Anna in Wonderland

Ein Girlie in XL, bitte.

Mai
10

Neulich Nachmittag stand einer meiner jungen Support-Kollegen neben mir und kramte in der Kiste mit den Trikotmustern. Ende Juni tritt nämlich unsere Firmenmannschaft beim Fußballturnier an und wenn die Mannschaft schon nicht viel reißen wird, dann soll sie doch wenigstens gut aussehen. „Da ist XL, das sollte passen. Ach, was solls, XXL nehme ich besser auch noch zum Anprobieren mit, kann ja nicht schaden“, sagte er zu mir.

Besagter Kollege ist kein Riese und die Größenwahl wird vom horizontalen Wachstum diktiert. Doch anstatt heimlich nach den großen Größen zu suchen, wird die Wahl deutlich vernehmbar kommentiert. Schämt der sich denn nicht?

Nicht dass er einen richtigen Grund hätte, sich dafür zu schämen. Jeder zweite Deutsche ist zu dick und ob er oder sie damit leben kann, muss jeder selber wissen. Nicht mein Problem, ich habe meine eigenen Baustellen. Und es ist ja nicht so, als ob man die Trikotgröße nicht auch ganz gut schätzen könnte. Mir drückt schließlich auch niemand ein Leibchen in XS in die Hand.

Aber muss man das denn gleich laut sagen?

Ich habe jahrelang Hosen auf dem Weg zur Umkleidekabine so gehalten, dass man auf keinen Fall das Etikett sehen konnte. Nach der erfolglosen Anprobe trug ich das Kleidungsstück auch grundsätzlich selbst zurück auf die Verkaufsfläche und ließ es mitten im Stapel verschwinden, falls mir jemand hinterherspionieren sollte. Völlig bekloppt. Es konnte doch eh jeder sehen, dass mein Arsch nicht der schmalste ist. Aber dann hätten sie es nicht nur gedacht, sondern auch gewusst.

Mittlerweile sagen diese Etiketten, dass mein Körperbau so mittel ist. Größe M. Nicht mehr dick und noch nicht schmal. Eine Kleidergröße wie Butterkeks. Da macht man nichts mit verkehrt und bei einer Größe von 1,73 ist das völlig vertretbar. In Geschäften für ganz schmale Püppchen muss es hin und wieder noch mal etwas in L sein, aber zumindest passt es jetzt. Und über eine Hose in S freut man sich den Arsch ab.

Doch dann kommt sie, die Begegnung mit der Kleidergrößenhölle. An einem Ort, wo sie niemand jemals erwarten würde: Am Merchandise-Stand.

Während die Vorband schon auf der Bühne grölt, rufe ich dem Roadie hinter dem Klapptisch zu: „Ein Girlie in XL, bitte.“ Denn das ist die einzige Bandshirt-Größe, in die ich ohne letzte Ölung hineinpasse. Sofort fühle ich mich wieder wie ein riesiges Trampeltier, das all seine Hoffnung in das Xtra vor dem Large setzen muss. Gefühlt hat es der halbe Laden gehört und vermutlich nutzt der nette, junge Mann hinter der Theke die Gelegenheit und rollt ausgiebigst die Augen, während er im Pappkarton nach das passenden Größe sucht. Nur um mir dann mit einem breiten Grisen ein Stück Stoff in Briefmarkengröße entgegenzustrecken. Wenigstens verkneift er sich den abschätzigen Blick.

Mit leicht roten Ohren geht es zurück zur männlichen Peer Group, die dort bereits stolz mit der eigenen T-Shirt-Beute wartet. Natürlich in M. Ob klein, groß, dick, dünn, krumm oder gerade: Am Merchandise-Stand kaufen alle Männer M. Frechheit.

Aber ich bin doch davongekommen?

Dez
20

Als ich 14 war, wollte sich ein 33-Jähriger an mir vergreifen. Er war meine Aufsichtsperson. Mein Trainer beim Sport. Ich war hilflos und er betrunken. Es war der erste Abend, an dem ich offen sein wollte. Offen für andere Menschen. Mir wurde bis dahin immer gesagt, dass ich zu sehr mauere. Dass ich zum Selbstschutz Menschen ausschließe und dass ich niemanden körperlich oder emotional an mich heranlassen würde.

An dem Abend wollt ich alles anders machen. Ich war 14 und naiv. Ich wollte einmal eine andere Seite von mir zeigen. Vielleicht wollte ich an diesem Tag eine Frau sein, die ich mit 14 einfach noch nicht war. Ich habe gelacht, habe mit Männern und Frauen gleichermaßen Spaß gehabt. Alles mit Grenzen und ohne betrunken zu sein. Mit fünfzehn Kilo weniger als das Jahr davor und zum ersten Mal mit Brüsten ausgestattet. Und es war lustig, ein völlig neues Erlebnis.

Doch das änderte sich, als ich ihm hinterher ging, um Tschüss zu sagen. Er dachte wohl, dass ich mehr wollte. Dass ich eben nicht nur Tschüss sagen, sondern mit ihm mitkommen wollte. In meinem jugendlichen Leichtsinn war es für mich völlig undenkbar, dass da etwas passieren könnte. Ich wollte mich doch einfach nur verabschieden.

Und das hat er ausgenutzt. Er hielt fest und meinte dass meine Zahnspange ihn nicht stören würde. Das weiß ich fast fünfzehn Jahre später immer noch. Ich wurde in seinem Griff langsam panisch, doch es interessiert ihn nicht.

Ich hatte großes Glück. Ich konnte mich loswinden und zurück zu den anderen gehen. Weitermachen, als wäre nichts gewesen. Am nächsten Tag wollte ich ihn zur Rede stellen, doch angeblich konnte er sich an nichts mehr erinnern.

Wenn ich doch mal später jemandem davon erzählt habe, haben die danach oft Angst gehabt, dass jede Berührung ab jetzt schlimm für mich wäre. Dass ich Nähe deswegen ablehnen würde. Aber das stimmt nicht. Es ist ein großer Unterschied, ob man jemanden an sich heranlässt, dem man nahe sein will, oder ob es jemand ist, der sich dieses Recht einfach herausnimmt. Nähe ist etwas tolles, eine der wichtigsten Erfahrungen im Leben. Wenn sie einvernehmlich ist.

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Jul
12

Gerade stolperte ich über eine aktuelle Schlagzeile in der Bielefelder Lokalpresse: „Bewaffneter Raubüberfall auf dem Alten Markt“. So etwas sollte einen in einer Stadt mit über 300.000 Einwohnern eigentlich nicht übermäßig schockieren, auch wenn Bielefeld zu den sichersten Städten Deutschland zählt. Dennoch macht sich da plötzlich ein leichtes Unbehagen breit, auch weil ich zum genannten Zeitpunkt in unmittelbarer Nähe unterwegs war.

Der Alte Markt gehört zu den hellsten und belebtesten Station auf meinem üblichen Nachhauseweg. Der führt durch Unterführungen, Seitenstraßen und an unbeleuchteten Grünstreifen vorbei. Und eigentlich fühle ich mich dort als Frau in der dunklen Nacht immer sehr sicher. Das mag an der lauten Musik auf den Ohren liegen oder daran, dass ich die Strecke im Schlaf laufen kann und deshalb kaum noch auf die Umgebung achte. Natürlich recke ich instinktiv das Kinn etwas höher und mache den Rücken noch ein wenig gerader, wenn mir jemand entgegen kommt. Ansprechen verboten.

Doch irgendetwas läuft da falsch. Wieso wird im Dunkeln jeder Mann gleich zu einer potentiellen Bedrohung? Wie unterscheide ich mich da noch von dem mit Vorurteilen belasteten, kleingeistigen Abschaum, der aus jedem Asylanten sofort einen Kriminellen macht? Nun könnte ich das damit begründen, dass mir mit 14 alleine im Dunkeln tatsächlich mal beinahe etwas zugestoßen wäre. Aber das war kein Unbekannter mit dunkler Kapuze in einer einsamen Gasse, sondern ein guter Bekannter während drinnen eine Feier auf dem Höhepunkt war. Doch ob Eltern, Freunde oder Medien, ständig wird man als Frau dafür sensibilisiert, dass einem da draußen im Dunklen der schwarze Mann auf einen lauert. „Meld dich, wenn du sicher angekommen bist.“

Bei einem bewaffneten Raubüberfall bliebe mir keine andere Wahl, als meine 8 Euro 50 rauszurücken. In so einer Situation würde mir auch kein männlicher Geleitschutz oder Pfefferspray helfen. Aber wer sich in dieser Gegend auch ausgerechnet bei mir den großen Coup verspricht, dem würde ich fast schon aus Mitleid mein letztes Kleingeld geben. Dennoch suche ich gerade Infos zu einem Selbstverteidigungskurs zusammen. Schaden kann’s ja nicht und wenn es nur das eigene Selbstbewusstsein stärkt.

Selbstsicher unsicher.

Apr
08

Im Berufsleben braucht man Selbstbewusstsein. Idealerweise ein Pokerface. Zumindest wenn man sich auf einer Position befindet, auf der man seine eigenen Interessen durchsetzen will. Das hat in meinen Augen wenig mit Männlein und Weiblein zu tun, wer Schwäche zeigt, der wird gefressen. Geht dem Gnu in Afrika nicht anders. Ich rede jetzt nicht vom normalen Büroalltag, sondern von den Momenten, wo es um Verhandlungen geht oder unterschiedliche Meinungen aufeinander treffen. Wenn das allerdings im täglichen Arbeitsumfeld nicht möglich ist, dann hat man asoziale Arschlochkollegen. Schließlich ist bei jedem irgendwann mal die Luft raus. Aber wenn es um die Wurst geht, dann reicht es nicht die besseren Argumente im Kopf zu haben, dann muss man die auch raushauen. Diese Sicht der Dinge ist vielleicht nicht die allerschönste und mag nicht allen in den Kram passen, aber im Job gibt’s halt nicht immer nur Ringelpietz mit Anfassen.

Ich habe mir diese Art auch erst antrainieren müssen. Mein Redebedarf hält sich normalerweise ja eher in Grenzen. Plappern und Diskutieren fallen mir tatsächlich leichter, wenn ich mein Gegenüber doof finde und ihm deshalb nicht zuhören, sondern stattdessen übertönen möchte. Wenn ich also schweigend euren Geschichten lausche, dann ist das ein gutes Zeichen. Trotzdem habe ich mir in den letzten Monaten angewöhnt, auch mal bestimmend zu sein. Vielleicht manchmal unbewusst an der Grenze zu bissig. Ich übe halt noch. Manchen Leuten hat diese Veränderung nicht in den Kram gepasst. Schade, aber dann halt tschüss. Austesten, wie weit man in der Hierarchie des Rudels kommt und sich im Zweifelsfall sonst ein Neues suchen. (Memo an mich: Weniger Tierdokus gucken.)

Trotzdem steckt da tief drin natürlich noch das kleine, schüchternde Mädchen. Eine große Klappe als Ausgleich für fehlendes Selbstbewusstsein? Möglich. Nein, das ist keine Komplimentheischerei. Es hilft nicht, wenn mir andere zu erklären versuchen, weshalb ich doch eigentlich durchaus von mir selbst überzeugt sein kann. Das kann man vielleicht nach außen so spiegeln, aber innen drin ist das einfach nur sehr sehr unangenehm. Damit sagt man mir ja irgendwie, dass ich spinne und keine Ahnung habe, wie ich selber bin und überhaupt sowieso alles total falsch sehe, Wie dumm von mir.

Kennt ihr das, wenn ein Hund Purzelbäume schlägt, weil sein Herrchen die Leine in die Hand genommen hat? Wenn man kontaktscheu, aber -suchend ist, macht das Innenleben ähnliche Dinge, wenn einen jemand fragt, ob man irgendwohin mitkommen möchte. Ganz egal wohin. Also ich meine jetzt das seelische Innenleben. Na gut, manchmal auch der Magen. Aber das ist zu verkraften. Leider reagiert man innendrin auch wie ein Hund auf „du kannst heute nicht mit“. Mit hängenden Ohren und traurigen Augen. Was habe ich jetzt wieder falsch gemacht? Ich hab doch jetzt meine Nase demonstrativ in seine Kniekehle gehauen und bin ihm dreimal auf den Fuß gesprungen und werde trotzdem ignoriert? Aber auch das gehört zur Übung. Selbstsicherheit bedeutet auch, dass man nicht alles persönlich nehmen sollte. Das Wissen ist da, an der Umsetzung wird noch gearbeitet.

Und verzeiht mir bitte auch den letzten Tiervergleich. Wuff.

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