Sind eigentlich alle verrückt geworden?

In München schießt ein Jugendlicher um sich, in Ansbach scheitert jemand mit Sprengstoff im Rucksack an der Einlasskontrolle des Festivalgeländes, in Nizza fährt ein Mann in meinem Alter 2 km lang durch eine Menschenmenge und was Erdoğan da verzapft… davon will ich besser erst gar nicht anfangen. Ja, auch der läuft Amok. Hier attackiert ein Mann seine Ex-Frau vor einem vollen Schulbus mit einem Messer, dort rollen sie den toten Kumpel fast ein Kilometer im Altpapiercontainer durchs Wohngebiet und lassen ihn vor einem Supermarkt stehen. Der Tagesspiegel fragt vorwurfsvoll „Und wer trauert mit Kabul?“. Na, wann denn bitte?!

Mord- und Terrorstatistiken sind für hierzulande rückläufig, schön und gut. Gefühlt muss gerade aber irgendwas im Trinkwasser sein. Natürlich ist das Internet schuld, sonst würde ich es gar nicht mitbekommen, wenn es 2-3 Tote in Baden-Württemberg gibt. Oder wenn ein Ehepaar aus Höxter jahrelang Frauen quält und tötet. Wobei die wahrscheinlich schon wieder grausam genug für eine Doppelseite mit Fotos aller Opfer in der Bild am Sonntag wären. „Hier schlief der Hund des Horrorpaares, wieso schlug er nie Alarm?“

Natürlich ist das alles nicht lustig. Aber so etwas gab es ja eigentlich schon immer. Letztes Jahr ging bereits ein 23-Jähriger in Oberstdorf mit einer Machete auf seine Familie los. Hat allerdings keinen interessiert, war ja ein Einzelfall. Ein einfaches Familiendrama. Damit so etwas durch die Presse geht, muss man schon jahrzehntelang die eigene Tochter im Keller gefangen halten und mit ihr mehrere Kinder zeugen. 2008 hatten die Medien wenigstens noch die Zeit, die Story über Monate hinweg durch sämtliche Fernsehformate zu tragen. Heute ist man zwei Stunden offline und muss sich danach direkt fragen: „Oh nein, was ist denn nun schon wieder?“

Kaum noch Zeit zum Durchatmen und in den letzten Wochen kann sich vor allem das Nazipack über neues Propagandamaterial freuen. Natürlich fällt auch uns Gutmenschen auf, dass verstärkt der IS seine Finger mit im Spiel hat. Vor zehn Jahren war es Al-Qaida. Aber überrascht es wirklich jemanden, dass ausgerechnet Flüchtlinge psychisch besonders anfällig und labil sind? Ich bin wohlbehütet in der Sauerländer Bergwelt zwischen Kühen und Kirchen aufgewachsen und habe dennoch einen leichten Hau weg. Wäre bei mir im Garten mal eine Bombe hochgegangen, würde ich wippend im Kleiderschrank sitzen und mit Messern spielen.

Der IS ist nicht „der Islam“, er ist eine Sekte. Und gerade deshalb funktioniert er so gut. Menschen ohne Perspektive wird das Blaue vom Himmel versprochen, oder in diesem Fall eben das ewige Leben im Paradies und ein jungfräulicher Harem. Hätten sie den Sonnentemplern eingetrichtert, dass sie wahllos Ungläubige töten müssen, um ihre Reise antreten zu können, hätten sie es getan. Beim Selbstmord der Mitglieder des Peoples Temple wurden suizidunwillige Freunde, Verwandte, Frauen und Kinder einfach mit umgebracht. Wer das kann, würde auf Kommando auch Fremde töten, ohne mit der Wimper zu zucken. Der Ku-Klux-Klan sind fundamentalistische Protestante. „Du sollst nicht töten?“ Alles Auslegungssache.

Als ich Freitagabend in der StadtBahn saß, fühlte ich mich plötzlich für einen Moment nicht mehr sicher. Was wäre, wenn jetzt so jemand einsteigen würde? Ich will so etwas nicht denken. Das hier ist meine Heimat, da darf einfach nichts passieren. Ich kann jungen Menschen mit Depressionen, PTSD oder Gehirnwäsche keine Perspektive bieten, da müssten Politik und Wirtschaft aktiv werden. Für mehr psychologische Betreuung sorgen und den Zugang vereinfachen. Klare Zukunftschancen aufzeigen. Stattdessen spricht man mal wieder über Counter-Strike. Ich mag es nicht mehr hören. Manchmal vermisse ich die Zeit, als die Nachrichten nur einmal am Tag mit der Tageszeitung auf den Tisch kamen. Zuverlässig. Vorhersehbar. Und weit weg.

Atheisten sind dumm. Christen aber auch.

Ich hatte hier ja schon Weihnachten mein Coming-out, als ich zugab, kein richtiger Atheist zu sein. Noch hat mich keine Freakshow angeheuert, aber ich rechne quasi minütlich damit abtransportiert zu werden. Allerdings habe ich für mich auch noch ein 11. Gebot: Du musst noch so viel Restverstand behalten, dass du es checkst, wenn deine Glaubensrichtung Unsinn verzapft.

Aktueller Fall auf Spiegel Online: Religionsstreit an bayerischer Schule: „Atheisten sind dumm“. Ok, Punkt 1: Dass das gerade wieder in Bayern passiert, wundert nun wirklich niemanden mehr. Punkt 2: Stimmt, es gibt wirklich saublöde Menschen, die noch dazu Atheisten sind. Aber definitiv nicht alle. Konkret geht es dort mal wieder um einen Schulleiter, der seinen Schülern und am besten noch dem gesamten Kollegium und allen Eltern seinen eigenen, katholischen Glauben als das Maß aller Dinge aufzwingen will. Inklusive Gebet im Unterricht („Lieber Gott, falls das mit den Dinos und der Evolution eine Lüge ist, lass bitte dieses Biobuch in Flammen aufgehen, sonst muss ich es gleich wieder selber verbrennen.“) und Segnungen Abtrünniger in der Fastenzeit („Dieser Lolli ist des Teufels!“). Und wer nicht an den lieben Gott glauben und sich nicht durch Jesus vor der ewigen Verdammnis retten lassen will, der ist halt dumm.

Das kann man gerne glauben, wenn man möchte. Solange man damit niemandem auf die Nerven fällt. Das ist wie mit Veganern: Mir doch egal, was du isst oder – viel mehr – nicht isst, aber erzähl mir bitte nicht ständig davon. Danke. Leider gibt es haufenweise Christen, die anderen in einer Tour ihre ganz persönliche Lebenseinstellung vor die Nase halten müssen. Ich will das aber alles gar nicht wissen. Wenn jemand vor der Ehe keinen Sex haben möchte, dann ist das seine Sache. Wenn jemand vor dem Essen beten möchte, dann ist das seine Sache. Und wenn du freitags Fisch essen möchtest, dann lass mich gefälligst auch mal beißen.

Aber genauso wie nicht jeder Atheist zwangsläufig mit minderer Intelligenz gesegnet ist, so ist auch nicht jeder Gläubige aus Prinzip dämlich. Niemand muss verstehen können, wieso jemand anderes an ein höheres Wesen glaubt. Das verstehe ich ja selbst nicht, auch wenn ich mich die meiste Zeit zu diesen Bekloppten dazuzählen würde. Vielleicht ist bei diesen Leute irgendeine Gehirngegend anders verkabelt. Aber deshalb kann man ja dennoch ein ansonsten normal denkender und toleranter Mensch sein. Wer als Atheist das verleugnet, ist dumm.

Ja, die im Vatikan spinnen. Das Ergebnis der Volksabstimmung als „Niederlage für die Menschheit“ zu betiteln, ist einfach nur widerlich. Dabei geht nur leider vollkommen unter, dass sich der Standpunkt der evangelische Kirche in Deutschland zum Thema Familie und Homosexualität hingegen in den letzten 15 Jahren so stark gewandelt hat, dass seit 2013 feste Partnerschaften aller Art als gleichwertig betrachtet werden sollen. Auch die zwischen Mann und Mann oder Frau und Frau. Ob mit oder ohne Trauschein. Wer den Segen der evangelischen Kirche möchte, der soll ihn bekommen. So steht es zumindest in dem sogenannten Familienpapier „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit“. Das muss leider nicht bedeuten, dass das jeder evangelische Pastor und seine Schäfchen genauso sehen. Aber es zeigt zumindest, dass auch nicht alle Christen dumm und weltfremd sind.

Ich bin dann wohl Sexistin.

Ich habe dieses künstliche Gendergeflenne als Studentin schon nicht verstanden. Und da war ich von Soziolog_innen umgeben, glaubt mir, sie haben alles versucht.

Natürlich ist es falsch, dass Frauen für die selbe Arbeit weniger Geld bekommen. Natürlich ist es falsch, wenn Jungs dafür gemobbt werden, dass sie mit Puppen spielen. Und natürlich ist es falsch, Mädchen ihre Hobbies zu verbieten, weil sie irgendjemand „zu männlich“ findet.

Ich kann sehr wohl zwischen Sex und Gender unterscheiden, Von daher würde es mir nie einfallen abzustreiten, dass das Rollenverständnis in unserer Gesellschaft zu einem großen Teil kulturell bedingt ist. Ich halte es ja auch nicht generell für Unsinn, genderbezogene Probleme zu thematisieren und an Lösungen zu arbeiten. Was mir aber äußerst auf den Zwirn geht ist, dass mittlerweile Eltern, Werber und der liebe Gott sofort kritisch beäugt und niedergemacht werden, wenn sie nicht bilderbuchmäßig genderneutral verhalten. Jetzt mal ehrlich: Verbietet ihr eurer Tochter wirklich nachmittags bei ihrer Freundin mit deren Barbies zu spielen, nur weil ihr die Figur frauenverachtend und klischeebehaftet findet?

Wer mir an dieser Stelle ein überzeugtes „Ja!“ entgegenschmettert, hat in meinen Augen den Schuss nicht gehört. Die letzten drei Generationen der westlichen Frau sind definitiv nicht komplett verkorkst aufgewachsen, weil sie eine dünne, blonde und sehr pinke Puppe zum Spielen hatten. Wenn mein Sohn einmal Power Rangers gucken, Kart fahren, Maschinenbau studieren und seiner Freundin die Barrechnung bezahlen möchte, dann soll er das doch herrgottnochmal tun. Und solange er nicht explizit etwas anderes äußert, bekommt er von mir eine Carrera Bahn und keinen Puppenwagen zu Weihnachten.

Ich kann über Frauen-Bratwürste und Männer-Chips schmunzeln. Sind kleine Mädchen häufiger Prinzessinnen und Jungs Piraten, weil ihnen das von uns so eingebläut wird oder steckt das nicht doch zumindest zum Teil in ihren Genen? Ich weiß es nicht und es wird niemals jemand empirisch be- oder widerlegen können. Die Worte „normal“ und „unnormal“ darf ein toleranter Mensch eigentlich gar nicht mehr benutzen, weil sie so negativ besetzt sind. Aber der Norm entspricht halt einfach zunächst einmal das, was wir von unserem Gegenüber erwarten und wenn das nicht passt, müssen wir halt unsere Erwartungen anpassen.

Zwing dein Kind in keine Rolle. Wer das beherzigt, ist tolerant genug. Und zwingt mich bitte auch nicht in irgendeine Rolle. Es hat jahrzehntelang keine Sau gejuckt, dass es Duschgel explizit „for Men“ gibt. Natürlich sind Gendergewürzgürkchen lächerlich, aber frau kann sich ruhig auch mal eingestehen, dass sie es „normalerweise“ durchaus etwas milder und süßer mag, genauso wie der Werbeschaffende es ihr unterstellt.