenn jeder einzelne bereits in ein Team gewählt, man als Letzte übrig bleibt und es dann nicht einmal mehr für nötig gehalten wird, noch den Namen zu sagen: Das ist schlimm. Weil es nämlich jeder unter Garantie mitkriegt.

Ich kann beispielsweise überhaupt nicht springen. Weder über Kästen und Böcke, noch Latten, noch in die Weite in den Sand. Aber beim Weitsprung merkt es keiner, wenn man komplett versagt. Außer den beiden ebenso unsportlichen Mitschülern mit Maßband und Harke, die im Gegensatz zu mir aber entweder irgendwo ein Attest ausgegraben oder einfach den Turnbeutel vergessen haben. Die Glücklichen. Es wird aber garantiert jeder mitbekommen, wenn man auch nach 257 Versuchen in dreizehn Jahren immer noch nicht auf den Kasten aufhocken kann. Das ist übrigens bereits in der Grundschule die Übung für einen Gnadenpunkt.

Wenn man Woche für Woche beim Basketball nicht einen Ball bekommt, wenn man sich zitternd an den Schwebebalken klammert oder wie ein nasser Sack an den Ringen hängt, dann hinterlässt das viel tiefere Spuren als der eine Vormittag auf dem Sportplatz. Während dort nämlich große Gruppen unmotivierter Schüler jeden Alters zeitgleich um den Platz schlendern, gibt es in jeder Sporthalle grundsätzlich nur ein Seil, um das alle herum versammelt werden, wenn der Sportlehrer sagt: „Anna, jetzt du.“ Und ich war froh, wenn ich überhaupt mit beiden Füßen auf den Knoten kam. Die Grundidee dahinter muss noch so ein Überbleibsel aus 1939 sein.

Aber Achtung, jetzt kommt der völlig überraschende Turning-Point: Ich bin pro Bundesjugendspiele und pro Schulsport. Bei den Bundesjugendspielen gilt: Hauptsache kein Mathe. 90% der Zeit steht man doch eh irgendwo an oder sitzt am Rand und nach der fünften Stunde ist dann auch schon Schluss. Hurra!

Und irgendwie war es auch gut, dass man mich in der Schule zu mehr Bewegung genötigt hat, körperlich hat es mir jedenfalls nicht geschadet. Ich habe später sogar freiwillig in der Oberstufe den jungenlastigen Kurs mit viel Leichtathletik und Ballsport gewählt. Denn überraschenderweise kann ich recht gut und auch recht lange im Kreis laufen und Bälle über Netze kloppen. Ein bisschen anstrengen und die Sache mit Humor nehmen, dann klappt’s auch mit den Mitschülern. Denn wenn die strohdoofe Sportskanone im Gegenzug jede Woche vor versammelter Mannschaft an der Tafel bloßgestellt wird, fordert dessen Mutter auch nicht plötzlich die Abschaffung des Matheunterrichts. Auch wenn ich diese Petition vielleicht unterstützt hätte.