Der Hochbahnsteig von Schilda.

Die Geschichte von den Schildbürgern
Im Mittelalter lag mitten in Deutschland eine Stadt, die Schilda hieß. Ihre Bewohner nannte man deshalb die Schildbürger. Das waren seltsame Leute. Alles, was sie taten, machten sie falsch. Und alles, was man ihnen sagte, nahmen sie genau so, wie man es ihnen sagte. Wenn zum Beispiel jemand zu ihnen sagte: „Ihr habt ja ein Brett vor dem Kopf!“, dann griffen sie sich schon an die Stirn und wollten das Brett wegnehmen. Und wenn jemand zu ihnen sagte: „Bei euch piept es ja!“, so blieben sie ganz ruhig um genau hinzuhören. Nach einiger Zeit sagten sie dann: „Es tut uns leid, aber wir können nichts piepen hören.“

So viel Dummheit wurde natürlich bald überall bekannt. Und überall lachte man über die Schildbürger. Aber kann man eigentlich so dumm sein? Nein, so dumm kann man nicht sein! Und so dumm waren die Schildbürger eigentlich auch nicht. Aber warum stellten sie sich dann so dumm?

In letzter Zeit erinnert mich ein Thema in der Lokalpresse immer wieder an dieses Buch über die Leute aus Schilda, das ich als Kind geschenkt bekam: Der Protest gegen den Bau des Hochbahnsteigs auf der Brackweder Hauptstraße. Verzeihung, es muss natürlich heißen: Die Initiative für den Erhalt der Brackweder Hauptstraße.

Wer sich mit dem ostwestfälischen Klüngel nicht so gut auskennt, hier eine kleine Einführung: Brackwede ist ein Bielefelder Stadtbezirk „hinterm Berg“. Bis 1972 eigenständig, kochen die rund 39.000 Einwohner auch heute noch gerne ihr eigenes Süppchen. Der Bielefelder Städter hat sich dennoch bereits im Jahre 1900 dazu durchgerungen, die StadtBahn bis Brackwede-Dorf fahren zu lassen. Das tut sie immer noch, heute sogar noch ein Stückchen weiter und üblicherweise im 10-Minuten Takt. Wäre alles schön, wenn da nicht dieses vermaledeite Hochflursystem wäre.

Mit dem Hochflursystem wird nicht nur in Bielefeld gekämpft. Wer in Hannover Straßenbahn fahren möchte, sollte zwingend an die Steigeisen denken. In grauer Vorzeit hielt man dieses System mal für eine gute Idee, weshalb heute überall Rampen in Form von Hochbahnsteigen gebaut werden müssen. Nicht schön, ein wenig sperrig, aber es hilft ja alles nichts. Schließlich sollen Menschen mit Rollator, Kinderwagen, Rentnerporsche oder Rollstuhl auch irgendwie da rein- und rauskommen können. Findet zumindest jeder halbwegs logisch und sozial denkende Mensch.

Und so ist ganz Bielefeld heute von Hochbahnsteigen besetzt. Ganz Bielefeld? Nein! Ein kleines Dörfchen hinterm Berg leistet dieser Neuerung bis heute Widerstand. Wer barrierefrei in Brackwede aussteigen möchte, muss dies bis heute an der Haltestelle Brackwede Bahnhof vor den Toren des Örtchens tun und von da aus einen Kilometer ins „Zentrum“ laufen. Für gesunde Beine kein Problem. Aber ein Mensch mit gesunden Beinen kann auch einfach zwei Stationen weiter aus der StadtBahn klettern.

Ein wütender Mob, angeführt vom dort ansässigen Apotheker, wehrt sich mit aller Kraft gegen einen Hochbahnsteig auf Höhe der Normannenstraße, mitten auf der Shoppingmeile des Viertels. Denn mit dem Bau eines 85 m langen Hochbahnsteigs müsste man dort natürlich ein Teil des Parkstreifens verzichten, um die Straße entsprechend zu verbreitern. Hinzu käme der immense Umweg um dieses Gebilde herum, um auf die andere Straßenseite zu kommen. Hier trügt übrigens der Name Hauptstraße: Anders als an anderen Hauptstraßen stockt hier der Verkehr auf dem Kopfsteinpflaster zu jeder Tageszeit so sehr, dass man keine Ampelanlagen suchen muss und einfach an Ort und stelle über die Straße spurtet. Auch mit 82 Jahren, kaputter Hüfte und Rollator.

Nun wird sich der logisch denkende Mensch vielleicht schon sagen: Moment! Sind es denn nicht genau die älteren Menschen und Frauen mit kleinen Kindern, die zur Hauptkundschaft eines Apothekers gehören? Muss der sich denn nicht darüber freuen, wenn statt der vier Kunden mit PKW, die aktuell am Tag vor seinem Laden einen Parkplatz finden, dutzende Kranke direkt aus der Bahn in seinen Laden stolpern? Und genau hier setzt meine Schilda-Theorie an.

Die Schildbürger waren damals nämlich gar nicht so dumm. Sie wollten einfach nur von Sultan, König & Co in Ruhe gelassen werden. Das klingt an sich schon mal sehr ostwestfälisch. Und so schmiedeten sie fleißig dumme Pläne und scheiterten jedes Mal grandios.

Auch der wütende Mob für den Erhalt der fürchterlich miesen Straßensituation hat bereits die Pläne für den ein oder anderen Schildbürgerstreich offengelegt. So könne man doch die 12.000 Fahrgäste am Tag einfach am Brackweder Bahnhof in Busse umsteigen lassen. Jeder weiß schließlich, wie gerne Fahrgäste umsteigen und dass in einen Bus genauso viele Leute passen, wie in die zwei bis drei Wagen einer StadtBahn. Idealerweise fahren die dann auch einen Bogen um die Geschäfte herum, damit der Autoverkehr besser fließen kann. Das belebt ganz sicher das Geschäft.

Alternativ wäre auch eine komplette Umstellung auf das Niederflursystem denkbar. Sicher, die würde nur innerhalb Brackwedes funktionieren. Aber ist das deren Problem, wenn die Leute an 48 von 62 Haltestellen beim Ausstieg vor die Wand des Hochbahnsteigs laufen? Nein. Sollen die doch einen Umsteigepunkt vor den Stadttoren einrichten, von wo aus man bequem in die Brackweder Verkehrsmittel wechseln kann. Doch bitte nur als echter Brackweder, den Sennestädtern und ähnlichem Gesocks möchte man schließlich nicht einmal den Luxus einer StadtBahn-Anbindung gönnen.

Doch vielleicht haben wir auch Glück und irgendjemand trägt bald ein wenig Licht in Eimern in die dunklen Oberstübchen. Oder packt den Nürnberger Trichter aus. Ich würde es mir wünschen.

Was der Bauer nicht kennt.

Kennt ihr so Erwachsenen-Essen? Also Dinge, von denen ihr damals dachtet, dass die ja ausschließlich von euren Eltern und fiesen Tanten gegessen würden und spätestens mit euer Generation endlich aussterben müssten? Bei mir waren das Leber, Sauerkraut, Wirsing, Zucchini, Kürbis, … Also ich saß nie zuhause in der Küche und hab nach dem Rezepten für Wirsingrouladen gefragt. Oder wo es denn den besten Stinkekäse gäbe. Pfuispinne. Wobei ich noch recht pflegeleicht war. Mein Bruder findet bis heute jeden Champignon im Essen und jede nicht bis zur Unkenntlichkeit verkochte Erbse in der Suppe. Da kennt der nichts. Bei uns gab es von 1990 bis 1994 immer im Wechsel Spaghetti Bolognese und Püree-Auflauf (vergleichbar mit Shepherd’s Pie), damit der Junge nicht vom kleinkindlichen Fleische fiel. Anders als seine Moppelschwester.

Aber mal ganz abgesehen von diesen gruseligen Sachen, gibt es natürlich auch ganz viel exotisches Zeug, das bei uns zuhause einfach nie auf den Tisch kam. Es wäre durchaus möglich, dass meine Eltern grünen Spargel bis heute nur aus dem Fernsehen kennen. Wächst auch so selten im Sauerland vor der Tür. Genauso wie Rucola. Oder Spinat. Den mag meine Mutter nicht und deshalb gab’s den halt immer nur bei Omma und die kann überhaupt nicht kochen. Ob da wohl ein Zusammenhang besteht? Man weiß es nicht.

Ich komme auch nur darauf, weil gerade ein Szegediner Gulasch auf meinem Herd fröhlich vor sich hin blubbert. Da ist erstens Sauerkraut drin und zweitens hat es den bei uns zuhause nie gegeben. Er ist also quasi irgendwann aus dem Nichts auf meinem Speiseplan aufgetaucht. Ganz skurril. Aber nachdem ich nun doch nicht mehr auf die Backstreet Boys stehe, kein Mixbier mehr ordere und die Schlaghose auch schon seit einiger Zeit aus meinem Schrank verschwunden ist, stelle ich mittlerweile meinen Geschmack immer mal wieder auf die Probe. Denn wenn sich der Musikgeschmack ändern kann, dann sicherlich auch der bei Tisch. Und siehe da: Die Erwachsenen waren früher gar nicht alle doof, die waren einfach nur erwachsen.

Ich finde das schon ein bisschen witzig, wenn meine Mutter mich nun zwischendurch fragt, was ich denn so alles koche und dann auch mal von mir dieses komische Labskaus gemacht haben möchte. Im Fernsehen hätte das ja ganz gut ausgesehen, aber alleine traut sie sich da nicht ran. Jau, gerne doch. Für diese fantastische Pampe bin ich immer zu haben. Bei mir persönlich steht als nächstes die ostwestfälisch-lippische Küche auf dem Plan. So langsam wird’s mal Zeit für Pickert und Wurstebrei und vielleicht probiere ich auch mal eine Ecke Möpkenbrot. Einfach nur um eine eigene Meinung dazu zu haben. Für Tipps, zu welchem Bielefelder Metzger / Bäcker / Schuhverkäufer ich dafür gehen oder in wessen Familie in einheiraten sollte, bin ich offen und dankbar.

Wahlheimat.

Ich bin nicht freiwillig in Bielefeld gelandet. Nach meinem B.A. Sozialwissenschaften wollte ich unbedingt was mit Medien weiterstudieren. Blöd nur, dass mich niemand wollte. Außer eben Bielefeld. Erst mal googlen, wo diese Stadt überhaupt liegt. Diese Stadt mit der Uni, an der scheinbar jeder was mit Medien machen darf. Interdisziplinär schimpfte sich das. Der Freundeskreis reagierte nicht minder entsetzt. Natürlich war noch niemand von ihnen jemals in dieser Stadt, die es angeblich sowieso nicht gibt. Nach Marburg kam das geradezu einem Absturz gleich. Aus einer der schönste Kleinstädte Deutschland ab ins Niemandsland zwischen Hannover und Dortmund. Naja, sollte ja nur für zwei Jahre sein.

Morgen sind es viereinhalb Jahre. Ich bin nicht freiwillig hier gelandet, aber freiwillig hier geblieben. Weil Bielefeld irgendwie ziemlich toll ist. Weil Bielefeld überraschend grün ist. Weil Bielefeld den Alten Markt hat, auf dem man im Sommer wunderbar ein Weizen trinken kann. Weil Bielefeld eine kleine Großstadt ist, in der man ganz passabel einkaufen gehen kann. Weil Bielefeld in großes Dorf ist, in dem jeder jeden über zwei Ecken zu kennen scheint.

Der Bielefelder/Ostwestfale an sich mag als muffig, stur und eigenbrödlerisch gelten. Das stimmt auch manchmal. Aber das sind wir Sauerländer auch. „Du als typische Ostwestfälin…“ kam dann auch schon mal im Büro von ebenfalls zugezogenen Kollegen. Da kann ich mit leben. Und ob irgendwelche Städte-Rankings Bielefeld nun als „besonders lebenswert“ oder als Stadt mit „beträchtlichen Defiziten“ betiteln, ist mir ehrlich gesagt schnuppe. Ich fühle mich hier sogar schon so heimisch, dass ich mit Arminia Bielefeld mitfiebere. Was nicht immer schön ist, aber man muss ja auch mal was zu meckern haben. Integration geglückt.