Ernährung als Anker für die Psyche

In den letzten Jahren geisterten immer wieder Studien durch die Welt, dass Abnehmen Depressionen fördert. Diäten sind Stress. Der Jojo-Effekt ist noch stressiger. Schokolade macht glücklich.

Auch Vegetarier leiden eher unter Depressionen. Und unter Krebs. Behauptete zumindest noch vor kurzer Zeit eine Studie, die innerhalb kürzester Zeit von Fachkollegen komplett auseinander genommen und als Unfug eingestuft wurde. Leider sind die Medien da weniger kritisch und schnell auf den Zug mit aufgesprungen.

Ich will nicht behaupten, dass ich mit der Umstellung meiner Ernährung ein Allheilmittel gegen psychische Probleme gefunden habe. Aber ich kann davon berichten, dass es mir bis heute geholfen hat und vielleicht auch dem ein oder anderen einen positiven Impuls geben.

Anfang 2016 stand ich vor einer unüberwindbaren Wand. Mein damaliger Arbeitgeber trieb mich unermüdlich einem Burnout entgegen. Privat steckte ich in einem Loch, ich fühlte mich unwohl in meinem Körper und wäre am liebsten gar nicht mehr vor die Tür gegangen. Als dann der verhasste Job wegfiel, hatte ich auch keinen wirklichen Grund mehr, morgens noch eine Hose anzuziehen, geschweige denn die Wohnung zu verlassen. Dabei sagt einem jeder Therapeut, dass gerade ein geregelter Tagesablauf ein erster, wichtiger Schritt aus der Depression ist.

Deshalb suchte ich mir ein Thema, mit dem ich mich sowieso jeden Tag mehrmals beschäftigen musste und dass ich bis dato eigentlich auch immer sehr genossen hatte: Essen.

Ich musste essen, ich wollte essen. Ich wollte vor allem gut essen, denn meine Ernährung war davor schon viele Jahre ein wichtiges Thema für mich. Außerdem esse ich schlicht und ergreifend gerne leckere Dinge. Kochen und Backen haben mir immer viel Freude bereitet und ich merkte, dass sich daran nichts geändert hatte. Um abwechlungsreich und lecker Kochen zu können, musste ich außerdem zum Einkaufen aus dem Haus, damit schlug ich zwei Fliegen mit einer Klappe.

Parallel entschied ich mich, erst einmal auf Fleisch zu verzichten. Ich wollte auf Qualität achten und das funktionierte nicht mit einem Pfund Hackfleisch für 1,59. Gleichzeitig hatte ich als Tierfreund plötzlich ein gutes Gewissen in der Küche. Zum Glück aß und esse ich selten mit anderen Leuten zusammen, so dass der Stress ausblieb, mich für meinen neuen Ernährungsstil rechtfertigen zu müssen. Ich tat es allein für mich und war stolz darauf, dass ich von mir aus neue Gerichte und Lebensmittel ausprobierte und das Ergebnis auch noch schmeckte.

Stolz ist für mich ein wichtiges, positives Gefühl. In meiner Therapie haben wir oft nach Momenten gesucht, in denen ich mich gut fühlte, und meistens schwang in diesen eine ordentliche Portion Stolz mit. Stolz auf die geleistete Arbeit und das tolle Ergebnis. Stolz, weil ich etwas Neues ausprobiert hatte. Stolz, mich doch noch abends mit Freunden getroffen zu haben, obwohl alles in mir dagegen protestierte.

Vermutlich ist deshalb auch die Ernährung ein funktionierender Anker für meine Psyche. Weil ich stolz auf meine Leistung sein kann. Ich koche gesund, abwechlungsreich und lecker, das können die wenigsten Leute von sich behaupten. Mittlerweile poste ich sogar regelmäßig Fotos auf Instagram und in der Weight-Watchers-Community und freue mich über das rege Feedback. Vor kurzem hätte ich noch gespottet, dass es aufmerksamkeitsheischend und albern ist. Stimmt. Aber es ist trotzdem schön.

Apropos Weight Watchers. Dieser Blogpost fing damit an, dass angeblich auch Diäten schlecht für die Psyche wären und Depressionen fördern würden. Gerade im Winter, wo es laut einiger „Wissenschaftler“ völlig natürlich wäre, sich eine Speckschicht anzufuttern und damit glücklich zu sein. Ich bin glücklich damit, seit September einige Kilos abgeworfen zu haben. Glücklich und selbstbewusst.

Sicherlich gibt es Wochen, in denen man sich ärgert, weil es nicht so gut läuft. In denen man frustriert und wütend auf sich selber ist. Aber im Großen und Ganzen geht es mir einfach besser. Und ich habe nicht vor, mich irgendwann wieder auf mein Höchstgewicht von 20 Kilo mehr zu fressen. Dass so ein Jojo-Effekt depressiv machen kann, diesen Punkt kann ich als Studienergebnis nachvollziehen.

Bis dahin ist Essen ein Hobby, dass mir Freude macht. Es macht mir Freude, neue Gerichte auszuprobieren, neue Zutaten zu entdecken und meine Woche zu planen. Ich stöbere ständig nach neuen Ideen und genieße am Ende jeden Bissen. Selbst wenn ich Tage habe, an denen es mir nicht so gut geht, weiß ich, dass an ihrem Ende eine reichhaltige, gesunde und leckere Mahlzeit auf mich wartet, die mir keiner nehmen kann.