Oh…

„Oh…“, sagte sie. Meine Therapeutin. Bei der ich sitze, weil sich mein Kopf immer das allerfurchtbarste ausmalt, wenn es darum geht, was mein Gegenüber gerade über mich denkt. „Oh…“.  Ich sagte ihr, dass mein Kopf das immer tut und sie sagt „Oh…“. Und mein Kopf übersetzt es mit „Du lieber Himmel, das arme Mädchen, das ist nichts mehr zu machen“. Das ist natürlich Blödsinn, aber mein Kopf ist da sehr stur in seinen Ansichten.

Ich riss zum Therapiebeginn die Klappe sehr weit auf. Vier Wochen später war der Spuk dann aber auch schon wieder vorbei. Wahrscheinlich bin ich zu ungeduldig. Aber ich kann nicht 50 Minuten lang zwischen Büchern, Salzkristallen und Traumfängern sitzen und im kleinsten Detail ausleuchten, wieso ich am St. Nimmerleinstag lieber alleine Mittagessen wollte statt mit den Kollegen. Um dann am Ende zu hören, dass ich mich da nicht so abkapseln soll. Nee, so nicht. Ich habe keine Angst vor Menschen, ich weiß ganz genau, wie ich mich da anschließlich könnte. Ich will nur manchmal einfach lieber alleine sein.

Tja nun, vielleicht halte ich das nächste Mal einfach die Finger still, denn einen neuen Versuch wird es irgendwann geben. Und dann behalte ich es möglicherweise erst einmal für mich, bis es das erste Mal „Klick“ gemacht hat. Oder „Peng“. But there’s one sound that no one knows: What does the brain say? „Ring-ding-ding-ding-dingeringeding…“ Oder so ähnlich. Manchmal klingt es ja tatsächlich so.

Wenn man krank ist, geht man halt zum Arzt.

Wenn der Zahn empfindlich reagiert, geht man zum Zahnarzt. Wenn die Haut empfindlich reagiert, geht man zum Hautarzt. Und wenn der Kopf empfindlich reagiert, geht man zum Kopfarzt. Zum Psychologen oder Psychotherapeuten, was man halt so braucht. Da kann man noch so stark sein, wenn man krank ist, ist man krank. Ich habe bis letzten Monat gebraucht, um das zu kapieren.

Nein, ich nicht depressiv. Mein Entschluss hatte keinen akuten Auslöser und ich befinde mich gerade definitiv nicht in der schlimmsten Phase der letzten Jahre. Von dieser bin ich, nicht zuletzt dank eines stabilen und ziemlich großartigen Freundeskreises, meilenweit entfernt. Selbst- und Fremdwahrnehmung sind bei mir gestört und das schon so lange ich denken kann. Vor einem Jahr schrieb ich mit Selbstsicher unsicher. sogar schon einmal einen Blogeintrag über dieses Problem, ohne dass es mir da bewusst war. Habt also lieber Angst vor der Post-Therapie-Person mit dezimierten Dachschaden, denn die kennt ihr bislang noch nicht.

Wenn ich also demnächst Wartezimmertweets aus dem Vorzimmer meiner Psychotante verschicke, dann amüsiert euch mit mir über schiefe Bilder und esoterisch angehauchte Stehrümchen. Leider, leider gibt es da keine Mitwartenden, aber vielleicht macht die Efeutute ja irgendwann einmal spontan etwas total lustiges. Stürzt sich die Treppe hinunter oder so. Das fänd ich jedenfalls saukomisch.

Selbstsicher unsicher.

Im Berufsleben braucht man Selbstbewusstsein. Idealerweise ein Pokerface. Zumindest wenn man sich auf einer Position befindet, auf der man seine eigenen Interessen durchsetzen will. Das hat in meinen Augen wenig mit Männlein und Weiblein zu tun, wer Schwäche zeigt, der wird gefressen. Geht dem Gnu in Afrika nicht anders. Ich rede jetzt nicht vom normalen Büroalltag, sondern von den Momenten, wo es um Verhandlungen geht oder unterschiedliche Meinungen aufeinander treffen. Wenn das allerdings im täglichen Arbeitsumfeld nicht möglich ist, dann hat man asoziale Arschlochkollegen. Schließlich ist bei jedem irgendwann mal die Luft raus. Aber wenn es um die Wurst geht, dann reicht es nicht die besseren Argumente im Kopf zu haben, dann muss man die auch raushauen. Diese Sicht der Dinge ist vielleicht nicht die allerschönste und mag nicht allen in den Kram passen, aber im Job gibt’s halt nicht immer nur Ringelpietz mit Anfassen.

Ich habe mir diese Art auch erst antrainieren müssen. Mein Redebedarf hält sich normalerweise ja eher in Grenzen. Plappern und Diskutieren fallen mir tatsächlich leichter, wenn ich mein Gegenüber doof finde und ihm deshalb nicht zuhören, sondern stattdessen übertönen möchte. Wenn ich also schweigend euren Geschichten lausche, dann ist das ein gutes Zeichen. Trotzdem habe ich mir in den letzten Monaten angewöhnt, auch mal bestimmend zu sein. Vielleicht manchmal unbewusst an der Grenze zu bissig. Ich übe halt noch. Manchen Leuten hat diese Veränderung nicht in den Kram gepasst. Schade, aber dann halt tschüss. Austesten, wie weit man in der Hierarchie des Rudels kommt und sich im Zweifelsfall sonst ein Neues suchen. (Memo an mich: Weniger Tierdokus gucken.)

Trotzdem steckt da tief drin natürlich noch das kleine, schüchternde Mädchen. Eine große Klappe als Ausgleich für fehlendes Selbstbewusstsein? Möglich. Nein, das ist keine Komplimentheischerei. Es hilft nicht, wenn mir andere zu erklären versuchen, weshalb ich doch eigentlich durchaus von mir selbst überzeugt sein kann. Das kann man vielleicht nach außen so spiegeln, aber innen drin ist das einfach nur sehr sehr unangenehm. Damit sagt man mir ja irgendwie, dass ich spinne und keine Ahnung habe, wie ich selber bin und überhaupt sowieso alles total falsch sehe, Wie dumm von mir.

Kennt ihr das, wenn ein Hund Purzelbäume schlägt, weil sein Herrchen die Leine in die Hand genommen hat? Wenn man kontaktscheu, aber -suchend ist, macht das Innenleben ähnliche Dinge, wenn einen jemand fragt, ob man irgendwohin mitkommen möchte. Ganz egal wohin. Also ich meine jetzt das seelische Innenleben. Na gut, manchmal auch der Magen. Aber das ist zu verkraften. Leider reagiert man innendrin auch wie ein Hund auf „du kannst heute nicht mit“. Mit hängenden Ohren und traurigen Augen. Was habe ich jetzt wieder falsch gemacht? Ich hab doch jetzt meine Nase demonstrativ in seine Kniekehle gehauen und bin ihm dreimal auf den Fuß gesprungen und werde trotzdem ignoriert? Aber auch das gehört zur Übung. Selbstsicherheit bedeutet auch, dass man nicht alles persönlich nehmen sollte. Das Wissen ist da, an der Umsetzung wird noch gearbeitet.

Und verzeiht mir bitte auch den letzten Tiervergleich. Wuff.